Filmfest 191 D
Anderes Land, andere Zeit?
ARTE hat in der ersten Juniwoche 2020 eine Dokumentation über Frauen in China ausgestrahlt, die für unsere Verhältnisse jung sind – aber dort nicht als jung gelten und in einer offenbar immer noch hochgradig konformistischen Gesellschaft enorme Schwierigkeiten und große emotionale Kämpfe durchzustehen haben. Feministinnen wird dieser Beitrag zu Recht wütend machen. Aber im heutigen China sehen wir auch vieles aus der Vergangenheit des Westens und Strukturen, die immer noch nicht komplett beseitigt sind. Mehr dazu in der -> Rezension.
Inhalt
Shengnu – die Übriggebliebenen, werden sie in China genannt. Eine Frau, die mit 27 Jahren noch nicht den Richtigen gefunden hat, gilt als schwer vermittelbar. Hua Mei, Min und Qi sind moderne junge Frauen und wollen dieses Stigma für sich nicht akzeptieren und das streng geregelte Heiratsspiel nicht spielen.
Rezension
Zugegeben – diese Rezension entspringt einem Zufall, weil ich nach einem Chabrol-Film, den ich aufgzeichnet hatte, noch einen Teil dieser Dokumentation mit auf dem Receiver hatte. Ich war von der ersten Minute an von ihr mehr gefesselt als von dem Film zuvor und habe dann auf die ARTE+7-Mediathek umgeschaltet, um weiterzuschauen. Über 80 Minuten hinweg wird hier sein so berührender Einblick in das Leben und die Seele von Frauen in China gegeben, die nach unseren Verhältnissen alles andere als alt sind, dass ich immer zwischen Wut, Mitleid und Bewunderung geschwankt habe. Dafür, dass solche Einblicke gefilmt werden konnten, meine Bewunderung und für die Frauen selbst. Und Wut über die stark veralteten gesellschaftlichen Verhältnisse, die von unkritischen Fans der chinesischen Politik ausgeblendet werden und die vor allem eines zeigen: Diese patriarchalisch geprägten Konventionen haben die kommunistische Zeitenwende überdauert und sind im gemischt staats- und privatkapitalistischen China von heute intakt.
Vor allem beruflich aktive und selbstbewusste junge Frauen werden dadurch in einen Konflikt getrieben, den man sich bei uns, aller Probleme bei der Gleichstellung zum Trotz, die es immer noch gibt, kaum vorstellen kann. Man muss aufpassen, dass man nicht verweist und sagt: Wenn ihr mal sehen wollt, wie Diskriminierung von Frauen im 21. Jahrhundert in einem nunmehr Industrieland wirklich aussieht, dann schaut diesen Film an. Die chinesische Gesellschaft, die so rasend schnell technisch modern wurde, hat natürlich unter der Tatsache zu leiden, dass modernes Leben und uralte Traditionen nicht gut synchronisiert sind – zumindest nicht für Frauen, wie wir sie hier sehen.
Wie viele es davon wirklich gibt, die mit dieser harten Form der Ausgrenzung konfrontiert werden, verrät der Film nicht, soweit ich mich erinnere. Die berührenden Einzelschicksale sind unabdingbar, um das Thema für Menschen im Westen erfahrbar zu machen, aber die statistische Einordnung sollte in einer guten Dokumentation nicht fehlen – auf über 80 Minuten Länge hätte man dazu ein paar Sätze einbauen können.
Es wirkt so alltäglich, was wir sehen und so exzeptionell zugleich, weil wir uns heute im Westen kaum noch einen derartigen Konformismus vorstellen können. Nur – stimmt das überhaupt? Oder gehen wir dabei vom mittlerweile weit überwiegenden Großstadtsetting aus, das freiere Lebensformen ermöglicht, ohne dass es nur deshalb zu Diskriminierungen kommt? Ich habe vor einiger Zeit in einem anderen Zusammenhang, das Thema war Angela Merkels Kinderlosigkeit, recherchiert, welche Politiker*innen aus welchen Parteien familiär wie aufgestellt sind. Die bei weitem überwiegende Mehrzahl der deutschen Spitzenpolitiker*innen pflegt das klassische, traditionelle Familienmodell: Ehe, eins bis drei Kinder. Karriere ohne dieses Modell geht mittlerweile auch, aber gerade, wenn man im ländlichen Raum anfängt, ist es immer noch von Vorteil, sozial unauffällig-konventionell zu sein. Und je ländlicher der Raum wird, desto wichtiger wird das. Ab und zu unterhalte ich mich mit Freunden aus Oberbayern, die zwar sehr idyllisch, aber auch in einem sehr bäuerlichen Setting zu Hause sind: Der Single als solcher ist dort immer noch ein Sonderling, der weibliche noch mehr als der männliche, und wie dort Menschen aus der LGBTI*-Community angesehen werden, ist noch einmal eine Angelegenheit für sich. Es gibt in den Gegenden nicht so viele, sie ziehen meist in die Städte.
Als die Kirchen in Deutschland noch mehr Einfluss hatten, war der Konventionsdruck erheblich höher als heute und in China hat die Staatsregierung ähnlich viel Einfluss auf den Alltag der Menschen. Diese hat mit der Ein-Kind-Politik, die Jungen stark bevorzugt, das Ihre zu den Problemen beigetragen, aber sie unterstützt auch das Unter-die-Haube-kommen aktiv, wie man am beispiel des staatlich organisierten Massendatings sehen, das genau die unangnehmen Gefühle weckt wie die Speeddatings hierzulande, die einen höchst utiliaristischen Eindruck erwecken.
Sich auf die Schicksale der drei jungen Frauen einzulassen, ist unbedingt empfehlenswert, um viel Leid zu verstehen, das nicht nur in China herrscht. Denn hinter der Heiratsfrage stecken auch massive Generationenkonflikte und die Brüche in der chinesischen Aufstiegsstory. Die Eltern sind oft einfachster Herkunft, können teilweise nicht lesen und schreiben, während die Töchter sich auf den Weg in die Moderne gemacht haben und in qualvoller Selbsterfahrung lernen, wie man die eigenen Gefühle wertschätzt und mit sich und anderen kommunizieren lernt. Bei einer der Frauen sehen wir, wie sie versucht, ihre Mutter mit diesen Kenntnissen zu stellen, sie mit dem Familientrauma zu konfrontieren und wie dies danebengeht, weil die Kommunikationsebenen so verschieden sind.
Es ist herzzerreißend und es ist universell. Viele Menschen bei uns, die in den 1960ern oder 1970ern den Bildungsaufstieg vollzogen haben, werden sich noch daran erinnern, dass die Eltern und sie eine komplett verschiedene Sprache sprechen, obwohl sie aus demselben Kulturkreis, de selben Land, demselben Haushalt stammen. Die Missverständnisse waren vorprogrammiert: Die Kinder wollten mehr wissen, Seelenlandeschaften erforschen und haben ihre Eltern gefordert, ihnen Versäumnisse vorgeworfen und diese haben mit dem Vorwurf der Undankbarkeit reagiert. Ein Drama, das sich vielleicht jetzt langsam ausschleicht, weil der große Aufstieg vorbei ist, weil die sozialen Milieus sich wieder verfestigen und die Generationen daher sprachlich einander näher sind.
Die Geschiche, die am ausführlichsten erzählt wird ist die der jungen Anwältin Hua Mai, die es auch nach hiesigen Vorstellungen am weitesten gebracht hat und in einer archaischen Familienwelt keinen Spiegel mehr findet. Sie wird gebasht von dummen Müttern vermutlich nicht viel schlauerer Söhne, hat ein ernüchterndes Date mit einem Mann aus ihrer Provinz, der noch genau denkt wie ihre Eltern in der Provinz und muss sich von einer Heiratsvermittlerin anhören, sie sei alt und zu herb für den Geschmack der Männer. Weil sie kurze Haare trägt und man ihr die Willensstärke ein wenig an den Gesichtszügen ansieht. Das hat man didaktisch hervorragend gemacht, denn nach hiesigen Maßstäben ist sie wohl die attraktivste der drei Frauen, die porträtiert werden; sportlich, beruflich erfolgreich, sehr ausdrucksstark. Und weil der Film auch die Konventionen nicht ein ausschließlich desaströses Bild zeichnen will, kommt es für sie zu einer verblüffenden Wendung:
Ihr Vater, der ihr bisher nur Vorwürfe gemacht hat, weil sie die Familie mit ihrer Ehelosigkeit entehre, vollzieht eine 180-Grad-Kehre. Fünf Töchter hat er, kein Sohn wollte sich einstellen (sonst wären es nicht so viele Kinder geworden), aber dann gilt sein Ehrgeiz dem Projekt, dass eine seiner Töchter es weiter bringen soll als alle Männer im Dorf und diesen Stolz trägt er am Ende zur Schau. Es gibt eine tränenreiche Abschiedsszene – und Hua Mai geht nach Paris, um weiterzustudieren. Die Schlussbilder zeigen sie dort im Park und im Hörsaal und sie wirkt plötzlich ganz natürlich und integriert und ist eine interessante Person in diesem Szenario, die man als Mitstudent gerne kennenlernen möchte.
Wir zeigen die Rezension zwar innerhalb des „Filmfest D“ (Dokumentation), aber sie ist gleichermaßen Bestandteil unserer Serie über China.
Regie : Shosh Shlam Hilla Medalia Land : Deutschland Großbritannien Jahr : 2020 Herkunft : ZDF
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