Der Teufel – Tatort 369 #Crimetime 672 #Tatort #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #BR #Teufel

Crimetime 672 - Titelfoto © BR 

Dieses Mal nicht die Guten

Einer ist sogar „Der Teufel“. Einer von der Münchener Bereitschaftspolizei. Auch die anderen Herren in Uniform sind nicht alle gut, nicht sauber. Mehrere Angehörige einer Dienststelle sind in Drogengeschäfte verwickelt und man Mannes beinahe nachvollziehen, bei den offensichtlich sehr geringen Bezügen im mittleren Dienst. Besser sind da schon die Kommissare Batic und Leitmayr ausgestattet, da versteht es sich von selbst, dass sie sich ermittelnd durch den Filz der weniger privilegierten Kollegen fressen wie die Mäuse durch den dicken Käse. Wie sich das als Film darstellt, haben wir niedergeschrieben in der -> Rezension.

Handlung

Der Mordanschlag auf den jungen, wendigen Polizeiobermeister Richard Ertl, genannt Richy, der bei einem Routinestreifengang angeschossen wird und kurz darauf stirbt, versetzt nicht nur die Kollegen seiner Dienststelle in Trauer und Besorgnis. Richys Tod krempelt auch das Leben seines besten Freundes Christian Spindler völlig um. Die beiden Polizisten aus dem bayerischen Umland waren ein eingespieltes Streifenwagen-Team, sie halfen sich beruflich wie privat, sich in der teuren Großstadt München mit ihrem mies bezahlten, gefährlichen Polizistenjob so gut wie möglich über Wasser zu halten.

Kurz bevor Richy stirbt, bittet er Christian noch eindringlich, etwas für ihn wegzuwerfen und niemandem davon zu erzählen. Christian entdeckt, daß sein Freund in lebensgefährliche Machenschaften verwickelt war und deshalb sterben mußte. Der Dienststellenleiter Rudolf Lehner, genannt Rudi, kümmert sich zwar um ihn, aber da ist keiner, dem Christian die Wahrheit sagen kann, auch nicht seiner Kollegin Margret. Den beiden Hauptkommissaren Ivo Batic und Franz Leitmayr stehen statt des erwarteten, langweiligen Routine-Wochenenddienstes knochenharte Ermittlungsarbeiten bevor. Durch die Stimmungsmache der Medien versetzt der Polizistenmord die Bevölkerung in Hysterie.

Batic und Leitmayr stehen unter dem Druck, den Fall so schnell wie möglich aufzuklären. Bei der Rekonstruktion des Tathergangs müssen sie sich zudem mit den widersprüchlichsten Zeugenaussagen auseinandersetzen und sich obendrein mit den Pressevertretern abplagen. Doch trotz aller Widerstände kommen sie der Lösung des Falls näher und ziehen dabei ein immer enger werdendes Netz um Christian.

Rezension

„Der Teufel“ ist ein makaberer, skurriler und bei aller Dramatik sehr humorvoller Tatort. Vielleicht war es 1997 noch die bessere Wahl, so stark zu überziehen und so zu tun, als sei das Problem der erlaubten und der unerlaubten Nebenverdienstmoeglichkeiten eher einer satirischen Behandlung zugänglich. Man hat die Chance genutzt, diese Darstellung mit einer innovativen Filmsprache zu verknüpfen und zudem den Lokalkolorit hochleben zu lassen.

Das ist doch nicht wirklich ein Whodunit! Eine gewisse Enttäuschung wird wohl derjenige Tatortfan erleben, welcher glaubt, „Der Teufel“ sei als Whodunit konzipiert. Es ist relativ schnell ersichtlich, dass der Wurm im Münchener Polizeiapfel steckt und wer die fette Made ist, die ihre Position verwendet, um ein Netz von Willigen und von Abhängigkeiten zu basteln, das die Integrität der hier gezeigten Dienststelle der Bereitschaftspolizei sukzessive untergräbt.

Junge unbedarfte Polizisten vom Land, die sich in der bekanntermassen teuersten deutschen Stadt beim Staat verdingen, erhalten gewiss eine Ortszulage, aber man kann sich vorstellen, dass der eine oder andere das Verhältnis von Schwierigkeit des Jobs und eher bescheidener Vergütung als unangemessen empfindet. Guter Nährboden nicht nur für diverse, sogar erlaubte Nebentaetigkeiten zur Aufbesserung des Einkommens, sondern auch für illegale Geschäfte. Korruption sollte auf diesem Humus ebenfalls gedeihen. Dass Polizisten sich fürs Wegschauen von der Unterwelt bezahlen lassen, ist ein Thema, das in vielen Filmen beleuchtet wurde.

Aber hier gibt es etwas wie ein Augenzwinkern und eine Übersteigerung, die man unter anderem in wunderbaren Symbolen erleben darf – wie dem Stadtwappen-Relief von München, dessen Vertiefungen sich mit Blut des Polizisten Ertl (Martin Gruber) füllen. Diese unrealistisch große Blutmenge (es gibt noch eine Traumszene mit viel Theaterblut) weist darauf hin, dass hier eben nicht die realistische Darstellung, sondern ein launiger Symbolismus das Zepter führt.

Ehre, wem Ehre gebührt. Heute sind die Münchener Krimis von der Machart eher konservativ, aber als Leitmayr noch einen lockiges Zöpfchen trug und der Carlo Menzinger unnachahmlich den Knecht mimt, der den Herren Kommissaren am Ende den entscheidenden Ermittlungshinweis liefert, da wurde ganz schön experimentiert und das lässt sich heute noch gut anschauen. Gerade die überzogenen Details finden sich zu einem stimmigen Ganzen.

Da gibt es diese beinahe barackenhafte, behelfsmäßig wirkende Dienststelle der Bereitschaftspolizisten, ein ungemütlicher Ort, an dem sich niemand wohlfühlt und niemand wirkt, als sei er dienstlich zuhause. Dann dieser schräge Zeuge mit dem Verfolgungswahn, der aber möglicherweise die richtige Beobachtung am Tatort gemacht hat, an dem der junge Polizist Ertl erschossen wird – er hat im Grunde eine Teufelsfigur gesehen, die dem Dienststellenleiter Ertl doch gleicht, und nicht nur ihm, sondern auch gewissen Negativfiguren der deutschen Geschichte. Das Symbol für die blutigen Geschäfte mit dem Drogentod hatten wir oben bereits erwähnt.

Diese schnelle und launige Art, in welcher der Film gedreht ist, die überbordende Lust an der schematischen Charakterisierung aller Polizisten – außer den Kriminalhauptkommissaren natürlich, die muss man schon in etwa so zeigen, wie  sie eben immer sind – und der Aufbau als halber Thriller, der kein echter Whodunit sein will, machen deutlich, dass hier getestet wurde, ob der Zuschauer mitgeht. Für 1997 ist „Der Teufel“ ein überragend moderner Tatort und einige der erwähnten Besonderheiten machen ihn zudem zum Einzelstück.

In der Polizei. Mehrfach in neueren Tatorten, in Köln, auch wieder in München, hat man die Polizei in Verbindung mit Drogengeschäften gebracht. Wir sind uns sicher, so etwas gibt es auch. Aber in keinem anderen Tatort, der dieses Thema anspricht, war es so schön und auf seine übertriebene Art so kausal vollständig dargestellt wie in „Der Teufel“.  Dass man dazu tief in die parodistische Trickkiste gegriffen hat, finden wir absolut in Ordnung, denn in der Übertreibung liegt die Veranschaulichung.

Klar ist das mit den Turnschuhen, die der Strippenzieher Lehner (Sepp Schauer) allen seinen Leuten auf der Dienststelle besorgt, nicht real, aber es ist witzig, weil man merkt, was die Tatortmacher damit sagen wollen: Gefälligkeiten schaffen Abhängigkeiten und dieser Dienststellenleiter ist äußerst manipulativ veranlagt.

Das merkt man daran, wie er den jungen, ahnungslosen Polizisten Spindler in eine Falle nach der anderen lockt, bis dieser nicht nur als Polizist, der mit Drogen dealt, sondern auch als Täter beinahe überführt scheint. So etwas hat man selten in einem Tatort gesehen. Klar ist auch das wieder over the top, wie der eigene Chef ihm Waffen, Drogen und alles Mögliche unterschiebt, damit Batic und Leitmayr es dann finden. Aber es geht um das Prinzip, Schuldige, hier beinahe im Wortsinn Bauernopfer, zu suchen und zu finden.

Dieses Mal kommt der Großkopferte im kleinen Polizeireich nicht davon, aber man spürt auch dies: Es hätte gut sein können, wenn nicht der eine oder andere Zufall den Fahndern zuhilfe gekommen wäre. Und die Aussage ist – hier  hat es mal einen in mittlerer Position erwischt, der für andere Verantwortung trägt. Aber weiter oben ist noch viel Platz für Bauernopfer.

Ein Nebenkriegsschauplatz. In „Der Teufel“ bekommt auch die Presse in Form des sensationsgeilen Privatfernsehens eins auf die Mütze. Das wirkt heute ein wenig hergeholt. 1997 war die Lage noch so: Die öffentlich-rechtlichen Sender, das waren die Guten. Die Seriösen. Die Privaten, das waren die Teufel des Medienwesens, denen kein Effekt zu billig und keine Aktion oder Manipulation zu niederträchtig war, um Quote zu machen. Das kann man im Jahr 2011 getrost relativieren. Auch ARD und ZDF sind nicht mehr vor populistischen Schockdarstellungen gefeit und die Privaten haben durchaus anspruchsvollere Formate zu bieten als in ihrer wilden Gründerzeit. Da Vieles in „Der Teufel“ bewusst übertrieben wurde, gilt das natürlich auch für die Medienschelte, aber das ist dann stellenweise doch zu viel des Guten oder Schlechten.

Man spricht bayerisch. Zu den Meriten des Films hingegen gehört neben seinen skurrilen Momenten und seiner gewagten Überzeichnung auf jeden Fall das Regionale, das sich wunderbar ins Übertriebene einfügt. Gut möglich, dass in München gar nicht so überragend viel bayerisch gesprochen wird, wie man es hier sieht bzw.  hört. In Berlin wird ja dienstlich auch nicht mehr viel berlinert. Aber die Landessprache gibt dem Ganzen noch einmal einen erheblichen Kick, weil der Krimi dadurh urwüchsig und die Typen noch kräftiger und halt bajuwarischer wirken als ohnehin schon, vor allem der Lehner wird als ein robuster, von Skrupeln und feinen Zügen vollkommen freier Urbayer dargestellt, wie man ihn sich auswärts gerne vorstellt.

In diesem Fall dient also der Dialekt auch dazu, am gewollten Klischee zu feilen. Man hat dabei sogar bedacht, dass Auswärtige nicht jedes Wort verstehen – so ging es uns jedenfalls. Wir kamen aber trotzdem bei der Handlung gut  mit, weil – die wichtigen Sätze, die sind so gesprochen, dass sie auch nördlich des Weißwurstäquators gedeutet werden können.

Finale

Ist der Teufel dieser Lehnert, der seine Dienststelle in ein Netz aus illegalen Handlungen verstrickt? Ist es der Mammon, der die Menschen immer wieder verführt? Man weiß es nicht genau, aber dieser Tatort ist teuflisch gut, auch nach etwa fünfzehn Jahren noch. Die Handlung ist kein Filigranwerk, aber in diesem Fall ist das richtig so. Die rohe Konstruktion, die einen zuweilen an den polizeilichen Skills aller Beteiligten zweifeln lässt, harmoniert auf ebenso eigensinnige wie intelligente Weise mit dem parodistischen Einschlag des Films.

Wie man die Schauspieler dazu gebracht hat, auf eine Art, die für deutsche Krimis ungewöhnlich ist, aus sich herauszugehen, das erfordert eine Regie, die Vertrauen am Set schafft und weiß, was sie will, die sich damit in den Dienst einer Idee stellt, die den Polizeialltag mit all seinen frustrierenden Momenten und daraus resultierenden Versuchungen so darstellt, wie er zwar nicht alltäglich ist, doch umso mehr kommen Hintergründe zum Vorschein. Was vielleicht ein wenig fehlt ist die Sehnsuchtsseite, das Warum. Aber das hätte diesem Tatort eine andere, weniger grimmig-witzige Atmosphäre gegeben. So kann man sagen, eine geschlossene, konsequente Leistung, die wir mit einer sehr hohen Bewertung würdigen. „Der Teufel“ reiht sich in die Riege der Beinahe-Besten besten aus bisher 93 Rezensionen ein: 8,5/10.*

Alle Bezüge in der Rezension spiegeln den Zeitpunkt September 2011 wieder, damals wurde dieser Text erstmalig im „ersten“ Wahlberliner veröffentlicht.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Kommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Christian Spindler – Sebastian Feicht
Rudi Lehner – Sepp Schauer
Carlo Menzinger – Michael Fitz
Richard Ertl – Martin Gruber

Stab
Regie – Thomas Freundner
Musik – J.J. Gerndt
Kamera – Jo Heim
Buch – Alexander Adolph

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