Leoparden küsst man nicht (Bringing Up Baby, USA 1938) #Filmfest 165 DGR

Filmfest 165 A "Die große Rezension"

2020-08-14 Filmfest APeople behaving different are not necessarily lunatics

Heute diesen Film zu republizieren, ist einerseits logisch, weil wir auch mit den Kurzrezensionen aus dem Filmverzeichnis Nr. 8 bei amerkikanischen Filmen des Jahres 1938 angekommen bzw. gerade mit ihnen durch sind, andererseits – es muss jetzt ein Kätzchenfilm sein. Und wann je gab es im Film ein wundervolleres Schmusekätzchen als Leopard „Baby“?

Als der Psychotherapeut Dr. Fritz Lehman zu Susan Vance sinngemäß sagt, dass normabweichendes Verhalten nicht „verrückt“ im Sinn von geisteskrank sein muss, haben wir überlegt, ob das ernst oder ironisch gemeint war.

Der Satz könnte dem Buch „Irre – wir behandeln die Falschen – unser Problem sind die Normalen“ entnommen sein, einem populärwissenschaftlichen Bestseller, den Manfred Lütz zusammen mit  Eckart von Hirschhausen im Jahr 2011 veröffentlicht hat. Den allermeisten Aussagen in diesem ironisch-humanistischen Werk stimmen wir zu.

Aber 1938? War man damals schon bereit für die hochmodernen An- und Einsichten, die filmisch kongenial in „Bringing up Baby“ gezeigt wurden? Die Antwort lautet: leider nicht. Der Film, der heute als Inkarnation der Screwball-Comedy gilt, war an den Kinokassen ein Misserfolg. Die Leute waren schlicht der Ansicht, Figuren, wie sie hier gezeigt werden, seien zu realitätsfern (1). Verstärkt wurde der Negativeffekt aber wohl auch dadurch, dass Katharine Hepburn, die weibliche Hauptdarstellerin, nach einem furiosen Karrierestart in den Jahren 1932-1395 wenige Jahre später aufgrund etlicher Fehlbesetzungen schon als Kassengift galt (2). Diese Exzentrikerin unter den frühen Tonfilmstars entsprach keinem Klischee der Traumfabrik – und fand mit und nach „Leoparden küsst man nicht“ zu den Rollen ihres Lebens, in denen sie ihren Witz und ihre intellektuelle Überlegenheit ausspielen konnte.

Für sie war der Film aber ein Wendepunkt und für den männlichen Star Cary Grant ein Volltreffer. Sein ohnehin vorhandener Ruf als Komödiant unter den Gentlemen – oder Gentleman unter den Komödianten(3) wurde durch ihn erheblich gefestigt und wir tun uns schwer damit zu entscheiden, wer in seiner Rolle brillanter ist. Die überdrehte Society-Lady Hepburn oder der tapsig-charmante Wissenschaftler Grant, der von diesem Wirbelwind in ein neues Leben hineingeweht wird.

Das hohe Tempo des Films und die skurrile Art der Gags waren wohl 1938 ebenfalls etwas zu viel für den Kinogänger, der daran noch nicht gewöhnt war. Heute, im Zeitalter der sehr rasch bewegten Bilder, haben wir keine Probleme mehr, mit dem Tempo des Films mitzulaufen, aber wenn gesprochenwird, möchten wir am liebsten knieen – vor den fantastischen, vordergründig witzigen und auf einer weiteren Ebene oft geistreichen Dialogen des Films. Mehr über alles dies und Weiteres in der -> Rezension.

Handlung

Der vergeistigte Paläontologe David Huxley arbeitete seit vier Jahren an der Rekonstruktion eines Brontosaurus, für die ihm nur noch ein einziger Knochen fehlt. Er steht zudem kurz vor der Hochzeit mit seiner herrischen Kollegin Alice.

Am Tag vor der Hochzeit − und der Ankunft des Knochens − wird er von seinem Vorgesetzten zu einem Golfspiel mit dem Anwalt der Millionärin Mrs. Carlton Random geschickt. Mrs Random überlegt, dem Museum eine Million US-Dollar zu spenden. David soll einen guten Eindruck erwecken und damit dem Museum zur Spende verhelfen.

Auf dem Golfplatz trifft er Susan Vance, die Davids Golfbälle und zum Schluss auch sein Auto für ihr Eigentum hält. Er trifft sie am Abend wieder, und da Susan ihn für einen Zoologen hält, bringt sie ihn dazu, auf den zahmen Leopard „Baby“ aufzupassen, ein Geschenk ihres Bruders an ihre Tante. Am nächsten Tag, nach der Ankunft des Knochens, bringen sie gemeinsam den Leoparden und den Knochen in ein Landhaus in Connecticut, in dem Susans alleinstehende Tante lebt.

Dort beschließt Susan, dass sie sich in David verliebt hat, und versucht, ihn so lange wie möglich im Haus zu halten, um seine bevorstehende Hochzeit zu sabotieren. Es kommt zu Verwicklungen, als Susans Hund George den Brontosaurus-Knochen im Garten vergräbt. Dazu kommt noch ein weiterer, gefährlicher Leopard, der zu einem Zirkus gehört und den David und Susan aus seinem Transporter befreien, weil sie glauben, es handele sich um Baby.

David kommt schließlich dahinter, dass Susan die Nichte von Mrs. Random ist, und kann mit ihrer Hilfe die Spende sichern. Als ihm Susan am Ende des Filmes den fehlenden Knochen ins Museum bringt, gesteht David ihr seine Liebe. Kurz darauf bringt Susan das Brontosaurus-Skelett zum Zusammensturz.

Rezension

Gestern, als wir uns, nicht zum ersten Mal natürlich, „Bringing up Baby“ angeschaut haben, dieses Mal, um über den Film für den Wahlberliner zu schreiben, dachten wir uns: Wäre doch schön, einen Rezensionsreigen bilden zu können, bei jeder Rezension wäre ein Verweis auf die vorherige möglich und Leser könnten rückwärts bis zum ersten Beitrag der Anthologie einem verschlungenen, aber spannenden Pfad durch die Filmgeschichte folgen.

Bisher waren die Rezensionen so nicht angelegt, aber hier geht es mal. Nachdem wir vor wenigen Tagen über Katharine Hepburn in und als „Woman of the Year“ geschrieben haben und weniger ihre Leistung als die Tendenz des Films kritisch sahen, kommt nun eines ihrer absoluten Highlights. „Bringing up Baby“ ist eine Urkomödie, welche den Test der Zeit nicht nur bestanden hat. Das ursprünglich durchwachsene Votum des Publikums hat sich mit der Zeit in Bewunderung gewandelt – für den Witz, das Tempo und die Figuren dieses Films.

So war diese Mutter aller Screwball-Komödien auch schon im Jahr 1990 dabei, als es darum ging, das 1989 gestartete „National Film Registry“ mit glanzvollen Leistungen des amerikanischen Films zu bestücken (4). in der IMDb gilt er den zahlreichen Nutzern noch heute als einer der Top 250 aller bisherigen Zeiten und Länder – allerdings liegt er gegenwärtig auf Platz 234, es ist zu befürchten, dass er demnächst durch häufig überbewertete neue Filme verdrängt werden wird (4a).

Als das Werk herauskam, wirkte die Große Depression nach, die 1929 mit dem Börsencrash eingesetzt hatte und das Publikum stand auf realistische Filme, in denen kleine Leute gezeigt wurden, die sich ihr Glück erkämpfen mussten oder Gangster, die schnelles Geld machen wollten und dafür bestraft wurden. Die Welt der Reichen konnte zwar dargestellt werden, aber so selbstverliebt wie in „Leoparden küsst man nicht“, in dem erst die Stellung von Susan Vance als komplett sorgenfreier Society-Lady deren Eskapaden möglich macht, das war den Kinogängen noch nicht geheuer – dieser Film kam ein, zwei Jahre zu früh, mehr nicht.

Anlässlich der Republikation des Textes im Jahr 2020 ist festzuhalten: Die Screwball-Comedy setzte schon etwa 1934 ein, man sah um 1937, 1938 auch schon ins Komödienhafte gewendete Gangsterfilme, die ihr eigenes Genre parodierten aber das ändert nicht viel an der Einschätzung, dass „Bringing Up Baby“ doch etwas zu „abgefahren“ war.

Auch dass der Wissenschaftler Dr. David Huxley nicht dieser Oberschicht entstammt, sondern sich angenommenermaßen redlich akademisch nährt, beeinträchtigt das funkensprühende High-Society-Szenario kaum. Zum einen ist er hinter einer Millionenspende für sein Museum her, zum anderen erliegt er dem Charme der neurotischen, ungeheuer schnellzüngigen und eine Menge Chaos stiftenden Susan mehr und mehr und gibt am Ende sozusagen sein unabhängiges Leben, aber gefühlt auch seine innere Unabhängigkeit auf. Das hätte er allerdings – vielleicht noch mehr, aber mit weniger Spaß am Leben, getan, wenn er die humorlose Co-Wissenschaftlerin Alice geheiratet hätte.

„Bei all ihrem beißenden Witz hatten die Screwball-Farcen im Gegensatz zu den anarchistischen Slapstick-Komödien der Marx-Brothers eher systemerhaltenden Charakter: Es waren eskapistische Unterhaltungsspiele der hart an ihrem Vergnügen arbeitenden Reichen. Ihr Motto: Lieber ein flottes vergnügliches Leben führen, als das Geld mühsam auf der Bank horten, wo es doch nur dem nächsten Börsencrash zum Opfer fällt. Die Helden dieses Genres sind verantwortungslos-sympathische Nichtsteuer oder verschrobene Außenseiter (…), denen nichts wichtiger ist als ihr Vergnügen oder ihre Passion.“ (5) Einschränkend muss man sagen, dass den Marx Brothers das Anarchische mit der Zeit auch ein wenig abhanden kam, vor allem, seit sie für Hollywoods führendes Studio MGM arbeiteten, das in seiner gesamten Ausrichtung besonders systemaffin war (6).

Für einen MGM-Film mit Stars war hingegen „Bringing up Baby“ ein wenig zu ausgelassen, wir verdanken es dem weniger renommierten Studio RKO, dass dieses Werk auf die Leinwand kommen durfte und dies auf eine Weise, die für damalige Verhältnisse nicht nur ungeheuer temporeich war, sondern auch Sätze wie „Because I just went gay all of a sudden!“ zu bringen. Das sagt Cary Grant als Dr. Huxley zu Susans Tante Elizabeth Carlton Random, als er ihr in ihrem Landhaus in einem pompösen Damen-Bademantel begegnet, da Susan seine Kleider ohne sein Wissen und Wollen in eine Reinigung verbracht hat. Die volle Dialogpassage lautet:

Mrs. Random: Well who are you?
David Huxley: I don’t know. I’m not quite myself today.
Mrs. Random: Well, you look perfectly idiotic in those clothes.
David Huxley: These aren’t my clothes.
Mrs. Random: Well, where are your clothes?
David Huxley: I’ve lost my clothes!
Mrs. Random: But why are you wearing *these* clothes?
David Huxley: Because I just went gay all of a sudden!
Mrs. Random: Now see here young man, stop this nonsense. What are you doing?
David Huxley: I’m sitting in the middle of 42nd Street waiting for a bus.

Der Schwulen-Gag war vermutlich einer der ersten dieser Art in einem amerikanischen Film und wird nicht weiter ausgespielt, aber 1938 wird er vielen Kinogängern die Schamröte ins Gesicht getrieben haben. Dass derlei nicht die Karriere von Cary Grant beeinträchtigt hat und ihn auch nicht in den Verdacht brachte, homosexuell zu sein (dies kam erst später, wegen seiner Hausgemeinschaft mit Randolph Scott), zeigt, wie klug der Mann genau wusste, was er sich erlauben konnte, als kommender Superstar. Die Szene weiter auszubauen, wäre vermutlich genau der Schritt zuviel gewesen. In der Realität wird ihm von einigen Stimmen zumindest Bisexualität zugerechnet, und wenn man die exaltierten Darstellungen seiner frühen Jahre sieht, zu deren besten die des Dr. Huxley zählt, kann man darin durchaus etwas Tuntiges erkennen, wenn man es weiß. Das gilt auch für Szenen, in denen er keine Frauenkleider trägt. In der ersten deutschen Synchronisation hat man das „gay“ allerdings durch „verrückt“ ersetzt – daran können wir uns noch erinnern. Möglich, dass man in der älteren Synchronisation aus den 1960ern, die vermutlich für die erste deutsche Fernsehfassung angefertigt wurde und die von ARTE gestern gezeigt wurde, das Wort später geändert hat. Dass es heute noch (!) eine Diskussion in den USA darüber gibt, ob das Wort „gay“ in diesem Sinn gemeint war, trotz der Eindeutigkeit der Szene, sagt einiges über den Fortschritt oder Nicht-Fortschrit der letzten 70 Jahre dort aus (7).

Leider hat die von uns gesehene Fassung auch den Nachteil, dass sie nicht die Originallänge des Films wiedergibt, sondern um mindestens fünf Minuten gekürzt wurde. Dadurch wirkt „Bringing up Baby“ natürlich  noch schneller, aber es gibt mittlerweile eine DVD-Version mit eingefügten, untertitelten Szenen aus dem amerikanischen Original, die wohl kurz vor dem hundertsten Geburtstag von Katharine Hepburn enstand (2007).

Katharine Hepburn und Cary Grant

Es ist leicht, über einen Film zu schreiben, in dem zwei solche Lieblingsschauspieler wie Katharine Hepburn und Cary Grant die Hauptrollen innehaben. Es ist der Gipfel der Perfektion, die beiden interagieren zu sehen und für uns ist dieses Paar mindestens genauso gut wie es Katharine Hepburn später mit Spencer Tracy war. Grant und Hepburn sind, auch wenn sie in „Bringing up  Baby“ unterschiedliche Temperamente und Sozialisationen aufweisen, two of a kind, während der bodenständige Tracy und die exaltierte Hepburn ein nahezu perfektes Gegensatzpaar waren.

Cary Grant war schon ein Lieblings-Hollywoodschauspieler von uns, bevor wir andere, wie James Stewart, ähnlich schätzen lernten. Das mag daran liegen, dass sein Humor sich so leicht erschließt, so wundervoll charmant und doch nuanciert ist. In den frühen Filmen war er noch ein Erzkomiker mit stark grimassenhaften Gesichtsausdrücken, das gilt besonders für „Bringing up Baby“ und für „Arsenic and Old Lace“ (1944), den wir ebenfalls noch heute wundervoll finden. In den 50ern wandelte er sich dann mehr zum Grandseigneur und hatte die verblüffende Eigenschaft, mit zunehmend grauem Haar immer attraktiver und zu einem überragenden Leading Man zu werden, der heute keine Entsprechung hat (George Clooney, den wir ebenfalls sehr schätzen, wird gerne mit ihm verglichen, aber wir meinen, da gibt es Unterschiede). Seine Schauspielkunst hatte sich der Zeit angepasst, wurde sparsamer und seinem Alter angemessen. Kaum ein anderer Hollywoodstar war so wandelbar und perfekt in beinahe jeder Rolle wie er, obwohl er nicht der Generation der Method Actors angehörte, zu der erst mehr als 20 Jahre nach seinem Filmdebüt Marlon Brando, Paul Newman, James Dean usw. zählten, sondern eine Vaudeville-Herkunft hatte, wie sie für seine Generation wiederum nicht unüblich war.

Das American Film Institute sieht Grant auf Rang 2 der männlichen Alltime-Stars hinter Humphrey Bogart. Dass er als Junge mit 14 die Schule verlassen hatte und sich einer Slapstick-Truppe anschloss, ist legendär und unter seinem richtigen Namen Archibald Leach hätte er möglicherweise keine Karriere gemacht, doch dass er schon in seinen recht frühen Jahren (Grant war 34, als er „Bringing up Baby“ drehte) einen Wissenschaftler spielen konnte, hatte einen durchaus realen Hintergrund. Leider erhielt er trotz seiner anhaltend großen Beliebtheit nie einen Oscar – zweimal war er in den 40ern nominiert.

Grant war Autodidakt und zeitlebens ein Lesemensch, der einer intellektuellen Person wie Katharine Hepburn ein guter Filmpartner sein konnte – auch wenn man  zugeben muss, die folgende (sinngemäß wiedergegebene) Dialogpassage sagt viel über das Verhältnis der Filmcharaktere aus:

Susan: Denken Sie doch mal nach!
David: Das Denken überlasse ich Ihnen, Sie können das viel schneller als ich.

Zu Beginn will ein Wissenschaftskollege David stören, da heißt es noch:

Alice: Schhhht! Dr. Huxley denkt nach!

Besser als anhand dieser Sätze kann man vor allem den Wandel und die Herausforderung, der Cary Grants Wissenschaftlerfigur ausgesetzt ist, nicht aufzeigen.

An der Zahl ihrer vier Hauptdarstellerin-Oscars gemessen, von denen sie zwei sehr früh in ihrer Karriere erhielt, die beiden anderen für Spätrollen, ist Katharine Hepburn nicht nur Cary Grant weit überlegen, sondern auch allen anderen weiblichen und männlichen Schauspielern voraus. Kein anderer Leinwandstar hat bis heute diese hohe Zahl an Hauptdarsteller*innen-Academy-Awards vorzuweisen.  Am nächsten kommen ihr bis heute Ingrid Bergman mit drei Schauspieler-Oscars, zwei davon für Hauptrollen und Meryl Streep mit zwei Hauptdarsteller-Oscars und den meisen Nominierungen (15).

Um so zielsicher Komödie spielen zu können, wie Katharine Hebpurn es als Susan Vance in „Bringing up Baby“ zelebriert, muss man viel können. Es geht nicht nur um die Dialoggeschwindigkeit, die Eloquenz und Intelligenz erfordert, sondern auch um das Timing und den Ausdruck, und das alles sitzt bei ihr perfekt. In der Hinsicht schlägt sie auch Cary Grant, der das Glück hat, dass er seine erstaunte Mimik als natürliche Reaktion auf ihre Verve einsetzen darf und dass sie die meisten Worte im Film zu sprechen hat.

Handlung, Drehbuch, Regie

Es gibt Produktionen, die stehen unter einem glücklichen Stern. Manchmal erkennen Fachwelt und Publikum das erst Jahre später, wie bei „Bringing up Baby“. Es war überhaupt das Los des großartigen Regisseurs Howard Hawks, dass er von der zeitgenössischen Kritik nicht so sehr gemocht wurde wie sein Freund John Ford, obwohl er viele vergleichbar gute Filme gemacht hat. Klar, Ford hat die prägnantere optische Handschrift entwickelt und einen beinahe unvergleichlichen Sinn für Dramaturgie in Bild, Ton und Handlungsführung, aber Hawks spricht in seinen Werken realistisch und mit großer Stilsicherheit über Amerika und seine Filme wirken noch heute auf eine Weise frisch – die man eben erst mit der Zeit richtig beurteilen kann.

„Scarface“ (1932), „Sergeant York“ (1941), „The Big Sleep“ (1946), „Red River“ (1948) und „Rio Bravo“ zählen zu dem Vermächtnis, das uns einer der größten Regisseure hinterlassen hat, die nie einen Oscar gewannen.

Wie alle Großen der Branche, etwa William Wyler oder Billy Wilder, konnte er sich in Komödien ebensogut einleben wie in dramatische Stoffe, beherrschte das Filmmetier in der ganzen Breite. Das gilt selbst für für „Bringing up Baby“, der für damalige Verhältnisse hohe Anforderungen an die Regie stellte. Das hohe Handlungstempo ergab sich zwar aus der Zahl der Elemente, die vom Drehbuch und von der Buchvorlage vorgegeben waren, aber das alles im Griff zu behalten und sich anstatt für eine Reduktion für eine Raffung jeder einzelnen Szene zu entscheiden, war recht gewagt und ist voll gelungen. Die Atemlosigkeit, die das Publikum von 1938 wohl überkommen hat, ist angesichts unserer heutigen Sehweisen kein Nachteil mehr, die Dialoge können wir gut entschlüsseln und es hat seit der Zeit kurz vor dem  Zweiten Weltkrieg eine Menge Komödien mit immer skurrileren Plots und Einfällen gegeben, in denen nicht Komikertruppen die Hauptrollen spielten, sondern Superstars wie Grant und Hepburn.

Einzige die Dramaturgie ist etwas flach, aber dafür ist der Film ja eine Komödie. Als im Verlauf Figur um Figur eingeführt wird und dann noch der zweite Leopard aus dem Zirkus hinzukam, dachten wir auch für einen Moment, jetzt reicht’s mal, aber wir ließen uns sofort wieder vom Witz und Charme des Films einfangen und sind ihm bis zum Schluss mit großem Vergnügen gefolgt, zumal die beiden Leoparden in jeder Szene, in der sie vorkamen, anhand ihres unterschiedlichen Charakteres gut auseinanderzuhalten waren (in Wirklichkeit war es derselbe zahme Leopard, der hätte eigentlich auch einen Tier-Oscar verdient gehabt, so viele unterschiedliche Ausdruckweisen hatte er drauf)

Howard Hawks hatte angesichts der kritischen zeitgenössischen Rezeption des Films gesagt: „Der Film hat einen Fehler. Es gibt keine einzige normale Figur darin.“ (8) In der Tat kann ein solcher Charakter beruhigen und eine Linie in einen Film bringen, wie sie „Bringing up Baby“, der sich aus vielen unglaublichen Zufällen und Gags, die auf Interruptionen basieren, zusammensetzt, nicht hat. Gleichwohl hat er eine Botschaft: Liebe heilt alles. Der Dinosaurier und damit das Lebenswerk von Dr. Huxley sind am Ende futsch, aber stöhnend ergibt er sich der Frau, die ihn sich auf die skurrilste Weise erobert hat, die wir je in einem Film gesehen haben – nicht einmal im wirklichen Leben, von dem wir über 70 Jahre nach Entstehen von „Bringing up Baby“ wissen, dass es verrückt sein kann, haben wir derlei wahrgenommen. Und doch erinnern uns viele Einzelsituationen, Dialoge und Verhaltensweisen an etwas, das wir kennen.

Wir kennen es aber, und dies ist ein wichtiger Unterschied zu 1938, weil wir in den USA eben diese 70 Jahre Konsumzeitalter hinter uns haben (in Deutschland sind es etwa 50), in denen Gegenstände, die vernichtet, beschädigt, entwendet, als Accessoires verwendet werden, zur Selbsverständlichkeit geworden sind, in denen das Leben vergleichsweise leicht wurde und die Zufälligkeiten im Dasein – von einer Zufälligkeit des gesamten Daseins wollen wir nicht sprechen – immer offensichtlicher wurden. Die Freiheit von materiellen Sorgen und die Abenteuerlust der ökonomisch gut stehenden Generationen hat dem Film erst den Boden verschafft, auf dem die heutige Anerkennung wachsen und sich festigen konnte. Wer in einer Großstadt von 8 Millionen wie New York ausgerechnet einer Susan Vance begegnet, kann das in einer Großstadt von 3,6 Millionen Einwohnern wie Berlin ebenso erleben – und es muss nicht einmal Absicht sein. Die Welt ist voller verrückter Momente, die man nur ein wenig übersteigern und komprimieren muss, um einen Film wie „Bringing up Baby“ entstehen zu lassen. Manchmal stellt sich dann alles als nicht so witzig heraus, aber es gibt diese Momente und es könnte auch mal so kommen, dass ein Lebenswerk vernichtet wird, damit man frei ist für das wirklich Wichtige: Die großen Gefühle.

Finale

Im Laufe der Jahre haben wir „Bringing up Baby“ mehrfach gesehen und ihn unterschiedlich aufgenommen. Wir erinnern uns, dass es nicht allzu lange her ist, da haben wir ihn aus dem Videoarchiv gekramt, um ihn für den Wahlberliner zu rezensieren, haben dann aber beschlossen, auf modernere Technik umzusteigen und die dort innerhalb kurzer Zeit aufgezeichneten Filme hatten Vorrang.

Beim letzten Anschauen hat er uns nicht ganz so ausgezeichnet gefallen wie gestern Abend, woraus sich schon ergibt, wie subjektiv Wahrnehmung doch immer ist. Aber so um 8/10 hätten wir damals auch vergeben. Nachdem aber wieder einmal das eigene Leben gezeigt hat, wie dicht es an der Komödie ist und wie wenig Sinn Vieles hat, was wir dann tun, wenn wir besonders nah bei uns selbst sind und uns nicht durch ein so diszipliniertes Leben bewegen, wie wir es der Wissenschaftlerin Alice zurechnen, die zum Glück für sie selbst und für David Huxley von diesem nicht geehelicht wird, haben wir wieder einen guten Zugang zu dieser Screwball-Komödie.

Es ist eine Frage des Temperaments und der Einstellung zu den gesellschaftlichen Gruppen, die im Film gezeigt werden, ob man ihn wirklich witzig finden kann – und ob man den Humor so auffasst, wie er vermutlich gemeint war. Nämlich losgelöst von logischen Aspekten und nicht gebaut auf Situationen des Alltags. Vielmehr sind die Menschen und Situationen unalltäglich und heute, wo jeder ein exorbitantes Leben führen möchte und so wenig Alltägliches wie möglich um sich herum haben, können wir diese Figuren an uns heranlassen, weil sie irgendwie so losgelöst sind, wie wir gerne wären. Abgesehen davon, dass jedermann oder wenigstens jeder Mann gerne Cary Grant wäre, ebenso wie er selbst (9).

87/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Ulrich Behrens in Filmzentrale.
(2) Heinzlmeier, Schulz, Witte; Die Unsterblichen des Kinos – Band 1, Stummfilmzeit und die goldenen 30er Jahre, S. 189.
(3) Heinzlmeier, Schulz, Witte; Die Unsterblichen des Kinos – Band 2, Glanz und Mythos der Stars der 40er und 50er Jahre, S. 55.
(4) Das NFR in der Wikipedia mit Weiterverweisen.
(4a) IMDb: Bringing up Baby.
(5) Heinzlmeier, Schulz, Witte; Band 2 – a.a.O.
(6) Die Marx Brothers beim Wahlberliner: „A Night at the Opera“, „Go West“, „At the Circus“, „The Big Store“. Im neuen Wahlberliner republiziert ist bis jetzt nur eine Kurzversion zu „A Night at the Opera“, die übrigen Filme und die längere Rezension zum Opernfilm sind einer Marx-Brothers-Retrospektive vorbehalten, daher wurden die übrigen Verlinkungen entfernt.
(7) IMDb: Bringing up Baby, discussion board.
(8) Zitiert nach Christoph huber, 25frames.com.
(9) Einst von einem Interviewer mit der Aussage konfrontiert, „Everybody would like to be Cary Grant,“ soll Grant geantwortet haben, „So would I“. Das drückt nicht in erster Linie die Zufriedenheit mit der eigenen Situation aus, die wohl jeder empfinden würde, wäre er jener Cary Grant, den wir in den Filmen sehen – sondern auch, dass Cary Grant eine Kunstfigur ist, welche der Schauspieler Archibald Leach im Lauf der Zeit immer mehr vervollkommnet hat.

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