Familienbande – Tatort 782 #Crimetime 682 #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #WDR #Familien #Bande

Crimetime 682 - Titelfoto © WDR, Willy Weber

Ein Unfall kommt selten ohne Mord

Der Film wurde im Dezember 2010 ins Fernsehen gebracht, im März 2011 starteten wir mit der TatortAnthologie des „ersten“ Wahlberliners – bis heute rezensieren wir neue Tatorte kurz nach ihrer Premiere. „Familienbande“ hatten wir also knapp verpasst und der Film wurde bis heute offenbar auch nicht oder sehr selten wiederholt, obwohl er in wichtigen Episodenrollen gleich zwei Darstellerpersonen zeigt, die heute selbst als Kommissar*innen für die ARD im Einsatz sind: Anna Schudt, die beim WDR geblieben ist und in Dortmund an der Seite von Peter Faber spielt (ihr dortiger Rollenname: Martina Bönisch) und Mark Waschke, als Robert Karow nun für den RBB in Berlin im Einsatz, neben Meret Becker (Nina Rubin). Und wie war der Film? Darüber berichten wir in der -> Rezension.

Handlung

Ein 9-jähriger Junge wurde erfroren im Kühlcontainer des Vorwerks in einem kleinen Ort am Stadtrand von Köln aufgefunden. Vergeblich hatte er versucht, die durch einen Stromausfall verschlossene Tür von innen zu öffnen. Die Indizien scheinen auf einen tragischen Unglücksfall hinzudeuten. Wer sollte auch ein unschuldiges Kind umbringen wollen? Doch in der Familie des Jungen liegt einiges im Argen und innerhalb der Ortsgemeinschaft tut sich so mancher Abgrund auf. Schon bald stoßen die Kommissare auf Hinweise, die einen Mord durchaus möglich erscheinen lassen.

Zunächst gerät die Besitzerin des Vorwerks ins Zentrum der Ermittlungen. Iris Findeisen ist erst seit etwa einem Jahr hier ansässig und hat offenbar nie richtig Fuß fassen können. Ob aus privatem oder geschäftlichem Interesse, ein jeder scheint sie loswerden zu wollen. Allen voran Bernd Bürger, der Vater des Verstorbenen, der sie noch am Fundort der Leiche als Mörderin beschimpft. Ganz anders Bernds Frau Nadja Bürger, die Einzige, die mit Iris Findeisen befreundet und fest davon überzeugt ist, sie hätte ihrem Sohn nie etwas antun können. Mit familiärem Zusammenhalt und gegenseitigem Beistand ist es in dieser alteingesessenen Familie offensichtlich nicht weit her.

Rezension

Genau genommen, beinhaltet der Tatort 782 eine kleine Sensation. Unseres Wissens zum ersten Mal wird in einem Film der Reihe eine lesbische Beziehung gezeigt, und zwar zwischen zwei Frauen, die nach unserer Ansicht von den Typen, die sie repräsentieren, gut als Frauenpaar vorstellbar sind – die recht resolut wirkende Iris Findeisen (Anna Schudt) und die sanfte Nadja Bürger (Katharina Lorenz). 

Die Enttäuschung folgt aber auf dem Fuß. Die Rezeption findet ausschließlich im Spiegel der Familie Bürger statt, bei dieser wiederum wird nicht klar ersichtlich, warum das System auseinanderbricht und es wird auch nicht schlüssig gezeigt, wie sich das System sozusagen von innen zerstört. Der Tod des kleinen Marc war ein Unfall, aber wenn man beim Verhör genau hinhört, merkt man, da gibt es Unschärfen, es wirkt nämlich an einer Stelle, als habe Sven Gebauer sehr wohl gewusst, dass der Junge im Kühlraum ist. Die äußerst fragile Kühlraumtechnik wirkt arg konstruiert, ebenso die Geschichte mit der doch nicht erfolgten Waffenrückgabe, die lediglich für ein paar Verknotungen sorgt, denn für den Mord, für den zweiten Todefall im Film, wäre dieses Element nicht notwendig gewesen. Beide Geständnisse kommen in diesem Film viel zu leicht und die Gefühle laufen alle mehr oder weniger auf der Behauptungsebene ab. Man kann auch sagen, dieser Film wirkt für ein Familiendrama viel zu fischig. Das liegt nicht nur daran, dass zu viel erzählt und zu wenig ermittelt und zu wenig gezeigt wird, sondern auch, wie erzählt wird: „Die können Sie mir nackt auf den Bauch binden, da würde überhaupt nichts passieren!“ (Bernd Bürger über Iris Findeisen). Klar, wie sollte das auch gehen, wenn eine Person einer anderen auf den Bauch gebunden wird? Immerhin ist dieser Satz hängen geblieben, das gilt für fast alle anderen nicht, weil sie so konventionell sind. 

Was an Intuition fehlt, wird durch Penetranz ausgeglichen. Dass die böse Mutter Bürgerin mit dem zweiten Todesfall etwas zu tun hat, ahnt man schon, bevor er überhaupt passiert und ein guter Dorfkrimi ist „Familienbande“ auch nicht, denn dazu, das finstere Dorf als Setting auszukosten, hätte in diesem Fall unbedingt gehört, dass die lesbische Beziehung im Gasthaus für Aufruhr sorgt, ein kleiner, eifersüchtiger Steinwurf, der auch wieder nicht perfekt begründet ist und ins Nichts führt, reicht da schon deshalb nicht aus, weil er nichts mit dem Verkauf des Hofes zu tun hat und ein aktueller Anlass zur Eifersucht gar nicht besteht. Da wir im Moment viele Polizeirufe aus der Spätzeit der DDR rezensieren, möchten wir beinahe auffordern: Schaut euch mal an, wie dort Familiendramen aufgezogen wurde. Die WDR-Chefproduzentin Sonja Goslicki kennt sich doch aus, sie hat vor der Wende als Dramaturgin für die Reihe Polizeiruf 110 gearbeitet. Es muss aber auch gesagt werden: Viele Köln-Dramen spiegeln durchaus das Erbe der Polizeirufe, die Art, wie soziale Themen hier abgearbeitet werden, auf eine positive Weise wieder und in Sachen Dialektik macht den Kölnern kein anderes Team etwas vor.

Woran lag es also, dass dieses Mal kein überzeugendes Werk entstand? Regie führte mit Thomas Jauch einer der routiniertesten Tatort-Inszenierer, der nach unserer Ansicht allerdings auf gute Drehbücher angewiesen ist und mit seinem Stil nicht Filme „drehen“ kann, dazu ist er zu konventionell. Hier wirkt es sogar, als ob Schauspieler*innen wie Anna Schudt, Mark Waschke um einiges hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, auch die Darsteller von Max und Freddy hatten schon fulminantere Darbietungen abgeliefert. Und es kommt nicht mal ein Straßenkreuzer aus dem Bestand an von der Polizei beschlagnahmter Karossen als Dienstwagen zum Einsatz, sondern, für Köln untypisch, ein langweiliges silbernes T-Modell der Mercedes C-Klasse. In diese Film sind wirklich viele Möglichkeiten nicht genutzt worden. Offenbar liegt das Dorf immerhin direkt vor den Toren Kölns, sonst würden die beiden Verbrechensbekämpfer der Domstadt nicht Abends an der Wurstbraterei Station machen, sondern sich ein Zimmer suchen oder zwei und richtig ins Dorfleben eintauchen, von dem man so leider kaum etwas sieht. 

Ein paar Takte zur Nebenhandlung. Es ist in Köln nicht unüblich, dass kleine Beiwerkgeschichten erzählt werden, gerne aus Freddys Privatleben, weil Max keines hat, die mit der eigentlichen Handlung absolut nichts zu tun haben. Und hier geht es auseinander. Richtig gemacht: Dass Freddys Tochter sich begleiten lässt, als sie ins Jobcenter geht. In der Leistungsabteilung sollte man als „Kunde“ nicht ohne Zeugen aufschlagen. Diese müssen ja nicht das Gespräch übernehmen, wie Franziska es hier für die überforderte Melanie tut. Falsch: Dass Franziska hinterher Freddy erzählt, seine Tochter käme mit Hartz IV nicht klar, weil er sie zu sehr verwöhnt. Welcher Küchenpsychologe hat sich den Part ausgedacht? Ein Fan von Johanna Haarers Erziehungsratgeber aus der Nazizeit? Es ist eindeutig, dass die Mitarbeiterin indolent ist und bewusst riskiert, dass Melanie finanziell gegen die Wand fährt, man kann auch von Behördenmobbing sprechen. Das ist hier der entscheidende Punkt.

Ein Satz der Sachbearbeiterin erinnerte uns an berüchtigte Sozialgerichtsverfahren, in denen allen Ernstes damit argumentiert wird, dass ja offenbar ein physisches Überleben trotz eindeutigen Fehlverhaltens des Jobcenters bis zum Zeitpunkt des Gerichtstermins für den „Kunden“ möglich war. Bei solchen Darstellungen wie in „Familienbande“ kein Wunder, dass die Schäden, die das ALG II-System anrichtet,  unterschätzt werden. Die Existenz einer Person kann davon abhängen, ob sie, wenn sie in die Jobcenter-Mühle gerät, Ressourcen wie Daddy Freddy oder eine Person wie Franziska einsetzen kann, die den dezidierten Auftritt übernimmt und als nicht Betroffene viel weniger Scham und Stress verspürt. Die Idee von Max, sie mitgehen zu lassen, nicht den Vater, ist wirklich gut, aber die Moral, die im Anschluss verkauft wird: Auweia!

Finale

Regisseur Thomas Jauch hat den Auftaktfilm von Charlotte Lindholm, „Lastrumer Mischung“ gedreht, dort wird gut vorgeführt, wie ein Dorfkrimi geht (allerdings ist er auch für weitere Produktionen wie den furchtbaren „Schwarzes  Herz“ verantwortlich, der uns zur bisher einzigen Abrechnung mit einer Tatort-Ermittlerfigur veranlasst hat), aber, wie oben geschrieben: Das Buch ist wichtig und das von „Familienbande“ wirkt ziemlich uninspiriert. Die Handlung und die Dialoge spornen die Darstellerriege nicht unbedingt zu Höchstleistungen an, obwohl Anna Schudt und Mark Waschke zumindest versuchen, ihren Figuren etwas Leben einzuhauchen. Wenn dieser Tatort nicht ein Kölner wären und wir das Team Franzi, Freddy und Max nicht so mögen würden, hätten wir vielleicht noch etwas niedriger gewertet. 

5,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

… dass wir heute wieder eine Vorschau schreiben, ohne eine Rezension zum Film veröffentlicht oder im Archiv zu haben, die wir bei dieser Gelegenheit wieder zeigen könnten. Aber es bleibt immer so ein seltsames Gefühl – weil die Titel alle so vertraut klingen. Vermutlich ist auch der Tod des Jungen kein Unfall, sonst hätte aus ihm kein Krimi werden können.

Familienbande! Wie für Köln gemacht und mit den Kölner Cops Ballauf und Schenk kennen wir uns doch schon ganz gut aus. Trotzdem, es gibt sie, einige Filme, von ihnen, über die wir noch nicht geschrieben und haben. Warum wird der Film so selten gezeigt? In der Fundus-Rangliste, Abteilung Ballauf und Schenk, steht er derzeit nur auf Rang 70 von 75.

Insgesamt heißt das Rang 756 (05.03.2020), also Oberkante unteres Drittel. Diese allgemein schwache Rezeption mag urchaus eine Erklärung dafür sein, dass der WDR diesen Film nicht zu oft auspackt. Im Grunde ist es falsch, vor dem Anschauen solche Informationen zu recherchieren, aber wir trauen uns zu, abweichend zu werten, wenn wir tatsächlich anderer Ansicht sind – wie wir das bei den „Experimentaltatorten“ manchmal tun, die manchmal richtiggehend verrissen werden. Und die Kölner kennen wir mittlerweile so gut, dass wir jeden Film, der jetzt noch als „neu gesehen“ hinzukommt, einordnen zu können glauben. „Typisch Köln …“ beginnt ein Kommentar im „Fundus“ – zumindest da sind wir uns einig, das haben wir eingangs schon ausgedrückt. Es scheint auch ein Dorfkrimi oder Vorstadtkrimi zu sein, bei den Kölnern die Ausnahme, weil die Domstadt selbst genug Stoff bietet. 

Wir lassen uns überraschen – es lässt sich nicht abstreiten: Wir sehen sie immer wieder gerne, die beiden Herzbuben aus der Domstadt, auch wenn ihre Fälle nicht immer herausragend sind. Sie zählen auch nach Meinung der Fundus-Nutzer zu den beliebtesten Teams (derzeit Platz 4), diese Ansicht teilen wir. Ein wenig verschoben haben sich die Koordinaten, seit wir auch die Parallelreihe Polizeiruf 110 rezensieren. Das emotional hochdrehende Rostock-Duo und die künstlerisch-darstellerisch herausragenden München-Polizeirufe haben unsere Sichtweise auf die beiden Reihen verändert, die man nach unserer Ansicht tatsächlich zusammen betrachten sollte, um einen Überblick über Primetime-Krimiproduktionen in Deutschland zu bekommen. Ob wir die Kölner unter diesen Voraussetzungen als bestes Team ansehen, ist eine Sache, aber wir schrieben schon vor langer Zeit: Vermissen würden wir sie, wenn sie in den Ruhestand gehen würden. Daran hat sich nichts geändert.

Besetzung und Stab 

Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Bernd Bürger – Mark Waschke
Helene Bürger – Petra Kelling
Iris Findeisen – Anna Schudt
Melanie Schenk – Karoline Schuch
Nadja Bürger – Katharina Lorenz
Thiemo Schwarz – Sven Gebauer
Martin Gebauer – Michael Prelle
Miriam Dietrich – Anna Grisebach
Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
u.a. 

Drehbuch – Hans Werner, Lars Böhme
Regie – Thomas Jauch
Kamera – Clemens Messow
Szenenbild – Naomi Schenck
Musik – Stephan Massimo

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