Der letzte Schrey – Tatort 1134 #Crimetime Vorschau 01.06.2020 DAS ERSTE 20:15 Uhr #Weimar #Lessing #Dorn #Schrei

Crimetime Vorschau - Titelfoto © MDR, Steffen Junghans

Wohl nicht

Der Titel des 1134. Tatorts weckt Assoziationen und Hoffnungen. Ist es möglich, dass …? Vermutlich nicht. Es gibt genug auf immer, sagen wir mal, sehr jung Gebliebene, für die ein Weimar-Tatort mit Lessing und Dorn genau das Richtige ist, um lachend in die neue (Arbeits-) Woche zu starten – und angesichts von 22 Teams in ebenso vielen Städten kann man sich beim Tatort eine ziemlich exakte Zielgruppenbespielung leisten. Was machen die übrigen Fans der Reihe? Abschalten oder durchhalten. Wenn man alle Tatorte rezensiert, muss man Letzteres. Zur Sache:

„Der diesjährige, traditionelle Pfingst-Tatort wartet mit einem besonderen Auftritt auf: Jörg Schüttauf, von 2002 bis 2010 Darsteller des Tatort-Kommissars Friedrich „Fritz“ Dellwo am Standort Frankfurt am Main, spielt den entführten Besitzer einer Strickwarenfirma im zehnten Weimarer Fall „Der letzte Schrey“. Das auch privat liierte Ermittlerpaar Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) kümmert sich um die Aufklärung des Kidnappings, das gehörig aus dem Ruder läuft.“

So leitet die zweiköpfige Redaktion von Tatort Fans ihre Beschreibung zum Film ein und kommt am Ende zu einem maßvoll positiven und einem eher zurückhaltenden Fazit. „Kann man schauen oder alternativ ein gutes Witze-Buch lesen.“ Spontan: Die Witze der letzten Weimar-Filme waren so, dass auch ein schlechtes Witze-Buch möglicherweise die bessere Sonntagabendbeschäftigung darstellt. Bis auf den Film, der in der Westernstadt spielte, der hatte einen gewissen Schauwert. Wie hieß der gleich noch? Und damit zu weiteren Vorab-Kritiken.

„Absolut geeignet für einen Feiertagsabend, an dem man einfach mal abschalten und sich gut unterhalten lassen will. Gut, ab zu und hängt die Story etwas durch, fängt sich aber immer wieder. Und ein Realitäts-Check ist bei Dorn und Lessing ohnehin nicht angebracht. Wie findet man in einem Getreidefeld einen abgebrochenen Fingernagel, hm?“, philosophiert man beim SWR 3-Tatort-Check, wobei der Realitätcheck weggelassen wird. Unter der Prämisse, dass dieser sowieso nicht funktionieren würde, kommt man, mich hat’s überrascht, zu vier von fünf Elchen. Mein Problem mit den Weimar-Tatorten ist aber nicht, dass sie nicht realistisch sind, sondern, dass der Humor so debil ist und das Ermittlerpaar dadurch so unsympathisch wirkt.

Rainer Tittelbach geht in Tittelbach.TV ganz ernst an den Klamauk heran: „Brutale Geiselnahme, Mord, gnadenloser Racheplan – Dorn und Lessing haben in ihrem 10. Fall eine harte Nuss zu knacken. In „Der letzte Schrey“ (MDR / W&B Television) hat der Zuschauer zwar gegenüber den Ermittlern einen kleinen Wissensvorsprung, aber was den Hintergrund der Geiselnahme angeht, tappt er gleichermaßen im Dunkeln.“ Wenn man das liest, könnte man zu dem Schluss kommen, es handelt sich bei „Der letzte Schrey“ um einen echten Krimi. Im weiteren Verlauf rechnet Tittelbach dem Film sogar Brothers-Coen-Qualität zu. Das wird nun natürlich besonders genau zu prüfen sein, bei Vergleichen mit den Coens (oder Tarantino) verbietet sich jedes Laissez-faire. Die Handlung kommt nicht so gut weg, wird als gleichermaßen zu wenig füllig wie überkonstruiert bezeichnet, aber in Weimar bekommen sie das wohl wirklich hin.

Dass Jörg Schüttauf, der Frankfurt-Kommissar von 2002 bis 2010, dessen schauspielerische Genese mittlerweile beim Wahlberliner anhand einiger Polizeirufe, in denen er noch auf der Täterseite steht, nachgezeichnet wurde, in seiner Rolle als Textilfabrikant nicht glänzen kann, scheint sich zur überwiegenden Meinung herauszubilden. „Fazit: Trotz guter Inszenierung funktioniert das Miteinander von Witz und Ironie, Mitgefühl und Spannung, die große Kunst einer Kriminalkomödie und das Markenzeichen des „Tatorts“ aus Weimar, in „Der letzte Schrey“ nicht mehr so gut.“ Nicht mehr so gut wie wann und wo? Die betreffenden Filme sind im Artikel von Tittelbach.TV aufgelistet. Trotzdem gibt es 4 von 6 Sternen, weniger habe ich bei Tittelbach.TV nicht gesehen, seit die Wahlberliner-Vorschauen so gestaltet sind, dass sie aus einer kleinen Zusammenfassung von Kritiken anderer Publikationen bestehen.

Zum zweiten Mal hintereinander liefert „Filmstarts.de“ keine Pressekritik, schade. Deren oft sehr – sic! – kritische Haltung war immer ein guter Kontrapunkt zur in der Regel freundlichen Art von Tittelbach.TV, über Tatorte zu schreiben. Also geht’s weiter mit Christian Buß vom Spiegel. Schon die coolen Titel seiner Beiträge sind ein Plus: Wo Blut und Kakao in Strömen fließen“, heißt es dieses Mal, und dann: Thüringen will zur Normalität zurück? Erst muss das Land diesen patenten „Tatort“-Irrsinn über sich ergehen lassen, in dem mit dem Fleischklopfer gemordet wird.“ Man beachte das Adjektiv „patent“, denn es entscheidet tatsächlich über die Bewertung: 7/10. Das stimmt mich nun doch nachdenklich. Könnte es ein angenehmer Fernsehabend werden? „Und los geht der schon bekannte Schlingerkurs zwischen Schockelementen und Schnurre, der inzwischen das herausstellende Merkmal des Weimar-„Tatort“ ist und hier oft besser funktioniert als im Münster-„Tatort“.“

Ach so. In der Tat, man hat sich in Münster einige Aussetzer geleistet, aber schlechter als Weimar? Das kann man nur so konstruieren: Die Handlungen einiger Münster-Krimis waren so schwach, dass der Humor es nicht mehr reißen konnte, zumal auch dieser nicht immer auf dem gleichen Niveau angesiedelt ist. Außerdem ist hier nicht der Ort zum Streiten, weil die andere Seite nicht antworten kann. Aber aus dieser Sichtweise erklärt sich die relativ hohe Wertung und auch bei Buß lesen wir einen Bezug zu Ethan und Joel Coen, und gleich zu ihrem vielleicht besten Film: Es handele sich um ein fargoeskes Drehbuch von Murmel Clausen. Jetzt werden die Erwartungen wirklich hochgeschraubt. Wehe, wenn nicht mindestens ein halber „Fargo“ zu sehen ist. Ganz ehrlich, glaube ich schon vorab nicht, denn dazu haben Nora Tschirner und Christian Ulmen nicht die schauspielerischen Fähigkeiten. Diese sind in „Fargo“ aber wichtig, um das Drehbuch so cool wirken zu lassen. Und Philosophen zu zitieren, bedeutet nicht zwangsläufig, einen tiefgründigen Film zu machen (weil Buß Kierkegaard-Zitate in „Der treue Roy“ erwähnt).

Das eigentlich Hintergründige an den Lessing-Dorn-Filmen ist, dass Weimar-Stamm-Drehbuchautor Murmel Clausen (meist im Duo mit Andreas Pflüger, dieses Mal nicht) Kritiker dazu veranlasst, so hoch zu greifen.

Da aufgrund des Ausfalls von „Filmstarts“ noch ein Platz frei ist, nehmen wir aus aktuellem Anlass die Meinung der Frankfurter Rundschau hinzu: „Es wartet also so mancher Haken, es gibt mehr als eine Überraschung im richtigen Moment. Das ist zwar am Ende etwas überkonstruiert, aber das sind auch viele Sonntagabendkrimis, die es ernst meinen. „Der letzte Schrey“ aber meint es selbstverständlich nicht ernst. Das außerdem mit schöner Punktgenauigkeit und Professionalität.“

Eine Bewertung gibt die Kritikerin nicht ab, aber der Eindruck verdichtet sich: Je mehr das allgemeine Publikum genervt ist, desto mehr entwickeln sich die Weimarer Tatorte bzw. die Kommissar*innen Lessing und Dorn zu Kritiker*innen-Pets. Die Community, am umfassendsten repräsentiert durch die Nutzer*innen des Tatort–Fundus, streikt schon etwas länger. Alle Tatorte der MDR-Außendienststelle Weimar, die in den letzten drei Jahren entstanden sind, werden im Durchschnitt mit weniger als 6/10 bewertet.

TH

Handlung


Marlies Schrey, die Gattin des Strickwaren-Herstellers Gerd Schrey, wird am helllichten Tag vor einem beliebten Ausflugslokal umgebracht. Für die Kommissare Dorn und Lessing deutet alles auf eine missglückte Entführung hin.

Prompt melden sich die Kidnapper: Sie haben auch Gerd in ihrer Gewalt. Von dessen Sohn Maik fordern sie zwei Millionen Euro Lösegeld. Das Ehepaar Schrey hatte eine Entführungspolice abgeschlossen, die in wenigen Tagen abläuft. Hat Gerd Schrey seine eigene Entführung inszeniert, um sein marodes Strickwaren-Unternehmen zu retten?

Auch der um die Gunst seines Vaters buhlende Maik gerät ins Visier der Ermittler: Marlies war seine verhasste Stiefmutter. Hat das angeblich entfremdete Vater-Sohn-Gespann einen teuflischen Plan geschmiedet? 

Besetzung und Stab

Hauptkommissarin Kira Dorn – Nora Tschirner
Hauptkommissar Lessing – Christian Ulmen
Kommissariatsleiter Kurt Stich – Thorsten Merten
Polizist Ludwig Maria Pohl „Lupo“ – Arndt Schwering-Sohnrey
Rechtsmedizinerin Dr. Seelenbinder – Ute Wieckhorst
Unternehmer Gerd Schrey – Jörg Schüttauf
seine Ehefrau Marlies Schrey, Strickwarendesignerin – Nina Petri
Gerds Sohn Maik Schrey – Julius Nitschkoff
Maiks Verlobte Doreen Grobe – Antonia Münchow
Kidnapper Robert „Zecke“ Weizsäcker – Christopher Vantis
Kidnapperin Freya Cherny – Sarah Viktoria Frick
Studentin Adrienne – Marion Bott
Jutta Klatt („in Ulla“) – Friederike Frerichs
Frank Debrée – Martin Seifert
u.a.

Tatort-Stab

Drehbuch – Murmel Clausen
Regie – Mira Thiel
Kamera – Birgit Dierken
Szenenbild – Jürgen Schäfer
Schnitt – Andreas Baltschun
Ton – Roland Winke
Musik – Dürbeck & Dohmen

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