Sterne für den Orient – Tatort 93 #Crimetime 695 #Tatort #Berlin #Behnke #SFB #RBB #Stern #Orient

Crimetime 695 - Titelfoto © SFB

Sterne, die nicht am Himmel, sondern in Parkhäusern stehen

„Der erste Einsatz von Hauptkommissar Matthias Behnke (Hans Peter Korff ) für den Tatort Berlin. In der Tatort-Folge 093 „Sterne für den Orient“ muss Behnke zusammen mit seinem Partner Kommissar Hassert (Ulrich Faulhaber) den Mord an einem Berliner Arzt aufklären. Der Mann wurde in einem Parkhaus überfahren. Eine Spur führt zu einer organiserten Autoschmugglerbande“, leitet die Redaktion von Tatort Fans ihre Beschreibung zum Film ein. Wir hingegen werden in einer Dialog-Rezension klären, ob „Sterne für den Orient“ ein interessanter Tatort ist.

Handlung und weiter zum Inhalt (Wikipedia)

Der Gangster Zankl und ein Komplize haben für ihren Boss Covacs eine teure Mercedes-Limousine gestohlen und übergeben den Wagen mit gefälschtem Kennzeichen und Wagenpapieren dem von Zankl engagierten Peter Schäfer, der den Wagen in den Nahen Osten an einen Käufer ausliefert. Kommissar Schumacher vom Diebstahldezernat hat derzeit mit einer ganzen Serie von Diebstählen von Luxuswagen zu tun und weiß, dass diese in den Vorderen Orient verkauft werden. Covacs instruiert Zankl unterdessen, noch mehr Luxusautos zu stehlen, woraufhin Zankl sich in einem Parkhaus auf die Lauer legt. Schon bald wird er fündig, bricht mit einem Komplizen den Wagen auf und tauscht vor Ort die Schlösser aus. 


Als Zankl seinen Kurier Peter Schäfer für dessen Tour bezahlt, konfrontiert dieser ihn damit, dass er glaube, der von ihm ausgelieferte Wagen sei gestohlen gewesen. Zankl weiht daraufhin Schäfer ein, der Jura-Student möchte aber nicht länger bei der Sache dabei sein. Am nächsten Tag allerdings hat es sich Schäfer anders überlegt und geht nach einem weiteren Anruf von Zankl auf dessen Angebot auf eine Mitarbeit ein. Gemeinsam mit Zankl stiehlt Schäfer das Auto, dessen Schloss zuvor von Zankl manipuliert wurde. Da der Eigentümer des Wagens seine Aktentasche im Wagen vergessen hat, kehrt er noch einmal zurück und bemerkt die Diebe, die mit seinem Auto davonfahren. Auf Geheiß von Zankl hin fährt Schäfer den Mann über den Haufen, dieser wird tödlich verletzt. Schäfer ist schockiert von dem Vorfall, vollendet aber den Diebstahl des Wagens mit Zankl. (…)


Rezension (Anni und Tom):


Anni: Welch ein kostenfreier Werbefilm für Mercedes. Sowas wäre heute undenkbar, wo manche Sender schon die Markenenbleme auf den Autos abkleben. Bei den Berliner Tatorten merkt man wirklich besonders deutlich, was die 1970er für wilde Zeiten waren. Aber sie waren in Berlin besonders wild. 


Tom: Mich hat gewundert, dass sie nicht gleich die ganze S-Palette genommen haben, nur die Limousine W116. Der SL und der SLC wären doch ebenso geeignet gewesen. Der tolle Zeitgeist und natürlich wieder Bilder von Dreilinden, wie es heute noch aussieht, ohne Grenzübergang natürlich. Und wie der Wohlstand im Subventionsberlin der 1970er geradezu explodiert ist, auch die teilweise humorvolle Spielweise kann aber nicht verdecken, dass weite Teile der Story nicht sehr sinnvoll wirken.


Anni: Was mir aufgefallen ist, war, dass so ein Großdealer wie dieser Covacs sich doch nicht auf Berlin beschränken müssen. Wenn es hier mal nicht so läuft mit dem Autoklau, in Frankfurt, München, Hamburg und natürlich Stuttgart fahren auch genug Sterne für den Orient. Dass damit Mercedes-Autos gemeint sind, finde ich aber geradezu poetisch.


Tom: Der Druck, den der Händler hatte, fand ich auch ziemlich übertrieben. Das muss wohl jedem Abnehmer klar sein, dass es nicht läuft wie bei der Neuwagenverteilung. Und die gab es damals ja noch, bei Mercedes. Auf eine neue E-Klasse musste man viele Jahre warten. Und das ist eigentlich ein ganz wichtiger Aspekt, den man gar nicht erwähnt hat. Die Leute im sogenannten Vorderen Orient, der damals gerade aufgrund der in der ersten Ölkrise bereits erpressten höheren Einnahmen fürs Rohöl so richtig im Geld zu schwimmen begann, hätten eine S-Klasse nun wirklich auch vom Händler neu beziehen können, sicher gab es auch schon Vertretungen vor Ort. Aber man hätte es ja so darstellen können, dass auf legalem Weg nicht genug Autos zu bekommen waren. 


Anni: Dann müsstest du dich aber wieder fragen, ob die Wartezeiten für die deutschen Kunden nicht doch etwas länger waren als für die Vorzugs-Abnehmer im Ausland. Das muss man sich heute vorstellen, dass eine Autofirma hingehen kann und die Kunden jahrelang vertrösten, anstatt die Produktion entsprechend hochzufahren. So konnten sie natürlich perfekt den Absatz planen und Preise bis zum Mond nehmen. Es gab das ja auch, dass z. B. Werksangehörige ihre jungen Gebrauchten teurer verkaufen konnten als zum Neupreis. Das nenne ich angebotsorientiertes Wirtschaftsmodell, nicht das Rattenrennen, das heute läuft. Okay, deutsche Autos sind immer noch hierzulande zu teuer.


Tom: Frag mal die Ostdeutschen, die schon etwas länger hienieden sind, was Warten heißt. Gegen die Wartezeiten für einen neuen Trabant war das bisschen Abstand zwischen Bestellung und Auslieferung bei einer E-Klasse ja mehr oder weniger von Zwölf bis Mittag. Aber es noch mehr Fragwürdigkeiten im Plot. Zum Beispiel dachte ich schon vor dem Mord, es kann doch nicht sein, dass bei dem Riesenklau in Berlin nicht alle ausreisenden S-Klasse-Fahrer genau kontrolliert werden und dass Leute, die erwischt werden, nicht auch festgesetzt werden.


Anni: Denk doch mal, wie das heute bei der OK läuft. Da traut sich die Polizei gar nicht mehr ran. 


Tom: Aber Autodiebe kannst du doch nur in flagranti erwischen, wenn nicht direkt beim Klau, dann in Berlin doch optimal bei der Ausreise. Auch deswegen wäre es viel logischer gewesen, die Autos eher in Westdeutschland zu klauen und gemütlich nach Mailand zu schippern, wo ja offenbar ein Abnehmer sitzt, der sie dann zu einem Hafen bringt und in die arabische Welt verschifft. Das wird doch allemal sicherer sein, als über eine Transitstrecke durch die DDR zu fahren, wo die Vopos doch aus anderen Gründen viel genauer kontrollieren. Die Gründe, die wir in „Transit in den Tod“ gesehen haben. Und mit denen hätte die Westberliner Polizei ja zusammenarbeiten und die gestohlenen Wagen melden können.


Anni: Bis der Diebstahl entdeckt wurde, waren die Autos doch oft schon über der Grenze. 


Tom: Über der Grenze von Berlin in die DDR, klar. Aber bis zur tschechichen Grenze ist ja auch noch bissl Zeit und die Polizei kennt ja auch die bevorzugten Verschiebe-Grenzübergänge. Mich überzeugt die gesamte Grundhandlung nicht. Und dann dieser tödliche Unfall, der die Mordkommission auf den Plan ruft. Oder von mir aus gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge. So schnell war der Wagen doch noch gar nicht, dass jemand da sofort tot ist, wenn er angefahren wird. Muss der unglücklich auf den Boden aufgetroffen sein.


Anni: Aber das ist ja immerhin möglich. Klar, alles ist irgendwie möglich. Dass die Polizei bei einem Todesfall aber dezdidierter ermittelt als bei Diebstahl, finde ich schon logisch. Nur – das Tatwerkzeug, das Auto, hätte ich vermutlich abgeschrieben und in einen See gefahren. Dann wäre doch gar nicht rausgekommen, dass der Mercedes-Besitzer von seinem eigenen Auto überrollt wurde. Oder? Doch, klar, den Diebstahl hätte man bemerkt und genauso Zwei und Zwei zusammengezählt. Den Behnke fand ich übrigens recht originell, Typ Spießer, aber Selbstgedrehte. Und den Autoklau-Kommissar. Gerd Baltus lieferte das beste Spiel in dem Film ab. Und der Jurastudent, der sich von den Autobieben als Kurier einsetzen lässt. Triggert das was?


Tom: Also bitte! Ich hatte mich mal dafür interessiert, Autos ganz legal zu exportieren. Ich hatte ein paar Mark für die Infos bezahlt, wie sowas abläuft, damals konnte man sowas nicht einfach im Internet nachsehen. Dann aber gemerkt, dass das Verarsche war, denn das kann man so nebenbei nicht aufziehen, wie es dort beschrieben war. Da ging es übrigens auch um Italien und mit den Italienern Geschäfte zu machen, ohne deren Sprache zu beherrschen. Das hab ich mich richtigerweise nicht getraut. Der technische Vorgang war aber auch ziemlich komplex dargestellt.


Anni: Hättest eben als Kurier üben sollen. Schäfer bekam für eine Reise bis zu 2000 Mark, das war damals viel Geld. Okay, Spesen bis Istanbul abgezogen. Wieso hat er eigentlich den Wagen so weit gefahren, wenn es doch in Italien Zwischenabnehmer gab?


Tom: Wenn wir weitersuchen, finden wir immer mehr Unstimmigkeiten, also vielleicht noch ein paar andere Aspekte: Ich mag Autos eigentlich immer noch ganz gerne, auch wenn ich nicht mehr persönlich so scharf darauf bin, aber es war eben die Zeit, in der ich mir von meinem Großvater echte Mercedes-Prospekte besorgen ließ, die waren damals auf so geriffeltes Papier gedruckt und wirklich, wirklich hochwertig. Da leben Kindheitserinnerungen auf.  


Tom: Sag, was du willst, bei uns und bei den meisten Leuten hat damals Geld, der Aufstieg, was man für ein Auto gefahren hat, eine wichtige Rolle gespielt. Und klar wirkt sich das auf die Mentalität aus. Du brauchst viele Jahre, um den Kapitalismus kritischer zu sehen und es hilft natürlich, wenn du Schwierigkeiten mit dem System hast.


Anni: Wie es bei vielen Alt-Ökos aussieht, merkst du, wenn sie zu Geld kommen. Komischerweise nimmt in Berlin die Autoquote nämlich nicht ab, sondern zu, also der relative Bestand pro Einwohner, obwohl doch hier angeblich immer mehr Leute wohnen, die grundsätzlich und freiwillig aufs Auto verzichten. Der Bestand steigt zwar nicht rasant, aber immerhin. Im Jahr 2010 waren es 328 Autos pro 1000 Einwohner, im Jahr 2015 schon 340. Das ist zwar immer noch wenig im Vergleich zu westdeutschen Großstädten, aber die Leute hier haben ja auch immer noch wenig Geld.


Tom: Ich hab mal versucht, die Einwohnerzahlen und die Autozahlen der Jahre direkt zu vergleichen, aber durch den blöden Zensus von 2010, als festgestellt wurde, dass Berlin 200.000 Einwohner weniger hat als angenommen, ist das schwierig. Aber dabei ist mir was anderes aufgefallen. Die Berlin-Subventionen waren dringend notwendig, in den 1960ern hatte die Stadt massiv an Einwohnern verloren.


Anni: Jetzt bin ich auch mal ehrlich. Was du geschaut hast, sind die Zahlen für ganz Berlin gewesen. Im Westen hatte die Zahl in der Zeit nicht abgenommen, ob wegen der Subventionen oder wegen der vielen Einwanderer, die in Westdeutschland nicht zum Bund wollten, ist eigentlich egal, beides hat die Mentalität in der Stadt versaut, aber was hätte man machen sollen? Gar nicht fördern oder den Vier-Mächte-Status missachten, in dem anderen Fall? Aber der Rückgang war im Osten. Abstimmung mit den Füßen. Weil die DDR-Einwohner so unglaublich überzeugt von ihrem System waren, sogar in der Hauptstadt, die ja, ähnlich wie im Westen, mit riesigem Aufwand zum Schaufenster für die Welt ausgebaut wurde und wofür der halbe Rest der DDR verfiel. So, jetzt aber. Du fandest den Film also spannend, weil er über Autos ging. Also, ich geb 6,5/10, weil ich tatsächlich nie sehr viel Wert auf protzige Kisten gelegt hab. 


Tom: Ich gebe trotz der komischen Handlung 7/10, weil der Film besonders viel Aura hat. Und natürlich für das Sexkino mit dem echten Filmprojektor, der mitten in der Bar steht und den Auto-Maxe mehr fasziniert als die kantige Sächsin, die ihn zum Champagner bestellen animieren will. 


7/10*

*Aufrundung bei 6,75/10

© 2020 (Entwurf 2017) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Covacs – Walter Jokisch
Daisy Praatsch – Johanna Elbauer
Frau Wolf – Lisa Helwig
Kommissar Behnke – Hans Peter Korff
Kommissar Hassert – Ulrich Faulhaber
Kommissar Schumacher – Gerd Baltus
Peter Schäfer – Dieter Schidor
Zankl – Hans-Helmut Dickow

Buch – Günter Gräwert, Georg Alten
Regie – Günter Gräwert

 

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