Der Fall Sikorska – Polizeiruf 110 Episode 373 #Crimetime 705 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Lenski #Raczek #RBB #Polen #Deutschland

Crimetime 705 - Titelfoto © RBB, Oliver Feist

Ein alter, ein neuer, ein tiefer Fall

Ein interessanter Plot – ein alter Fall wird durch einen neuen wieder hochgespült, es wird erneut ermittelt und am Ende werden beide gelöst. Es sieht nicht gut aus. Für die Männer. Das ist bei Frauenmorden natürlich immer so, es sei denn, die Tötungshandlungen werden von Frauen begangen. Aber im 373. Polizeiruf sind nochmal einige besondere Trigger drin für jene, die sich nicht mit einer bestimmten Zuschreibung einfach so abfinden möchten, die man aus dem Film herauslesen kann. Um was es dabei geht und alles Weitere zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Die 19-jährige Paula Borchert wird bei Frankfurt tot aus der Oder geborgen. Kommissarin Lenski und ihr Kollege Raczek übernehmen die Ermittlungen. Diese verfolgen zwei Spuren: Paula war bei dem alleinerziehenden Leo Heise als Au-pair angestellt. Dessen Vater Gerd Heise wurde vor 15 Jahren beschuldigt, seine Stieftochter Julia sexuell belästigt zu haben; diese verschwand wenig später spurlos. Julias leiblicher Vater Pawel Sikorski hält ihn für schuldig am Verschwinden des Mädchens und hält es für wahrscheinlich, dass er auch für den gewaltsamen Tod von Paula verantwortlich ist. Laut Obduktion und DNA-Analyse hatte Paula vor ihrem Tod Geschlechtsverkehr mit dem jungen Polen Marcin Zieliński.

Marcin räumt zunächst ein, mit Paula wenige Tage vor ihrem Tod geschlafen zu haben. Dies sei einmalig und auf Drängen von Paula passiert, als er sie nach einer Feier nach Hause gefahren hatte. Er lebt in einer Beziehung mit Milena Kaczmarek, die von diesem Vorfall nichts erfahren solle. Gerd Heise bestreitet, Julia oder Paula jemals zu nahe gekommen zu sein. Lenski findet jedoch heraus, dass er vor acht Jahren eine Anstellung in Potsdam aufgab, nachdem er dort versuchte eine junge Kollegin zu vergewaltigen. Diese, Kerstin Briese, zeigte ihn damals jedoch wegen unzureichender Beweislage nicht an und ist auch nach wie vor nicht bereit, bei der Polizei auszusagen. Von Sikorski erfährt Lenski jedoch, dass Heise am Tag des Verschwindens von Julia, anders als in den Dienstplänen vermerkt, nicht im Krankenhaus war, sondern sich bei zwei Operationen von einem Kollegen vertreten ließ.

Als Milena auf Marcins Laptop heimlich angefertigte Aufnahmen von Paula findet, meldet sie dies bei der Polizei. Im anschließenden Verhör durch Raczek räumt Marcin ein, sich mit Paula am Abend des Verschwindens getroffen zu haben und er wollte, dass sie bleibe. Dies reicht Raczek für eine Festnahme. Bei Lenski hat sich inzwischen Briese gemeldet. Sie ist nun bereit auszusagen und übergibt Lenski auch Fotos von ihren damaligen Verletzungen, die ihr Anwalt damals angefertigt hatte. Die Aussage einer frühere Mitschülerin Julias deutet zudem darauf hin, dass Julia sich mit Heise treffen wollte. Dieser behauptet dennoch, in diesem Zeitraum im Operationssaal gewesen zu sein. Aufgrund des Vorwurfs der versuchten Vergewaltigung und der widersprüchlichen Angaben zum Aufenthalt Heises, lässt Lenski das Hausgrundstück der Heises kriminaltechnisch untersuchen. Im Haus lassen sich Reste beseitigter Blutspuren nachweisen und in einem trockengefallenen Brunnen im Garten der Heises wird Julias Leiche gefunden.

Rezension

Bevor wir zum Trigger kommen, müssen wir leider auch bei diesem Polizeiruf schreiben: Der Plot ist zwar recht clever ausgedacht, aber es hakt wieder mal bei vielen Details. Sikorski findet also heraus, dass Gerd Heise seinerzeit nicht wirklich im OP war – und sagt es nicht der Polizei und diese nimmt die Spur nicht auf? Und das Haus der Heises hatte man damals auch nicht untersucht. Gut, dass mittlerweile die taffen Lenski und Raczek ermitteln, da erfährt der Vater der vor zehn Jahren ermordeten jungen Frau noch späte Genugtuung, weil sie dem Arzt Dr. Heise endlich auf die Schliche kommen. Zwischenanmerkung: Die Weißkittel mal wieder! Wie der Tatort, so der Poizeiruf. 

Aber mehr als die Weißkittel: Die Männer! Gerade, weil es zwei verschiedene Täter gibt, die ihre Grenzen bei Frauen nicht beachten können und es dadurch zu einer weiteren Katastrophe kommt, wirkt das, was wir sehen, mehr wie die an uns adressierte Beschreibung eines Musters, als wenn es einen Mehrfachmörder gegeben hätte. Es tut uns leid. Wir sehen durchaus das Typische, das Allgemeine, das aufgrund der hormonellen Disposition von Männern festgehalten werden kann, trotzdem ist nicht jeder von uns ein potenzieller Vergewaltiger oder Mörder. Wir müssen uns aber aufgrund dieser biologischen Komponente aktiver disziplinieren als Frauen das müssen, das stimmt schon – und man kann den Film auch so deuten, dass darauf hingewiesen werden soll – denn Heise junior ist ja ein ganz anderer, eher defensiver und reflektierterer Typ als sein Vater.

Dieses Vater-Sohn-Verhältnis fanden wir übrigens ausgezeichnet dargestellt und der Typ Gerd Heise kommt uns irgendwie bekannt vor – als hätten wir so jemanden im realen Leben schon mal gesehen oder erlebt. Außerdem wird zum Glück nicht der Spin eingerichtet, dass Heise junior seine Frau verloren hat, weil er ihr zu langweilig und sexuell nicht offensiv genug war. Das behauptet lediglich sein Vater. Die beste Episodenfigur in diesem Film ist auf eine Weise manipulativ und verdreht, um es etwas traditionell zu formulieren, dass wir nur zugeben können: Genau so. Solche Männer gibt es. Gar nicht ganz selten. Wir haben uns auch recht gut mit Leo Heise identifizieren können, der auch sehr gut dargestellt wird: Da ist nicht nur Entsetzen über den Vater, sondern auch ein Rachegefühl – nun zu insistieren und den Vater endlich mal zwiebeln zu können, das kommt deutlich zum Vorschein. Weil wir uns mit dem Innenleben der Familie Heise, zu dem natürlich auch die immer wegsehende, zu viel verzeihende Mutter zählt, recht gut einfinden konnten, war der Fall für uns auch packend. Wer das nicht kann, der wird ihn, wie Kritiker schrieben, tatsächlich als „langen, ruhigen Fluss“ empfinden, ein Nebenfluss der Oder, sozusagen. 

Und wie arbeiten sich die beiden Kriminalpolizisten Olga Lenski und Adam Raczek an diesem Fall ab? Unser Gefühl war, dass, wenn man den Film zu träge findet, die beiden einen nicht unwesentlichen Anteil daran haben könnten. Die Dynamik aus deren Kennenlernphase ist weg, dieses Mal wir nicht einmal Lenskis Mutterschaft thematisiert, die sonst immer erwähnt wird. Dabei hätte es gerade bei diesem Thema nahegelegen, die Mutterrolle von Katarzyna Heise in ihrer eigenen zu spiegeln. Raczek und Lenski wirken also ziemlich statisch, aber das Männer irgendwie immer die falsche Peilung haben, zeigt sich auch hier: Sie glaubt sofort an einen Zusammenhang zwischen dem alten und dem neuen Fall, er lehnt das mit einer für uns unverständlichen bzw. gekünstelten Vehemenz ab – weil er sich als Mann durchsetzen will, wenn er sich einmal festgelegt hat? Ist es das? Was wir herauslesen sollen? Auch du, Freund Adam? 

Kritiken gemäß wird das deutsch-polnische Verhältnis thematisiert, was ja auch die Aufgabe des Settings im deutsch-polnischen Kommissariat an der deutsch-polnischen Grenze ist. Aber wie kürzlich in „Name suchen“ beschleicht uns der Eindruck einer gewissen Beliebigkeit. Ein einfacher Mann, der Vater da draußen in der Pampa, wird nicht angehört, als ein renommierter Arzt in Verdacht gerät, eine  junge Frau umgebracht zu haben. Diese Relevanz des sozialen Gefälles hätte man auch zwischen Potsdam, wo Dr. Heise gearbeitet hat, bis er freundlich gegangen wurde, und dem wilden Brandenburg da draußen ansiedeln können. Eine speziell deutsch-polnische Komponente konnten wir da, anders als in den ersten Lenski-Raczek-Filmen, nicht entdecken, die noch das eine oder andere Kischee runtergenudelt hatten. Das war uns allerdings dann auch wieder – sic! – zu klischeehaft. 

Einige Kritiker sehen das Team Lenski-Raczek als auf gleichem Niveau angesiedelt wie Buckow-König drüben in Rostock. Wir sind nach dem Sichten einiger Filme beider Duos anderer Ansicht. Man kann sie ja wirklich gut vergleichen, Mann-Frau, alle um die 40, emotional kapabel und mit Ecken und Kanten, ein Teil hat keine Beziehung (mehr), der andere die Brüde der ehemäßig schlecht gelaufenen Vergangenheit oder schlecht laufenden Gegenwart im Rucksack.

Aber: Buckow und König können jedoch höher fliegen und tiefer in jedweden zwischenmenschlichen Morast steigen. Ein bisschen unfair ist diese Feststellung, die sich auf die Figuren, nicht auf die Darsteller*innen bezieht, trotzdem: Dass Buckow sich ständig im privaten Sumpf aufhält und nur noch mit den Augen so rausschaut, dass er gerade noch sehen kann, was dienstlich vorgeht, dass König eine Fluchtgeschichte „geschenkt“ bekommt, das ist eben sehr dezidiert.

Buckow als proletarischster Premiumreihen-Fernsehpolizist seit Horst Schimanski und die ebenfalls erdig wirkende Katrin König sind fulminant, wenn man sie lässt. Diese große Bandbreite haben Lenski und Raczek nicht. Solange das Brandenburg-Setting von der starken Asymmetrie von Horst Krause und seinen jeweiligen Chefinnen geprägt war, schaute sich alles recht originell genau deswegen an – seltener wegen der hervorragenden Plots. Aber dieses Besondere gilt für Lenski und Raczek nicht mehr, die beiden könnten ein Paar sein, aber sie werden kein Paar werden, das ist für uns ziemlich klar. Ersteres sahen wir schon häufiger, gegenwärtig wohl am spannendsten angelegt beim NDR-Bundespolizei-Duo Falke und Grosz. Man hat das anfangs auch bei Lenski-Raczek gespielt, inklusive dem Kaspern um die Anrede, man konnte sich vorstellen, dass es möglich ist – inklusive dem nicht so unglaubwürdigen Moment, in dem Lenski schon mal weg, sich ins innere Brandenburg zurückversetzen lassen will und sich dann doch anders entschießt. Vorerst, wie wir wissen. Maria Simon, ihre Darstellerin, hört nächstes Jahr tatsächlich auf. Zehn Jahre sind eine Zeit, aber es werden vermutlich Wünsche offenbleiben, die Buckow und König schon weitgehend erfüllt haben. 

Finale

Auch wenn „Der Fall Sikorska“ kein Kracher ist, hat er psychologisch viele gute Momente und wir honorieren, dass man sich hier ganz auf ebenjenen Fall bzw. die zwei Fälle konzentriert hat. Die vielen Spielminuten, die in anderen Filmen der Reihe oder in den Tatorten fürs Private der Polizist*innen draufgehen, fehlen hier, der Fall muss sich also selbst tragen. Gleichzeitig bemüht man sich, trotz der verschiedenen Zeitebenen verständlich zu bleiben und den Plot nicht zu überfrachten. Das ist alles nicht so schlecht gemacht. Die aktuellen Genderdebatten sind das poitische Thema – und die Dekonstrutkion von Familien, wie wir sie in diesen Krimis so häufig sehen. 

7,5/10

© 2020 (Entwurf  2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 
Regie Stefan Kornatz
Drehbuch Bernd Lange,
Hans-Christian Schmid
Produktion Britta Knöller,
Hans-Christian Schmid
Musik Stefan Will,
Marco Deckkötter
Kamera Bernhard Keller
Schnitt Boris Gromatzki
 

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