Niemals ohne mich – Tatort 1125 #Crimetime 668 #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #WDR #nicht #ohne #mich

Crimetime 668 - Titelfoto © WDR, Martin Valentin Menke

Die Wurstbraterei hat dann auch zu

In diesem Film hatte das Ende keinen Platz, weil nach dem Ende noch was kommt. Oder: Wurst an der Wurstbraterei wird nur ausgegeben, wenn Fälle anständig ausermittelt sind, ansonsten ist auch mal zu und das Bier kommt, zumindest wirkt es so, aus dem Nichts. Und geht’s der Familie gut? Dann ist’s gut. Dann kann man sich diesen Film einigermaßen schmerzfrei anschauen. Für viele dürfte er aber den einen oder anderen Trigger beinhalten. Darüber und über andere Aspekt des 1125. Tatorts steht mehr zu lesen in der -> Rezension.

Handlung

Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes wird erschlagen aufgefunden, nicht weit entfernt von ihrer Wohnung. Die 38-jahrige Monika Fellner, die unterhaltssäumigen Eltern auf die Füße trat, machte sich mit ihrem Übereifer viele Feinde. Fellner stritt sogar mit ihrer Kollegin Ingrid Kugelmaier, von der sie dieselbe Härte erwartete. Die jedoch drückte hin und wieder ein Auge zu.

Bei ihren Ermittlungen stoßen die Hauptkommissare Ballauf und Schenk auf getrennte Elternpaare, die gegeneinander kämpfen. Oft ohne Rucksicht auf die gemeinsamen Kinder. Einst bedingungslose Liebe ist längst in blinden Hass umgeschlagen.

Rezension

Ich habe mal ein wenig gespickt, denn unter den Nutzern des Tatort-Fundus sind sicher welche, die selbst betroffen sind: Bis auf einige, die das Geschehen für überzeichnet halten, gab es viel Lob dafür, dass man den Film für realistisch hält. Derzeit (04.06.2020) steht er auf Platz 175 von 1147, das ist sehr beachtlich – und doch nur wenig über dem Köln-Durchschnitt (7,25/10, Durchschnitt 6,85/10). Es haben sich eben im Laufe der Zeit einige wirklich gute Tatorte angesammelt, in denen Max Ballauf und Freddy Schenk für die Aufklärungsarbeit zuständig sind.

Und es ist ein guter hinzugekommen. Bewegend gespielt, schnörkellos inszeniert, mit einem gewöhnungsbedürftigen Ende, das einen zusätzlichen Twist beinhaltet.

Hatten Sie schon mal das Bedüfnis, vor Freude in die Hände zu klatschen, wenn eine Figur umgebracht wird? Mir ging’s beim Anschauen von „Niemals ohne mich“ gleich zweimal so. Da die Leiche nicht als Apéritif serviert wurde, sondern vor ihrem Tod ein paar Minuten Zeit bekam, sich so unsympathisch wie möglich zu präsentieren, hat diese Manipulation zumindest bei mir prächtig funktioniert. Und am Ende – wäm! Alle Aggressionen dieser Welt, alles, was man jemals als ungerecht empfand, löst sich auf in einem befreienden Schlag mit einem harten Gegenstand. Mag’s ein Schraubenschlüssel sein, mag’s ein Stück Holz sein, in der Hölle sehen wir uns wieder.

So weit sollte man es natürlich nicht treiben, aber jemand, der als Täter des ersten Mordes schon aus dem Spiel war, zeigt am Ende, wenn man ihn bis aufs Blut reizt, dass er’s doch drauf hat. Fall ich den Film richtig verstanden habe, war er aber nicht der Mörder der Jugendamtsvorkassensachbearbeiterin. Sind Jugendämter wirklich so? Was ich hin und wieder höre, zeugt eher vom Gegenteil dieser hoch ambitionierten Vorgehensweise, die alle hier auf die eine oder andere Weise zeigen, es wird vielmehr geraunt, das Engagement für die Kinder sei eher bescheiden – und so ergibt sich die hohe Quote von Unterhaltsverpflichteten, die keinen Unterhalt zahlen. Im Film: Weil jemand ein Interesse hatte, die Bluthunde unter den Sachbearbeiter*innen beiseite zu schaffen. Tragisch, dass auch dieser Fall quasi in der Familie bleibt.

Es ist trotz einiger Besonderheiten (Wurstbude zu, Ende offen bzw. nicht vollständig klar) ein typischer Kölner und warum soll das schlecht sein? Das Schema des sogenannten Thesentatorts wird voll eingehalten, erfreulicherweise wird aber viel gezeigt. Die Charaktere erklären sich allerdings auch verbal und stellen ihre Lage dar, der Talking Head ist mehr oder weniger zu ihnen hin verlagert – früher, als die Menschen noch nicht so eloquent waren, hatten Max und Freddy das gerne übernommen, Pro- und Kontra-Position zu einer Sache zu vertreten. Ein wenig sieht man das hier im Verhalten der beiden wieder. Erstaunlicherweise ist der sensible Max derjenige, der den Missbrauch von Sozialleistungen oder Unterhaltsvorschüssen am liebsten persönlich verfolgen würde, obwohl das vielleicht genauso gefährlich ist wie der Einsatz im Kriminaldienst – und Freddy sagt, ey, lass stecken, sinngemäß. Weil er selbst Kinder hat. Und weil er Glück hatte mit seiner Susanne. Max hingegen kann sich als ewiger Single nicht so recht in die materiallen und emotionalen Nöte der von Tisch und Bett Getrennten hineinversetzen. Abgesehen davon, dass Max sonst eher der Nachdenkliche ist, passt das schon.

Wer’s nicht erlebt hat, muss viel Fantasie haben, um sich vorstellen zu können, wie diejenigen, sie sich mal geliebt haben, gegeneinander in den Krieg ziehen und schmutzigerweise die Kinder als Waffen oder Schutzschilde verwenden. Selbstverständlich laufen nicht alle Trennungen so, aber wenn die Zahlen stimmen, die im Film genannt werden, gibt es mehr Unterhaltverspflichtete, die sich ganz oder teilweise drücken, als solche, die korrekt zahlen. Und ein Amt rät den Alleinerziehenden, ein anderes Am zu bescheißen … nein, das ist wohl doch eher der Fiktion geschuldet. Wie überhaupt der massive Amtsmissbrauch zu den schwächeren Seiten des Films gehört. Auch ein Abteilungsleiter hat einen Amtsleiter als Vorgesetzen und Kontrollmechanismen gibt es bei Ämtern selbstverständlich auch. Der Fall, dass Ämter einfach mal Hilfe verweigern und es darauf ankommen lassen, ist übrigens gut berechnet: Rechtsstreitigkeiten kosten zwar, aber alle, die durch den  hohen Aufwand abgeschreckt werden, ihr Recht zu suchen, bringen das wieder ein. Das ist perfide, vor allem im Vergleich zu der Idee, die Sünder dranzukriegen.

Seltsamerweise, nach dem Anschauen vieler schrecklicher Verhaltensweisen von Menschen, die einmal Liebespaare waren, war das Verhalten der biestigen Sachbearbeiterin gar nicht mehr so fremd: Denn sie bekommt immerhin ein Motiv für ihr Handeln zugessprochen, das kann man nicht von allen Figuren behaupten. Sie wuchs selbst bei ihrer Mutter auf und der Vater hat den Unterhalt nicht gezahlt.

Finale

Obwohl bei den Konstellationen auf eine gewisse Ausgewogenheit geachtet wird, aht der Film eine leichte Schieflage zugunsten der beteiligten Männer. Das liegt daran, dass derjenige, der am eindeutigsten als Opfer gezeigt wird, der Herr Hildebrandt ist. Seine Kinder stecken die Lage ganz gut weg und profitieren wohl zumindest materiell vom ungleichen Kampf der Eltern. Anders beim Paar Krömer / Beck, die kleine Tochter ist wirklich schlimm dran und macht sich nass, weil sie die stressige Atmosphäre nicht aushält und erst recht nicht die offenen Streitigkeiten der früheren Partner. Aber auch hier kriegt die Frau auf eine recht hinterhältige Weise eine Mitschuld zugesprochen: Sozialwissenschaften studieren schützt vor sozialem Fehlverhalten nicht, aber man hätte es besser wissen können, wohingegen der Mann- nun  ja, er ist eben einfach gestrickt. So gesehen, wirkt die Frau, die keine staatliche Hilfe in Anspruch nehmen will, auch ein wenig verschroben, denn ihr Kind leidet unter ihrer beruflichen Belastung.

In dem Film werden einige wichige Fragen gestellt und er lebt von emotional aufwühlenden Situationen. Dass der Krimi eher nebenher abläuft, ist – eben – typisch Köln, sofern soziale Themen aufgegriffen werden. Im Grunde nur konsequent, dass man die Auflösung ebenfalls eher nonchalant behandelt. Es kam aber trotzdem ein ansehnlicher Tatort dabei heraus. Ein wenig Humor gibt es auch. Nicht alle Menschen dürften Jüttes Lichtduschproblem witzig finden, aber wir können auch mal lachen, wenn das Alberne richtig ausgespielt wird. Außerdem gewinnt der dritte Mann dieses Mal als Ermittler mehr eigenes Profil.

8/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Herzbuben, Schlachtfeld des Alltags, (wie) immer

„Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) geraten im Tatort „Niemals ohne mich“ zwischen die Fronten. Der Mord an einer Mitarbeiterin des Kölner Jugendamtes führt die zwei Ermittler in eine Welt, die von lautstarken Auseinandersetzungen und Anfeindungen, nicht enden wollenden Diskussionen um Unterhaltszahlungen, Weigerungen und Rachegelüsten geprägt ist.

„Niemals ohne mich“, Tatort-Episode 1125, soll am Sonntagabend, den 22. März 2020 um 20.15 Uhr erstmals im Ersten Programm gesendet werden. Bei dem Krimi handelt es sich um den 78. gemeinsamen Einsatz der Kriminalhauptkommissare Ballauf und Schenk, ihr kauziger Assistent Jütte ist zum siebten Mal dabei.“, schreibt die Redaktion von Tatort Fans einleitend.

Wir bleiben bei der Zählung des Tatort-Fundus, dort stehen die Kölner bei 76 Filmen – der Unterschied dürfte durch zwei Gemeinschaftsfilme mit dem früheren Leipzig-Team Saalfeld und Keppler zustandekommen („Ihr Kinderlein, kommet“ und „Kinderland“) sowie einige Jahre zuvor mit dem Team Ehrlicher / Kain, die beim Fundus wohl paritätisch dem MDR, nicht zur Gänze dem WDR zugerechnet werden. Wie auch immer, auf die beiden Kölner ist Verlass. Sie haben in letzter Zeit etwas Federn lassen müssen, ihre Bewertung (6,79/10 im Durchschnitt aller Filme) beim Fundus war schon besser, da aber andere Teams das gleiche Schicksal ereilt hat, stehen sie weiterhin auf Platz 4 von 22 und zählen damit zu den bekannten Größen, die niemals aus der Mode zu kommen scheinen.

Auch wenn man immer wieder liest „typischer Köln-Tatort!“ oder, wenn über Filme anderer Schienen geschrieben wird, „würde besser nach Köln passen“, womit gemeint ist, gepflegt langweiliger Sozialtatort, die Freddy und Max sind nicht so leicht auszuerzählen, weil man eben mit ihnen solche Filme machen kann. Mit vielen anderen Teams nicht, weil die Darsteller nicht so betroffen gucken können wie der von Max und sich nicht mit so einer Mischung aus handfest und gemütsmenschmäßig rüberbringen wie jener von Freddy.

Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär waren ein Glücksgriff, als die Köln-Story 1996 startete, kein anderes Team zeigt eine so stimmige Chemie. Behrendt hatte bereits Erfahrung als Assistent von Kommissar Flemming in Düsseldorf, Bär schon Episodenfiguren in der Reihe gespielt, bevor man ihnen die wichtigen Rollen als Köln-Cops von der Mordkommission anvertraute.

Und was sagen die Kritiker über den heutigen Köln-Tatort, die Nr. 1125 der Reihe? „90 Minuten schwere Kost“ stellt der SWR-Tatort-Check fest, und da wir ohnehin schon in schweren Zeiten leben – dass sie so schwer würden, wie sie aktuell sind, war beim Dreh des Films natürlich noch nicht absehbar – kommt es nur zu drei traurigen Elchen (fünf sind möglich) und zu einer Empfehlung, die uns an Sätze erinnert, die jenen ähneln, die wir vor einiger Zeit für einen anderen Film geschrieben hatten:

„Den Tatort sollte man sich anschauen, wenn man eine wenigstens einigermaßen glückliche Familie zu Hause hat. Es ist wichtig zu sehen, welche Abrisse auf uns alle warten, wenn wir uns nicht anstrengen. Unglück aus Faulheit, aus Dummheit, aus Verantwortungslosigkeit – und schlicht und einfach in manchen Fällen auch einfach nur aus tragischem Pech heraus. „Niemals ohne mich“ wird jeden ganz tief frösteln lassen, der Kinder hat. Und zwar so sehr, dass es sich über 90 Minuten nur schwer ertragen lässt. Er ist kein sonderlich guter Krimi, aber eine Art Weckruf und eine Erinnerung an die Herausforderungen, eine glückliche Familie zu haben.“

Wie gewohnt kritisch die Meinung von „filmstarts.de“ und der vom SWR sehr ähnlich, zumindest im Fazit: „Ein „Tatort“ wie 90 Minuten Scheidungskrieg – wütende Eltern, leidende Kinder und ganz viele Probleme.“ Da die Differenzierung aufgrund Fähigkeit zur Punktehälftelung etwas besser möglich ist, kommt es hier nur zu 2,5/5, eine Bewertung, die „Filmstarts“ häufig vergibt.

„Kampfzone Kleinfamilie“ titelt Christian Buß im SPIEGEL und: „Wer zahlt was an wen, wenn es mit der Liebe vorbei ist? Die Kölner „Tatort“-Ermittler tauchen nach dem Mord an einer Mitarbeiterin des Jugendamts in die Tiefen des Sorgerechts ein.“ Wie hererwärmend es ist, wenn Akademiker in Sorgerechtsstreitigkeiten übereinander herfallen, stellt Buß heraus. Wir hatten immer schon Verdacht, Akademiker kommen mit Milieus besser klar, die dem eigenen ähnlich sind. Die Bewertung liegt bei 7/10, was wiederum bei uns häufig vorkommt.

Zum entscheidenden Punkt kommt der STERN: Lohnt sich das Einschalten? „Auf jeden Fall! Dieser „Tatort“ wird vor allem Eltern sehr berühren, die getrennt sind und in mehr oder weniger belastenden Sorgerechtskonflikten stecken. Verzweifelte Mütter und nicht minder verzweifelte Väter zeigen die vielen Varianten von schlechtem Co-Parenting.“ So unterschiedlich kann man die Dinge also sehen, zeigt sich mal wieder. Was die einen nur jenen empfehlen, die es besser haben, raten die anderen  Menschen an, die sich in den im Film gezeigten Situationen wiedererkennen.

Wir können an dieser Stelle also keine Empfehlung geben und schauen den Film erst einmal. Hinterher ist man bekanntlich schlauer. Nicht nur, wenn es um Filme geht.

TH

Max Ballauf Klaus J. Behrendt
Freddy Schenk Dietmar Bär
Norbert Jütte Roland Riebeling
Dr. Roth Joe Bausch
Rainer Hildebrandt Peter Schneider
Katja Hildebrandt Katrin Röver
Stefan Krömer Gerdy Zint
Julia Beck Karen Dahmen
Tülay Firat Yeliz Simsek
Erik Siepen Orlando Lenzen
Monika Fellner Melanie Straub
Ingrid Kugelmaier Anna Böger
Markus Breitenbach Christian Erdmann
Evelyn Breitenbach Henny Reents
Peter Mankureit Hans-Jürgen Alf
Herr Kohler Arne Obermeyer
Marie Beck Julia Kovacs
Lukas Hildebrandt Robert Paul Eitelberg
Lisa Hildebrandt Mia Radtke-Wolfrum
Niklas Breitenbach Paul Eilert
Paula Breitenbach Ruth Grubenbecher
Musik: Olaf Didolff
Kamera: Peter Nix
Buch: Jürgen Werner
Regie: Nina Wolfrum

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