Die letzte Kundin – Polizeiruf 110 Fall 115 #Crimetime 667 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Berlin #DDR #Grawe #Fuchs #Kundin

Crimetime 667 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Ein Fall für Thomas Grawe

Die zehnte Zusammenarbeit mit Hauptmann Peter Fuchs bringt für Leutnant Thomas Grawe eine Chance: Der langgediente Chef übergibt dem Jüngeren eine Akte. Es handelt sich um einen Fall, der ein halbes Jahr lang nicht gelöst werden konnte. Wird sich Grawe bewähren können und mit Hartnäckigkeit und etwas Glück sein Vorbild beeindrucken? Wir werden es am Ende der -> Rezension wissen, und noch einiges mehr über den 115. Polizeiruf.

Handlung (Wikipedia)

Vor einem halben Jahr wurde Ladenbesitzer Alfons Wegener am Arbeitsplatz mit einer Bierflasche niedergeschlagen und verstarb wenig später im Krankenhaus. Aus seiner Kasse wurden 900 Mark Tageseinnahmen und etliches Kleingeld gestohlen, darunter auch eine seltene ausländische Münze, deren Aussehen den Ermittlern bekannt ist. Damals führte Hauptmann Peter Fuchs die Ermittlungen durch, sämtliche Kunden des Ladens wurden befragt, außer der letzten Kundin, die unauffindbar war. Sie meldete sich auch nicht auf einen entsprechenden Aufruf der Polizei. Ebenfalls nicht zu finden war ein junger Mann, der sich laut Aussage von Kunde und Wegener-Freund Erich Brender am Tattag unweit des Ladens aufgehalten hatte. Nun übergibt Peter Fuchs die Akte an Leutnant Thomas Grawe, der sich des Falls annehmen soll.

Grawe verzweifelt bald an der Aufgabe. Die Zeugen von damals haben kaum neue Aspekte zu ihrer früheren Aussage hinzuzufügen. Der alten Frau Felsch fällt ein, dass sie bei ihrem Einkauf eine Stunde vor Ladenschluss eine halbleere Bierflasche in einem der Regale gesehen hat. Der Laden jedoch war bis auf Alfons Wegener leer. Auffällig ist wiederum das Verhalten des Ehepaars Brender. Erich Brender leidet seit zwei Jahren an chronischer Pankreatitis und hat sich seit dem Tod Wegeners vollkommen zurückgezogen. Er fühlt sich schwer krank, auch wenn sein Arzt Wegeners Tochter beruhigt: Die Erkrankung sei nicht lebensgefährlich. In seinem Rückzug ins Private wird der früher lebenslustige Erich von seiner Frau Ruth unterstützt. Sie schirmt ihren Mann von der Außenwelt ab, leidet jedoch unter der Situation. Den Nachbarn gilt sie als schon immer merkwürdige Frau. Zum Teil ist ihr Verhalten auf Eifersucht zurückzuführen, hatte Erich doch vor einiger Zeit eine Affäre mit der jüngeren Elisabeth Müller.

Da Thomas Grawe mit seinen Ermittlungen nicht weiterkommt, verteilt er Handzettel, die über den Fall unterrichten und um Mithilfe bitten. Er hofft, dass sich die ominöse letzte Kundin bei ihm meldet. Bei ihr handelt es sich um Elisabeth. Unsicher versucht sie, mit Erich zu reden, doch wird sie von seiner Frau abgewiesen. Nun geht sie zur Polizei und gesteht, dass sie damals die letzte Kundin war. Sie sagt aus, dass sie in einem Gang hinter dem Ladentisch Erich gesehen habe. Sie habe ihn vor einem halben Jahr nicht angezeigt, weil sie erst selbst mit ihm reden wollte. Als sie von seiner Erkrankung erfuhr, habe sie auf die Ermittlungen der Polizei gehofft, die den Täter schon ohne ihre Hilfe finden würden. Bei seiner Vernehmung gibt Erich zu, in Alfons Wegeners Laden zunächst ein Bier getrunken zu haben. Nach einem Streit mit Alfons, der sich unter anderem um Erichs Alkoholproblem drehte, sei er handgreiflich geworden. Er habe, von Alfons bedrängt, seinen Schuh verloren und in seiner Wut mit dem Schuh auf Alfons eingeschlagen. Dann sei er geflohen. Er habe weder mit einer Bierflasche zugeschlagen, noch habe er Geld gestohlen. Thomas Grawe ist ratlos. Beim erneuten Betrachten der Fotos vom Tatort erinnert er sich, dass er bei Brenders eine Schatulle mit Münzen gesehen hat, die ein Enkelkind in seiner Anwesenheit zu Boden geworfen hatte. Mit Peter Fuchs kehrt er zu den Brenders zurück. Tatsächlich findet er in der Schatulle die ausländische Münze, die aus Wegeners Kasse gestohlen wurde. Es stellt sich heraus, dass Erichs Frau Ruth noch einmal in den Laden gegangen war, um Erichs Schuh zu holen. Dabei sei Alfons Wegener aufgewacht und habe versucht, die Polizei zu rufen. Ruth schlug ihn mit der Bierflasche nieder. Da die Kasse offenstand, nahm sie zudem Wegeners Tageseinnahmen an sich. Erich reagiert auf das Geständnis wütend, habe seine Frau ihn doch aus Eigeninteresse monatelang vor der Öffentlichkeit verborgen. Ruth wird festgenommen.

Rezension

Hätte man vergessen zu erwähnen, dass die Raumpflegerin Ruth Bender (von ihrem Ehemann „Rutt“ gesprochen) einst das Angebot zu einem Fortbildungskurs ausgeschlagen hatte, wäre der Film vielleicht nicht durch die Zensur gekommen. Das ist natürlich reine Spekulation. Aber wie verbiestert man sein kann, weil man sich sozial benachteiligt fühlt, das wird anhand dieser Figur deutlich vorgeführt. In gewisser Weise erinnerte uns Ruth an eine Realperson, die wir kennen, aber wir sind ziemlich sicher, dass diese niemanden umgebracht hat.

Wir dürfen in fast allen Polizeirufen, auch und gerade jenen aus der Vorwendezeit, gescheiterte oder in Schieflage befindliche Beziehungen beobachten und wie sie anaylisiert werden, aber „Die letzte Kundin“ beeindruckt besonders durch sein dichtes Herangehen an Menschen, die einfach mit ihrem Leben unzufrieden sind. Und das sind fast alle in diesem Film. Nur die Tochter der Benders wirkt sehr ausgeglichen. Dass der Vater sich zurückgezogen hat, ist nicht verwunderlich, eher, dass das vor dem Ableben des Gemüsehändlers Alfons Wegener anders gewesen sein soll. 

Würde nur die Tochter für die jüngere Generation stehen, könnte man sagen, hier wird eine Stellung der Alten, die noch aus vorsozialistischen Verhältnissen stammen und von ihren alten Fehlern nicht lassen können, gegen optimistischere und selbstbewusstere Nachfahren aufgebaut, aber Roland Biele und das Verhältnis zu seiner Exfreundin Nelly sprechen eine andere Sprache. Diese junge Frau ist nämlich vom Land hat auf ihre Art an Diskriminierung zu knabbern – und verweigert ihrem Freund sogar ein real vorhandenes Alibi, weil sie zum leicht beleidigt sein neigt. Diesen treffen wir dann in Haft an, obwohl man ihm doch ebensowenig wie jemand anderem etwas nachweisen konnte. 

Der Einstieg in den Film ist wirklich famos. Für den Zuschauer wird anhand einer Diashow, mit der Hauptmann Fuchs seinen jüngeren Kollegen in die Ermittlungen einführt, alles so minutiös aufgerollt, wie man es sich überhaupt nur vorstellen kann. Das wirkt ein bisschen herbeigeholt, denn Grawe hätte ja auch einfach die Akte lesen können. Dieser Vorgang wäre für den Zuschauer jedoch nur informativ gewesen, wenn er das laut getan hätte und natürlich nicht so anschaulich wie die Schwarzweiß-Bilder, die hier ausschließlich gemacht wurden – von Menschen und Gegenständen. Letztlich geschieht die Überführung anhand einer besonderen Münze, aber gerade deren Fotografie („Vergleichsbeispiel“ oder so ähnlich) wirkt kurios, denn wer sollte denn gewusst haben, dass diese Münze in der Kasse war, außer Alfons Wegener, der in seinem Laden stets allein bediente?

Was wir dabei lernen: Ein Kiez im früheren Ostberlin war genau wie ein Dorf, jeder kannte jeden und hatte eine dezidierte Meinung über jeden. So gesehen, waren die ABV im Grunde überflüssig, die in vielen DDR-Polizeirufen dafür sorgen, dass die Ermittler anfangs schneller vorankommen, weil sie über jeden Mitbürger und jede Mitbürgerin eine Akte führen, in der auch charakterliche Merkmale festgehalten sind, nicht etwa nur Vorstrafen. Durch den ABV kann man allerdings das, was wir hier wie an einer Perle aufgereiht finden, nämlich die Meinungen der Nachbarschaft, so konzentriert vorbringen, dass die Chance für viele schöne – sic! – Charakterstudien verpasst wird. Gut, dass es sowas heute nicht mehr gibt und ein städtischer Kiez etwas ist, wo man ohne ständige Bewertung durch unzählige andere ganz gut leben kann. Einigen mag das gar nicht so gut gefallen, weil es demokratischer wirkt, aber es ist sicher einer der Gründe, warum die vielen Stressfaktoren in der Stadt von ihren Bewohnern gerne in Kauf genommen werden. Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass der „Kiez“, der in diesem Film wie ein Tratschdorf wirkt, ein wenig verdichtet dargestellt wurde.

Interessant ist, mit welchem künstlichen Zögern die erneut Befragten teilweise ins Sujet einsteigen und dann zunehmend Spaß an der Exploitation finden, wie etwa die Fleischersfrau. Vielleicht sind wir da zu sehr von südwestdeutscher Dezenz geprägt, aber es fällt uns in vielen Polizeirufen auf, mit welcher einer Lust Menschen andere in die Pfanne hauen, wenn sie von der Polizei als Zeugen befragt werden. Wenn das verdeckte Sozialkritik, mithin Kritik an den realen Umständen im realen (Nicht-) Sozialismus sein soll, der doch alle hätte veredeln müssen, wenn er denn wirklich sozialistisch gewesen wäre, uns hat sie jedenfalls erreicht. Böse Zungen gab es und gibt es heute noch in Tatorten, aber wie genau Mitmenschen in den DDR-Polizeirufen geradezu seziert werden und wie eng sich dadurch die Milieus ausnehmen, wirkt auf uns durchaus bedrückend.

Kein Wunder, dass auch die Polizei stark mit solchen Einschätzungen arbeitet: Die lustige Witwe des Alfons erscheint Leutnant Grawe nach Inaugenscheinnahme doch ganz okay, obwohl sie die Hauptprofiteurin von dessen Ableben ist. Dass sie ein Alibi hat, okay, aber sie könnte ja auch mit jemand anderem zusammengearbeitet und ihn später ausbezahlt haben, als das Vermögen des A. an sie übergangen war. Nur so als Beispiel dafür, dass die Ermittlungen, unabhängig von der Münzengeschichte, in der Realität sehr nervenaufreibend geworden wären. Denn: Wo ein Fuchs nicht fündig wird, da muss schon einiges zusammenkommen, damit ein weniger erfahrener Polizist es besser machen kann. 

Deshalb ist es auch nicht sehr glaubwürdig, wie Fuchs und Grawe den Fall besprechen, nämlich auch immer entlang der Persönlichkeiten, die befragt wurden und dass Fuchs die Zwei-Täter-Theorie verwirft. Wenn auch in der Form eines bewussten Zusammenwirkens, nicht, wie wir hier sehen, als Abfolge von Ereignissen, von denen erst das letzte zum Tod des Opfers geführt hatte. Nur dieses und wohl auch dieses allein war hinreichend, um den A. vom Leben um Tode zu bringen – es handelt sich also bei dem Schlag mit dem Schuh nicht um eine Bedingung, die nicht hätte hinweggedacht werden können, ohne dass der Tod des A. entfallen wäre. Das ist für die strafrechtliche Beurteilung relevant, für die moralische in diesem Fall weniger. Wir wissen längst, dass Ruth eine böse Frau ist. 

Dass mit den Benders etwas nicht stimmt, ist ziemlich schnell klar, denn die Art, wie sie in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt werden, lässt keinen anderen Schluss zu, als dass sie mit der Tat etwas zu tun haben müssen. Nur die Motive, die liegen lange Zeit sehr im Dunkeln. Ein halbes Jahr lang, um genau zu sein.

Finale

Gut möglich, dass man Leutnant Thomas Grawe damals hat aufbauen, seine Stellung gegenüber Fuchs stärken wollte, denn er hatte sich durch bereits zehn Einsätze doch eine gewisse Reputation und wohl auch Beliebtheit erarbeitet. Aber in späteren Filmen, in denen die beiden zus sehen sind, hat Grawe wieder  die Assistentenposition. Dabei finden wir die Art, wie er hier mit viel Engagement und ab und zu vor Verzweiflung über die Zähigkeit der Materie aus der Haut fahrend zu Werke geht, sehr ansprechend. Dieses Mal wird er auch mit Beziehung gezeigt, die Beziehung leidet natürlich unter dem Job – aber man kann sie auch so führen, dass die Partnerin nicht immer außen vor bleibt. So weit, dass sie inoffiziell in die Ermittlungsarbeiten eingebunden wird, wie vor einiger Zeit bei Kommissar Haferkamp (Tatort Essen) gesehen, geht es allerdings nicht. Eher bringt dieses Management etwas Lichtes und die Art, wie Grawe und Fuchs nochmal an den Fall herangehen, etwas Kerniges in ein Szenario, das ansonsten wieder sehr gut ins Schema der Polizeirufe passt, die vor allem Mitte der 1980er Premiere hatten: Es ist alles verdrießlich, traurig und vergeblich. 

Da der Jahrgang 1987 nun bis auf einen noch ausstehenden Film abgeschlossen ist, kann man bereits festhalten: Die Filme sind sehr unterschiedlich, man bemühte sich, immer wieder neue Ideen umzusetzen, es gibt mit Abstufungen eine Art Aufhellung  zu beobachten, die auch dadurch erreicht wird, dass die psychisch recht robusten Polizisten mehr als Ankerpunkte für die Zuschauer*innen eingesetzt werden. Ihnen generell viel Aufmerksamkeit zuteil, bis hin zum allerdings doch wieder melancholischen „Kein Tag ist wie der andere“, in dem Lutz Riemanns Privatleben eine ungewöhnlich dominierende Rolle einnimmt.

Die Psychogramme in „Die letzte Kundin“ sind recht gelungen, der Fall muss stellenweise ziemlich gedrechselt werden, damit man ihn so hinbekam, dass der versierte Hauptmann Fuchs ihn nicht lösen konnte, Grawe dann aber schon. Der – endgültig – ungelöste Fall ist sowohl in klassischen Tatorten wie klassischen Polizeirufen eine Variante, die nicht vorgesehen war. Erst neuerdings gibt es hin und wieder ein open Ending und in der Regel kommt es bei den Zuschauer*innen nicht gut an.

7/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hubert Hoelzke
Drehbuch Hariette Plath
Produktion Erich Biedermann
Musik Henry Krtschil
Kamera Rolf Laskowski
Schnitt Renate Müller
Besetzung

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