Gestern war kein Tag – Tatort 803 #Crimetime 664 #Tatort #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #BR #Gestern #Tag

Crimetime 664 - Titelfoto © BR, Barbara Bauriedl

Vorwort 2020

Als „TatortAnthologie 34“ wurde die untenstehende Rezension am 5. Juni 2011 erstmals veröffentlicht, dem Tag der Premiere von „Gestern war kein Tag“. Wir  zeigen mit ihr zur Abwechslung wieder ein „Original“, das optisch und inhaltlich gegenüber der Erstpublikation nur unwesentlich verändert wurde. Lediglich die Copyrights werden zusätzlich genannt.

Der Tatort und die anschließende Talkshow von Anne Will thematisierten bereits 2011 den Pflegenotstand – geändert hat sich daran bis heute nichts und in der Corona-Krise ist er aktueller denn je. Unsere Prognose: Der Hype um die systemrelevanten Berufe wird bald abflauen und es geht im neoliberalen Spar- und Verwertungshryhtmus weiter wie bisher.

I. Kurzkritik

Sowohl, was die Darstellung der Sozialthemen angeht (Demenz, Pflegenotstand) als auch kriminalistisch ein guter Tatort. Das Spektakuläre fehlt, aber es ist viel drin und die Schauspielleistungen sind überdurchschnittlich. Vor allem Günther Maria Halmer als Opa Max Lasinger überzeugt.

Interessant ist zu sehen, wie sowohl die Ermittler im Film als auch der  Zuschauer herausgefordert werden. Es ist nämlich nicht so eindeutig zu sehen, wann Opa Max den Dementen spielt und wann er wirklich demente Phasen hat.

Die Linie verläuft in etwa so: Anfangs denkt man, er übertreibt seine Demenz bewusst – um zu vertuschen, dass er seinen Sohn umgebracht hat, der die Familie drangsaliert und den er schon lange nicht mehr leiden kann. Dann meint man, er handelt so, um jemand anderen zu schützen. Und am Ende kehrt man wieder zum Ausgangspunkt zurück, denkt, er muss doch genau gewusst haben, was er mit dem Schal tat und an wem, also, dass er seinen Sohn erkannt hat. Ganz sicher ist es aber nicht, obwohl er schon sehr schelmisch wirkt, als er den Anwalt nicht entlasten will, der zwischenzeitlich in Tatverdacht steht.

Wir schließen uns nicht der gegenwärtigen Forentendenz an, die den Tatort als unterdurchschnittlich sieht. Dafür ist Vieles darin doch zu gut gemacht.

II. Inhalt / Besetzung / Stab

Ein ganz normaler Wochentag. Die Hauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr werden an den Münchner Stadtrand gerufen. In einer Glaserei hinter dem Vorderhaus wartet aufgeregt Max Lasinger. Er gesteht. Er hatte Licht gesehen und wollte einen „Einbrecher“ stellen. Als der ihn angriff, hat er um sich geschlagen – Notwehr?

Doch der Fall ist komplizierter. Die Kommissare stellen fest, der vermeintliche Einbrecher hatte einen Schlüssel. Als sie die Papiere des Opfers sichten, wird klar: Der Tote ist Max Lasingers Sohn Bernd. Mit der Ehe von Bernd Lasinger stand es nicht zum Besten, er blieb in der ehelichen Wohnung, während Karin und Sohn Tobias mit dem Schwiegervater Max in dessen Haus leben. Staub liegt in der stillgelegten, verschuldeten Glaserei, denn Max ist dement. Immer mehr gleitet er ab in eine eigene Welt des Verdrängens und Vergessens.
Max muss rund um die Uhr betreut werden. Das Einkommen der Lasingers lässt eine offizielle Betreuerin nicht zu. Aber würde bei dem notwendig gewordenen Aufwand eine Betreuerin überhaupt genügen?

Die gesetzlichen Bestimmungen treiben die Familie in die Illegalität. Zuletzt hat die hübsche Bulgarin Dana sich um den Vater gekümmert. Ehemann Bernd hatte sie nach einem Urlaub am Schwarzen Meer nach Deutschland geholt. Dana ist fürsorglich, spricht Deutsch und hat Kontakt zu ihrer Cousine Liliana, die in der Nachbarschaft auch als Pflegerin „hilft“. Kurz vor dem Mord kam es zwischen Dana und Bernd zu einem heftigen Streit. Sohn Tobias wurde Zeuge der tätlichen Auseinandersetzung und wirkt hin- und hergerissen zwischen seiner Sympathie für Dana und seinem gestörten Verhältnis zum Vater.
Um die Familienangelegenheiten juristisch zu klären, aber auch, um das Geschäft mit der maroden Glaserei abzuwickeln, ist schon seit längerem Rechtsanwalt Stefan Roggendorf beauftragt. Seine Ehefrau, die Ärztin Dr. Christine Seifert, steht ihrem Mann in jeder Hinsicht zur Seite.

Die Kommissare kommen einem üblen Vermittlersystem auf die Spur. Sie stellen ihren Mörder. Doch dem Dilemma entkommen sie nicht, dass durch ihre Ermittlungen eine zwar illegale, aber doch menschenwürdige Form von häuslicher Pflege auffliegt.

Besetzung
Rolle Darsteller
Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr Udo Wachtveitl
Kriminalhauptkommissar Ivo Batic Miroslav Nemec
Karin Lasinger Johanna Gastdorf
Max Lasinger Günther Maria Halmer
Tobias Lasinger Kai Malina
Dana Vesela Kazakova
Stefan Roggendorf Jürgen Tarrach
Dr. Christine Seifert Sarah Masuch
Georg Weingärtner Michael Grimm
Gerichtsmediziner Oliver Mallison
Dr. Neuhaus Anian Zollner

 

Stabliste
Aufgabe Name
Regie: Christian Görlitz
Buch: Pim Richter und Daniela Mohr
Kamera: Andreas Höfer
Musik: Stephan Massimo

(Inhalt, Besetzung, Stab: DAS ERSTE)

III. Rezension

  1. Umgekehrte Reihenfolge: Zunächst Opa Max Lasinger (Günther Maria Halmer)

Es ist beruhigend zu wissen, dass Günther Maria Halmer selbst noch nicht in dem Alter ist, in dem Demenz bereits ein Massenphänomen ist, er sieht ein wenig zerknautschter aus, als man es seinem Alterjahrgang (1943) im Allgemeinen zurechnet. Dadurch ist die mentale Anstrengung, eine solche Rolle zu spielen, vielleicht nicht ganz so hoch, als wenn man bereits etwas spielt, das einen selbst jederzeit treffen kann. Trotzdem oder deswegen, er hat es gut gemacht.

Es war bis zum Ende kaum eindeutig festzustellen, wo er tatsächlich seine dementen Augenblicke hatte und wo er seine Krankheit möglicherweise eingesetzt hat, um die Ermittler Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) zu nasführen. Und es ist ja wirklich, so, dass er seinen Sohn umgebracht hat. Und es ist wirklich so, dass man nicht weiß, ob er in dem Moment licht war und erkannt hat, was er tat und an wem. Er könnte ebenso gut die Erkenntnis erst später wieder bekommen und sich dann verstellt haben. Nicht nur der Neurologe Dr. Neuhaus (Anian Zollner) schaut sehr angestrengt aus, als er versucht, Max zu beurteilen.

Da wünscht man sich durchaus eine Art Lügendetektor, wie Kommissar Leitmayr, um der Frage auf die Spur zu kommen, ob ein Dementer noch schuldfähig ist oder eben in der konkreten Situation nicht mehr. Und das ist eben die Crux. Dass es mal so und mal so sein kann. Nach einiger Ermittlungsarbeit haben die Kommissare also den Täter, aber ob er auch ein Mörder ist, das bleibt offen.

  1. Die Frage nach dem Tatort

Wir hatten in der Vorschau auf den heutigen Tatort die Frage gestellt, wie es nach dem Tod von Barbara Koller nun ausschaut mit der Qualität. Man muss einfach sagen, der BR arbeitet mit seinen beiden Kommissarfiguren Batic und Leitmayr auf hohem Niveau. Dass da etwas vollkommen entgleitet, passiert auch dieses Mal nicht, und das ist doch beruhigend. Irgendwie auch bayerisch. Passt scho, würde Opa Max sagen.

An die Spitzenfolgen kommt 803 wohl nicht heran, aber Vieles  ist gelungen. Die Ermittler ermitteln, die Lösung ist ohne größere Logikschwächen herbeigeführt. Vielleicht etwas konstruiert, aber das gehört ja auch dazu und es ist nicht so überzogen, dass es das Demenzthema verdeckt hätte und natürlich das Thema Pflege-Notstand. Die Kombination von beidem ist gelungen und die Einbettung in eine Kriminalhandlung weitgehend auch. Natürlich, so richtig ein Kracher ist 803 nicht, dazu ist er nicht spannungsgeladen genug.

Die Ermittler selbst zum Beispiel haben nur eine einzige Szene, in der einer von ihnen ein wenig rennen muss, um die Bulgarin Dana (Vesela Kazakova) einzuholen, aber das ist ja auch realistisch. Es ist hingegen nicht realistisch, wenn auch viel thrillermäßiger, dass man jedes Mal denkt, den einen oder anderen der beiden werden wir wohl in der nächsten Folge nicht wiedersehen, weil, irgendwann geht das mal nicht gut aus, mit diesem ständigen sich selbst in Gefahr bringen. Dafür findet viel routinemäßige Ermittlungsarbeit statt. Spurensicherung, KTU, Befragung, Vernehmung. Die Ermittler sind anfangs uneins, was den Zustand von Max angeht, den Sozialeren gibt Batic, der glaubt es. Insgesamt bekommt Leitmayr mehr Ermittlerpunkte, in 803. Er denkt im Ganzen schneller und hat am Ende den richtigen Riecher gehabt.

  1. Ein paar Klischees?

Klischees sind ja nicht automatisch etwas Unwahres und bei Weitem nicht so spekulativ wie Vorurteile.

Die Osteuropäer kommen wirtschaftlich einfach nicht voran, man merkt es auch hier wieder, das Einkommensgefälle ist immer noch riesig. Ist das wirklich noch so extrem? Man wird es wissen, wenn die Freizügigkeit voll greift. Wenn dann tatsächlich die Facharbeitermassen in Deutschland einströmen, um hier als Zeitarbeiter für schmales Geld harte Tätigkeiten zu verrichten, dann ist klar, die nächsten Statistiklügen, die auf den EU-Tisch kommen, sind nicht griechisch, sondern osteuropäisch intendiert.

Der Stand der Rechtsanwälte wird auch mal wieder durch den Kakao gezogen. Dieses Mal anhand der Figur des Stefan Roggendorf (Jürgen Tarrach), der sich munter bereichert am Pflegenotstand. Der sogar weiter geht als der tote Bernd Lasinger, indem er sich regelrecht bzw. regelwidrig in Familien einschleicht und Vollmachten erwirkt, die es ihm ermöglichen, Verfügungen über das Vermögen älterer Menschen vorzunehmen. Jemals einen positiven Anwalt in einem Tatort gesehen? Anwälte sind nur dazu da, Verdächtige freizuboxen und wenden dazu jeden schmierigen Trick an – oder sie sind gleich mit in die Tat oder in illegale Geschäfte verwickelt, wie hier der Herr Roggendorf. Zum Glück machen sich die  Zuschauer diese Indoktrination nicht zu eigen, der Anwaltsberuf ist nach wie vor einer der angesehensten. Selbst wenn das Ansehen nicht immer berechtigt ist, in vielen Fällen ist es das sehr wohl, und deswegen ist die beständige Anwaltsschelte eben auch kein Klischee, sondern schlicht eine Falschdarstellung der Verhältnisse. Eine Falschdarstellung aber, die Journalisten lieben, und Drehbuchschreiber offensichtlich auch.

  1. Pflegenotstand und wieder mal eine Stunde länger geschaut

Dieses Mal war’s wieder so, dass der Tatort dafür sorgen sollte, dass bei Anne Will nicht wieder die Hälfte von denen gleich wegschalten, die vorher den Tatort gesehen haben, deswegen hat man mal wieder die Themen miteinander gekoppelt. Wir mögen das normalerweise nicht, aber man muss auch mal sagen können: Dieses Mal war’s okay. Es gab wichtige Informationen und die anwesenden, fachlich kompetenten Gäste haben die Darstellungen im Tatort als realistisch bewertet. Außerdem wurde nicht am Thema vorbeigeredet oder ein ernstes Sujet benutzt, um Selbstdarstellung zu betreiben, die  Moderatorin nicht ausgenommen und meist dann, wenn zu viele Politiker anwesend sind (dieses Mal war es nur einer, immerhin der zuständige Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP)).

Es wäre schön, wenn der Tatort 803 in Kombination mit der anschließenden, sachlich und auch emotional ansprechenden Diskussion dazu beitragen könnte, beide miteinander verknüpften Sachbereiche, Pflege und Demenz, stärker ins Bewusstsein zu rücken. Natürlich, es sind unbequeme Gegenstände, weil niemand weiß, ob und wann es ihn treffen kann und wie er dann aufgestellt sein wird.

In „Gestern war kein Tag“ ist es  ja immerhin noch so, dass Opa Max zwar ergänzende Pflege braucht, welche die Familie sich gerade noch leisten kann, aber er hat immerhin eine Familie. Wie diese am Rand ihrer Kapazität arbeitet, das hat man z. B. im Tatort „Heimwärts“ schon einmal gesehen, der von den Nutzern auch im Durchschnitt zu niedrig bewertet wird. Man könnte fast meinen, das liegt daran, dass es sich hier zwar nicht um ein Tabuthema handelt, aber um eines, das viele Menschen nicht gerne sehen mögen, weil es Fragen ans eigene Leben stellt. Es ist offenbar viel unangenehmer, dem natürlichen Ende des Lebens durch Altern ins Auge zu sehen als dem plötzlichen Ende durch spektakuläre Morde. Wir haben kein positives Verhältnis zum Altern, dem Jugendwahn einer Gesellschaft geschuldet, die immer mehr altert. Kurios und doch verständlich.

IV. Fazit

Die beiden Themen Pflegenotstand / illegale Pflege sind sachgerecht und, wenn man von den negativen Figuren Roggendorf / Bernd Lasinger absieht, nicht mit moralischen Wertungen behandelt worden. Der Kriminalfall ist unspektakulär, aber nicht schlecht oder gar unglaubwürdig. Die Ermittler spielen ihre Rollen gut, sogar überdurchschnittlich, weil sie sich wirklich auf die Ermittlungsarbeit konzentrieren. Auffällig, dass Batic / Leitmayr zwar eine Haltung haben, und zwar anfangs eine konträre, aber als Menschen ganz zurücktreten, um den Figuren um Max Lasinger herum Raum zu geben. Sie stellen sich in den Dienst ihres Jobs und in den Dienst der Tatort-Macher, die hier wieder etwas abzuarbeiten hatten. Man kann diese didaktische Ausrichtung kritisieren, wir tun das manchmal auch – aber vor allem dann, wenn sie zu lehrbuchhaft wirkt. Das wird hier schon deshalb verhindert, weil Opa Max so eine differenzierte, immer wieder überraschende Figur abgibt. Damit entzieht er nicht nur sich selbst, sondern den ganzen Tatort 803 aus dem Verdacht, zu leicht politisch-pädagogisch und kriminalistisch durchschaubar zu sein. Wir werten deutlich höher als die gegenwärtige Forentendenz: 8,0/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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