Die Abrechnung – Polizeiruf 110 Fall 49 #Crimetime 662 +Polizeiruf #Polizeiruf110 #Berlin #Hübner #Arndt #Abrechnung

Crimetime 662 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD, Siegfried Rieck

Eure Schuld, meine Schuld

Es ist ein Vogel. In „Die Abrechnung“ handelt es sich nicht etwa darum, dass ein Mann aus dem Gefängnis kommt und mit denen abrechnet, die dafür gesorgt haben, dass er einfährt, sondern um einen inneren Prozess. Derweil wird in vielen Rückblenden gezeigt, wie es zur aktuellen Situation kam, die sich im Verlauf der somit sichtbar werdenden Handlung entwickelt. Gleich zu Beginn wird Oberleutnant Jürgen Hübner involviert, weil der Gefangene, sein Gefangener, ihm übermittelt, dass er gerne vorzeitig aus der Haft entlassen werden würde. Was ein Vogel ist und anderes Wichtiges zum Film steht in der -> Rezension

Handlung (Wikipedia)

Ermittler Jürgen Hübner ist im Gefängnis, um mit Fred Schneidereit zu sprechen. Der hat einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung gestellt, doch erkennt Jürgen Hübner bei ihm auch nach jahrelanger Haft keine Einsicht. Stets sollen die anderen schuld sein, und Fred glaubt, nur in eine Sache hineingerutscht zu sein. Jürgen Hübner verlässt Fred schon nach kurzer Zeit. Der beginnt, die Ereignisse, die zu seiner Verurteilung geführt haben, zu rekapitulieren.

Fred, der nach dem frühen Tod seiner Eltern von seinem kriminellen Bruder Karl-Heinz großgezogen wurde, lernt die junge Vera kennen. Sie kommt gerade aus der Haft und hat keine Bleibe. Fred nimmt sie mit zu sich und kurze Zeit später heiraten beide. Sie beziehen eine neue Wohnung und sind gerade beim Einrichten, als Vera Fred eine hypothetische Frage stellt. Sie hat einst ihrer schwangeren Schwester Sophia, die von ihrem Freund sitzengelassen wurde, den Tipp gegeben, ihren in sie verliebten Vorgesetzten Dr. Bartuschek zu heiraten und ihm das Kind als seines zu präsentieren. Dies ist 17 Jahre her. Sophia Bartuschek hat Vera damals etwas Schweigegeld gegeben. Von Fred will Vera nun wissen, wie sein Bruder die Situation ausgenutzt hätte. Fred stellt fest, dass Karl-Heinz Sophia erpresst und monatlich eine eher geringe Summe von Sophia eingefordert hätte. Sophia hätte nicht geredet, weil das vom Postboten übergebene Geld quittiert worden wäre und diese Quittungen wiederum Dr. Bartuschek übergeben hätten werden können.

Zu Freds Entsetzen übernimmt Vera die Erpressungsstrategie, und Sophia beginnt, unter Druck gesetzt, zu zahlen. Wenig später wird Vera zur Leiterin der Casino-Küche des Instituts ernannt, an dem auch Bartuschek arbeitet. Sie veruntreut Geld, da eine Inventur schon seit geraumer Zeit nicht stattgefunden hat. Viermal kann sie so mehrere Tausend Mark entwenden, bis das Familienkonto auf fast 10.000 Mark angewachsen ist. Das Geld wiederum legt Vera auf ihrem Sparbuch an, das noch auf ihren Geburtsnamen läuft. Auf Freds Veranlassung hin übergeben beide das Sparbuch Sophia zur Aufbewahrung. Als am Institut die Inventur stattfindet und der hohe Fehlbetrag festgestellt wird, will Fred das Sparbuch zur Sicherheit wieder von Sophia abholen, doch hat die das Buch bereits an ihren Mann übergeben. Bartuschek erfährt von Sophia zudem, dass Gert nicht sein Sohn ist. Vera soll sich nun innerhalb von 24 Stunden der Polizei stellen. Andernfalls will Dr. Bartuschek das Sparbuch an die Staatsanwaltschaft schicken; in den Fall selbst will er nicht verwickelt werden. Fred geht zu ihm und will ihn erpressen. Er droht, Gert von seinem wirklichen Vater zu berichten und Bartuscheks Kollegen von dessen Nicht-Vaterschaft zu unterrichten. Als sich Dr. Bartuschek wütend auf Fred stürzt und ihn würgt, ersticht Fred ihn mit einem Brieföffner. Ihm gelingt danach die Flucht. Da am Institut Vera bereits wegen Gelderveruntreuung unter Verdacht und im Visier der Polizei stand, findet Jürgen Hübner die Verbindung von Mord und Veruntreuung: Sophia arbeitete vor ihrer Heirat als Bartuscheks Sekretärin, sodass ihr Geburtsname bekannt ist. Veras Geburtsname wiederum steht in ihrer Kaderakte. Vera wird vorläufig festgenommen. Bei ihrer anschließenden Befragung übergibt Sophia den Ermittlern das Sparbuch. Vera und Fred werden verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt.

In der Rückschau erkennt Fred schließlich, dass er selbst schuld an seinen Verfehlungen ist. Den Brief an den StaatsanwaltZell mit der Bitte um vorzeitige Haftentlassung wird er vollkommen neu verfassen.

Rezension

Der 49. Polizeiruf ist der zweite, der von Peter Vogel inszeniert wurde. Vogel fällt uns bei fast allen seinen Arbeiten durch die Modernität seiner Regiearbeiten auf. Die Lichtsetzung, die Kameraperspektiven, die Szenengestaltung sind sehr ausgefeilt. Das ist besonders augenfällig, wenn man diesen Film z. B. mit seinem direkten Vorgänger „Alibi für eine Nacht“ vergleicht. Sicher spielt dabei auch eine Rolle, dass „Die Abrechnung“ entweder auf anderem Material gedreht wurde (35 mm-Kinofilm?) und restauriert wirkt, daher viel bessere Farben hat und bis auf wenige Szenen fast flimmerfrei ist, das ist bei den zuletzt wiederholten Streifen der „40er-Reihe“ aus den Jahren 1976, 1977 oft nicht der Fall.

Aber es zieht sich durch Vogels Arbeiten, dass sie diese Qualität haben. Erst einmal waren wir enttäuscht bzw. fanden das Acting doch etwas überzogen – im Nachwendefilm „Ein verhängnisvoller Verdacht“ (1991). Aber in den bisher angeschauten Werken aus der DDR-Zeit ist das nicht so. Da erreicht das „Etwas mehr“ gerade die emotionale Tonlage, welche Figuren in einem eher kargen Umfeld lebendig werden lässt. Wobei – so karg ist es bei Vogel meist gar nicht, die Settings sind so ausgesucht, dass sie eine eigene Ausdruckskraft entwickeln, wie hier „Das Institut“ oder die Erdgeschosswohnung von Fred Schneidereit, die eigentlich ein Ladenlokal ist und durch die Kinder hineinschauen können. Warum sie das gerne tun? Weil Fred einen possierlichen Hamster hat. Wer in dem Moment noch nicht merkt, dass wir hier einen Mann vor uns haben, der sich im Hamsterrad dreht und alle schauen zu, der hat noch keinen Film von Peter Vogel gesehen. Damit es auch deutlich wird, wiederholt sein Zellengenosse dem Delinquenten Fred, kurz bevor er selbst entlassen wird: Es zahlt sich nie aus. Und am Ende setzt sich Fred hin und schreibt alles neu und die Schuld ist meine. Nicht die meine etwas habgierigen Frau, denn die habe ich ja, wenn man genau hinschaut, erst angeleitet, regelmäßig Erpressungen und Unterschlagungen zu begehen, nicht die meines aufschneiderischen Bruders, der sich in den Westen abgesetzt hat und den dicken Max raushängen lässt. Nein, ich ganz allein habe es vermasselt.

Wir konnten uns des Eindrucks nicht erwehren, dass die im ganzen Film sehr starke Betonung der Eigenveranwortung am Ende vom Regisseur ein wenig ironisiert wird. Auch wenn Ulrich Thein den Schneidereit sehr gut verkörpert, es ist eben doch alles ziemlich plötzlich. Und die Frage ist, ob da nicht doch ein Subtext drin ist, der lautet: Ich habe das umgesetzt, was ideologisch verlangt war, so what? Gut möglich aber auch, dass wir das aus heutiger Sicht so interpretieren, weil viele DDR-Polizeirufe unterschwellig, aber recht klar lesbar bezüglch der Kritik an den Zuständen sind. Vor allem wirtschaftliche Probleme im Bereich der Materialversorgung werden häufig thematisiert und warum Menschen so materialistisch sind, bis hin zu kompletten Arbeitskollektiven, die sich dem Schmu verschreiben.

Ein Kollektiv wird hier auch gezeigt, aber es ist sehr hoch angesiedelt, alles Akademiker, in der Regel sogar promoviert. Nur Schneidereit, seine Frau, sein Bruder sind nicht in diesem Milieu verortet. Für einen DDR-Polizeiruf ein eher ungewöhnliches Szenario und natürlich tragen die Professoren und Doktoren alle Brille und sind distinguiert. Ohne auf eine Weise diskreditiert zu werden, wie wir das auch gar nicht so selten beobachten, weil – der Proletarier! Und selbst hier: Als das Kollektiv diskutiert, ob es eine Mitschuld am Ableben des Dr. Bartuschek tragen könnte, beruhigt Jürgen Hübner: Der Kollege hat eine häufige und individuelle Fehlreaktion gezeigt, aus Panik, als er den Bartuschek leblos auffand, dies nicht meldete, Bartuschek wäre ohnehin zu dem Zeitpunkt nicht mehr zu retten gewesen. Versuchte unterlassene Hilfeleistung, gibt es das? Zumindest ist der Versuch bei einer Tat nach § 323c StGB nicht strafbar.

Der sehr starke Appell an die persönliche Verantwortung ist uns vorgekommen wie ein Auftrag oder es lag in der Zeit, dies hervorzuheben. Man hatte wohl längst er kannt, dass das Motto, das Kollektiv ist alles, der Einzelne nichts oder wenig, nicht ohne Weiteres funktioniert und dass jeder Einzelne doch bitte endlich dahin kommen möge, sich fürs Ganze verantwortlich zu fühlen. Die Aufforderung, einen Wandel zu vollziehen, die an Schneidereit geht, sehen wir als durchaus symbolisch und aufs Ganze übertragbar an. Nur, ob darin auch schon die Ironie dieses Intellektuellen und Filmemachers steckt, der längst gemerkt hat, dass es schon zu spät ist oder aufgrund anhaltender Fehlsteuerungen nicht funktionieren kann, das ist in diesem Fall schwer zu beurteilen, dabei spielen viele Einzelumstände eine Rolle, die wir nicht kennen. Werkimmanent betrachtet – siehe die Anmerkungen zum Ende, als der innere Wandel des Schneidereit ziemlich ruckartig stattfindet.

Gar nicht so einfach, auf 74 Minuten eine spannende Handlung und eine profunde Wandlung zu zeigen, aber aus recht wenigen Elementen und einem recht einfachen Fall wird ein schönes Drama inszeniert, das abwechslungsreich gestaltet werden konnte. Vor allem hat Leutnant Arndt uns wieder mal beeindruckt, mit ihrem abrupten Wechsel zwischen sehr scharf und eher weich, wenn sie mit Verdächtigen oder Angehörigen umgeht. Alle etwas hervortretenden Episodenfiguren sind schattig angelegt, haben aber auch Lichtseiten und sie sind so ausgedacht, dass man sie nicht zu schnell festnageln kann.

Beispielhaft der Zellenmitinsasse von Schneidereit: Er nervt lange Zeit, indem er sich nicht äußert. Erst am Ende, als er merkt, dass der andere aufnahmebereit ist gibt er diesem noch etwas mit auf den Weg. Es zahlt sich nicht aus (die Formulierung war anders, fällt uns gerade nicht ein, aber sinngemäß). Da nützt auch das Märchen vom Hasen und vom Igel nichts und am Ende spielt es keine Rolle mehr, weil Fred Schneidereit merkt, dass es überhaupt nicht auf ihn zutrifft. Er ist nicht ein Hase, der von vielen Igeln gefoppt wird, die sich als ein einziger ausgeben. Er ist der Hamster, der sich selbst in den Käfig gestellt hat.

Damit klar ist, dass alles auf ihn selbst zurückfällt, wird seine Frau im Grunde auch als eine Gute gezeigt, trotz ihrer schwierigen Biografie und ihrem Hang zu krummen Sachen, denn sie hält zu ihm, während er einsitzt, länger als sie, wegen des Tötungsdelikts. Dieses ist eine Körperverletzung mit Todesfolge und der Vorgang scheint noch nicht allzu lange her zu sein, was darauf schließen lässt, dass bei diesem Tathergang eine relativ zügige Haftentlassung vorgenommen werden kann, wen mildernde Umstände vorliegen. Eine Notwehrlage war aber nach dem, was gezeigt wurde, nicht anzunehmen, sonst wäre Schneidereit auch nicht verurteilt worden und die Wandlung hätte nicht stattgefunden. Dafür musste er erst einen anderen Menschen zu Tode bringen, ohne Rechtfertigung oder Entschuldigung.

Finale

Auch wenn die Handlung etwas grob gestrickt ist, wie eine Kritik richtig vermerkt hat und was wir auch so sehen, der Fall wirkt im Ganzen ziemlich rund. Die Inszenierung und in Verbindung mit ihr die Darstellerleistungen haben es bewirkt, dass wir einen überdurchschnittlichen Polizeiruf sehen konnten. Anfangs kam uns der Film sehr langsam vor, aber auch das beherrscht Peter Vogel besser als einige Kollegen: Das damals vergleichsweise kurze Polizeiruf-Format (hier 74 Minuten Spielzeit) dramaturgisch so zu gestalten, dass psychologische Stimmigkeit mit einer ansteigenden Spannungskurve einhergeht.

Die Handlungslogik ist ohnehin bei den Polizeirufen nicht so schlecht, auch wenn die Idee, das Sparbuch mit den Einzahlungen aus Unterschlagungsbeute aus dem Casino (der Kantine des „Instituts“) bei der Schwester unterzubringen, mindestens die zweitschlechteste war, die man sich denken kann.

7,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Peter Vogel
Drehbuch Eberhard Görner
Produktion Rainer Gericke
Musik Hermann Anders
Kamera Franz Ritschel
Schnitt Edith Kaluza
Besetzung

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