Goldrausch (The Gold Rush, USA 1925 / 1942) #Filmfest 184 DGR

Filmfest 185 A "Concept IMDb Top 250 of All Times" (7) / "Die große Rezension"

2020-08-14 Filmfest AIrgendwo im Nirgendwo spricht ein großer Filmemacher sich selbst ein wenig kleiner

Der reale Alaska-Goldrausch von 1898 diente Charles Chaplin 27 Jahre später als Thema für die Geschichte eines kleinen Kerls, der sich, wie viele andere, auf den beschwerlichen Weg über den Chilkoot-Pass macht, um in den verschneiten Weiten goldglänzendes Glück zu finden, der, wie viele andere, vielfältige Gefahren zu überstehen hat, aber im Gegensatz zu vielen anderen tatsächlich wieder in die Zivilisation zurückfindet, die ihn ambivalent empfängt – doch da taucht ein Typ auf, den er im weißen Nirgendwo kennengelernt hat und dieser Typ hat das Gedächtnis verloren, sodass der Fleck, an dem er  Gold gefunden hat, tatsächlich Nirgendwo liegt. Der kleine Kerl aber sollte noch wissen, wo die Hütte steht, die den Weg zur Fundstelle weist.

Handlung (1)

Alaska, Ende des 19. Jahrhunderts: Ein Treck von Glücksrittern zieht in die Wildnis, um Gold zu suchen. Darunter der Tramp, der in einem eisigen Schneesturm Schutz in einer Hütte sucht, die jedoch schon von dem polizeilich gesuchten Verbrecher Black Larsen bewohnt wird. Dazu gesellt sich der grobschlächtige, aber gutmütige Abenteurer Big Jim, der kurz zuvor Gold gefunden hat. Als die Nahrungsmittel ausgehen, wird Black Larsen ausgelost, sich auf die Suche nach Nahrung zu begeben. Er trifft auf zwei Kopfgeldjäger und tötet diese, findet dann zufällig die Goldmine von Big Jim und kommt nicht zurück zur Hütte.

Der Tramp kocht daraufhin einen seiner Schuhe für die beiden Verbliebenen. Er verspeist seinen Teil des Schuhs genüsslich in einer der bekanntesten Szenen des Films: die Schuhbänder wickelt er dabei wie Spaghetti auf und nagt die Schuhnägel wie Hühnerknöchelchen ab.[2] Vor Hunger fast verrückt, sieht Big Jim in dem Tramp ein übergroßes Huhn, das er versucht, zu fangen und zu schlachten. Die Situation entspannt sich, als es dem Tramp gelingt, einen Bären zu schießen.

Ihre Wege trennen sich. Big Jim geht zurück zu seinem Goldschatz, wo er Black Larsen vorfindet, der ihn niederschlägt, auf der Flucht jedoch einen Abhang hinunter in die Tiefe stürzt. Der Tramp ist derweil in einer Goldgräberstadt angekommen und verliebt sich dort in die Bardame Georgine, die in einer turbulenten Beziehung mit dem großspurigen Jack Cameron ist. Der Tramp wird von einem gutmütigen Goldsucher aufgenommen, der zu einer Expedition aufbricht und ihm aufträgt, während seiner Abwesenheit auf seine Hütte aufzupassen. Dort trifft er einige Tage danach zufällig Georgine wieder, die mit einigen Freundinnen einen Ausflug macht. Er lädt sie in die Hütte ein, wo die Frauen zufällig eine Fotografie von Georgine entdecken, die der Tramp aufbewahrt, und erfahren so, dass er sich in das Mädchen verliebt hat. Daraufhin beschließen sie, ihm einen Streich zu spielen, und nehmen zum Schein seine Einladung zum Silvesteressen an.

Der Tramp verdient sich das Geld für seine Party mit Schneeschaufeln. Am Silvesterabend hat er eine festliche Tafel gedeckt. Während er auf Georgine und ihre Freundinnen wartet, schläft er ein. In seinem Traum sind seine Gäste angekommen und er unterhält sie mit dem „Brötchentanz“, einer weiteren Szene, die in die Filmgeschichte eingegangen ist:[3] Zwei auf Gabeln aufgespießte Brötchen bewegt er im Takt der Musik wie die Füße einer Tänzerin. Als der Tramp erwacht, hört er schon die Silvesterglocken und ist immer noch allein. Enttäuscht geht er in die Stadt, um Georgine in der Tanzhalle zu suchen.

Dort trifft er Big Jim, der sich wegen des Schlages, den ihm Black Larsen versetzt hat, nicht mehr an den genauen Ort seines Goldfundes erinnern kann. Er weiß nur noch, dass er sich in der Nähe der Hütte befunden hat. Der Tramp soll ihn nun dort hinführen, dann will er mit ihm teilen und sie beide zu Millionären machen. Tatsächlich gelingt es dem Tramp, die Hütte wiederzufinden. Die beiden feiern mit viel Alkohol und legen sich schlafen. In der Nacht wird die Hütte von einem Schneesturm halb über einen Abgrund geweht. Als die beiden Goldsucher am nächsten Morgen aufwachen, glauben sie zunächst, dass das Schwanken des Fußbodens von ihrem verkaterten Zustand herrührt. Gerade noch können sie sich auf festen Boden retten, bevor die Hütte in den Abgrund kracht. Gleich in der Nähe finden sie das Gold und kehren als Millionäre zurück, wie Big Jim es vorhergesagt hat.

Mit einem Dampfer verlassen sie Alaska. Für einen Fotografen soll der mittlerweile in Frack und Zylinder gekleidete Tramp noch ein Mal seine abgerissene Goldgräber-Montur anziehen. Bei den Fotoaufnahmen fällt er auf das Zwischendeck, wo sich die weniger betuchten Passagiere aufhalten. Dort begegnet ihm Georgine, die sich zufällig ebenfalls auf dem Dampfer befindet. Sie hält ihn für einen blinden Passagier und versucht, ihn zu verstecken. Als dies nicht gelingt, bietet sie an, ihm die Überfahrt zu bezahlen. Mittlerweile sind jedoch Journalisten und Schiffsoffiziere hinzugekommen, die das Missverständnis aufklären. Der Tramp flüstert einem Journalisten etwas ins Ohr, offensichtlich hat er vor, Georgine zu heiraten.[4]

Rezension

Das erste Statement: „Goldrausch“ ist eine Ikone der Stummfilmzeit, an der wir nie zu kratzen wagen würden. Wohl aber lässt sich die von Chaplin selbst im Jahr 1942 vertonte Version kritisch betrachten, die wir in der deutschen Übersetzung angeschaut haben. Leider hätte es nichts gebracht, den Film noch einmal ohne Ton zu betrachten, denn die Zwischentitel, die das Original hatte, wären doch notwendig gewesen, um einige Wendungen zu verstehen. Und sie zu verstehen, weil man vorher mit Ton geschaut hat, geht nicht an, weil auch so kein Eindruck von der Urfassung entsteht. Es bleit nur, diese zu besorgen und die beiden Fassungen nacheinander zu betrachten – die stumme natürlich zuerst.

Was stimmt nicht mit Chaplins eigener Tonfassung? Vorweg: Die Musik ist wunderschön. Das „Goldrausch“-Thema oder die Themenkomplexe geben sowohl den melancholisch-romantischen Teil wie auch das Komödiantische hervorragend wieder. Chaplin war unter anderem ein exzellenter Filmkomponist, das vergisst man gerne – seine wohl bekannteste Melodie für einen Film ist „Smile“, geschrieben für „Moderne  Zeiten“, ein „Standard“, der unzählige Male interpretiert wurde und wird.

Die musikalische Untermalung ist aber nicht, wie zuweilen bei Chaplin, dem Inhalt der Szene stimmungsmäßig entgegengestellt (diese Methode soll er sogar erfunden haben), sondern auf sie abgestimmt. Bald nach Beginn, als Charlie auf einem Felsvorsprung wandelt und ihm ein Bär zur Musik von „Wenn der Junge mit dem Mädchen wandert übers Feld“ folgt, ist dies fraglos eine Bereicherung gegenüber jeder stummen Version – leider war der Originaltitel des offenbar volkstümlichen Liedes nicht zu ergoogeln, weil dieser deutsche Textausschnitt, den wir nur aus der synchronisierten Fassung von „Mogambo“ kennen, keinen Link zu mehr Infos über den Song ergibt. Aber wenn man diesen Text vor Augen hat und die ziemlich konträre Situation im vereisten Bergmassiv erfasst, kann man sich schon deshalb ein Lächeln nicht verkneifen. So viel also zur Musik und wie sich gleich die Aussage von der Untermalung teilweise relativiert: Es ist hier eine Steigerung durch Ironie.

Mit dem Text sieht es ein wenig anders aus. Chaplin beschreibt nicht nur, um die Übergänge zwischen den Szenen fließender zu machen und die Zwischentitel zu ersetzen, was neben der Befügung der Musik im Grunde ausgereicht hätte. Nein, er kommentiert sehr dominierend und interpretiert damit auch die Figuren. Er interpretiert sie aber nicht nur, er versucht, sie zu adeln. Besonders auffällig wird das am Verhältnis Charlie-Georgia. Wie sie ihn reinlegt und wie herzlos sie sich verhält, das versucht die Kommentierung zu mildern, indem Charlie so dargestellt wird, als wisse er im Grunde, dass das alles nicht ernst gemeint ist. Was es einerseits nicht besser macht, andererseits seine Rolle als naiver Glücksucher in ein etwas schiefes Licht rückt. Schließlich sitzt er ja doch nichtsahnend am gedeckten Silvesterabend-Tisch und die Mädchencombo rückt nicht an. Außerdem wird Georgia noch auf andere Art, etwas subtiler, in ein besseres Licht gesetzt: Die Kommentierung leitet uns eindeutig in die Richtung, dass Georgia diesen großen, gutaussehenden Goldsucher namens Jack gar nicht ausstehen kann und ihm diese verachtungsvollen Blicke zuwirft und die kalte Schulter zeigt – und mit dem kleinen, unscheinbaren Charlie tanzt (was wiederum zu der komischen Szene führt, in welcher er den Hund an der Hosenleine mitführt).

Würde man den Text weglassen, hätte man jedoch eher folgenden Eindruck: Georgia ist durchaus an Jack interessiert, das zeigt sich in der Silvester-Szene, als sie mit ihm anbandelt und ihn dann sogar mit zu der Hütte nimmt, auf die Charlie für zwei ausgerückte Goldsucher aufpasst, damit Jack mit den Mädels zusammen Spaß daran hat, Charlie ein wenig zu foppen. Folgt man dem Text, ist das komplett unlogisch, lässt man ihn aber weg, kommt man auf die einfache Tatsache, dass Georgia mit Jack das Spiel von Anziehung und Zurückweisung spielt – sie ist ein Barmädchen, das sich des Kerls versichern will, indem sie ihn zwingt, ihn zu erobern, weil sie nicht sofort zu haben ist. Charlie spielt dabei nur die Rolle eines gutmütigen Trottels, der sich aber, wie oft in seinen Filmen, vehement ins Geschehen drängt und am Schluss tatsächlich die Liebe der schönen Frau gewinnt. 

Wir können nur vermuten, was Chaplin dazu bewogen hat, den Zuschauer so beeinflussen zu wollen. Er selbst hat über „Goldrausch“ gesagt, dies sei der Film, mit dem er dem Publikum gerne (auf ewig) in Erinnerung bleiben wolle. Keine Frage, dass er das schaffen wird, wobei wir „Goldrausch“ nicht über „City Lights“, „Moderne Zeiten“ und „Der große Diktator“ stellen, wohl aber über alle anderen Chaplin-Filme und damit über die meisten Stummfilme. Man kann einen Film in mancher Hinsicht nicht mit Werken vergleichen, die fünfzig oder achtzig Jahre später entstanden sind und lebt gerne mit einer gewissen Rohheit im technischen Bereich. „Goldrausch“ hat einige Kratzer, was die Technik und auch den Plot angeht – den man schon eher die Filmepochen übergreifend bewerten darf.

Der Chaplin von 1942 hat offenbar versucht, den von 1925 noch einmal emporzuheben, in dem er die Goldsucher-Tramp-Figur und damit das Kinostück, das ihr gewidmet ist, in einem Akt der künstlerischen Neuschöpfung zu einem neuen Gesamtwerk zu machen, es fließender, moderner und noch persönlicher wirken zu lassen durch den Narrator, der in der dritten Person über den Protagonisten spricht und über die anderen Figuren – und auktorial, wenn man die Kategorien literarischer Erzählperspektiven verwendet. Das heißt, er hat das Recht zur Kommentierung, weil er über den Dingen steht und in die Köpfe aller Figuren hineinsehen kann. Diese subjektive Stimme, die in den 1940ern, besonders im Film noir, verstärkt aufkam und uns noch dichter an ein ohnehin packendes Geschehen heranführte, erzählte aber meist aus der „Ich-Perspektive“ und damit aus einer individuellen Gefühlslage heraus, aus dem engen Bild, das ein Mensch durch seine Wahrnehmung von der Welt zwangsläufig hat. Wenn man so will, ist Chaplins Narrator auch sehr traditionell und, sagen wir’s ruhig, er weiß es am besten.

Was wir wieder schön fanden, wobei wir davon ausgehen, dass es im Deutschen etwas sämiger wirkt als im Original ist das Pathos bei der Beschreibung von Situationen, nicht von Emotionen der Figuren: Die Anfangsszene mit dieser endlosen Kette von Goldsuchern, die sich einen weißen Berg hinaufwindet, ist so kommentiert, dass schon ein wenig der Aspekt der Sozialkritik einfließt, den der Film als drittes Element neben der Komik und der Romantik beinhaltet. Es zieht sich durch den Film, in dem es einige Figuren gibt, die man getrost als zweifelhaft beschreiben kann. Wir meinen damit nicht nur Black Larson, den Verbrecher, sondern auch Big Jim, der sich höchst ambivalent verhält und kein zuverlässiger Freund für den kleinen Kerl ist, der immer treu und redlich wirkt, viel mehr als Chaplin selbst in seinen frühen Filmen.

In diesem Zusammenhang müssen wir auch auf Plotprobleme zu sprechen kommen. Fragen wirft zum Beispiel die Szene auf, in der Big Jim auf Black Larson trifft, der wiederum zufällig auf Big Jims Goldader gestoßen ist – und Big Jim niederschlägt. Anstatt, dass er daraus Kapital schlägt, Jim also aus dem Verkehr zieht, rennt er davon und stürzt dann effektvoll mitsamt der verschneiten und vereisten Bergkante in die Tiefe. Eine tolle Szene, aber bar jeder Logik.

Das ist die Stelle, an der man mit am deutlichsten bemerkt, dass Chaplins Art, ohne Drehbuch zu arbeiten, was damals fast alle Filmkomiker taten, an ihre Grenzen stößt, wenn die Handlung komplizierter wird und einen Langfilm tragen muss, von dem der Regisseur das Ende wohl schon vorher weiß, sich zwischendurch aber plottechnisch in der schneeigen Einöde verfährt, ähnlich, wie die Figuren die Orientierung verlieren. Chaplin, so ist es u. a. in der Wikipedia nachzulesen, hat für den Film ewig gebraucht, weil er immer nur so weit drehen konnte, wie er die weitere Handlung im Kopf hatte, manchmal waren das wohl nur wenige Szenen. Im Grunde erschließt sich überhaupt der Komplex mit Black Larson nicht richtig, wenn man davon absieht, dass er für den gierigen Typ steht, der über Leichen geht, um an Gold und Geld zu kommen. Wir rufen uns in Erinnerung: Er schießt kaltblütig auf zwei Polizisten, die hinter ihm her sind, macht mit Big Jim aber keineswegs kurzen Prozess, um den ersehnten Reichtum zu erlangen, sondern läuft weg. Gnädig kann man es so interpretieren, dass der Manna vom vielen blendenden Schnee geistig so mitgenommen ist, dass er nicht mehr klar denken kann. Bis zu dem Moment, den man auch als silly Turn bezeichnen kann, wirkt er aber nicht so.

Es gibt noch mehr solche Stellen, die etwas weniger ins Auge fallen. Georgias Verhalten haben wir schon erwähnt, da liegt es eher an der Kommentierung, dass sie inkonsistent wirkt, ohne diese hätten wir durchaus die Intuition gepriesen, mit dem Chaplin ein leichtlebiges, abenteuerlustiges Barmädchen zeigt, das sein Herz für den Tramp erst am Schluss entdeckt – und hätten dies stimmig gefunden. Der ganze Aspekt „Wann trifft wer warum auf wen“ in diesem Film ist nicht sehr gut ausentwickelt.

Irritierend ist auch Big Jim, weil er als Figur nicht eindeutig positioniert ist. Im Grunde famos gemacht, er ist eben ein Charakter, der von einem Moment auf den anderen ein guter Kumpel und dann ein Truthahn-Halluzinator ist, der seinen Mitbewohner erschießen will – und dann sogar weitermacht, als Charlie gar nicht mehr als Federvieh in die Szene tritt. Diesen Klops wiederum textet uns Chaplin als „Huhn oder nicht Huhn“, Big Jims Wunsch, etwas zu essen, überragt alle mittlerweile entwickelten freundschaftlichen Gefühle für Charlie deutlich. Das hat einen realen Hintergrund, Chaplin orientierte sich an einem Buch, das über Aspekte des Klondike-Goldrausches referiert und dabei auch Kannibalismus unter Goldsuchern nicht auslässt. Big Jim ist also ein rauer Geselle und nicht immer nur freundlich gesinnt. Diese Unberechenbarkeit gibt dem Film viel von seinem Thrill, wird aber wieder vom Narrator relativiert, indem er Big Jim als einen – sic! – im Grunde gutmütigen Kerl beschreibt. Wenn das so eindeutig wäre, müsste man sich um den Goldsucher Charlie keine Gedanken machen. Dort, wo die Stimme schweigt, und das ist mehrfach während der Hüttenszenen der Fall, wirkt dieses Werk am spannendsten, auch, weil Chaplin war denn doch so klug war, die besten Gags des Films nicht zu zerreden. Und diese besten Szenen des Films gehören zu den schönsten Gags, die jemals auf Zelluloid gebannt wurden.

Welche Gags sind die schönsten? Wir kennen sie alle, die Sequenz, in welcher Charlie seinen Schuh verspeist und wie akribisch und künstlerisch er dabei vorgeht – auch dies übrigens soll unter hungernden Goldsuchern wirklich vorgekommen sein. Dass Chaplin dabei fast wie ein Sternekoch agiert und alles mit größter Ruhe zelebriert, während Big Jim nervös und genervt wirkt, ist das Schlagobers auf dieser Sequenz. Chaplin wiederholte bekanntlich jede Szene so lange, bis sie ihm gefiel, also manche Drehs gibt es vermutlich in einer zweistelligem Zahl von Varianten – der Schuh, den Mack Swain, der Big Jim spielte, zu verspeisen hatte bzw. die Schuhspitze, bestand aus Lakritze, und der gequälte Eindruck, den Swain uns beim Schuhverzehr vermittelt, soll wohl echt gewesen sein, denn er hatte vom vielen Lakritze essen müssen Blähungen bzw. Magenschmerzen.

Der Brötchentanz naütrlich, leider nur eine Traumszene, aber wirkliche Kunst auf kleinstem Raum, grandios getimt und virtuos gespielt, nur mit den Händen, ähnlich dem Marionettentheater. Elegant und dann wieder parodistisch. Wirklich bezaubernd. Die dritte ikonische Szene ist die schräge Hütte auf der Felskante – physisch so nicht möglich, da hat Charles Chaplin also den Realismus ein wenig fahren lassen, während es bei Huhn und Brötchen um Halluzinationen geht, aber erstklassig inszeniert. An dieser Sequenz kann man gut ablesen, wie Charles Chaplin sich seit seinen Anfängen, die wir zum Teil bereits rezensiert haben (die Veröffentlichung ist einem Chaplin-Special vorbehalten), weiterentwickeln, einen Gag über mehrere Minuten ausbauen, ihn dabei so hervorragend gestalten konnte, dass er komplett ausgekostet wird – ohne Anzeichen von Überdehnung.

Das Ende auf dem Schiff ist übrigens eine Reminiszenz und Verkehrung der Szene in „Der Immigrant“ –  in dem acht Jahre älteren Film war Charlie der Einwanderer, der mit keinem Dime in den Taschen in die USA kam, so wie Chaplin 1913, jetzt ist er der Millionär, der er wirklich geworden war, und der für ein journalistisches Fotoshooting noch einmal ins Tramp-Kostüm schlüpfen soll – wobei er dieses Mal die Sache mit der zu viel großen Hose auf die Spitze getrieben hat, in keinem anderen Film wirkt diese so überdimensioniert und trägt demgemäß so sehr zum Eindruck der berühmten, stark bodenlastigen Silhouette des Tramps bei.

Über die Szene auf dem Schiff, wo ihm plötzlich alle zu Füßen liegen, nachdem sie wissen, wer er ist, die ihn vorher misshandeln wollten, als sie ihn für einen blinden Passagier hielten, ist viel geschrieben worden, weil sie als zynisch angesehen wird. Kritisch ist sie sicher – wer Geld hat, wird nun einmal besser behandelt. Für uns ist das heute so selbstverständlich, dass wir es nur uns nur noch intellektuell dagegen wehren können, auf Umwegen: Wir betrachten zum Beispiel das deutsche Grundgesetz, das von Menschenwürde spricht, und anhand dieser Vorgabe überlegen wir uns, wie in konkreten Situationen mit jemandem umzugehen ist, der Hilfe braucht oder zu den Armen gehört, damit dieses Prinzip gewahrt bleibt.

Wie wir es aber leben, darüber lehrt uns Chaplin: Zivilisation ist, wenn man jemanden nicht nach seinem Äußeren beurteilt und dem Rang, den dieses spiegelt oder nicht nach dem Geldbeutel, sofern dieser sich im Äußeren zeigt. Wir sind heute sicher etwas zivilisierter als die US-Gesellschaft von 1925 oder 1898, aber es geht klar rückwärts, das muss man ebenso feststellen. Hier darf dieser Einschub anlässlich der Veröffentlichung im Jahr 2020 nicht fehlen: Die sechs Jahre, die seit dem Entwurf der Rezension vergangen sind, kann man gar nicht anders bewerten als damit, dass im Ergebnis ein weiterer zivilisatorischer Rückschritt zu verzeichnen ist – in den USA, aber auch bei uns.

Da sich gerade die Sozialkritik in einem Film immer so schön am Hier und Jetzt abgleichen lässt, bleiben die Dominanz des toten Geldes und das Katzbuckeln vor den Promis bis heute bestehen. Natürlich ist der Goldfund von Big Jim, den er mit Charlie teilt, weil dieser ihn noch einmal zur relevanten Stelle zu führen vermag, ein Symbol des Amerikanischen Traumes – aber auch seiner Oberflächlichkeit, wenn Leute wegen eines Klumpens totem Material in Ekstase geraten. Gold ist ja auch deshalb ein besonders wertvolles Material, weil die Menschen ihm einen besonderen Wert beimessen. Es gibt Stoffe, die ebenso selten sind und weitaus nützlicher, aber nicht diese Magie ausüben und damit keine Götzenfunktion einnehmenn. Die Verzückung von Big Jim, als er das Gold findet, ist für uns die eindrucksvollste Szene im Film, vielleicht entlarvender als die Schlusssequenz auf dem Schiff.

Der rührendste Moment? „Auld lang Syne“ an Silvester. Als die rauen Menschen in der Goldgräberstadt sich verbrüdern und zusammen singen und dabei so innig und melancholisch wirken und an die Ihren in der Ferne denken, den Wunsch nach Geborgenheit und Zugehörigkeit ausdrücken –  für einen kurzen Moment, dann geht das Getriebe weiter. Das rekurriert sehr auf Rituale wie die Schweigeminuten für verstorbene Persönlichkeiten. Ein Moment des Gedenkens, und dann Business as usual. Verhaltensweisen, die uns überlebensfähig machen, auf individueller Ebene und die den Planeten oder die menschliche  Zivilisation immer mehr dem Abgrund entgegenführen, sind auf ironische und tragische Weise aus demselben Stoff. Einzelne Gesichter, die Geschichten erzählen und in denen man das Menschsein spürt und dann diese Kette von Verrückten, die den Berg emporkraxeln, aus der Ferne betrachtet, eine Ameisenstraße im Gleichschritt, angezogen von einem Traum, der ebensowenig hinterfragt wird, wie die Ameisen Ameisenhügel bauen, ohne ein Bewusstsein für die Bedeutung ihrer monumentalen Arbeit inmitten des ansonsten beinahe unberührt wirkenden Wald zu haben.

In diesem Szenario erscheint uns ein Typ, ein Einzelkämpfer, der all das erst aufzeigt, und mit einer Leichtigkeit durchs Leben geht, die Chaplin auf dem Höhepunkt seiner Karriere und den filmvertieften Momenten wirklich gefühlt haben muss – wenngleich sein Leben nie frei von Verstrickungen war. So war für die Rolle der Gloria ursprünglich nicht Gloria Hale vorgesehen, sondern eine kaum bekannte Schauspielerin namens Lita Grey. Diese wurde aber von Charles Chaplin für „The Kid“ entdeckt, in noch minderjährigem Alter geschwängert und damit der Skandal in Grenzen blieb, hat er sie geheiratet. Vielleicht lassen sich aus diesem Vorkommnis auch die ursprüngliche Anlage der Figur und die Level-up-Tendenz in der Kommentierung von 1942 erklären: Chaplin stand, als er „Goldrausch“ drehte, sicher unter dem Eindruck dieser Geschichte um Lita Grey.

Demgemäß ist die Frauenfigur ambivalent, tückisch, oberflächlich und erst wegen des Bedürfnisses, das Happy End mit der vorherigen Handlung zu harmonisieren, bekommt sie am Schluss ganz positive Züge verpasst. Siebzehn Jahre später, da war Chaplin gerade mit Paulette Goddard, seiner weiblichen Hauptdarstellerin aus „Moderne Zeiten“ und „Der große Diktator“ verheiratet, hatte er genug Abstand, um seine damalige Haltung anders zu bewerten und fühlte sich wohl verpflichtet, die einzige Frauenfigur im Film etwas weniger flittchenhaft wirken zu lassen. Möglich, dass er bewusst oder unbewusst verdecken wollte, was ihn damals veranlasst hatte, eine weibliche Rolle zu entwerfen, die negativer war als jede wichtige Frauenrolle in den übrigen Filmen, die wir bisher gesehen haben – wenn man von den Müttern absieht, die ihre Kinder verlassen und diese als Waisen in fremder Umgebung aufwachsen, wie in „Der Vagabund“ (1916) oder „The Kid“ (1921). Auch diese Figuren fußen auf Chaplins Traumen und man kann seine schlimme Kindheit, die ihn mit dem Bruder allein zurückgelassen hat, nachdem die Mutter in ein Sanatorium eingeliefert worden war, auch so weiterdeuten, dass er ein Faible für kindliche, sehr junge Frauen behalten hat.

Gerade in „Der Vagabund“ gibt es ebenfalls Tendenzen, dass Chaplin sich für eine Frau einsetzt, diese sich aber von einem anderen Mann, in dem Fall ein gutaussehenden Künstler, einnehmen lässt, und eine ganz, ganz ähnliche Szene wie in „Goldrausch“. Charlie schaut in beiden Einstellungen verliebt auf die Frau, möchte ihr unbedingt nahe sein, ohne es verbal ausdrücken zu können und auf sie zuzugehen – und diese merkt gar nichts, nimmt ihn gar nicht wahr. „Der Vagabund“ galt bis dahin als Chaplins persönlichster Film und drückte die Verlustängste seiner schwierigen, frühen Jahre gewiss sehr deutlich aus. Damit „Goldrausch“ so emotional werden konnte, hat Chaplin, befördert durch seine aktuelle Situation mit Stress wegen einer Frau, darauf zurückgegriffen und einen ähnlichen Moment inszeniert. 

Finale

Chaplin war wohl wirklich ein Romantiker, mit dem einen oder anderen Fehlverhalten, das durch seine persönliche Ausprägung des romantischen Prinzips hervorgerufen wurde und aller künstlerischen Größe, der Fähigkeit, unsere Emotionen zu bewegen, die aus einer romantischen Disposition heraus erst möglich ist oder doch durch sie sehr erleichtert wird, die sich in englischen Filmen aus den Jahren um den Zweiten Weltkrieg herum noch einmal echot und auch in Chaplins Kommentierung von „Goldrausch“ ausdrückt. Es handelt sich um eine spätviktorianische Form von Romantik, keine realistische Betrachtung, wie sie etwa fü die Screwball Comedies oder härtere Genres bis zu einem gewissen Grad unerlässlich war und darauf fußte, Frauen eine größere Verhaltensvarianz zuzubilligen, als Chaplin das in seinen Filmen üblicherweise tut.

Gewiss ist „Goldrausch“ sein bis dahin komplettester und natürlich auch längster Film gewesen („Die Nächte einer schönen Frau“ von 1923, in dem er nur Regie geführt hat, klammern wir aus der Betrachtung hier und insgesamt aus).

Hat Chaplin aber mit „Goldrauch“ seinen Höhepunkt erreicht? Nie wieder ist ein Film von ihm so eindeutig positiv aufgenommen worden, das stimmt – vielleicht noch gerade „Lichter der Großstadt“, der aber als Stummfilm schon anachronistisch war. Doch wenn wir Chaplin als jemanden sehen, der vor Einfällen sprüht und auch noch in der Lage ist, uns zu rühren wie kein anderer Komiker, weshalb der Begriff, auf ihn angewendet, eine Abwertung darstellt, dann hatte er die besten Filme noch vor sich. „Goldrausch“ ist stellenweise schon recht poetisch, aber nicht mehr als „The Kid“ und „City Lights“, er sprüht vor Einfällen, aber nicht mehr als „Moderne Zeiten“ oder „The Great Dictator“, und vor allem – er zieht uns emotional nicht ganz so in den Bann wie Chaplins Filme aus den 1930er Jahren. Diese beinhalten sicher kontroverse Aspekte, aber als Ausdruck einer gereiften Künstlerpersönlichkeit und als Ausdruck eines tiefen, poetischen und auch sehnsuchtsvoll in eine niemals reale Vergangenheit gewandten Humanismus sind sie mächtiger und wirksamer als „Goldrausch“.

Wir bewerten den Film nun nicht speziell anhand der vertonten Version, sonst kämen wir nicht ganz auf die folgende Benotung. Sie sind vor allem dem Genie Chaplin und den unsterblichen Gags geschuldet, die in diesem Film enthalten sind.

89/100

© 2020 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Charlie Chaplin
Drehbuch Charlie Chaplin
Produktion Charlie Chaplin
Kamera Jack Wilson,
Roland Totheroh
Besetzung

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