Bausünden – Tatort 1044 #Crimetime 663 #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #WDR #Bau #Sünden

Crimetime 663 - Titelfoto © WDR, Valentin Menke

20 Jahre mit euch

20 Jahre Tatort Köln mit Max Ballauf und Freddy Schenk. Ja, das ist ein Grund zum Feiern. Aber 20 Jahre sind auch eine lange Zeit und die Luft in Köln oder was immer fördert offenbar die Faltenbildung – so alt sahen die Kölner noch nie aus, wie in diesem Werk. Logisch irgendwie, sie waren ja bei den bisher ausgestrahlten Folgen auch jünger, aber wenn man bedenkt, dass sie alle erst in den 50ern sind – selbst Freddy alias Dietmar Bär wird nicht mehr so durch seine Fülle geschützt, dass man das Altern jetzt nicht deutlich bemerken würde. In Hollywood hat man früher Weichzeichner benutzt und macht das auch heute wohl noch, vermutlich digital. Aber im deutschen Fernsehen wird maximal ungnädig mit den Darstellern verfahren, was auch an der Ausleuchtung und den Perspektiven liegt, nicht nur daran, dass Tatorte drehen offenbar doch eine anstrengende Sache ist, so über die Jahre gesehen. Und dank HD sieht man wirklich alles bis ins kleinste Detail. Wie sich das auf die Analyse auswirkt, klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Die Hotelangestellte Marion Faust wurde zu Hause gewaltsam vom Balkon gestürzt. Ballauf und Schenk finden heraus, dass sie kurz vor ihrem Tod mehrere besorgte Nachrichten auf dem Anrufbeantworter von Susanne Baumann hinterlassen hatte. Doch die Mitarbeiterin des international renommierten Architekturbüros Könecke & Partner ist derzeit unauffindbar. Könnte ihr Mann Lars Baumann etwas mit der Sache zu tun haben?

Als Bauleiter müsste er eigentlich längst zurück in Katar sein, wo Könecke & Partner für die Fußball-WM 2022 baut. Auch er ist angeblich dringend auf der Suche nach seiner Frau. Und offensichtlich hatte es an der Hotelrezeption erst kürzlich einen lauten Streit zwischen ihm und Marion Faust gegeben. Doch als die Kommissare ihn auf dem Präsidium verhören wollen, taucht er unter.

Rezension

Deswegen ist „Bausünden“ auch kein Nostalgie-Tatort, obwohl tatsächlich Klaus Doldinger die Musik dazu geschrieben hat, der 1970 das bis heute gültige musikalische Tatort-Intro schuf. Ich dachte zunächst an ein Versehen, dass man vergessen hat, „Vorspann“ zu erwähnen. Ich weiß nicht, wann er die letzte Musik für eine Handlung selbst geschrieben hat, aber den Sprung in die späten 2010er hat er nicht überzeugend geschafft. In den 1970ern waren seine Untermalungen, der Stil, die Zeit, eine hervorragende Einheit, in „Bausünden“ protzt die Musik einige Szenen zu sehr auf, tritt zu sehr in den Vordergrund, anstatt eben das Wesentliche zu tun, die Stimmung zu unterstreichen, zu fördern, Akzente an der richtigen Stelle zu setzen. Aber wo auch, in diesem Film?

Nach dem Wien-Tatort letzte Woche und obwohl sie an der Donau auch schon bessere Wörter gefunden haben ist das Sprachliche am Rhein echt trübe. So hölzern sind die Sätze, dass die Schauspieler gar nicht anders können, als ebenso zu wirken.

Vor allem, einmal mehr, zu Beginn. Im Verlauf wird es ein wenig besser und man wird durch die bräsige Sprache nicht mehr so gestört, dass man gar nicht erst ins Nachdenken über den Plot kommt. Und dem stehe ich zwiespältig gegenüber. Die Afghanistan-Connection hat keinerlei Bezug zur eigentlichen Handlung, dafür wird die Bauwirtschaft eher harmloser dargestellt, als sie in Wirklichkeit ist, der Hardcore-Sex ist nur so ein Aufmacher, danach wird verbal äußerst dezent mit Sadomaso umgegangen, aber da ist noch etwas anderes. Man versucht, den Figuren ein realistisches Verhältnis zueinander zuzugestehen, und das hat mich dann doch in Maßen positiv gestimmt.

Wenn man alles so schräg darstellt, dass eh klar ist, man darf es nicht ernst nehmen, muss man sich auch nicht die Mühe machen, es ernst zu nehmen, und das haben wir ja mittlerweile häufig. Es deswegen auch oft wurscht, wer die Täterfigur ist, man interessiert sich nicht dafür. Hier müssen die Schauspieler mehr tun, weil sie in einer ziemlich humorfreien Welt agieren, das gilt auch für Freddy und Max. Und ab einem gewissen Punkt konnte ich mitgehen, zum Beispiel mit dem unerfüllten Verhältnis von Daniela Mertens und Lars Baumann. Vielleicht wirkt es auch so realistisch, weil es nicht überspielt ist und dann kam die Sache mit dem Bauen. Manches ist da verkürzt, zum Beispiel ist das Büro, das einen Bau plant, ja nicht für die Verhältnisse der Arbeiter vor Ort in Katar verantwortlich und der Bauleiter dieses Büros koordiniert nur und hat keine Aktien darin, wie die Arbeiter bezahlt und behandelt werden. Aber man hatte wohl Bedenken, dass zu viele Figuren auftreten könnten. Hätte man aber tun können, dann hätte es mehr Verdächtige gegeben und dafür die unergiebige Afghanistan-Vergangenheit weglassen oder auf eine kurze Erklärung dazu reduzieren dürfen. Viel erklärt wird ja in diesem Film ohnehin, und da ist er dann wieder zu konventionell.

Oben schrieb ich, warum Retro mit Schauspielern, die sich deutlich verändert haben gegenüber ihren Anfängen in den 1990ern, schwer geht, aber schon die Figurennamen wie auch die langsame und eben erklärende Art des Filmings sind durchaus 1990er oder gar 1980er. Mit der Volte, dass die Kölner Tatorte, als die beiden Lieblingscops begannen, die modernsten von allen waren. Sprich, „Bausünden“ wirkt konservativer als die ersten Kölner Tatorte des Jahres 1997/98.  Das gilt auch für den Plot, obwohl er im Grunde überzeitlich ist. Am Bau geht es immer gleich um Millionen, sofern es sich nicht um Freddys Reihenhäuschen handelt, und es liegt nah, dass hoch gepokert, geschmiert und auch mal erpresst wird. Und vielleicht auch gemordet. Da kann man sich gut das italienische, von der Mafia durchsetzte Bauwesen zum Vorbild nehmen und ganz anders reinhauen, als man das in „Bausünden“ getan hat, diesem Doppelbedeutungstitel-Tatort.

Leider ist auch die ominöse Fußball-WM in Katar nur eine Kulisse, die ein wenig Sozialkritik reinbringt, weil die ja nun zu einem Köln-Tatort einfach dazugehört und gleich auch die beiden ungleichen Schwestern charakterisiert, die von derselben Darstellerin gespielt werden. Im Wasser, kurz vor Schluss, dürfte allerdings ein Körperdouble unterwegs gewesen sein und da passte es gut, dass man den Kopf der bösen Schwester noch nicht sehen durfte, weil, ohoho, bloß nichts zu früh auflösen! Wieso der Hotelketten-Manager so gar nicht mitbekommen hat, dass die Frau eben doch nicht tot war, erschließt sich leider nicht recht und ich hätte mit dem Mich-erpressen-lassen mal gewartet, bis die Leiche irgendwo gefunden wird und damit auch als Erpressungskörper taugt. Aber der Mann hat ja auch vom anstrengenden Sex mit Koksen und Hörigkeit und dann noch dem Stress mit dem bösen Maseratifahrer-Architekten ziemlich exhausted gewirkt, da kann man schon mal ein wenig aus der Logik treten. Die wenigen Minuten, die Max Hopp als Hotelplaner Waltherscheid hatte, zählten für mich mit zu den besten, auch wenn es da wieder mal ein Unding gab, das dem Drehbuch geschuldet war: Freddy lässt den Mann während des scheinbaren Geständnisse da draußen am Geländer des Bürohauses hampeln, anstatt ihn erst einmal in Sicherheit zu bringen. Das geht auch in einer solchen Situation vor, denn was, wenn der Mann sich zwar nicht mehr runterstürzen wollte, aber in seinem etwas devastierten Zustand einfach abrutscht?

Finale

Irgendwie habe ich das Gefühl, schwungvollere Rezensionen geschrieben zu haben als diese, aber ich kenne den Effekt, dass sich die Art, wie ein Film sich bei mir zeigt, auch auf meine Schreibe auswirkt. Trotzdem bin ich nicht negativ, manchmal ist etwas Traditionalismus am Tatort ganz nett. Ein bisschen mehr Esprit und Schwung wären trotzdem kein Nachteil gewesen, bei „Bausünden“. Dann würden Freddy und Max vielleicht auch etwas frischer wirken.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2018) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Assistent Tobias Reisser – Patrick Abozen
Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Lars Baumann – Hanno Koffler
Daniela Mertens – Jana Pallaske
Hans Könecke – Julian Weigend
Terstegen – Moritz Heidelbach
Kastner – Moritz Vierboom
Marion Faust – Anja Weingarten
Hotelchefin Pauly (Grand Central Palace Hotel) – Alexandra von Schwerin
Hotelangestellte Vera Lussem – Anke Retzlaff
Hotelchef Peter Waltherscheid (Richfield Hotel Group) – Max Hopp
Waltherscheids Sekretärin – Melanie Wäsch
u.a.

Drehbuch – Uwe Erichsen, Wolfgang Wysocki
Regie – Kaspar Heidelbach
Kamera – Daniel Koppelkamm
Schnitt – Dagmar Lichius
Szenenbild – Frank Polosek
Ton – Michael Felber, Heiko Birkenstock
Musik – Klaus Doldinger

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