Mr. Smith geht nach Washington (Mr. Smith Goes to Washington, USA 1939) #Filmfest 168

F i l m f e s t    1 6 8    A

2020-08-14 Filmfest ADemokratie für alle und gegen die Korruption!

Jeder Fan oder Kenner des klassischen Hollywoodkinos, auch in Deutschland, hat „Ist das Leben nicht schön?“ des Regisseurs Frank Capra gesehen (falls nicht, an Weihnachten gibt es sicher wieder die Gelegenheit) mit James Stewart in der Hauptrolle eines kleinen, aufrechten Mannes, der eine Baugenossenschaft einrichtet und sich mit bösen Kapitalisten herumschlagen muss. Aber „Mr. Smith Goes to Washington“ ist bei uns weitaus weniger bekannt, obwohl er ebenfalls zu den großen Werken Capras und der Arbeits-Kooperation Capra/Stewart zählt. Was es über dieses Werk zu erzählen gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

In Washington stirbt Samuel Foley, der Senator eines nicht genannten Bundesstaates. Dessen Kollege, Senator Paine, gibt die Nachricht an Gouverneur Hubert „Happy“ Hopper weiter, der das Recht hat, bis zur nächsten Wahl einen Nachfolger Foleys zu benennen, und der sich in dieser Angelegenheit mit dem Medienmagnaten Jim Taylor bespricht. Taylor, der dank seiner Macht über die Medien und Wirtschaft den Bundesstaat beherrscht und Hopper nach Belieben kontrollieren kann, ist in den Bau eines Staudammes verwickelt, der zwar eigentlich nicht gebraucht wird, aber Unsummen an Steuergeldern verschlingt. Deshalb beauftragt er Hopper, einen Ersatz für Senator Foley zu finden, der zum einen nicht in die Machenschaften um den Staudamm verwickelt ist und zum anderen leicht auf Kurs gebracht werden kann. Nachdem Hopper einige Kandidaten aus politischen Gründen verworfen hat, schlagen ihm seine Kinder Jefferson Smith als idealen Kandidaten vor. Smith, ein unbedarfter, leichtgläubig-naiver Pfadfinderführer, ist eine lokale Berühmtheit, der Senator Paine, einen alten Freund seines Vaters, bewundert. 

Nach einigem Zureden ist Smith schließlich bereit, nach Washington zu gehen und den Posten zu übernehmen.

In Washington angekommen, bereitet die Presse Smith allerdings einen bösen Empfang und macht ihn lächerlich, was ihn dazu bringt, sein Amt niederlegen zu wollen. Paine überredet Jefferson Smith dazu, zu bleiben und für die Einrichtung eines nationalen Jugendcamps zu kämpfen. Mit Hilfe seiner zynischen Assistentin Clarissa Saunders, die er von seinem Vorgänger übernommen hat, bereitet Smith seine Eingabe an den Senat vor. Als Platz für die Errichtung des Jugendcamps hat Smith jedoch ausgerechnet Willets Creek vorgesehen, was Jim Taylor und Senator Paine bei ihren Plänen stört. Clarissa Saunders klärt Smith über die Machenschaften auf. Taylor und Paine versuchen mit allen Mitteln, Smith den Standort Willets Creek auszureden. Doch der Idealist erweist sich als unbestechlich. 

Als er die Sache öffentlich machen will, wird er von Senator Paine beschuldigt, selbst Grund am Willets Creek erworben zu haben, um damit Geld zu machen. Zeugen und gefälschte Dokumente tauchen zum Beweis der Vorwürfe auf. Desillusioniert will Smith nun endgültig Washington verlassen, aber Clarissa Saunders, die dank Jefferson Smith wieder an das Gute im Menschen glaubt und sich in ihn verliebt hat, beschwört ihn, in Washington zu bleiben und zu kämpfen. Die einzige Chance, die Smith noch hat, ist der Filibuster. Er tritt vor den Senat und beginnt eine Dauerrede, mit der er die Öffentlichkeit und den Senat überzeugen will.

Doch Jim Taylor bietet die gesamte Macht seiner Medien auf, um seinen Staat von den Nachrichten aus Washington abzuschneiden und die von ihm gewünschte Sicht der Dinge unter das Volk zu bringen. Hingegen arbeiten die Kinder im ganzen Land daran, Smith zu helfen, und verteilen die von Smith herausgegebene Pfadfinderzeitung. Dabei werden sie von Taylors Mannen gewaltsam gehindert. Als es zu Verletzten kommt, drängen Clarissa und seine Mutter Smith zur Aufgabe. Zudem werden Körbe von Briefen gegen Smith in den Senat geliefert. Bevor Jefferson Smith nach fast 24 Stunden Dauerrede zusammenbricht, erinnert er Senator Paine an die Zeiten, in denen dieser zusammen mit Smiths Vater „für die verlorene Sache“ gekämpft hat. Paine wird der Verrat seiner Ideale bewusst, er versucht Selbstmord zu begehen, wird aber davon abgehalten. Dann gesteht Paine vor dem versammelten Senat seine Schuld, während der bewusstlose Smith unter Jubelrufen hinausgetragen wird.

Rezension

Sogar die Nazis wollten eine Kopie des Films haben, weil sie dachten, der Film diskreditiere das System der US-Demokratie. In Deutschland lief der Film aber offenbar nicht im Kino, auch nicht nach dem Krieg, sondern wurde erst 1977 fürs Fernsehen synchronisiert. Deswegen hat man auch schlicht den Originaltitel übernommen und es existiert keiner von jenen reißerischen deutschen Verleihtiteln der 1950er.

Der humanistische Ansatz, den „Mr. Smith“ hat, ist zwar nicht mit einem revolutionären zu vergleichen, aber der gewollte und durchgeführte System Change und das Arbeiten am System im System sind eben zwei Varianten desselben Grundgedankens, sofern ein System sich als reformfähig, erneuerbar, sich den Umständen anpassend, mithin als wahrhaft demokratisch erweist.

„Mr. Smith Goes to Washington“ diskreditiert natürlich nicht das amerikanische System als Ganzes

Das wäre 1939 auch unangemessen gewesen. Es war der Höhepunkt des New Deal von Franklin D. Roosevelt, die Despression endlich weitgehend überwunden, die New Prosperity auf dem Weg und in Europa gab es gleich zwei Diktaturen, gegen welche die USA wirklich als Leuchtturm der Freiheit erschienen und einen Strom von Emigranten anzogen. Immer in starken oder progressiven Zeiten des Landes, auch wieder in den 1960ern, gab es dann auch fantastische politische Filme.

Die beiden Diktaturen sind Italien und Deutschland?

Applaudierende italienische Faschisten sieht man einmal auch während des Filibusters, der legendären Langzeit-Rede von Mr. Smith. Die Logik hätte es erfordert, auch Nazis zu zeigen, die spannende Frage ist, ob sie für die deutsche Version rausgeschnitten wurden oder ob man die Neutralität, auf die Roosevelt 1939 noch sehr bedacht war, dazu führte, dass man sie wegließ.

Ist „Mr. Smith goes to Washington“ ein großer politischer Film?

Dies ist überhaupt ein großer Film. Und wäre nicht 1939 auch das größte Jahr des alten Hollywood-Systems mit einer Unzahl hervorragender Produktionen gewesen, hätte „Mr. Smith“ sicher mehr Oscars eingeheimst als nur den einen fürs beste Originaldrehbuch.

Was ist das Beste an „Mr. Smith“?

Die einmalige Art, wie Frank Capra Menschen zeichnen kann – sympathisch und bedrängt, linkisch und mutig, naiv und stur und dann irgendwie schlau. Wer den Weihnachtsfilm „Ist das Leben nicht schön“ kennt, wird von dieser äußerst sicheren Art, auf dem Emotionsklavier der Zuschauer zu spielen, in „Mr. Smith“ Vieles wiedererkennen. Die Politik hingegen fand ihn nicht amüsant, weil er Korruption und Vetternwirtschaft sehr klar benennt.

Die Figuren sind ja auch nicht so schwer herauszufiltern. Außen vor ist natürlich der Präsident, Roosevelt war 1939 schon beinahe  unantastbar, er gilt auch heute noch als einer der besten Staatslenker, welche die USA über fast 250 Jahre hinweg regiert haben. Aber der Senat als Tummelpatz politischer Machenschaften war genau das richtige Forum. Groß, National, gerahmt von Bauten und Denkmälern, die nicht nur auf den jungen Jefferson Smith ehrfurchtgebietend wirken. Wer heute nach Washington D. C. kommt, spürt sehr wohl, dass die USA eine großartige Geschichte vorweisen können.Aber auch, dass Washington und die USA alles andere als identisch sind.

Aber die Politiker damals regten sich dennoch auf?

Der Mehrheitsführer im Senat, ein Mann, der im Film Agnew heißt, ist ein einger Freund der Clique um Joseph Payne und Jim Taylor, und das war in der Realität ein Demokrat, denn die Demokraten hatten zu der Zeit die Mehrheit im Senat. Was heute vor allem die Republikaner fuchsen würde, war also für Roosevelts Männer, die weniger großzügig waren als er selbst, ein rotes Tuch. Aber die Kritik, dass das System geradezu auf absurde Weise dargestellt wird, kann ich nachvollziehen. Der Film ist schon sehr plastisch-drastisch gestaltet. Dachte ich bis vor kurzem. Die Idee, einen Staudamm zu bauen, der nur für einige Lobbyisten gut ist, aber den Menschen in der Gegend, in welcher er stehen soll, rein gar nichts bringt und nur die Natur beeinträchtigt, liegt zumindest nicht mehr neben der Realität heutiger Subventionsprojekte, vielleicht mindestens so sehr in Europa wie in den USA. Am Ende steht da nur eine Baumaßnahme für sich selbst und wirkt damit abstrakt.

Denn es war ja gerade Franklin D. Roosevelt, der mit öffentlichen Großaufträgen, auch Staudammprojekten, die USA wieder in Schwung bringen wollte, und da sahen wohl einige Politiker tatsächlich eine Diskreditierung seines New Deal in „Mr. Smith Goes to Washington“.  Dabei hat Roosevelt zum Beispiel für eine Erweiterung der Machtbefugnisse des Präsidenten gesorgt, indem er sich ermächtigen ließ, solche Projekte an den Kammern, dem Senat und dem Kongress vorbei durchzubringen, damit ihm eben kein Filibuster in die Quere kommen konnte. Der stete Machtzuwachs der US-Präsidenten bis heute hat durch Roosevelt einen nicht unerheblichen Anschub erfahren. Aber ich glaube nicht, dass der Film so interpretiert werden will, dass er das übliche Gesetzgebungsverfahren als solches für zu umständlich hält.

Das wird im Film auch lehrbuchhaft erklärt – das Verfahren der Gesetzgebung.

„Mr. Smith“ ist ein wunderbarer Lehrfilm, aber kein langweiliges sozialpädagogisches Kino. Ich erkläre jetzt nicht das Verfahren der Normenfindung, denn so sehr unterscheidet es sich gar nicht vom deutschen,  vor allem dann nicht, wenn der Bundesrat zustimmen muss. Aber so gut kann keine Dokumentation die Macht und den Glanz der Demokratie vermitteln, die jede andere, partikulare und von Einzelinteressen gesteuerte Macht brechen und jedem Bürger Recht verschaffen kann, wenn sie  von einem Ausnahmetalent ist wie Jefferson Smith vom Kopf auf den Fuß gestellt wird.

Und dieser Smith, der Jedermann mit dem programmatischen Vornamen, das Symbol des Amerikaners an sich, ist ein politisches Ausnahmetalent, lernt rasend schnell und kämpft im wörtlichen Sinn bis zum Umfallen für seine Ideale. Nehmen wir aber einmal an, sein Projekt eines nationalen Jugendcamps, in dem geistige und körperliche Ertüchtigung stattfinden soll, sollte in einem Gebiet angesiedelt sein, auf dem er deshalb besteht, weil er es gut kennt, dort zuhause ist, nichts weiter – und der Taylor-Damm sei doch ökologisch okay und wirtschaftlich sinnvoll, dann wäre all dieses Engagment schon etwas schräg und dann könnte man auch sagen, hier blockiert sich die Demokratie selbst und zeigt, dass sie Systemen unterlegen ist, in denen durchregiert werden kann. Diesen Eindruck vermeidet der Film knapp, indem er die Motive eindeutig als gut oder schlecht und die Charaktere als ehrlich oder unehrlich kennzeichnet. Da ist die Realität sicher nicht immer gleichermaßen eindeutig, aber dafür Kino da, die Realität zu verdichten und durch Pointierung zu veranschaulichen.

Dass aber politische Entscheidungsträger sich einer Sache anschließen, weil man den Staaten, die sie vertreten, Projekte und Vergünstigungen und Investitionen verspricht, ist wiederum nicht nur in den USA Gang und Gäbe, da muss es nicht bis zur persönlichen Korruption kommen, damit man den Eindruck hat, es handele sich hier nicht um einen Kampf der Ideen und Prinzipien, es fände nicht das Ringen um die beste Lösung statt, sondern es ginge um einen politischen Basar. In den letzten Jahrzehnten ist das leider so sehr sichtbar geworden, dass wir jetzt die Verhältnisse haben, die wir haben. Dass der aktuelle US-Präsident nich tmehr von Abkommen, sondern von Deals spricht, passt absolut zu diesem Eindruck.

Wurde der Film mit Bedacht am Vorabend der US-Wahl 2016 ausgestrahlt?

Da bin ich ziemlich sicher, und wenn man das nicht so sehen will,  kann man immer noch sagen, er kann in das Langzeitprojekt von ARTE eingeordnet werden, das darin besteht, immer wieder Perlen der Filmgeschichte in restaurierter Form darzubieten. Was man aus ihm lernen kann, ist – dass wir heute weit entfernt sind von den Zeiten, in denen er gedreht wurde und dass es absolut notwendig ist, die Demokratie endlich wieder zu verteidigen, wie Jefferson Smith es im Film tut. Man muss dafür nicht 23 Stunden am Stück sprechen, das ist bei uns ohnehin nicht möglich – und, wie man sieht und hört, gefährlich für die Gesundheit.

James Stewart ließ sich sogar künstlich eine Halsentzündung anfertigen, um möglichst echt z wirken.

Jimmy Stewart war ganz gewiss der Jefferson Smith des US-Kinos, zumindest, bis er in den 1950ern auch Charaktere mit zweifelhaften Seiten zu spielen begann. Und er war einer der ersten Schauspieler in Hollywood, die vom Theater kamen, seiner variantenreichen und dezidierten Mimik und Stimmtechnik merkt man das an. Er war einer der besten, ohne Zweifel, und seine Darstellungen haben bleibende Qualität. Leider wurde er in „Mr. Smith Goes to Washington“ nicht von seinen beiden Standardsprechern Siegmar Schneider oder Sigmar Solbach ins Deutsche übertragen, die seine gedehnte Sprechweise wunderbar abbilden konnten, sondern von Eckart Dux, der diesen besonderen Stewart-Charme der Entschleunigung ausgerechnet in einem Film, bei dem es so viel auf die Intonierung ankommt, nicht so gut rüberbringt. Das hat das Einfühlen in einen meiner Lieblingsdarsteller etwas erschwert. Ohnehin wirken die Synchronisationen aus den 1970ern und 1980ern ein wenig steril, wozu natürlich auch der für einen so alten Film unnatürlich klare Ton beiträgt – andererseits der Original-Sprechweise getreuer, nicht so manipulativ den Ton ins weiche und Romantische drehend wie etwa die Original-Synchronisationen aus den frühen 1950ern; der Zeit, als auch viele Vorkriegsfilme aus den USA erstmals ins Deutsche übertragen wurden.

Es ist nun einmal für seine Zeit auch ein dialogreicher Film, deswegen lohnt sich auch ein Blick auf diesen Aspekt. Die Medien spielen in „Mr. Smith“ eine große Rolle – wie wirkt ihre Darstellung heute?

Auch da gibt es einen wichtigen Punkt, der mir Verständnis für den Ärger der Politiker abringen würde, hätten wir nicht gerade einen Präsidenten vor uns, der die Medien auf eine Weise attackiert, die demokratieschädigend wirkt. Noch vor „Citizen Kane“ wird in „Mr. Smith Goes to Washington“ ein Industrieller so dargestellt, als ob er quasi alle Medien des Landes beherrschen könne. Das war und ist in den USA nicht der Fall. Es gab wohl die Hearst-Presse, diesem Mogul folgt die Figur von C. F. Kane in Orson Welles’ Film, aber wie in „Mr. Smith“ z. B. Taylor den gesamten Heimatstaat von Smith meinungsmäßig zu manipulieren versucht, das schaut eher nach staatlich gelenkter Einheitspresse aus – besonders die Szenen, in denen er die Pfadfinder von Smith daran hindert, in ihrer Publikation, die sich witzigerweise „Jungenswelt“ oder „Junge Welt“ nennt, die Gegenmeinung in diese schöne, ländliche Welt zu tragen und dafür sogar gewaltsam vorgeht, wirkt doch etwas überzogen. Zumindest für die Zeit, in welcher der Film spielt. Ausgenommen wird ausdrücklich die CBS, die sich hinter Smith stellt und ihre Hörer auf den unerhörten Vorgang gelebter Demokratie einstimmt.

Aber die heute noch bestehende CBS hat nichts mit der Columbia zu tun, unter deren Dach „Mr. Smith Goes to Washington“ entstand?

Die CBS (Columbia Broadcasting Sysmtes) weist zwar eine Namengleichheit mit der Filmfirma Columbia auf, für die „Mr.Smith“ produziert wurde, aber die beiden waren nicht etwa ein Unternehmen. Vielmehr war Hollywood-Columbia ein rauer Laden, während CBS eines der Pioniernetzwerke modernen Entertainments war; Life-Reportagen wie die im Film zu sehende wurden tatäschlich um diese Zeit  herum fester Bestandteil des CBS-Repertoires. Im CBS war auch „Krieg der Welten“ zu hören, mit dem Orson Welles 1938, ein Jahr vor der Entstehung von „Mr. Smith“, schlagartig berühmt wurde.Vielleicht ist in den Broadcasting-Szenen sogar eine Anspielung auf die Macht der Medien zu sehen, auf ihre Wahl, ob sie eine Wahrheit verbreiten oder nur suggerieren. Heute tobt ein anderer Kampf, in dem sich diejenigen, die sich von den sogenannten Mainstream-Medien, also auch der CBS, benachteiligt fühlen, durch ihre Präsenz in „sozialen Netzwerken“ schadlos halten wollen.

Twitter als „Junge Welt“ von heute?

In der Tat frage ich mich, ob nicht viele in den USA den Kampf gegen das Establishment, den er während der Wahl 2016 zu führen vorgibt, mit dem vergleichen, was Jefferson Smith 1939 getan hat, wobei Hillary Clinton die korrupte Figur Joseph Payne zu covern hätte. Ich halte das für eine fundamentale Fehlinterpretation, auch wegen der Ideale der Verständigung, die Jefferson mit seinem Mega-Camp für Jugendliche erreichen möchte.

Das aber auch ein wenig wie ein Hitlerjugend-Lager wirkt?

Es wird im Film nicht ausgesprochen, aber vor der endgültigen Assimilation durch den Zweiten Weltkrieg gab es in den USA eine deutsch-amerikanische Bewegung, die den Nazis sehr nahestand und auch Camps betrieb, um Stadtkinder aufs Land zu bringen, ähnlich wie in Deutschland. Ideologisch ist diese Strategie der Ertüchtigung im körperlichen, aber auch im ideologischen Sinn jedoch konträr zum Toleranz-Erziehungsmodell des Pfadfinderführers Smith, der die Ideale von Freiheit und Gleichheit hochhalten will. Es ist ein unausgesprochenes Gegenmodell zum Rassismus, der 1939 in Hollywood noch nicht direkt gezeigt werden konnte. Doch die Idee, für Jungen (nicht für Mädchen, wohlgemerkt) jeden Glaubens und jeder Herkunft etwas Schönes in der Natur einrichten zu wollen, hat eine andere Tradition – die es in Deutschland übrigens auch gibt.

Den Kapitalismus zu kritisieren, das ging also 1939, den Rassismus aber nicht?

Da wirken viele Faktoren zusammen. Der Kapitalismus der wilden 1920er hatten sich in der Großen Depression als fragil erwiesen, mehr Regulierung und mehr Moral in der Wirtschaft waren 1939 sehr angesagt, symbolisch war zu jener Zeit auch die Macht der Unterwelt eingeschränkt worden. Ethik in der Wirtschaft war ein großes Thema der Roosevelt-Ära, erstmalig in der US-Geschichte in diesem Ausmaß. Aber der Rassismus, die Sezession, die Sklaverei, das war immer noch ein absolut heißes Eisen. Denken wir an einen anderen Film aus 1939, „Gone With the Wind“: Hollywood tat alles Erdenkliche, um die Südstaaten zu pflegen, ihnen Wertschätzung entgegenzubringen, und sah es sicher auch als nationalen Auftrag, durch deren positive Darstellung Versöhnungsarbeit zu leisten. Zudem waren fast alle, die in Hollywood etwas zu sagen hatten, jüdischen Glaubens und die USA waren nicht nur rassistisch, sondern bis zum Aufdecken des Holocaust auch eines der antisemitischsten Länder. Da blieb man als Filmmogul jüdischen Glaubens etwas mehr in der Deckung, und man hätte selbst einen für damalige Verhältnisse langen Film wie „Mr. Smith“ möglicherweise überfrachtet, wenn man zusätzlich noch Rassenthemen eingeflochten hatte. Wie oben beschrieben, war er ohnedies kontrovers genug.

Mit seiner Konzentration auf den Kampf zwischen Idealismus und Korrpution berücksichtigt er aber eine wichtige Weisheit, die viele Produktionen heute vermissen lassen: Er bleibt bei einem Thema und stellt dieses mit großer Überzeugung dar, scheut sich dabei nicht vor Pointierung und Vereinfachung, baut auf große Emotionen und gewinnt.

Das Finale: Auf der emotionalen Schiene gewinnt „Mr. Smith“?

Mir sagt der Film auch etwas über das, was bei uns heute fehlt. Dass die richtigen Ideen von überzeugenden Persönlichkeiten so rübergebracht werden, dass die Menschen mitgenommen werden. Zwischen guten und schlechten Ideen besteht heute leider ein fatales Gleichmaß an uninspirierter Darstellung, und wenn die guten Ideen, die nicht immer unkompliziert sind, nicht beseelt wirken, dann gewinnen die vermeintlich einfachen, in Wahrheit schlechten Lösungen, die an niedere Instinkte appellieren, nur allzu leicht die Oberhand. Oder gute Ideen werden okkupiert von Leuten, die erkennbar nur mit ihnen spielen, das ist genaus schlecht. Wir sehen das derzeit allüberall und deswegen ist ein Film wie „Mr. Smith geht nach Washington“ auch so aktuell. Er ist nicht nur diese gefällige Instruktion über das politische System der USA inklusive der Selbstreinigungskräfte, die es über lange Zeit tragen und erneuern konnten, sondern er lehrt uns auch, wie Politik nicht gehen sollte: volksfern, bürokratisch, unverständlich, in Hinterzimmern für die Interessen einer kleinen, reichen Minderheit ausgekungelt und damit massiv Unmut in der Normalbevölkerung erzeugend – nebst der Tatsache, dass es auch fortwährend faktische Fehlentwicklungen gibt, die gewisse Politiker gerne im Nebel des von ihnen ausgerufenen „postfaktischen Zeitalter“ verschwinden lassen möchten.

Es muss ja nicht so laufen wie bei mir während des Films, ständig zwischen Lachen und Tränen verdrücken war und fast die ganze Zeit über begeistert, aber etwas weniger abgehoben und lebensnäher sollte Politik vermittelt werden, um den unwiderstehlichen Charme z u entwickeln, der nur zustande kommt, wenn man sich nicht nur moralisch auf der sicheren Seite fühlt, sondern auch solidarisch mit allen, die zu Recht zweifeln und sich vom System abwenden. In den USA hat man nun gesehen, wohin das führt, und bei uns? Ich glaube, ich muss es nicht erläutern.

Wir brauchen noch eine Wertung.

Einige überplakative Momente waren schon drin, da hat Capra des Guten ein wenig zu viel getan, aber ich verstehe die emotionale Ansprache darin – Insgesamt ist „Mr. Smith Goes to Washington“ eine meiner Entdeckungen des Jahres. Es passt auch persönlich wunderbar in diesen Herbst (2016, Zeit des Rezensions-Entwurfs, A. d. A.), dass ich ihn jetzt zum ersten Mal gesehen habe, gerade nach dem Entschluss, nicht mehr nur über Politik zu schreiben, sondern auch mit meinen bescheidenen Mitteln etwas auf unterer Ebene beizutragen. Und, nein, ich sehe keinen Mr. Smith in mir wohnen.

87/100

© 2020, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Frank Capra
Drehbuch Sidney Buchman,
Lewis R. Foster
Produktion Frank Capra für
Columbia Pictures
Musik Dimitri Tiomkin
Kamera Joseph Walker
Schnitt Al Clark,
Gene Havlick
Besetzung

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