Offene Rechnung – Tatort 431 #Crimetime 683 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Rechnung #offen

Crimetime 683 - Titelfoto © SWR, Rentz

Der Mann, der aus der Zelle kam

Lischka kommt gerade aus dem Gefängnis und wird schon wieder von der Polizei beschattet. Das hat er sich aber verdient. Zum einen, weil das viele Geld aus der seinerzeitigen Entführung des Unternehmersohnes Thomas Berberich nie gefunden wurde. Zum anderen, weil es einen Toten gibt, der mit diesem Geld im Zusammenhang steht.

„Offene Rechnung“ ist einer von den Tatorten, die um eine charismatische Negativfigur herum gebaut wurden, und das ist hier recht eindringlich gemacht. Es gibt Momente, da kann man nicht nachvollziehen, wieso zum Beispiel Lieschkas Frau, die sich in zehn Jahren seiner Abwesenheit einen anderen gesucht hat, alles wieder so reinlaufen lässt und wie es ihm gelingt, Menschen so leicht in seinen Bann  zu ziehen. Aber mehr Dämon als er kann man in einem Tatort wohl kaum sein, der aus vielen Elementen besteht und rein physisch kauft man ihm diese Dominanz auch ab. Mehr über den Lieschka und seiner Welt und sonst zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Lischka ist frei. Zehn Jahre war er im Knast, hat seine Strafe abgesessen. Und er weiß wofür: 12 Millionen Dollar. So viel musste das Ehepaar Berberich seinerzeit bezahlen, um ihren Sohn Thomas freizukaufen.

Als Lischka den Fuß in die Freiheit setzt, gibt es den ersten Toten. Einer seiner Mithäftlinge wird bei dem Versuch ermordet, einen Teil des Lösegeldes zu waschen. Lischka ist nun ganz auf sich gestellt und trifft auf eine unbeugsame Gegenspielerin: Hauptkommissarin Lena Odenthal.

Lena will verhindern, dass Lischka die Kohle einstreicht. Sie versucht herauszufinden, wo Lischkas Geldversteck ist. Was die beiden nicht ahnen: Nico, Lischkas 16-jährige Tochter, hat sich in den gut aussehenden Thomas Berberich verliebt. Er war das Opfer der brutalen Entführung und ist seitdem gehbehindert. Thomas weiß nicht, dass Nico die Tochter seines Peinigers ist. Lena wirbt um Nicos Vertrauen. Die junge Frau steht zwischen den Fronten. Sie kann sich nicht entscheiden, will das Verhältnis zu ihrem Vater nicht abbrechen.

Lischka hinterlässt eine Spur der Zerstörung. Äußerlich ein liebender Familienvater, lauern in ihm gefährliche Abgründe. Die Menschen, die ihm nahe stehen, die ihm vertrauen, richtet er zugrunde. Eine unwiderstehliche Anziehung geht von ihm aus: der Charme des Bösen. Als der Geliebte seiner Frau zu Tode kommt, gewaltvoll, wie es scheint, entschließt sich Lena zu einem riskanten Plan: Es gelingt ihr, Nico auf ihre Seite zu ziehen.

Rezension

Dass seine taffe Tochter sich in das Entführungsopfer verliebt, ist ein wenig konstruiert, aber immerhin ergibt sich so die Zeichnung einer vielschichtigen jungen Frau, die zwischen Typen wir ihren Vater, durch den sie geprägt wurde, und stillen, künstlerischen Menschen wie Berberich, die ihre romantische Seite spiegeln, hin- und hergerissen ist.

Der Tatort 431 besticht neben den guten Figuren durch hohes Spannungspotenzial. Manches ist vorhersehbar, wie z. B., dass Lischka den derzeitigen Freund seiner Frau aus dem Weg räumt, aber es charakterisiert diesen Typ eben auch gut, der keine Gefangenen macht.

Das Ende ist übertrieben wild und ärgerlich für alle  Zuschauer, die mit Lischkas Tochter Nico mittlerweile eine Identifikation aufgebaut haben, aber, was Lischka angeht, auch eindeutig: Alles wird zerstört, was sich seinem verbrecherischen Willen auch nur scheinbar beugt.

Das Böse, das muss verlieren. Schon ganz zu Beginn, da sitzt er noch ein, hat er diese Präsenz. Lena Odenthal tritt ihm gegenüber, aber er wirkt nicht wie ein Gefangener und natürlich hat er keine Ahnung, wieso sein Kompagnon zu Tode gekommen ist, der etwas von dem einst versteckten Geld weißwaschen wollte.

Wie er dann rauskommt, spielt er Katz und Maus mit der versierten Polizistin, die ihm auf ihre Art gar nicht so unähnlich ist. Beide sind gleichermaßen kompromisslos und ihren Prinzipien treu. Lena Odenthal will sich nicht mit der teilweisen Aufklärung des einstigen Entführungsverbrechens begnügen und Lischka will natürlich das Geld heben und verhehlen.

Der Krimi wirkt auf den ersten Blick nicht so, aber er ist moralisch hoch veranlagt. Wie Lischka draufzahlt, weil man erpresstes und registriertes Geld natürlich nicht einfach in Umlauf bringen kann, sondern zu einem fiesen Umtauschkurs bei einem professionellen Hehler eintauschen muss. Wie er seine früheren Kumpels loswerden und dafür erneut straffällig werden muss, weil sie ihre Anteile am Geld haben wollen, nachdem sie zehn Jahre brav gewartet haben. Und wie man in einem Doppelfinale erst die überwiegende Beute an die Waldbodenwürmer und dann auch noch die Tochter verliert, das hält der böseste Mensch im Grunde nicht aus und steht mit so unglaublich leeren Händen da, dass es schon fast wieder bedauerlich ist.

Andererseits gönnt man es ihm, weil er so verstörend brutal ist. Das ist nicht unrealistisch, es gibt schon Menschen, die geistig auf der Höhe sind, die nicht als psychisch krank abzustempeln sind, denen nicht wichtige Wahrnehmungsmodule fehlen – und die sich doch jenseits aller Normen bewegen. Dass es gerade sie sind, die auch ihre Umgebungen gut manipulieren können, ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. Wie käme es sonst, dass solche Typen recht lange ihr Unwesen treiben können? Meist gelingt das nur, wenn jemand da ist, der dies alles duldet und deckt.

Der Film ist auch sonst recht lehrreich. Wir lernen, dass es durchaus einen Unterschied macht, ob man Geld irgendwo im Sandboden am Fluss versteckt oder im Wald, wo unglaublich viel Biomasse aktiv ist und die Verwesung aller Dinge erheblich stärker vorantreibt – und damit auch den überwiegenden Anteil der Beute vernichtet, den Lischka dort vergraben hat. Soll man sagen, das hätte er wissen müssen? Schwierig zu entscheiden. Leute, die besonders rücksichtslos sind, können bei wichtigen Details, die man im Biologieunterricht lernt, wenn man immer brav hingegangen ist, auch mal patzen, weil man eben nicht brav hingegangen ist. Jedenfalls passt die Verrottung der vielen Scheine exzellent dazu, dass das durch Unrecht Erworbene keine Früchte tragen und höchstens den Würmern zum Fraß dienen kann.

Die Gute gewinnt auch nicht ganz. Der Tod von Nico am Ende des Films bricht aber die eindeutige Moral letztlich doch. Sie stirbt ja nicht, weil sie sich nicht von ihrem Vater lösen kann – sondern, weil sie sich für das Gute entschieden hat und sich von Lena Odenthal als Lockvogel verwenden lässt. Dabei kommt es zu einem Showdown, in dem die alten Kumpels des Lischka sie entführen wollen, um ihn zur Herausgabe ihrer Geldanteile zu  zwingen. Die haben sich aber, siehe oben, inzwischen weitgehend in Humus verwandelt.

Lena Odenthal findet weder das Geld, weil es das Geld nicht mehr gibt, noch kann sie mit dem Ergebnis ihrer Handlungen wirklich zufrieden sein. Vielmehr müsste sie sich fragen, ob es das wert war. Lischka ist ihr zwar wieder ins Netz gegangen und vielleicht jetzt doch endlich gebrochen, aber dafür musste jemand sterben, der erkennbar versucht hat, aus dem Bann des Bösen auszubrechen.

Es ist auf jeden Fall eine Stärke dieses Ludwigshafen-Krimis, dass Odenthal zwar gut ermittelt, immer am Ball ist und überhaupt diese dem Verbrecher Lischka adäquate Präsenz auf der anderen Seite des Gesetzes entwickelt, dass sie am Ende aber auch ein Opfer ihres bedingungslosen Siegeswillens geworden ist. Das sind Fälle, die einen Ermittler verändern können und besonders schön wär’s natürlich, wenn man das in den späteren Folgen – als Folge von 431 – sehen würde. Das geht natürlich so nicht, weil die Ermittlerfiguren nicht zu stark aufgrund von Einzelereignissen gewandelt daherkommen dürfen.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass das zerstörerische Wirken von Lischka weit über seine eigene Demontage hinausgeht und sogar die Ermittlerin in einen tödlichen Kreislauf einbindet.

Tatort. Kopper als Partner von Lena Odenthal verliert seine Mutter an ihr Heimatland und ist im Alltag ziemlich hilflos. Er wirkt ein wenig zu desolat, was den hygienischen Zustand angeht, vielleicht soll das eine äußere Spiegelung der inneren Verkommenheit von Lischka sein. Man weiß es nicht und sollte es auch nicht unbedingt hineininterpretieren. Einen Running Gag muss es in jedem Tatort geben, auch in einem so ernsten wie „Offene Rechnung“. Und Kopper eignet sich nun einmal gut für solche Gags.  Ansonsten dominiert das Duell Odenthal – Lischka und die Handlungselemente geben sich ohne größere Logikschwächen die Klinke. Ob die Gesamtkonstellation realistisch ist? Wir haben schon Tatorte gesehen, die wir konstruierter und weniger stringent fanden.

Was dem Film trotz allem ein wenig fehlt, ist die absolute Dichte. Das mag angesichts der Charaktere und der vielen prägnanten Szenen seltsam anmuten, aber es mag daran liegen, dass es Lischka ein wenig zu leicht gemacht wird, sich so auszuspielen. Die Familie und anfangs auch die alten Kumpels lassen ihm weitgehend freie Bahn, besonders bescheuert verhält sich der zwischenzeitliche Freund von Lischkas Frau, der nicht im Ansatz merkt, wie er mit seinen besoffenen Parolen dafür sorgt, dass Lischka so richtig in Mordsstimmung kommt. Man kann sich fragen, ob Lischka nicht auch ohne dieses Verhalten genauso gehandelt hätte, einfach, weil der Typ nicht ins Konzept passt.

Finale

Immer mehr denken wir uns in die Psychologie der Ludwigshafen-Tatorte ein und revidieren schrittweise unser bisheriges Urteil. Sie sind weitaus besser, als wir sie, offenbar anhand einiger unangenehmer Überzeichnungen in Lena Odenthals Wesenszügen, in Erinnerung hatten. Nicht einmal die Ermittlerin selbst bietet in den beiden Folgen, die wir bisher zu rezensieren hatten, so viel Grund  zur Reibung. Die Kommissarin ist nun einmal kein einfacher Charakter, sondern ein hoch veranlagter und daher mit der Umwelt entsprechend nicht immer geduldiger Mensch. Man muss sie nehmen, wie sie ist, dann kommt man mit ihr klar und genießt die Art, wie sie ermittelt. So wie Kopper es hält, den sie durchaus respektiert, obwohl er ihr nicht das Wasser reichen kann. Ihn 1996 einzuführen, war ein hervorragender Kniff der Ludwigshafen-Macher, um das zu Ernste und Ehrgeizige von Lena Odenthal mit einem asymmetrisch angelegten Kollegen zu mildern. Im Zusammenspiel mit ihm darf sie sogar ein wenig Humor zeigen.

Die Folge 431 ist bislang selten wiederholt worden, am 2. Juni zum ersten mal nach sechs Jahren Pause. Beinahe ein Ereignis und wie immer stellt sich die Frage, warum so selten? Vielleicht hat es mit dem überzogenen Ende zu tun, mit dem Milieu oder mit Lischka als Figur. Jedenfalls ist 431 besser, als es die (allerdings aufgrund der seltenen Wiederholungen auf eher wenig Bewertungen fußende) Verortung als „mittelprächtig“ im führenden Tatort-Forum (Tatort-Fundus)  vermuten lässt.

8/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Mario Kopper – Andi Hoppe
Uli Lischka – Huub Stapel
Kriminalrat Friedrichs – Hans-Günter Martens
Thomas Berberich – Johannes Brandrup
Nico Lischka – Lilia Lehner
Rico Baumann – Birol Uenel
Dorit Lischka – Valérie Vail

Szenenbild – Uta Hampel
Kamera – Immo Rentz
Regie – Conny Walther
Buch – Norbert Ehry

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