Rotkäppchen – Tatort 522 #Crimetime 696 #Tatort #Leipzig #Ehrlicher #Kain #MDR #Rotkäppchen #Rot

Crimetime 696 - Titelfoto © MDR

Mit Lebensmitteln spielt man nicht

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Ein rothaariges junges Mädchen wird getötet und Kain und Ehrlicher stoßen schnell auf einen etwas seltsamen Typ, der eingangs des Film einen Streit mit Rotkäppchen hatte. Doch kann jemand, der so früh ins Visier der Fahnder gerät, der große, böse Wolf sein? Dass wir Kain zuerst genannt haben, enstpricht dieses Mal den Spielanteilen der beiden Ermittler und mehr über den großen, bösen Wolf steht in der -> Rezension.

Handlung (Quelle: WDR)

Wieder einmal falscher Alarm für die Leipziger Kripo. Die Teile einer angeblichen Frauenleiche im Container entpuppen sich als Prothese. Keine halbe Stunde später gibt es in unmittelbarer Nähe dann doch eine Tote. Ein junges Mädchen wurde in ihrem Elternhaus erschlagen und ist die Treppe hinuntergestürzt. Das Fatale an dem Fall ist, dass Hauptkommissar Kain das Mädchen eben noch auf der Straße gesehen hatte. Sie war in einem Streit mit ihrem Freund verwickelt und von ihm gewaltsam zurück ins Haus gedrängt worden. Obwohl er eine Routineüberprüfung veranlasst hatte, macht sich Kain große Vorwürfe, nicht selbst eingegriffen zu haben.

Er findet den offensichtlichen Täter als Martin Kubelka in einer Datei des BKA. Die Speichel-Analyse stimmt mit seinen Werten überein. Für Kain ist der Fall aufgeklärt. Ohne die Sperma- Analyse abzuwarten, erwirkt er bei der Staatsanwältin einen Haftbefehl. Doch am nächsten Tag ist Kubelka wieder auf freiem Fuß – aufgrund mangelnder Beweise.

Aber Kain gibt nicht auf und ermittelt im Rotlichtmilieu, in dem Martin verkehrt hat. Doch die Auskünfte, die er von einer Bardame in Jost Sieberts Club „temps perdu“ bekommt, lassen ihn an der eigenen Version zweifeln. Hauptkommissar Ehrlicher drängt seinen Kollegen zu einer klärenden Aussprache mit dem Verdächtigen. Als Kubelka Kain anruft, um ihm wichtige Informationen zum Mord an Tanja, die er wegen ihrer roten Haare „Rotkäppchen“ nannte, zu geben, ist der Kommissar deshalb doppelt erleichtert. Doch am vereinbarten Treffpunkt fällt ihm Martin Kubelka vom Brückengeländer vor die Füße und wird anschließend von einem Laster überrollt. Als die Kollegen von der Mordkommission eintreffen, kommt Kain in Erklärungsnotstand, zumal ihn wenig später auch noch eine ältere Zeugin als den Mann identifiziert, der dem Toten auf der Brücke den Schlag versetzt haben soll. Hat der Kommissar seine Kompetenzen überschritten oder aus Schuldbewusstsein Selbstjustiz verübt? Kain wird vom Dienst suspendiert und entgeht nur knapp der Untersuchungshaft.

Es ist nun an Ehrlicher, seinem Freund zu helfen. Doch er weiß, wie dünn die Decke der Gegenbeweisführung ist. Der Fall bekommt eine Wendung, als Kain von der minderjährigen Maria aus dem „temps perdu“ mehr über Kubelka und sein „Rotkäppchen“ erfährt. Martin liebte das Mädchen. Doch sie war mit einem gewissen Nico zusammen, dem er sie liebend gern ausgespannt hätte. Ein viel größeres Problem war aber Rotkäppchens Vater, der auf jeden Freund seiner Tochter krankhaft eifersüchtig reagierte. Sollte der Taxi-Unternehmer Lemke der Mörder seiner Tochter sein? Zunächst scheint sein Alibi stichhaltig. Verdächtig erscheint auch der zwielichtige Clubbetreiber, der im Fall „Rotkäppchen“ offensichtlich mehr weiß, als er zuzugeben bereit ist. Von den Kommissaren wegen anderer Delikte in Bedrängnis gebracht, bietet sich Siebert schließlich als Kronzeuge an: Er kennt den Doppelmörder. Ehrlicher und Kain verhaften Oskar Lemke am Grab seiner Tochter.

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

Der Osten ist märchenhaft. Mit Dornröschen gab es auch schon mal etwas – eigentlich ein Berliner Tatort, aber spielte hauptsächlich im Brandenburger Umland. Allerdings gab es auch in der Nähe von München schon mal ein mörderisches Märchen und bei Hannover einen Märchenwald mit einer Blondine drin. Aber Rotkäppchen, das klingt schon nach NBL. Daran ist die Sektmarke schuld.

Man wird nicht enttäuscht. Kains und Ehrlichers 30. Fall, der auch das 30ährige Dienstjubiläum des Dresdner Kommissars darstellt, hat diesen unverkennbaren Ost-Touch, der bei den Nachfolgern trotz manchmal vogelwilder Vergangenheitsbezüge verloren gegangen ist. Ehrlicher ist noch in der DDR Polizist geworden, das legt man nicht ab, und Kain wirkt mit seiner Art, ständig über die eigenen Fehler zu straucheln, auch in etwa so, wie man sich die Menschen im Osten vorstellt, vom Westen aus betrachtet, damals, nach der Wende, als ohne Vorwarnung das echte, kapitalistische Leben kam und demgemäß kaum jemand darauf vorbereitet war.

Dass der Humor, der im 522. Tatort hinreichen vorhanden ist, ein wenig anders wirkt als bei allen anderen Teams, verstärkt dieses Feeling und da ist durchaus eine gute Portion Nostalgie drin – vor allem, da nun auch die Nachfolger Saalfeld und Keppler (Simone Thomalla, Martin Wuttke) aufhören werden.

Ungewöhnlich, dass der ausstrahlende Sender eine so ausführliche Handlungsbeschreibung liefert, aber sie stoppt doch kurz vor der Ergreifung des Doppelmörders an Rotkäppchen und an dem vermeintlichen Mörder von Rotkäppchen.

Die geschieht durch eine Zeugenaussage, obwohl vorher recht viel ermittelt wurde und daher Kriminaltechniker Walter viel Spielzeit hat. Der ist noch schrulliger als Ehrlicher und auf dieser Dresdner Dienststelle weht noch ein Geist von Individualismus der herkömmlichen Art. Gewisse Macken haben die Leute dort schon, aber sie wirken nicht so gefährlich wie bei Kommissaren neuerer Bauart.

Ohne, dass wir jetzt eine einzelnen Spruch oder eine Einzelszene herausgreifen wollen, es entwickelt sich manchmal ein ganz zauberhaft verquaster Humor daraus, der so ganz anders ist, so unliterarisch, nicht pointiert, sondern schnodderig in den Raum geschmissen, insbesondere von Männern, die ihre Unterhosen nicht selbst kaufen.

Fraglos sind die Polizistenfiguren Ehrlicher und Kain in „Rotkäppchen“ sehr liebenswert gezeichnet, haben nichts Penetrantes oder verschwurbelt-verstecktes oder gar offen gezeigtes Ostalgisches an sich. Da gibt’s zwar den Satz von dem freien Land, in dem sich Leute streiten dürfen, so viel sie wollen, was in dem Fall zu einem Mord führt und man könnt hineininterpretieren, dass in der DDR, wo jeder jeden überwachte, derlei vielleicht rechtzeitig gestoppt worden wäre. Aber auch diese Bemerkung über das Pathos bei Jubiläumsreden, das Ehrlicher erwähnt.

Im Fall Streit vor der Haustür hätte Kain allerdings eingreifen können und schickt stattdessen eine Streife hin. Wer macht sowas, ohne erkennbare Zeitnot und ohne erkennbare Höchstprioritäten, die ein solches Handeln rechtfertigen könnten? Da ist es nicht weit hergeholt, dass er sich sein Fernbleiben vorwirft, als Rotkäppchen dann tot ist. Überhaupt, immer, wenn es ans Leben geht, ist Kain in der Nähe. So auch bei seinem favorisierten Verdächtigen Kubelka, den er schon hinter Schloss und Riegel hatte, den die Staatsanwältin dann aber aufgrund neuer Beweislage freisetzt.

Es gibt einige Wackler, aber erkennbar ist die Szene, an deren Ende Kubelka stirbt, nicht einfach zu filmen gewesen. Das merkt man nicht nur daran, dass der Film ausgerechnet hier formale Akzente bei der Bild- und Schnittgestaltung setzt, die ihm ansonsten fremd sind. Diese sollen wohl davon ablenken, dass die Hinleitung zum zweiten Mord nicht passt.

Die ganze Zeit war Kain hinter Kubelka her wie der Teufel hinter der armen Seele, aber als dieser dann anruft, meint er, Kubelka soll morgen aufs Revier kommen, dieser hingegen will nicht in Kains Wohnung mit diesem sprechen, sondern an einem echt abgelegenen Ort, weil er befürchtet, von Kain wieder misshandelt zu werden. Wieso klingelt er dann zunächst? Und klar, dass Kain ausgerechnet in dem Moment unter der Dusche steht.

Diese Szenenfolge, in der Kubelka von einer alten Telefonzelle aus mit Kain aus kurzer Distanz telefoniert, wirkt im Ganzen unstimmig und hebt sich dadurch deutlich von einem Krimi aber, den man durchaus als konsistent und souverän durchinszeniert bezeichnen kann. Zwar gibt es auch hier wieder das Phänomen, dass die Handlung durch Zeugenaussagen und Immer-im-rechten-Moment-vor-Ort-sein der Polizisten beschleunigt wird, aber dafür ist der Film sonst sehr verständlich und ruhig gemacht.

Sicher ist „Rotkäppchen“ nicht gerade avantgardistisch, aber bei den beiden Typen Kain und vor allem Ehrlicher würde das auch nicht passen, dafür sind sie zu  traditionell. Auch der jüngere hat das für oder gegen sich gelten zu lassen – je nachdem, ob man old School mag. Das heißt, ob man diese Diskussionen mit der hübschen Tina angemessen findet, was sie da jobmäßig macht. Kain soll froh sein, dass sie sich für ihn so eindeutig interessiert, denn, wie sagt es sein Kollege treffend: Die Leute rennen weg, weil er so hässlich ist.

Das war jetzt etwas polemisch, aber man muss es mögen, dass man sich ein wenig wie in einer Welt voller Nerds fühlt, die aber von guten Engeln geleitet werden, sodass sie sämtlichen charakterlichen Unzulänglichkeiten, Pannen und haarsträubenden Vorgehensweisen zum Trotz unweigerlich zum Fahndungs- und Ermittlungserfolg kommen. Sie tragen ein wenig bei zu gewissen Vorurteilen, deswegen ist es auch gut, dass man beim MDR versucht, gemäß der wirklichen Gegebenheiten junge,   Persönlichkeiten einzusetzen.

Finale

Stylisch sind sie nie gewesen, Kain und Ehrlicher. Ehrlichers Name is Programm, er war einer der letzten taditionellen Bürokraten, wie man am Ende an der Sache mit der Mappe sieht, die er zurückhaben will.

Alles geht seinen Gang, auch im Kapitalismus, und unter Murren und launigen Bemerkungen, und da ist es geradezu konsequent, dass auch der Doppelmörder sich in diesem Film sich für denjenigen früh abzeichnet, der schon ein paar Krimis geguckt hat. Dass noch ein paar Verdächtige eingestreut werden, schadet dieser frühen Ahnung nicht.

Neben Ehrlicher, der von Peter Sodann in erheblicher Spiellaune präsentiert wird, hat uns besonders die Figur von Jost Siebert in der Darstellung von Peter Stegemann gefallen. Dieser Typ, der trotz Deals mit der Staatsanwaltschaft am Ende einfährt, ist ein Mädchenhändler, vermutlicherweise, zumindest aber setzt er Minderjährige in seinem „Club“ ein. Das vergisst man beinahe, wenn man ihn tricksen und lavieren sieht und hält ihn eher für einen Kleinganoven als für jemanden, der immer da ist, wo Geld lockt. Manchmal ist das Äußere und das Verhalten, das die Interpretation einer selbst gewählten Rolle sein kann, eben – nur äußerlich. Auf jeden Fall ist „Rotkäppchen“ ein besonders vernüglicher Leipzig-Tatort mit Kain und Ehrlicher.

7,5/10

© 2020 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Hauptkommissar Kain – Bernd Michael Lade
Frederike – Annekathrin Bürger
Techniker Walter – Walter Nickel
Katrin Lemke – Laura Laß
Oskar Lemke – Rudolf Kowalski
Staatsanwältin Mitterer – Simone von Zglinicki
Martin Kubelka – Mario Irrek
Jost Siebert – Bernd Stegemann
Maria – Wanda Perdelwitz
Barmädchen Tina – Clelia Sarto

Regie – Hajo Gies
Buch – Fred Breinersdorfer
Kamera – Achim Poulheim
Schnitt – Gabriele Hagen
Musik – Günter Illi

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