French Connection – Brennpunkt Brooklyn (The French Connection, USA 1971) #Filmfest 176

Filmfest 176 A

Abschied vom Heldentum

„The French Connection“ gewann 1972 fünf Osars, der Metascore liegt bei 94 Prozent und die IMDb-Zuschauer geben ihm durchschnittlich 7,7/10. Der Film gilt als Prototyp des harten, modernen Cop-Thrillers. Aber wir sind bei drei Versuchen, ihn zu schauen, eingeschlafen. Ist das die Möglichkeit?

Beim vierten muss es aber wohl geklappt haben, sonst könnten wir im Wahlberliner nicht diese Rezension veröffentlichen. Mehr darüber, warum es solche Schwierigkeiten gab und natürlich auch über die positiven Seiten des Films in der -> Rezension.

Notizen zur Produktion (1)

Als Vorlage für den Film und das Buch diente ein Drogenfund im Jahr 1962, der zu den bis dahin größten der New Yorker Polizeigeschichte zählte. Maßgeblich verantwortlich für den Fund war der Polizist Eddie Egan (1930–1995), der als einer der härtesten Polizisten New Yorks galt und als Vorbild für die Hauptfigur des Doyle fungierte (ebenso wie diese trug er den Spitznamen „Popeye“).[2] Egan fungierte als Berater bei den Dreharbeiten und übernahm auch die Nebenrolle von Simonson, dem Vorgesetzten von Doyle. Als weitere Hollywood-Angebote folgten, verabschiedete sich Egan von der Polizei und arbeitete fortan als Schauspieler.[3] Als Vorbild für die von Roy Scheider gespielte Figur des Russo diente Egans Polizeipartner Sonny Grosso (1930–2020), der später als technischer Berater und Mitproduzent von Polizeiserien wie Kojak – Einsatz in Manhattan und Baretta tätig war.[4]

Handlung (1)

Die Polizisten Jimmy „Popeye“ Doyle und Buddy „Cloudy“ Russo, gehören dem Drogendezernat des New York City Police Departments an.

Doyle und sein Partner gehen nach einem Nachtdienst in den Nachtclub Copacabana, weil sie nicht schlafen können. Dort fällt ihnen zufällig jemand auf, den sie aus einer Laune heraus beobachten „… give him a tail“. Sie observieren diese auffällige Person und stellen fest, dass seine Lebensumstände nicht mit seinem Verhalten im Nachtclub im Einklang stehen. Im Nachtclub warf der Verdächtige mit Geld um sich, was zu seinem ausgeübten Beruf in keinem Verhältnis steht. Die Basis für weitere Ermittlungen ist damit gelegt. Den anfänglichen Observationen folgte eine Abhöraktion.

Die Polizisten beschatten Salvatore Boca, der den Kauf von 89-prozentigem Heroin im Wert von 32 Millionen US-Dollar von dem französischen Drogenboss Alain Charnier aus Marseille plant.

Da „Popeye“ und „Cloudy“ durch ihre Ermittlungen Charnier immer näher kommen, veranlasst dieser einen Mordanschlag auf „Popeye“. Dies führt zu einer brutalen Hochbahnentführung und einer Verfolgungsjagd. „Popeye“, der bei der Verfolgungsjagd mehrmals sein Leben riskiert hatte, stellt und erschießt den Killer.

Bei einer nächtlichen Observierung beschlagnahmt er das Fahrzeug, das der französische Schauspieler Devereaux im Auftrag Charniers in die USA bringen ließ. Zunächst entsteht der Eindruck, „Popeye“ hätte wieder ins Leere gegriffen: Die Polizei findet nichts im Wagen. „Popeye“ lässt den Wagen in die Werkstatt bringen und zerlegt diesen in seine Einzelteile. Als bereits keine Hoffnung mehr besteht, etwas Brauchbares zu entdecken, findet „Popeye“ die Drogen unter einer Leiste im Seitenschweller.

Die Polizei stellt den US-amerikanischen und französischen Gangstern bei der Drogenübergabe eine Falle; dabei kommt es zu einem Schusswechsel zwischen der Polizei und der „French Connection“ in einem verlassenen Fabrikgebäude außerhalb von New York. Bei diesem Feuergefecht erschießt „Popeye“ irrtümlich Mulderig, einen Beamten des FBI, setzt aber die Verfolgung von Charnier fort.

Hier verlässt „Popeye“ den Blickwinkel des Kinozuschauers, im Off fällt ein Schuss und der Abspann des Films beginnt. Eine Einblendung informiert die Zuschauer über die Schicksale der wichtigsten Filmfiguren: Die beiden Polizisten „Popeye“ und „Cloudy“ wurden aus dem Drogendezernat heraus versetzt, Joel Weinstock und Angie Boca kamen ohne Gefängnisstrafe davon, Lou Boca bekam eine reduzierte Strafe und Devereaux vier Jahre Haft. Charnier wurde nie gefasst und es wird vermutet, dass er unbehelligt in Frankreich weiterleben würde.

Kritiken (1)

„Ein virtuos inszenierter Thriller, der realistische Details und die Atmosphäre der Originalschauplätze geschickt zur Spannungssteigerung verwendet und mit der Figur des Detektivs Doyle das komplexe Porträt eines kaputten, desillusionierten Einzelkämpfers entwirft.“

„Es ist nur eine dünne Linie, die Polizei und Gewalttäter trennt: Mit dieser Sichtweise auf das moderne Amerika setzte Regisseur William Friedkin („Der Exorzist“) Anfang der 70er Jahre neue Maßstäbe für das Krimigenre. Keine Heldenverehrung, keine Verklärung: Frei von aufgewühlten Emotionen, authentisch und geradezu kalt, nimmt Friedkin den gnadenlosen Krieg zwischen Drogendealern und der Polizei unter die Lupe. […] Fazit: Der Klassiker des modernen Cop-Films.“

Rezension

Im vierten Anlauf hat es also geklappt, und es lief richtig gut, obwohl es eine Late Night Session nach erneuter Aufzeichnung des Werkes war, das wir nach den drei Fehlversuchen vom alten Media-Receiver gelöscht hatten. Hat sich unser Eindruck ein halbes Jahr später zentral verändert?

Man muss diesen Polizeifllm doch im Zeitzusammenhang sehen. Der für überragend erachtete Realismus ist sicher heute noch seine größte Qualität. Aber nach aktuellen Maßstäben auch einer seiner Mängel. Es vergehen woh rund 30 Minuten dieses Werkes nur mit Observation. Und das war es, was uns immer wieder rausgeschmissen hatte. Es passiert über weite Strecken nicht nur nicht viel, sondern sogar ausgesprochen wenig. Und die Cops kämpfen mit der nacht, dem Morgengrauen, der Müdigkeit. Das hat sich übertragen, wir sehen uns Filme nicht programmatisch mit möglichst größer Distanz an.

Natürlich kann man sagen: Was für ein genialer Rhythmus! Anfangs hin und wieder eine nette Verhaftung im Drogenmilieu, eine Scheinauseinandersetzung mit einem V-Mann, später Zoff mit dem FBI-Beamten, der in die Ermittlungen involviert ist. Aber doch eine insgesamt gemächliche Filmweise, so wirklichkeitsgetreu sie die Polizeiarbeit auch wiedergeben mag, inklusive der Dialoge.

Jene Dialoge, die nicht nur teilweise improvisiert wirken, sondern es auch sind. Nicht immer sind die Sätze, die aneinander anschließen, logisch aufeinander aufgebaut. Es heißt, Gene Hackman und Roy Scheider, die beiden Cop-Buddies, die alles aufdecken, hätten sich stellenweise nicht ans Drehbuch gehalten, sondern ihre Dialoge so gestaltet, wie sie Hackman bei seiner Feldrecherche gelernt hatte – er war tatsächlich einen Monat lang mit den realen Vorbildern für seine und seines Schauspielerkollegen Rollen unterwegs im New Yorker Drogensumpf gewesen. Man merkt auch, dass die Schauspieler an einigen Szenen richtig Spaß hatten, bestimmt Momente sind wohl nicht gespielt. Diese sind alle in den ersten Minuten des Films angesiedelt.

Zwischen den vielen Observationen und dem Katz- und Maus-Spiel von „Popeye“ mit dem französischen Drogenboss aber kommt es zu der ikonischen Sequenz, in der „Pop“ per beschlagnahmtem Auto eine Hochbahn verfolgt. Diese Minuten sind für damalige Verhältnisse atemberaubend gefilmt und es ist wohltuend, dass man nicht versucht hat, die gesamten 104 Minuten zu einem solchen Spektakel zu machen. Heute wäre das nicht auszuschließen. Auch das Finale ist versiert gefilmt, aber nicht so außergewöhnlich wie die Minuten in der Bahn und unter der Bahn, wobei sich auch ein tatsächlicher Unfall ereignete, der nicht im Drehbuch stand – verletzt wurde dabei niemand.

Nicht nur die Stadt New York erscheint in dem Film als ziemliches Dreckloch, auch die Moral ist nicht mehr, was sie war. Der Kampf gegen die Drogenmafia wirkt zumindest bei Popeye eher wie ein persönlicher Feldzug als wie ein Staatsauftrag und es gibt eine Szene, die gut illustriert, was den Polizisten, der in einer kleinen, unaufgeräumten Wohnung haust und sich von einer Nachtbekanntschaft mit den eigenen Handschellen ans Bett fesseln lässt, antreibt: Das Gefühl, dass einige etwas zu viel von allem abkriegen. In der Szene, die wir meinen, beobachtet Doyle von einem ungemütliche Straßenplatz aus seinen mittlerweile Intimfeind Charnier. Während Doyle einen billigen Hotdog isst und der Coffee-to-go so ungenießbar erscheint, dass er ausspeit und den Rest wegkippt, sitzt er andere gegenüber bei einem intimen mehrgängigen Mahl, bei dem allerhand Köstliches aufgefahren wird. Schon zu Beginn wird herausgestellt, dass der reiche Charnier eine hübsche, viel jüngere Freundin hat, der er Geschenke machen kann und die ihn beschenkt, vermutlich von seinem eigenen Geld, aber sie kann halt Klamotten besser aussuchen.

Die Cops hingegen werden als Menschen ohne Privatleben gezeigt, die sich jeden Tag mit den niederen Chargen des Drogenbusiness und mit den Abnehmern herumschlagen müssen. Der braune Lincoln, der als einziges Auto im Film frisch gewaschen aussieht, spielt dabei eine Rolle als Scharnier: Es ist ja eigentlich Charniers Wagen, aber Doyle bekommt ihn zu fassen und kann ihn auseinandernehmen. Dass er hinterher wieder so zusammenzubauen ist, dass Devereaux, der ihn nun in New York benutzt, nichts davon merkt, ist ein übertrieben, aber Doyle riecht den Braten, bekommt die Drogen in die Hand und will natürlich auch Charnier fassen. Vielleicht gelingt ihm das am Ende des zweiten Films, der ihn selbst nach Marseille führt, wo Charnier wohnt – aber nicht in „Brennpunkt Brooklyn“.

Der Frage nach dem Sinn des Ganzen wird im Abspann die eigentliche Krone aufgesetzt: Keiner der Drogenbosse, die während der Übergabe festgesetzt werden, erhält überhaupt eine Haftstrafe, nur der französische Fernsehstar, der „eine Gefälligkeit“ für Charnier ausführte, indem er den Stoff in die USA brachte, wird für vier Jahre eingesperrt – im Grunde der Ungefährlichste und Unbedarfteste von allen.

Finale

Es besteht kein Zweifel darüber, dass „The French Connection“ ein Höhepunkt von „New Hollywood“ ist, etwas Neues, Aufregendes war, durch seine Direktheit und seine für die Zeit typische Hinterfragung von Moralvorstellungen, die man hier in ein sehr städtisches Szenario integriert hat. Der Film kam nicht aus dem Nichts, Ende der 1960er hatten sich Großstadtkrimis wie dieser schon angedeutet, wie etwa „Coogan’s Bluff“ mit Clint Eastwood oder „Bullitt“ mit Steve McQueen, der ursprünglich auch für French Connection angefragt war – aber wegen seiner vorherigen Polizisten-Rolle ablehnte.  Auch wenn uns der Film insgesamt sicher drei bis vier Stunden gekostet hat – ohne diese Rezension – erkennen wir natürlich, dass er ein Meilenstein war und auf seine Weise ein Höhepunkt an vermuteter Authentizität, der danach selten wieder erreicht wurde.

79/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Angaben aus der Wikipedia

Regie William Friedkin
Drehbuch Ernest Tidyman
Produktion Philip D’Antoni
Musik Don Ellis,
Jimmy Webb
Kamera Owen Roizman
Schnitt Gerald B. Greenberg
Besetzung

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