Der Tag wird kommen – Polizeiruf 110 Fall 386 #Crimetime 677 #Polizeiruf #Polizeiruf 110 #Rostock #Buckow #König #NDR #Tag #komm

Crimetime 677 - Titelbild © NDR, Christine Schroeder

Seal it with THE KISS

Nach zehn Jahren ist der Tag gekommen

An dem was genau passiert, in Rostock? So vieles. So unendlich vieles, dass man von einem Wendepunkt, einem Zeitenwechsel sprechen kann. Tod, Klarheit, Erlösung und großartiges Spiel. Die Zuschauer müssen sich von einer wichtigen Figur verabschieden, die ich gerne mochte, ein Teil der  Vergangenheit geht. Vielleicht nicht ganz, aber zumindest wenn jemand geht und etwas zu Ende geht, beginnt im Idealfall, also im Film, etwas Neues oder verändert sich. Mehr dazu steht auf jeden Fall in der -> Rezension.

Handlung

Katrin König wird früh morgens beim Joggen am Warnow-Ufer von zwei Männern zusammengeschlagen, nachdem sie eine andere Frau – Nadja Flemming – vor deren Belästigung schützen wollte.

Besonders schlimm für König, da es ihr sowieso schon sehr schlecht geht, seit sich der Serientäter Guido Wachs erneut bei ihr gemeldet hat. Sie hatte ihn durch eine Beweismanipulation hinter Gitter gebracht. Nun setzt er König unter Druck: Entweder sie hilft ihm, wieder Kontakt zu seiner Frau zu finden, oder er wird sie ihres Vergehens bezichtigen.

Aber es kommt noch schlimmer: Nadja Flemming wird wenig später an der Warnow tot aufgefunden, mit einem Messer erstochen. Und dann ist da noch Bukows Vater, der seinen letzten Deal vorbereitet, um dem Sohn ein Erbe zu hinterlassen.

Rezension

Haben Sie Katrin König schon gesehen – bzw. Anneke Kim Sarnau, die Darstellerin der LKA-Beamtin, die in Rostock in die Mordkommission integriert wurde? Was sie im 22. Ostsee-Polizeiruf zeigt, ist grandios. Gut war sie natürlich immer, aber man hat fast den Eindruck, sie hat sich mit ihrer Figur zusammen auf diesen Erlösungsfilm beosnders vorbereitet oder gefreut. Die Schlussszene wirkt so echt und auch echt berührend. Welche Schlussszene? Eines nach dem anderen.

In diesem Film verliert Sascha Bukow kaum die Nerven, aber seinen Vater, König hingegen wird von ihrem Widersacher Guido Wachs an den Rand des Wahnsinns getrieben, aber am Ende gewinnt sie den Kollegen endgültig für sich und Guido verliert alle Manipulationsmöglichkeiten. Es ist eben doch höhere Gerechtigkeit, dass jemand für einen Mord sitzt, den er nicht begangen hat, weil ihm das tatsächlich begangene Verbrechen nicht nachgewiesen werden kann.

Dass Wachs auch noch den Tod von Buckows Vater herbeiführt, ist vielleicht etwas übertrieben, das Verknüpfen der Stränge wirkt leicht gewollt, aber hätte man sie unabhängig voneinander im selben Film zum gezeigten Ergebnis gebracht, hätte ein exorbitanter zeitlicher Zufall wie der Elefant im Raum gestanden. Und man wollte in diesem 386. Polizeiruf alles auflösen, nicht nur die Hälfte. Die Vergangenheit muss weg, der ganze Ballast auf den Müll, die Seele aufgeräumt werden.

Nachdem in den ersten Jahren Bukows Vater und dessen Machenschaften einen Schatten auf das Dasein des Rostocker Cops legten und König ihrer ungeklärten ferneren Vergangenheit, der Flucht aus dem Osten, auf die Spur kam, blieb der Vater erhalten, die Spur aber endete in der Auflösung der Fluchtgeschichte. Also musste man für König eine neue Belastung erfinden, und die trat in Person von Guido Wachs auf den Plan, dem Sexualmörder. In „Der Tag wird kommen“ liest seine Frau ihm regelrecht die Leviten, in Form eines Briefes, bei einem Gefängnisbesuch. Ob das Selbstbild eines hartgesottenen Narzissten durch so etwas zusammenbrechen wird? Hier scheint es so, obwohl nicht gezeigt wird, ob Wachs sich tatsächlich selbst umbringt. Es wäre durchaus sinnvoll, ihn in Reserve zu behalten.

Die Tat, wegen der ermittelt wird, stellt sich hingegen als Selbstmord heraus, der ebenfalls leicht konstruiert wirkt, vor allem die Sache mit der Police. Entweder gibt es einen Täter oder nicht und bei Selbstmord zahlen Lebensversicherungen nun einmal nicht. Wie will Buckow, der an den begünstigten Lütten, das dreijährige Kind der Selbstmörderin denkt, kaschieren, dass gar keine Fremdtötung vorliegt und daher kein Versicherungsfall gegeben ist? Stimmt das?

Nein, so wird es suggeriert, so ist es aber nicht. Es gibt üblicherweise eine Karenzzeit, in der die Versicherung nicht ausbezahlt wird, um auszuschließen, dass eine Selbsttötungsabsicht schon bei Abschluss der Versicherung vorlag. Diese beträgt in der Regel drei Jahre. Es könnte angesichts des hier gezeigten Verlaufs gerade so hinkommen, dass die Karenzzeit abgelaufen ist. Hingegen dürfte es kaum eine Rolle spielen, dass der Ex-Mann und seine jetzige Frau die Ex-Hochleistungssportlerin nicht von der Selbsttötung abgehalten haben, zumindest nicht versicherungstechnisch und auch nicht, dass sie die Police bei ihm abgeschlossen hat. So gesehen, ist eher die Diskussion zwischen König und Buckow über die Versicherung fragwürdig. Der Junge müsste die 250.000 Euro erhalten bzw. sein Vater darf sie verwalten.

Aber es ist nun einmal nicht dieser Part, der die Zuschauer emotionalisieren soll, allenfalls die Art, wie König sich durch diese Sache durcharbeitet, vollkommen pur, schutzlos, nur noch angekratzt. Trotzdem ist sie es, die auf die Wahrheit kommt, nämlich, dass die Frau sich selbst umgebracht hat und als Ex-Siebenkämpferin auch das Messer nach der Selbsttötungshandlung noch ins Wasser werfen konnte. Es sollte wie Raubmord aussehen. Ich muss nochmal darauf zurückkommen: Diese Vortäuschung war nur dann notwendig, falls die Karenzzeit nicht vorbei war. Ich erinnnere mich aber nicht daran, dass das Abschlussdatum der Police im Film eine Rolle spielte und dabei diese Karenzzeit erwähnt wurde.

Wo war ich vor dem Exkurs stehen geblieben? Genau, dabei, dass das alles nicht so wichtig ist wie der Aufwasch, der 21 Filme aus zehn Jahren nun in DEN KUSS der Polizeiruf-Geschichte münden lässt. Wir haben eine Liaison vor ein paar Jahren in München gesehen, zwischen Kommissar von Meuffels und einer Kollegin, die aber mehr oder weniger zu diesem Zweck eingeführt wurde, das ist nicht das Gleiche wie das epische Ringen um die Gefühle in Rostock, Annäherung, Abstoßung und wieder von vorne. Es gab Tatortschienen, in denen es trotz sichtbarer Affinität der Ermittler*innen nie ein Happy-End gab, am augenfälligsten wohl in Frankfurt bei Sänger / Dellwo und den Nachfolgern Steier / Mey – und man weiß nicht, was sie sich in bzw. für Rostock einfallen lassen, um wieder einen Hund reinzubringen, im 23. Fall. Aber jetzt ist es erst einmal gut und beim nächsten Fall? Etwa doch volle Konzentration auf den Fall? Kann ich fast nicht glauben, weil das schon ein exorbitanter Plot sein müsste, der als Handlungsraum alle Nebengeräusche absorbieren würde.

Finale

Man sollte die Rostocker Vorgeschichte kennen, wenn man am Ende DEN KUSS richtig platziert finden möchte, sonst kommt er zu plötzlich, wie auch die gesamte schon zuvor spürbare Körperlichkeit auf einen Rostock-Einsteiger befremdlich wirken mag. Da ich die Polizeirufe erst seit März 2019 für den Wahlberliner rezensiere, musste ich auch viele der Buckow-König-Filme rückwirkend anschauen und die Chronologie hat dabei selten gepasst, aber eines scheint mir klar: Dass ich die Handlung in „Der Tag wird kommen“ nicht zu komplex fand, lag auch an dieser Befassung mit den Film in Form von Kritiken, durch das Schreiben über behält man die Abläufe etwas besser im Kopf.

Deshalb wage ich auch die Prognose: Man wird für dieses Team einen neuen Nebenspielplatz finden müssen, denn alle vier Mitglieder arbeiten so zusammen, dass ein normaler einsträngiger Plot kaum für 90 Minuten reichen wird. Besonders, wenn er ab und zu durch gekonnte Schnitte beschleunigt wird – was dieses Mal eher selten zu sehen war, damit die Zuschauer*innen nicht doch den Faden verlieren. Dafür wird mit expressionistischer Gestaltung gearbeitet, wenn es um König und ihren Zustand geht und das passt auch. Das Rostocker Team zählt sowieso für mich zu den Top Five aus 22 Tatort- und 4 Polizeiruf-Städten, aber in einer Disziplin sind sie wohl wirklich ganz an der Spitze:

Kein anderes Team ist ohne Bildung einer Sonderkommission so gut aufgestellt, dass es gleichermaßen effizient arbeiten kann. Das liegt daran, dass man die Fähigkeits-Fallhöhe zwischen den vier Emittler*innen nicht zu groß angesetzt hat und sich die internen Querelen mittlerweile eher dezent ausnehmen – auch wenn Pöschel wieder mal das Ego etwas durchgeht. Dadurch kann er aber selbstständig ermitteln und trägt einiges zur schnellen Lösung bei. Ich erinnere mich, etwas Ähnliches mal zu einem anderen Rostock-Polizeiruf geschrieben zu haben. Dann wird’s in dem wohl ähnlich gewesen sein.

Gerade, weil man nun so Vieles begradigt hat, bin ich besonders gespannt auf den hächsten Rostock-Polizeiruf. Wie wird man den wohl größten Resonanzraum in Krimi-Deutschland nun füllen?

Ich habe mal gerade auf Twitter geschaut. Die Reaktionen: Überwiegend schwer begeistert. Romantik funktioniert noch, wenn sie so famos gespielt wird und so ungespielt wirkt. Unser Titelbild haben wir intuitiv gut ausgesucht – es zeigt den Beginn der Schlussszene, die Polizeirufgeschichte schreiben wird.

Jetzt alle nochmal diesen Tweet genießen:

8,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

Katrin Königs (Anneke Kim Sarnau) Nerven liegen blank. Die LKA-Analystin, die seit vielen Jahren für die Mordkommission Rostock tätig ist, wird von einem Dämon verfolgt: Guido Wachs sitzt zwar im Gefängnis, übt aber von hier aus bösen, manipulativen Einfluss auf die Ermittlerin aus. Und dabei haben sie und Kollege Alexander „Sascha“ Bukow (Charly Hübner) eigentlich alle Hände voll zu tun und einen mysteriösen Mord am Stadthafen aufzuklären“, schreibt die Redaktion von Tatort Fans einleitend zum 386. Polizeiruf und kommt am Ende einheitlich zu vier bis fünf Sternen.

Die Frage, ob der Polizeiruf der bessere Tatort ist, klingt ebenfalls wieder an. Allerdings darf man das nicht nur an den Rostocker Polizeirufen festmachen, die auch für mich zu den Tops aus beiden Reihen zählen. Die Premium-Schiene München sortiert sich gerade neu, mit den Krimis aus Magdeburg habe ich nach wie vor Schwierigkeiten und die RBB-Filme aus Brandenburg / Swiecko in Polen finden sich eher im Mittelfeld, wenn ich alle Tatort- und Polizeiruf-Teams in den Blick nehme.

Was schreiben andere Kritiker*innen? Tittelbach.TV vergibt fünf von sechs Sternen und sieht eine gelungene Verknüpfung vieler Handlungsfäden – nicht nur Königs alter Feind Guido Wachs spielt also eine Rolle, sondern es geht auch wieder um die kriminellen Machenschaften von Bukows Vater. Bei keinem anderen Team wie den Rostockern ist es allerdings so wichtig, dass man sich die mittlerweile 22 Filme einmal chronologisch anschaut, damit man nachvollziehen kann, wie die horizontale, nunmehr über zehn Jahre gedehnte Erzählweise funktioniert, die nicht nur eine Entwicklung zwischen Buckow und König zur Folge hat, sondern auch die Koordinaten der Polizeiarbeit verschiebt: War Buckow anfangs ständig unter Druck, gerät nun König mehr und mehr in einen Ausnahmezustand hinein.

Lohnt sich das Einschalten? „Auf jeden Fall. Der Krimi ist sehr spannend, äußerst raffiniert gestrickt und obwohl viele der Haupt- und wiederkehrenden Figuren diesmal ihren eigenen, ganz persönlichen Kampf führen, verbinden sich die einzelnen Handlungsstränge zu einem großen roten Faden. Wirklich beeindruckend, wie viel in einen einzigen Krimi passt“, schreibt der Stern. Auch von dieser Seite wird die Entwicklung des horizontalen Erzählens gelobt.

Die Funktion von Eoin Moore, der auch hier wieder Regie führt für den Rostock-Tatort ist dabei besonders zu erwähnen. Er hat diese Schiene mitentwickelt und auch dann, wenn er an Filmen nicht ausführend beteiligt war, als Head-Autor über sie gewacht, zumindest ist er bei Rostock-Polizeirufen in dieser Funktion angegeben. Nicht in allen Bukow-König-Filmen wird deren persönliche Story gleichermaßen vorangetrieben, es gibt durchaus Haltepunkte, aber zumindest vom Ende der Nr. 21 her gesehen, „Söhne Rostocks“, scheint alles auf Linie zu sein. Auch wenn die Linie sehr lang ist, schließlich arbeiten die vier Rostocker Teammitglieder seit zehn Jahren zusammen und die Anbahnung einer Liaison unter Arbeitskolleg*innen dauert nicht so lange, wenn die Grundlagen dafür vorhanden sind.

„Geliebter Serientäter“ titelt Christian Buß im Spiegel: „Schluss mit Scheusal: König und Bukow treffen im letzten „Polizeiruf“ vor der Sommerpause zum zweiten Mal auf den Frauenhasser Wachs – ein Krimi, der die losen Enden der letzten Folgen effektvoll zusammenbindet.“

Blöd leider doch, dass die letzte Episode für mich nun über 90 Rezensionen her ist, die Rubrik „Filmfest“ nicht mitgerechnet, aber ich werde versuchen, mich zu erinnern. „Zorn und Zärtlichkeit“ hieß der Titel des Artikel ursprünglich, wie man in der Browserzeile noch sehen kann – sehr charmant, wieder einmal. Buß vergibt 8/10, nur einmal habe ich von ihm eine höhere Bewertung gesehen, seit wir die Vorschauen als kleine Kritikenpräsentation anlegen – letzte Woche für den München-Tatort „Lass den Mond am Himmel stehn“.

In der Süddeutschen wird die moralische Frage betont: „Darf man selbst schuldig werden, um Schuldige bestrafen zu können?“ Der Film sei für Gelegenheitsgucker kaum geeignet, aber für Fans der richtige Abschluss der Saison 2019/2020 vor der Sommerpause. Ich bin mittlerweile Fan, also hoffe ich auf genau das: Einen fulminanten Abschluss als Entschädigung für die Leiden in der Pandemie-Zeit. Es wird übrigens spannend werden, zu sehen, ob im zweiten Halbjahr die enge Premierentaktung besonders bei den Tatorten eingehalten werden kann, denn vermutlich kam es infolge des Corona-Lockdowns auch zu Produktionsverzögerungen.

TH

Playlist, Besetzung, Stab

Anja Plaschg – „Me and the Devil”
Jermaine Cole – “No Role Modelz”
Anja Plaschg – “Sleep”
Leonard Cohen – “So Long Marianne”
Regine Dobberschütz – “Solo Sunny”

LKA-Analystin Katrin König – Anneke Kim Sarnau
Kriminalhauptkommissar Alexander „Sascha“ Bukow – Charly Hübner
Leiter der Mordkommission Henning Röder – Uwe Preuss
Kriminaloberkommissar Anton Pöschel – Andreas Guenther
Kriminaloberkommissar Volker Thiesler – Josef Heynert
Häftling Guido Wachs – Peter Trabner
Alexanders Vater Veit Bukow – Klaus Manchen
Nadja Flemming – Xenia Rahn
Nadjas Ex-Mann Klaus Flemming – Helgi Schmid
Klaus‘ zweite Ehefrau Annie Flemming – Victoria Schulz
Hausmeister Bender – Björn Meyer
Roman Dörfel – Anton Weil
Mike Führmeister – Florian Kroop
Benni – Miguel Ribeiro
Tito – Alexandru Cirneala
Obdachlose Erna – Rike Eckermann
Ex-Frau von Guido Wachs – Florentine Schara
Marion Breckwoldt – Sandra Freist
Dr. Brandstetter – Julia Schmidt
u.a.

Drehbuch – Florian Oeller
Regie – Eoin Moore
Kamera – Andreas Höfer
Szenenbild – Sonja Strömer
Schnitt – Florentine Bruck
Ton – Thorsten Schröder
Musik – Warner Poland, Bernhard Glum, Kai Uwe Kohlschmidt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s