Flucht nach Miami – Tatort 274 #Crimetime 669 #Tatort #Düsseldorf #Duesseldorf #Flemming #Koch #Ballauf #WDR #Miami #Flucht

 Die Flucht vor den Schulden

Vorwort 2019: Ursprünglich wollten wir wieder ein „Original“ zeigen – eine Rezension aus der Anfangszeit unserer Arbeit mit der Reihe „Tatort“ in der damaligen Optik. Der Text stammt aus dem April 2011 und war damals die Nummer 7 der „TatortAnthologie“, des Vorgängerfeatures von „Crimetime“. Wir haben uns aber nun nach der Durchsicht, die ein paar kleine stilistisch-inhaltliche Änderungen nach sich zog, entschlossen, die Kritik zu „Flucht nach Miami“ an die heutige Darstellungsweise anzupassen, denn „Original“ bedeutet auch, dass wir tatsächlich nur ein paar rechtliche Hinweise ergänzen und sonst nichts ändern.

„Flucht nach Miami“ klingt verwegen und ist doch eher ein leiser und konventioneller Tatort. Und am Ende gelingt tatsächlich dem alten Herrn Schönfließ die Flucht, obwohl er keineswegs eine weiße Weste hat. Der Mörder von Frau Fray jedoch wird überführt, und selbst für ihn hat man Verständnis. Die unsympathischste Figur im Krimi, der Finanzvermittler Kampen, wird belangt, weil er Frauen zur Prostitution gepresst hat und, doppelt genäht hält besser, wegen überhöhter Gebühren im Wege der Kreditvermittlung.

Die Handlung ist weitgehend fehlerlos konstruiert und hergeleitet, die Motive der Handelnden sind schlüssig und das Thema Schulden heute so aktuell wie 1992, als der Krimi im Boom der Nachwendezeit entstand. Formal ist „Flucht nach Miami“ wohl damals sicher schon eher konventionell gewesen, heute wirkt er ein wenig altbacken, ohne komplett aus der Zeit zu sein. Manche Tatorte werden immer noch in klassischer Manier als Whodunit (Wer ist der Mörder – zum Mitraten) gefilmt und sind stilistisch auch genauso unauffällig. Und sie sind oft nicht so schlecht. Was wir von „Flucht nach Miami“ halten, steht in der -> Rezension.

 Handlung: 

Auf einem Schrottplatz wird die Leiche einer Frau gefunden, die als Nora Fray identifiziert werden kann. In ihrer Wohnung versteckt findet die Spurensicherung einen Kreditvertrag über 20.000 DM. Noras Ehemann kann sich nicht erklären, wofür sie das Geld gebraucht hat, denn die Frays lebten in geordneten finanziellen Verhältnissen.

Flemming sucht Kampen, den Inhaber der „SOS-Kreditvermittlung“, auf. Es stellt sich heraus, dass er einer jener Haie ist, die ihren Kunden durch die Übernahme von Bankbürgschaften Kredite zu Wucherzinsen verschaffen. Sein Mitarbeiter Schönfließ, ein unauffälliger Rentner, verdient sich zusätzliches Geld, indem er ahnungslose Frauen zum Abschluss möglichst hoher Kreditverträge überredet. Bei ihren Ermittlungen bringen Flemming und sein Team in Erfahrungen, dass viele Hausfrauen in Notlage zu derartigen Krediten greifen und dadurch in hoffnungslose Abhängigkeit geraten. Prostitution ist nicht selten der letzte Ausweg, um die Rückzahlungsraten aufbringen zu können.

Nachdem Flemming Schönfließ in die Enge getrieben hat, kann Kampen wegen Mordverdachts verhaftet werden. Denn der Alte besitzt ein Beweismittel, mit dem er Kampen erpresst hat. Mit dem Geld wollte er seinen desolaten Familienverhältnissen entrinnen und nach Miami fliehen. Nachdem Schönfließ das corpus delicti bei Flemming abgeliefert hat, stellt der jedoch fest, dass dieses Beweisstück auch eine ganz andere Schlussfolgerung zulässt.

Rezension

Auffällig ist hingegen, dass Hauptkommissar Flemming anfangs nicht von der Partie ist, weil im Urlaub. Eigentlich. Denn die zweite Garde in Person von Max Ballauf macht mit illegalen Ermittlungsmethoden auf sich aufmerksam und Flemming muss eingreifen. Die schauspielerischen Leistungen sind gut, ohne dass jemand herausragt. Kein Must-See unter den Tatorten, aber wer das Düsseldorfer Team Flemming / Ballauf / Koch mag und / oder Fan der heutigen Kölner Cops Ballauf und Schenk ist, kommt hier auf seine Kosten. Für etwas Humor sorgt Ballauf, als er suspendiert wird und als Undercover-Agent bei der Sitte landet.

Die Ermittler als Team. Da is schon wat Nostalgie mit bei, wie der Mensch im Rheinland und Umgebung sagt, wenn man sieht, wie jung Klaus J. Behrendt (Max Ballauf in einem frühen Karrierestadium) in dem Film noch ist. Der Nostaglie-Faktor wird dadurch verstärkt, dass man ihn heute immer noch sieht, jetzt aber als Hauptkommissar und Chef des aktuellen Ermittlerteams – allerdings in Köln, nicht in Düsseldorf, wo er als Polzeihauptmeister unter Flemming angefangen hat.

Flemming (Martin Lüttge) selbst trägt dazu bei, dass „Flucht nach Miami“ etwas altmodisch wirkt, denn er ist ein durch und durch altmodischer Typ. Vielleicht, weil dieser Typ nicht weiterzuentwickeln war, ermittelte er nur in 15 Tatorten von 1992 bis 1997. Er wirkt etwas hermetisch und sehr gründlich, loyal und am Ende verständnisvoll, als er über den entkommenen Herrn Schönfließ sagt: „Man kann einen Menschen nicht sein ganzes Leben lang einsperren.“

Schade, dass Miriam Koch  (Roswitha Schreiner) nicht weitergemacht hat. Mit ihrer kecken, weiblichen und humorvollen Art hätte sie ein gutes Gegenmodell zu den bedeutungsschwanger und  angespannt wirkenden frühen Tatort-Kommissarinnen-Figuren à al Lena Odenthal abgegeben.

Ballauf  (Klaus J. Behrendt) hat eine sichtliche Reifung durchgemacht. „Auch heute noch ist er im Vergleich zu Partner Schenk (Dietmar Bär) der unkonventionellere Typ, der Single, der nach wie vor etwas außerhalb der Normen Stehende“, schrieben wir 2011. Damals wussten wir aber noch nicht, wie es in Köln 1997 begann („Willkommen in Köln„) und dass Max zum Beispiel viel gesetzestreuer ist als der damals neue Ermittlungspartner.

Als die Domstadt-Krimis startetn, war Ballauf nicht mehr das Enfant Terrible, das, wie in „Flucht nach Miami“ nachts mit Tarnkappe ins Büro eines Verdächtigen einbricht, um an Beweismaterial zu kommen – und das, so wirkt es, nur deshalb, weil der Verdächtige Kampen (Heiner Lauterbach) ihm besonders unsympathisch ist. Eine der unrealistischeren Seiten von „Flucht nach Miami“, dass es diesbezüglich nicht zu Konsequenzen kommt und sein direkter Vorgesetzter Flemming über den Kopf der höheren Instanzen hinweg die Suspendierung von Ballauf wieder aufheben kann, als er ihn für die Ermittlungsarbeit braucht. Ebenfalls fragwürdig: Dass es nur deshalb nicht zu einem Disziplinarverfahren kommt, weil Kampen darauf verzichtet, Ballauf für dessen Einbruch in sein Büro juristisch an den Kragen zu gehen.

Die übrigen Charaktere.  Heiner Lauterbach als Finanzberater, Kuppler und Erpresser Kampen ist eine der prominentesten Besetzungen, die man im damaligen deutschen Fernsehen haben konnte. Und die Rolle als Oberfiesling in diesem Tatort liegt ihm sichtlich. Lauterbach war nie darauf angewiesen, sympathische Typen zu spielen, damit man ihm folgen konnte. In „Flucht nach Miami“ wird schön aufgerollt, wie er alle Menschen ausnutzt. Schönfließ, den Rentner, der vor seinen desolaten Familienverhältnissen fliehen, der sich noch einen Lebenstraum erfüllen und nach Miami abhauen möchte, nötigt er zum Weitermachen als „alter, freundlicher Herr Kreditvermittler“, indem er ihm erst Honorar vorenthält und dann sein Flugticket konfisziert. Kundinnen, denen Schönfließ Kredite vermittelt hat und die in Zahlungsschwierigkeiten kommen, werden von ihm der Prostitution zugeführt, wofür er eigens ein Appartement unterhält. Er ist aber nicht der Mörder von Frau Fray, auch wenn zunächst Vieles dafür spricht. Denn selten macht er sich die Hände schmutzig.

Allerdings steckt Lauterbach / Kampen auch selbst in der Klemme, was sein Handeln nach seiner Logik ebenfalls noch verständlicher macht, als wenn es nur anhand seines Charakter erklärt würde. Er hat in ein türkisches Bauprojekt investiert, das sich als Sandburg herausgestellt hat. Einen wunderbaren Bogen ins Heute spannt die Szene, in der er dem Banker Sartorius dieses Investment schmackhaft machen will, dieser abwinkt und sagt: „Trösten Sie sich – nicht nur Sie haben bei der Sache Geld verloren.“ Das wirkt, als habe entweder Sartorius selbst oder als habe sein Bankhaus ebenfalls eine Fehlinvestition getätigt. Kurze Zeit später rollte die Welle der Ostimmobilien-Pleiten mit Sonderabschreibung an, bei der viele Prominente und einige Banken Geld verloren. Auch die Assoziation mit der Bankenkrise liegt nicht fern. Allerdings – niemand hätte sich damals ausmalen können, in welchen Dimensionen Banken Geld verzocken würden und dass sogar der Steuerzahler ran muss um diejenigen zu retten, die sein Geld eigentlich vermehren sollten.

Bemerkenswert, dass die Familie Schönfließ aus zwei Frauen besteht, Mutter, die als Plage für den alten Herrn dargestellt wird. Die Tochter behindert, die Rollläden der Wohnung immer geschlossen, beide verbittert. Nicht ganz politisch korrekt, nach heutigen Maßstäben, eine Behinderte als jemanden darzustellen, der ganz und gar nur Belastung ist, aber – denkbar ist es schon, dass eine solche, im wörtlichen Sinn düstere Atmosphäre entsteht, aus der Schönfließ ans Licht, an die sonnigen Strände von Miami, entfliehen will. Jedes Mal, wenn er an dieser Sache arbeitet, wird das Lied „Leben ist Hoffnung“ von Ana Gonzalez eingespielt, damit wird eine Brücke zwischen diesem stillen, älteren Mann und dem Zuschauer geschlagen.

Glaubwürdig wirkt auch der frühere Mitschüler von Max Ballauf, Raimund Fray, als angeblicher Kaufhaus-Abteilungsleiter, der eines von diesen vielen Häuschen gebaut hat, die vordergründigen Wohlstand und viel Lebenslüge nicht selten miteinander verknüpfen, als sei das selbstverständlich.

Zeitthema. Dass Fray in Wirklichkeit vor einem Baumarkt Billigartikel verkauft, nehmen wir zur Kenntnis, ein Effekt, um dem Begriff „Fassade“, der in diesem Krimi eine wichtige Rolle spielt, zu erläutern. Notwendig wäre das nicht gewesen, denn so viel verdient ein Kaufhaus-Abteilungsleiter nun nicht, dass er eine Frau, die nicht arbeitet, aber gerne Geld ausgibt, ein neues Haus samt neuer Einrichtung und was sonst dazu gehört, locker alleine stemmen kann. Aber natürlich wird es dadurch dramatischer und sein Handeln – nämlich der Mord an seiner Frau, als er sie in Kampens Appartement aufspürt, nachvollziehbar. Man hat Mitleid mit ihm.

Am Ende räsonnieren Ballauf und Flemming, als sie Frays hübsches Häuschen, verortet in einer Siedlung von ebensolchen hübschen Häuschen, durchschreiten, über Fassaden und die Fassaden hinter den Fassaden: „Der eine hat’s, der andere nicht.“ Ballauf, das wissen wir heute, wird Schulden machen, sie mithilfe von Miriam Koch abtragen und auch im Jahr 2011 als Hauptkommissar noch kein gut situierter Mann sein. Aber er hat auch nicht schwer an irgendeiner sozialen Fassade zu tragen, wie so viele, in Zeiten, die wirklich geeignet sind, mal nachzudenken. Zum  Beispiel über den Wert des Geldes und die Mechanismen, die dazu führen, dass man seinen Lebensstil durch Aufnahme von Schulden pimpt. Anstatt nur das auszugeben, was man wirklich hat.

Finale

Ein Highlight der Serie ist der Tatort Nr. 274 sicher nicht, aber er ist auch kein schlechter. Handwerklich sauber, leistet sich nur wenige Gimmicks. Ballaufs Eskapaden, Herrn Frays Fassade, das sind Abweichungen von einer grundsoliden Konstruktion, die man in Kauf nimmt, weil im Ganzen ein Fall souverän und schlüssig ausgearbeitet wird. Ein wenig ist der Tatort vor allem wegen Hauptkommissar Flemming gealtert, eine Figur, die man heute in Tatorten kaum noch sieht, auch wenn sie weitaus realistischer sein dürfte als manch heutiger Ermittler.

6,5/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissar Flemming – Martin Lüttge
Kriminalkommissarin Miriam Koch – Roswitha Schreiner
Kriminalhauptmeister Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Kampen – Heiner Lauterbach
Frau Gohlke – Ulrike May
Markus Schättle – Wolfgang Müller
Schoenflies – Manfred Steffen
Raimund Fray – Uli Gebauer
u.a.

Drehbuch – Nikolaus Stein v. Kamienski, Jacki Engelken
Regie – Ulrich Stark
Musik – Birger Heymann

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