Mietsache – Tatort 541 #Crimetime 686 #Tatort #Hamburg #Casstorff #Holicek #NDR #Mietsache #Miete

Crimetime 686 - Titelfoto © NDR, Thorsten Jander

Der Miethai in der Alster

„Wenn du mich fragst, diese Heuchelei halt‘ ich nicht länger aus
Wir packen uns’re sieben Sachen und zieh’n fort aus diesem ehrenwerten Haus.“ (Udo Jürgens, „Ein ehrenwertes Haus“). Eine der Mietparteien, ein junges unverheiratetes Paar, tut das am Ende auch in diesem Film. Dass ein Paar, das ohne Trauschein zusammenlebt, hingegen von den übrigen Mieter*innen aus einem Haus gemobbt wird, ist in Berlin wohl schon im Jahr 1975, als das Lied entstand, schwer vollstellbar gewesen. Im ehrenwerten Haus in Hamburg und im Jahr 2003 gibt es auch viele geheimnisvolle Strukturen und Verhältnisse der Bewohner untereinander. Aber was ist die Moral von der Geschichte und wie war der Film? Darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

in Mann wird tot aus der Elbe geborgen. Die Obduktion ergibt, dass er durch einen Stromschlag in seiner Badewanne getötet wurde. Hauptkommissar Jan Casstorff vermutet einen geplanten Mord. Er und sein Team finden heraus, dass es sich bei dem Toten um den skrupellosen Unternehmer Heinrich Kehl handelt, der in den 1980er-Jahren als Pornofilmproduzent und nach der Wende als Immobilienspekulant ebenso rasant aufstieg wie er später wieder abstürzte.

Kehl lebte in Hamburg in einem Mehrfamilienhaus, das er offiziell seiner Schwester überschrieben hatte, obwohl er tatsächlich selbst der Vermieter war. Der Zusammenbruch von Kehls wackeligem Immobilienimperium trieb viele seiner Geschäftspartner in den Ruin, einige sogar in den Selbstmord, wie Jenny Graf recherchiert. So ist Kehls ehemaliger Kompagnon Bürger mittlerweile Alkoholiker und soll sich zur Tatzeit in Hamburg aufgehalten haben. Von ihm fehlt jedoch jede Spur. Holicek heftet sich an seine Fährte.

Casstorff bemerkt schon in seinen ersten Befragungen, dass auch die meisten von Kehls Mietern ihm keine Träne nachweinen: Der Mann war als Tyrann und Frauenheld verschrien. Einige der Bewohnerinnen und Bewohner hatten anscheinend schon heimlich begonnen, an Kehl vorbei eigene Pläne mit dem Haus zu schmieden. Je tiefer Casstorff in die Ermittlungen rund um das Mehrfamilienhaus einsteigt, desto dichter wird das Dickicht von Lügen und gegenseitigen Verdächtigungen, das er dort vorfindet. Aber verbirgt sich dahinter auch der Mörder?

Rezension

Der Vermieter ist zwar ein Arschloch, das allen Frauen im Haus nachstellt und ihnen für Sex Vergünstigungen gewährt, also im Grunde dafür bezahlt, aber in Fall von Mietenwahnsinn liegt hier noch nicht vor, denn 2003 war es am Vermietungsmarkt eher ruhig. Damit die Miethöhe trotzdem eine Rolle spielt, wird das eine oder andere falsch dargestellt: Ohne dass an einer Wohnung etwas gemacht, also „hochsaniert“ wird, konnte schon damals die Wohnungsmiete nicht auf die Weise nach Gutdünken verdoppelt werden, wie es hier der Vermieter mit dem missliebigen Musiker im Dachgeschoss durchziehen wollte, mit dem er um eine  alleinerziehende Mieterin konkurriert hat. Es gibt auch Fehler, die nichts mit dem Mietrecht zu tun haben: Wie hat die werte Dame so ganz alleine die Leiche abtransportiert, in diesem Mietshaus, wo jeder alles mitbekommt?, schreibt ein Nutzer auf „Tatort-Fundus„. Diese Fragwürdigkeit war mir nicht aufgefallen, aber es ist natürlich eine.

Zwischendurch ein Pluspunkt: Das Filming ist sehr gut. Atmosphärisch dicht, mit expressionistischen Kamerafahrten durch die Decken von Wohnungen hindurch und ähnlichen Schmankerln, das Mehrparteienhaus wird lebendig, bekommt ein eigenes Wesen zugesprochen und die Mieter*innen und der Vermieter sind mehr oder weniger verwoben mit diesem Wesen. Dass ein Vermieter mit im Haus wohnt, ist in Großstädten eher die Ausnahme, aber es passt natürlich gut, wenn man einen Whodunit in konzentriertem Setting produzieren will.

Was hingegen nicht passt, ist diese schreckliche Abhandlung über Mieter- und Vermieterpflichten anhand des Verhältnisses von Jan Casstorff & Sohn. Noch bemühter geht’s nicht und mein Eindruck ist, dass Robert Atzorn, vielleicht aber auch der Darsteller seines Sohnes, sich bei diesem Krampf nicht besonders wohlgefühlt hat. In der Folge hat man den Sohn in die Ferne verschoben und Casstorff die Staatsanwältin Wanda Wilhelmi zur Seite gestellt, damit er nicht solche hölzernen Komplimente an eine Frau vergeben muss, die wenig später als Täterin feststehen wird. Wenn man genau aufgepasst hat, konnte man das früh erahnen, aber natürlich nicht wissen.

In diesem Sinne war es auch schade, dass man eine externe Geschichte, eine die nichts mit dem Mietshaus zu tun hat, als Grund für die Tat einführt. In grieseligem Grau, wie Rückblenden damals hin und wieder gestaltet waren. Ein richtiges Krimidrama in einem ehrenwerten Haus kommt dadurch nicht zustande. Hingegen wollen die Mieter*innen sich quasi selbstständig machen und das Haus übernehmen, als noch gar nicht feststeht, dass der Vermieter sterben muss. Fraglich ist, ob es sich um eine GbR handelt, die hätte ins Grundbuch eingetragen werden können, oder um eine Umwandlung in Eigentumswohnungen. Die Idee ist bei näherem Hinschauen ebenfalls seltsam. Der Vermieter hatte keine Verkaufsabsichten und wäre er umgebracht worden, ohne dass Erbberechtigte vorhanden sind, hätte der Staat das Haus bekommen, der Stadtstaat Hamburg, in diesem Fall. Der hätte es vermutlich nach damaliger Praxis „privatisiert“, also an einen Investor verkauft. Ein Vorkaufsrecht an ihrer jeweiligen Wohnung hätten die Mieter*innen dabei nur gehabt, wenn bereits Teileigentum bestanden hätte oder wenn der neue Eigentümer solches hätte einrichten lassen. Einige Mieter waren finanziell dazu aber sicher nicht in der Lage, sodass man nicht von einer Hausgemeinschaft sprechen kann, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, partizipatives Wohneigentum unter Beibehaltung der vorhandenen Bewohner*innenstruktur zu bilden.

Mietenpolitisch ist der Film also recht rudimentär, aber aus dem Thema könnte man heute auch ganz anderen Zündstoff generieren als im Jahr 2003, das in einer für einen Anti-Vermieter-Plot eher ungünstigen Stagnationsphase liegt, die schon in den 1990ern begann und bis etwa Mitte der 2000er anhielt. Zwar stiegen auch damals die Mieten, aber nicht in dem Maße wie in den 2010er Jahren, und vor allem konnte man mit Grund und Boden und dem, was auf dem Grund steht, nicht so außergewöhnlich gewinnbringend spekulieren wie nach der Bankenkrise von 2008. Damit der Vermieter trotzdem unsympathisch wirkt, muss er als Person nach seinem Tod möglichst negativ dargestellt werden. So negativ, dass sein eigener Fön beschloss, ihn durch Stromschlag zu ermorden.

Leider hat man auch versucht, ein typisches Ost-West-Thema, nämlich, wie ein Geschäftemacher aus dem Westen einen ostdeutschen Unternehmer abzieht, mit in den Film zu integrieren – dieses Mal vom Westen aus. Diese Platte können aber die Ostsender der ARD eindeutig besser spielen, vor allem der MDR, der einzige, der nur auf dem Gebiet der früheren DDR angesiedelt ist. Diese Andeutungen in der Rückblende reichen nicht aus, um ein packendes Motiv zu zeigen, das außerhalb der Hausbewohnerschaft angesiedelt ist, auch wenn Bibiana Beglau der Person, die das Motiv hat, Einprägsamkeit zu verleihen versucht. Der Hintergrund bleibt, das ist bei Whodunits häufig das Problem, recht abstrakt. Man führt sehr spät die Mutter der jungen Mieterin ein, die Frau, deren Mann wegen der Machenschaften des Vermieters Selbstmord beging, um das offenbar erkannte Problem mit dem zu wenig griffigen Hintergrund zu lösen, aber es mag nicht recht gelingen, weil die Frau zu sehr als seelisches Wrack gezeigt wird und kein Wort spricht. Ein richtiges Mutter-Tochter-Komplott wäre hier wohl die besser nachvollziehbare Konstruktion gewesen.

Finale

Mit der schönen Gestaltung eines Films kann man mich beeindrucken, dafür bekommt „Mietsache“ auf jeden Fall Pluspunkte. Der 541. Tatort ist auch nicht unspannend. Dafür müssen sich die Darsteller aber schon anstrengen, denn der Plot allein verliert dadurch den Drive, dass sich das Geschehen im Haus nicht immer mehr verdichten kann – denn die Mordursache liegt außerhalb, auch wenn die Frau, welche sich rächen will, eigens deshalb in das Haus eingezogen ist. Sehen wir darüber hinweg, dass man schon sehr getrieben sein muss, um diesen Weg zu gehen, bleibt das Personaltableau mehr skizzenhaft. Ich stelle mir vor, Castorffs Vorgänger Stoever und Brockmöller mit ihrer viel mehr kommentierenden Art hätten hier ermittelt, das hätte dem Film vermutlich gutgetan, zumal er ohnehin durch die vielen Befragungen eine recht dialoglastige Phase hat, die man mit dem Humor der beiden hätte abwechslungsreicher gestalten können.

Leider auch schwach: Dass die Kriminaltechnik überhaupt keine Rolle zu spielen scheint, und das ist doch bei einem Badewannenmord, der damit endet, dass die Leiche in die Alster geschleppt wird, ein sehr ergiebiger Bereich. Angedeutet wird diese Ergiebigkeit einmal, als darauf verwiesen wird, dass die Abschürfungen auf der Haut des Vermieters darauf hinweisen, dass Fundort und Tatort nicht übereinstimmen. Trotzdem ist „Mietsache“ nicht dröge, sondern durchaus gut anzuschauen.

7/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Der Miethai in der Elbe

Die Kommissare Jan Casstorff (Robert Atzorn) und Eduard Holicek (Thilo Prückner) aus Hamburg müssen in dem Tatort „Mietsache“ den Mord an dem skrupellosen Immobilienunternehmer Heinrich Kehl aufklären, der sich einige Feinde gemacht hatte.

Eines Tages schwimmt in der Hamburger Elbe ein Mensch. Dabei handelt sich jedoch nicht um einen Bewohner der Hansestadt, welcher dringend eine Erfrischung oder eine Runde Sport benötigt hatte, sondern um einen leblosen Körper.

So leitet die Redaktion von Tatort Fans ihre Beschreibung zum 541. Tatort ein. Wir hingegen können dieses Mal mit Sicherheit sagen, dass ich den Film noch nicht gesehen habe – denn alles, was mit Wohnen und Mieten und Immobilien****is zu tun hat, bleibt für immer, auch dank der Arbeit des Wahlberliners am Thema „Mietenwahnsinn“. Die Handlungsbeschreibung ließ mich aufhorchen: Wollen die Mieter*innen ein Syndikat bilden? Muss dazu der unbeliebte Vermieter beseitigt werden?

Die Casstorff-Tatorte werden nur sporadisch wiederholt, auch deswegen ist der Überblick einigermaßen einfach. Ich könnte sie alle aus der Mediathek der ARD ziehen, der NDR ist dort mit seinen Episoden sehr präsent – aber im Moment ist für die Aufarbeitung von Altfällen, die nicht im Ersten oder in einem der Regionalprogramme wiederholt werden, leider keine Zeit. Weil der NDR aber am 23.06.2020 um 22:30 Uhr „Mietsache“ ausstrahlt, findet er demnächst Eingang in unseren Rezensionsbestand.

Besetzung und Stab

Jan Casstorff – Robert Atzorn
Eduard Holicek – Thilo Prückner
Carmen Radzynska – Bibiana Beglau
Jenny Graf – Julia Schmidt
Annemarie Weber – Katja Weitzenböck
Friedrich Bürger – Michael Hanemann
Bruno Kern – Jürgen Schornagel
Daniel Casstorff – Fjodor Olev
Luise Bernd – Antje Hagen
Judith Vorbeck – Nina Petri

Kamera – Simon Schmejkal
Musik – George Kochbeck
Buch – Thomas Bohn
Buch – Brigitte Drodtloff
Regie – Daniel Helfer

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