Unsterblich schön – Tatort 780 #Crimetime 679 #Tatort #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #BR #schön #unsterblich

Crimetime 679 - Titelfoto © BR, Elke Werner

Macht Schokolade unsterblich schön?

Die Handlung in einem Satz: Eine Frau wird in einem Spa tot aufgefunden, mit Schokolade überzogen, Batic und Leitmayr ermitteln von Beginn an in einem engen Beziehungsgeflecht und stoßen dabei auf flache Menschen und tiefe Abgründe.

„Unsterblich schön“ war der letzte München-Tatort vor dem Beginn unserer Direktrezensionen im Anschluss an die jeweilige Premiere eines Falles im Rahmen der TatortAnthologie des „ersten“ Wahlberliners.

Ist doch beinahe unsterblich schön, dass der Bayerische Rundfunk sich etwas trauen darf, weil die Stadt passt und weil hier schon so viele Spitzentatorte inszeniert wurden. „Unsterblich schön“ ist eine Variante, die man hier immer wieder einmal wählt, obwohl man sich der Tatsache klar ist, dass Krimifans darüber geteilter Meinung sein werden und der eine oder andere Zuschauer sich auf den Schlips getreten fühlen wird. Wovon ist die Rede? Das steht in der -> Rezension.

Handlung

Konstanze Schiller, die erfolgreiche und begehrenswerte Besitzerin eines Münchener Spas, wird tot in einem Schokoladenbad aufgefunden – ein nahezu perfekter Mord. Die Münchener Hauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr stellen schnell fest, dass auch die Familie der Toten sich ganz dem Schönheitskult widmet: für Mutter Rita Schiller ist Schönsein schlicht das Maß aller Dinge und Konstanze dessen Verkörperung. Dem Ehemann und Männermodel Andreas Lutz bedeuten Attraktivität und Jugendlichkeit nicht weniger als die Existenz. Und für die ewig zu kurz gekommene Schwester Dorothea Jahn ist Schönheit ein Ziel, das sie bitter verfolgt.

Mit viel psychologischem Gespür bringen Batic und Leitmayr Stück für Stück die Fassade einer zerrütteten Familie zum bröckeln, die den Wert eines Menschen an seinem Aussehen misst. Dabei versuchen die Kommissare es mit grimmigem Humor zu nehmen, dass eine jugendliche Erscheinung offensichtlich das neue Muss in unserer Gesellschaft geworden ist – bis sie herausfinden, welch tragische Konsequenzen das haben kann.

Rezension

Man pickt sich ein besonderes Milieu heraus, Esoteriker, Literaturfreunde, Großstadtsingles – oder eben Menschen, die dem Schönheitswahn in der speziellen Form des Nicht-älter-werden-Wollens verfallen sind und inszeniert in diesem Milieu einen sehr stylischen und auf die Figuren konzentrierten, mithin nicht allzu rasanten Fall.

Einen Fall, mit dem es etwas Seltsames auf sich hat. Wir dachten, wir hätten ihn bereits rezensiert, fanden dann aber den Beitrag nicht. Erst nach dem nochmaligen Anschauen begegnete er uns dann doch – als unfertiger Entwurf. Außerdem sind wir wieder mehrmals beinahe eingenickt, man soll halt solche Filme auch nicht im Biorhythmus-Tief am Samstagnachmittag schauen. Aber die Inszenierung hat etwas Einschläferndes, so sehr wir auch das intensive Spiel der Darsteller schätzen. Vielleicht liegt es daran, dass wir ein Spa und das dort vertretene Klientel weniger spannend finden als zum Beispiel eine pfundige Intrige zwischen elaborierten Angehörigen des pädagogischen Clusters (Scherz!).

Man muss nicht die meiste Zeit seines Lebens in einem Spa zubringen und eine Frau sein, die nicht arbeiten muss, weil der Mann das Spa, das Botox (das im Film Bu-tox geschrieben wird) und die Designerklamotten bezahlt, man muss zum Beispiel nur einen Fitnessstudio-Vertrag abarbeiten, um über viele Aspekte in „Unsterblich schön“ lachen zu können, weil sie gerade durch ihre Pointierung treffend wirken.

Es gehört viel Sicherheit und Selbstbewusstsein dazu, Tatorte so zu machen, weil die Polarisierung vorgegeben ist. Zudem sind die Figuren so gezeichnet, dass kaum Identifikationspotenzial entsteht, auch die Kommissare biedern sich dem Publikum nicht an, sondern kennen sich mit dem Anti-Aging-Kram nicht aus (Leitmayr), erklären ihn dem Kollegen und den weniger orientierten Zuschauern weitgehend emotionslos (Batic) und sind in den langen Verhören dieser Episode auf eine raue und wohl ebenfalls gewollt simplifizierte Weise psychologisch trickreich und unsympathisch (vor allem Leitmayr).

Gibt es wirklich Menschen, die älter werden cool finden? Die es schätzen, dass das Gewebe Jahr für Jahr schwächer wird, dafür die Neigung zu Zipperlein immer stärker? Grundsätzlich verstehen wir, dass Menschen sich dem entgegenstemmen wollen, zumal auch vor uns selbst die Zeit nicht haltmacht. Spotten sollte über dieses Thema nur derjenige, welcher über den Schlüssel zum ewigen, möglichst von Gebrechen freien Leben verfügt.

Mit Sport kann man viel dagegen tun, dass Altern auch fragil werden bedeutet, aber gegen manche physische Grunddisposition ist kein Laufband, keine Hantel und keine Krankengymnastik gewachsen. Schon gar nicht gegen die Falten und das Erschlaffen der Haut, Erscheinungen, die irgendwann mit tödlicher Sicherheit kommen, dies sogar bei Menschen mit gutem Bindegewebe.

Die Figur Andreas Lutz (Robert Atzorn in einer Rolle nach dem Ende seiner Zeit als Hamburger Tatort-Kommissar Castorff) ist ein Typ, der durchaus sportlich wirkt und gar nicht wie jemand, der zu oft beim Schönheitschirurgen war, weshalb es auch etwas seltsam rüberkommt, dass er Bu-Tox im Kühlschrank hat. Vielleicht, weil man ihm sein natürliches Altern ansieht, hat er Probleme mit seiner ohnehin jüngeren Frau Konstanze Schiller (Tatjana Alexander), die in „Unsterblich schön“ jenen spektakulären Tod im Schokobad findet. Dieser Tod entsteht nicht durch Bu-Tox, sondern durch eine kussseitig herbeigeführte Lebensmittel-Spontanallergie: Erdnüsse!

Ein Schokobad hingegen wirkt nicht deshalb letal, weil möglicherweise viele Hautporen nicht mehr atmen können, ebenso, wie dies bei einem Schlammbad nicht der Fall ist. Wieso die Hautatmung, anders als bei einer Verbrennung, hier keine negativen Folgen hat, haben wir noch nicht untersucht, aber auch wir werden ja mal in Rente gehen und uns für solche schönen Forschungsaufgaben die notwendige Zeit nehmen können.

Alle Figuren sind inszeniert, in diesem Krimi, sie sind überzeichnet, sie sind reduziert auf ein Thema – Altern und Schönheit und wie man das eine verbergen kann und das andere erhält. Da gibt es großartige Szenen wie die, in denen vier mit Bu-Tox verjüngte Damen, die sich dem Müßiggang hingeben können, bei den Kommissaren Batic und Leitmayr im Büro sitzen wie die sprichwörtlichen, wenig durchdrungenen Hühner auf der Stange. Sicher einer der schönsten Momente dieses an auf  hinterlistige Art skurrilen Momenten und ebensolchen Dialogen reichen Tatortes.

Das passt so schön ins Schickeria-München. So glaubt man als Außenstehender, muss es dort sein. Gewiss ist da etwas dran, denn die Leute dort haben mehrheitlich keine existenziellen Sorgen, leben nicht den puren Existenzkampf, der in Berlin weite Teile der Bevölkerung in Atem hält. Die Ansprüche in München sind nicht darauf gerichtet, wie man Geld für ein gebrauchtes Fahrrad aufbringt, sondern – zum Beispiel – auf die Perfektionierung der eigenen Optik und den Titanenkampf gegen das unausweichliche Nahen des Todes. Optimierung, nicht Grundsicherung. Wenn man es genau betrachtet, ist dieser Kampf ebenso heroisch wie jeder andere, denn wer in unserer agnostischen Welt verlässt sich schon darauf, dass jenes kurze Diesseits nur eine Übergangsphase zum Erleuchtung verheißenden Jenseits ist und daher der Zustand der irdischen Hülle nachrangig?

Wenn wir bei dem Vergleich bleiben, sehen wir aber auch sofort, wo es hakt, in dieser schönen Scheinwelt. Die Figuren werden mit voller Absicht hohl, inhaltsleer gezeichnet, nur mit sich selbst beschäftigt und fern jeder Einbindung in ein größeres Ganzes. Keine Spur von der kraftvollen Originalität, dem Witz und dem Mitten-im-Leben-Stehen, das auch junge Leute in unserer Wahlstadt schon in sich tragen (man muss über Berlin ja auch mal was Positives schreiben, wo es angebracht ist). Auch hier, das soll nicht verschwiegen werden, gibt es in gewissen Vierteln jetzt Schickeriatendenzen und in anderen gab es sie immer schon. Da wird es dann langweilig. Spielen Tatorte in diesen Milieus, haben sie Figuren, die so blutarm wirken wie die Figuren in „Unsterblich schön“. Im Münchener Tatort ist aber nicht die Inszenierung oberflächlich, das ist der Unterschied. Anmerkung: Der Entwurf der Rezension wurde geschrieben, bevor die beiden Berliner Tatorte „Machtlos“ und „Gegen den Kopf“ gezeigt wurden, die einen großen Qualitätssprung mit sich brachten und natürlich vor dem Start des heutigen Tatort-Berlin-Teams Karow / Rubin.

Aber es sind eben die Charaktere, die so wirken, nicht der Tatort selbst, der sich anhand der kauzigen Gespräche von Batic und Leitmayr positioniert, ohne dass diese These und Anitthese (für oder gegen Botox bzw. Bu-Tox?) explizit erörtern müssen. Es reicht schon aus, dass Leitmayr überhaupt keine Ahnung von dieser Welt der Schönheitsfarmen hat und durchblicken lässt, wie absonderlich ihm das alles vorkommt.

Finale

In einem sind wir ganz einer Meinung mit den Damen am Pool, und das von Beginn an: George Clooney schlägt optisch alle, egal, ob sie Brad Pitt, Barack Obama oder Johnny Depp heißen – und eines sieht man gleich. Die Ladies haben Geschmack. Dass ihr Leben nur um einen ausschließlich über Optik und Jugendlichkeit definiertes Selbst kreist, dass sie daher gezwungen sind, sich ständig zu vergleichen und nie zur Ruhe kommen, nicht mal in einem Schokoladenbad, zeigt leider, dass Geschmack ohne kulturellen Hintergrund auch keine Lösung ist. Ästhetizismus anstatt Schönheit durch harmonische und strahlende Einheit von Innerem und Äußerem.

Leider hatten wir bei diesem Tatort das erwähnte Problem, zu folgen, weil es neben der betont langsame Gangart des Films – mit einer solchen haben wir normalerweise keine Probleme, wenn dafür die Figuren und Dialoge interessant sind – offenbar noch etwas beinhaltet, was wir nicht genau verorten konnten. Die Darsteller*innen tun ihr Bestes, um langweilige Menschen interessant rüberzubringen, doch hat sich die innere Öde der Figuren arg verdichtet und dabei wohl eine leicht einschläfernde Wirkung entfaltet – daher nur

7/10.

© 2020, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Konstanze Schiller – Tatjana Alexander
Andreas Lutz – Robert Atzorn
Jürgen Jahn – Peter Davor
Dorothea Jahn – Victoria Trauttmansdorff
Franzi Jahn – Annika Preil

Drehbuch – Stefanie Kremser
Regie – Filippos Tsitos
Kamera – Polidefkis Paul Kirlidis
Musik – Josepha van der Schoot

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