Rattennest – Tatort 22 #Crimetime 680 #Tatort #Berlin #Kasulke #SFB #Ratten #Nest

Crimetime 680 - Titelfoto © SFB / RBB

Götz im Müll

Nach „Der Boss“ füllt der RBB nun die Tatort-Sommerpause 2017, in der keine Premieren auf den Bildschirm kommen, mit dem nächsten „Alt-Tatort“ des Vorgängersenders SFB – dem zweiten und letzten des Ermittles Kaskulke (Rolf Esser). Aber was hat es mit Götz und dem Müll auf sich? Dies und mehr klärt sich in der Rezension.

Handlung (komplett mit Auflösung, Wikipedia)

Bernd Laschke wird aus dem Gefängnis entlassen und versteckt sich vor den Mitgliedern der Bande, der er früher angehörte. Deshalb will er mit seiner Familie in die DDR übersiedeln, jedoch wird er aufgrund seiner kriminellen Vergangenheit wieder nach West-Berlin zurückgeschickt, einige Zeit später kehrt auch seine Familie aus der DDR zurück. Laschke wird vom Bandenboss Jerry, den Bandenmitgliedern „Frankenstein“ und Stocker gesucht, da sie befürchten, er könnte sie alle verraten. Jerry hatte sich nämlich nicht an die Abmachung gehalten und Laschke weder im Gefängnis Vergünstigungen verschafft noch hat er ihm seinen regulären Anteil zukommen lassen. Laschkes Frau und sein Sohn suchen ihn ebenfalls und da sie über das Meldeamt nicht weiterkommen, wenden sie sich an die Polizei, wo Kommissar Kasulke auf den Fall aufmerksam wird. Schließlich konnten die anderen Bandenmitglieder nie gestellt werden und treiben noch immer ihr Unwesen mit Schutzgeld-Erpressung und Überfällen auf Betrunkene.

Laschke wird von der Bande im Hinterzimmer der Bar des „Dicken“ gestellt, hat sich aber in der Zwischenzeit eine Pistole besorgt, und „dreht den Spieß“ um. Er fährt mit Jerry als Geisel davon und macht ihm klar, dass er einiges bei ihm gut hätte. Er lässt Jerry übel zugerichtet auf einer Müllkippe zurück, raubt anschließend Jerrys Tresor aus, und wird vom Rest der Bande schließlich als neuer Boss akzeptiert. Allerdings kommt auch Kasulke der Bande auf die Spur und verhaftet „Frankenstein“, Stocker und Rudi.

Jerry kidnappt inzwischen Laschkes Sohn und verlangt das geraubte Geld aus dem Tresor als Lösegeld. Bei der Übergabe erschießt Laschke Jerry, wird aber dann selbst im Auftrag von Felix, dem Boss einer anderen Bande, erschossen. Jerrys Freundin hatte ihn um Hilfe gebeten, in der Hoffnung, dass die alte „Ordnung“ wieder hergestellt werden würde. Ehe die Polizei am Tatort eintrifft kann Felix unerkannt entkommen.


Rezension

Allerdings spielt der Ermittler im 22. Tatort eine untergeordnete Rolle, gehört zu den farblosesten Figuren in diesem Film und muss gefühlt zehnmal „Beruhigen Se sich mal“ zu einer Frau sagen, bei der klar zu erkennen ist, dass sie weder der Typ ist noch Grund hat, um ihre Beunruhigung auf Zuruf einzustellen. Der Film folgt, wie der Berliner Erstling „Der Boss“ noch nicht dem mittlerweile klassischen Schema, das zu Beginn eine Leiche, also einen Tatort vorsieht, an dem die Ermittler_innen erscheinen und immer die gleichen Dinge fragen. Dabei ist es wohl genau diese Gleichförmigkeit, die den Krimizuschauer in sich immer wieder und immer weiter wandelnden Zeiten bei der Strange halten. Wenigstens auf die obligatorische Leiche und das rot-weiße oder blau-weiße Absperrband kann man sich noch verlassen. 

Ganz anders sieht es mit der Geschichte der Berliner Tatorte aus. Sie spiegeln die Zerrissenheit der Stadt. Kaskulke war zweifellos einer der am wenigsten prägnanten Kommissare aller bisherigen Tatort-Zeiten und nach seinem zweiten Fall „Rattennest“ war Schluss. Das Problem ist auch beim Drehbuch angesiedelt, das den Ermittlern sehr wenig Raum gibt und sie außerdem immer zu spät kommen ließ. Das Gefühl bleibt, einen heutigen Tatorte, in dem die Ermittler*innen sehr hervortreten, hätte die Figur Kasulke nicht tragen können. 

Und dann sechs Jahre kein Berliner Tatort mehr. Der Hauptstadtsender SFB hatte offenbar die Schnauze erst einmal voll von  der Reihe und schätzte vielleicht auch deren Erfolg und Dauerhaftigkeit falsch ein, die sicher nicht den ersten Berliner Fällen zu verdanken sind. In den späten 1970ern und bis 1991 ging es genau so weiter. Die Berliner Krimis galten als mittelmäßig bis  unterdurchschnittlich. Besonders die Roiter-Filme wurden sehr kritisch aufgenommen. Mit der Figur Markowitz, die vom Starschauspieler Günter Lamprecht erfunden und dargestellt wurde, kam etwas wie individuelle Klasse und eine besondere Nachwende-Stimmung auf, die in schroffem Gegensatz zum offiziell deklarierten Aufbruch ins vereinte Berlin im vereinten Deutschland stand. Doch bis heute hat man den Eindruck, diese Stadt bleibt tatortmäßig weit hinter dem zurück, was sie als der interessanteste Ort im Land bereithält.

Trotzdem ist es richtig und wichtig, dass der RBB die alten Zeitdokumente restauriert hat und jetzt als kleine Sommerreihe anbietet. Denn wir sehen in ihnen vieles, was Berlin besonders machte, wenn auch eher im negativen Sinn. Die eingemauerte Subventionsinsel begann ganz eigene Milieus und Typen zu entwickeln. Noch eine Generation länger in diesem Zustand, und in der Stadt wüsste heute niemand mehr, wie man ehrlicher und geregelter Arbeit nachgeht. Zumindest wirkt es in den Filmen so und da ist sicher etwas dran. Ein wenig Milieuschilderung habe ich an der Schnittstelle zwischen Entwurf und Veröffentlichung herausgekürzt, weil sie mir heute zu pauschal vorkommt. Der Sommer 2017, in dem der Entwurf entstand, war heikel und ich auf Distanzierung ausgerichtet, auch die eigene politische Bubble betreffend. Trotzdem: Dass die Tatorte Berliner Mäntel, die immer noch nachwirken, so klar spiegeln, ist faszinierend und abstoßend zugleich.

Allerdings finde ich Kasulke Nr. 2 schon etwas besser als Nr. 1. Der ein Jahr jüngere Film ist nach dem gleichen Muster einer Gaunerballade angelegt wie der erste, aber deutlich kompletter, vielgestaltiger und vor allem besser gespielt – dank des Einsatzes damals schon bekannter Größen wie Götz George und Ingrid van Bergen im Rattennest-Milieu. Einen Kurzauftritt von Didi Hallervorden nimmt man mit Schmunzeln zum Kenntnis, ebenso einige Szenen des Films.

Damit zu Götz George auf dem Müll. Die Rolle des Gangsters Jerry, dessen Wesen Hybris und Hosenscheißerei bestens vereint, weist schon ganz stark auf Georges Paraderolle als schleimerisch-großkotziger Journalist in „Schtonk“ hin, die fast zwanzig Jahre später den Höhepunkt seiner Karriere darstellte. Was man auch klar sehen kann: Berlin, heute auch Hauptstadt der PC, scheute sich 1972 nicht vor allerlei Übergriffigkeiten. Die Ganovenbande als Team von Ratten und ihren Unterschlupf als Rattennest zu bezeichnen, würde heute zu Recht nicht mehr angehen, ebenso, wie eines der Bandenmitglieder hingebungsvoll und bei jeder Gelegenheit als Frankenstein zu apostrophieren, womit erstens dessen Kreatur gemeint ist und dem Typ, den er hier darstellt, ebensowenig gerecht wird wie den darstellerischen Möglichkeiten von Herbert Fux, der seinen Charakterkopf permanent für optische Diskriminierung hinhalten musste. Aber so rudimentär war Berlin damals wohl, die Schnauze, die alles andere als herzlich war, dominierte noch über die heutige Tendenz um gesellschaftslinken Wording.

Die qualitativen Mängel liegen dieses Mal, anders als bei „Der Boss“, der insgesamt sehr ruckig war, eher in der Dramaturgie und im Schnitt. Kurios, wie stellenweise die Schnittfolge genau dort das Geschehen beschleunigt, wo eher Hinhalten angesagt wäre und andere Szenen viel zu sehr gedehent werden. Der Rhythmus ist alles andere als angepasst und das Drehbuch schert sich wenig um einen guten Spannungsbogen. Sicher kann man das, was man sieht, überinterpretieren, aber wenn ich einen Film wie „Rattennest“ mit den Schleswig-Holstein-Tatorten als Maßstäben der ersten Jahre, den Finke-Filmen, die regelmäßig von Wolfgang Petersen inszeniert wurden, vergleiche, sind sehr deutliche Qualitätsunterschied in den wichtigsten Filmkategorien Drehbuch und Inszenierung zu bemerken.

Daher werden die Finke-Tatorte heute als Klassiker angesehen, während die Berliner Tatort-Geschichte erst in den 1990ern wirklich beginnt und auch unter Ritter und Stark erst gegen Ende von deren gemeinsamer Zeit, also erst vor wenigen Jahren, die Vereinigung aller Möglichkeiten erbrachte und den spezifischen Großstadtkrimi lieferte, den man aus dem heutigen Berlin erwarten darf. Leider treibt man die aktuellen Cops Rubin und Karow jetzt in Richtung Überstilisierung, aber auch das ist ja ein Ausdruck des herrschenden Zeitgeistes. 

Allerdings muss ich die Pointierung der Bemerkungen, die sich mit der soziologischen Betrachtung Berlins in der Vorwende-Zeit befassen, auch relativieren. Die Tatorte zeigen Typisches, aber nicht die Stadt an sich. Die damals noch hier ansässige, weil hoch subventionierte Industrie kommt ebensowenig vor wie das alte, sozusagen native Berlin, das sich höchstens einmal in ein paar Randfiguren und vergammelten Hinterhöfen präsentieren darf. Das wurde mit dem Jazz-Melancholiker Franz Markowitz in seinen Wendekater-Filmen viel deutlicher porträtiert, obwohl bis zu seinem Einsatz zwanzig Jahre vergangen waren. Da ging es auch eher darum, noch schnell das Alte ins Bild zu bringen, das in den 1970ern noch bestehende Kleinganoventum in den Mittelpunkt zu rücken, das die beiden ersten Berlin-Tatorte zeigen.

„Rattennest“ hat einige witzige Momente und ist heute vor allem ein Film-Zeit-Dokument Berlins. Für Leute, die ihre Tatortsammlung vollständig haben möchten und Fans von Götz George. In Maßen besser als „Der Boss“.

6,5/10

 © 2020 (Entwurf 2017) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Kasulke – Paul Esser
Roland – Gerhrad Dressel
Herta – Carla Hagen
Thomas – Angelo Kanseas
Bernd Latschke – Jan Groth
Jerry – Götz George

Regie: Günter Gräwert
Kamera: Horst Schier
Buch: Johannes Hendrich
Szenenbild: Oskar Pietsch

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