National feminin – Tatort 1130 #Crimetime 728 #Tatort #NDR #Göttingen #Goettingen #Lindholm #Schmitz #NDR #national #feminin

Crimetime 728 - Titelfoto © NDR, Frizzi Kurkhaus

Womansplaining führt zu Femiziden?

Eine junge Frau aus der Identitären-Szene macht Podcasts und wird umgebracht. Prämisse: Frauen, die die Welt erklären, leben gefährlich, aber wäre es möglich, dass eine Frau hinter dem Mord im 28. Lindholm-Fall bzw. 3. Lindholm-Schmitz-Fall steckt? So unwahrscheinlich ist das nicht, nach dem, was sich im Lauf der Handlung zeigt. Aber zu diesem Film gibt es eine Menge mehr zu schreiben, es steht alle sin der -> Rezension.

Handlung

Im Göttinger Stadtwald wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Die Identität der Toten setzt das Team um Charlotte Lindholm und Anaïs Schmitz unter großen Druck: Marie Jäger, eine kluge und attraktive Jura-Studentin, war mit ihrem erfolgreichen Blog „National feminin“ ein Star der jungen, rechten Szene und Aushängeschild der „Jungen Bewegung“. In den sozialen Netzwerken beginnt eine unkontrollierbare Stimmungsmache gegen die Polizei, gegen den Staat, gegen die Demokratie. Wurde Marie von einem unbekannten Stalker getötet, war es eine politisch motivierte Tat – oder hat der Mord doch etwas mit ihrem engsten Freundeskreis zu tun?

Rezension

Mitten in der Tatort-Sommerpause (neue Filme der Reihe betreffend) ist „National Feminin“ der letzte Tatort des ersten Halbjahres 2020, dessen Rezension ausstand. Dass ich für Lindholm-Tatorte manchmal einen langen Anlauf brauche, werden regelmäßige Leser von „Crimetime“ der Tatsache zuordnen, dass ich mich mit der Figur schwerer tue als mit irgendeiner / irgendeinem anderen Ermittlerin / Ermittler. Durch den Einsatz von Anaïs Schmitz, so die Hoffnung, durch die Strafversetzung nach Göttingen (neues Setting) usw., so die Idee, dachte ich, könnten dieses Problem weitgehend gelöst sein. Doch in den ersten beiden gemeinsamen Fällen fand ich Schmitz nicht hinreichend repräsentiert, im zweiten ist es besser als im ersten, es zeigt sich weniger Asymmetrie – und nun sehen wir bei der dritten Zusammenarbeit eine Beinahe-Gleichberechtigung. Zum Ausgleich sehr viel Womansplaining.

2. Thesentatort mit Videos und Vorträgen

Ein Kollege hatte die Kölner Tatorte einmal als „Thesentatorte“ bezeichnet, weil Ballauf und Schenk politische und soziale Themen gerne in Form von These und Antithese diskutieren. Ich habe diesen Begriff aus der Dialektik seinerzeit übernommen, weil er über Köln hinaus viel über die Machart der Tatorte aussagt, die sich mit Themen der Zeit befassen. Dabei gibt es aber nicht nur den auf zwei Personen konzentrierten Schlagabtausch, sondern unzählige Varianten von Talking Heads. Die in „National feminin“ gezeigte ist einer der bisher umfangreichsten Einsätze solcher Erklärmodule: Universtitätsvorlesungen von Professorinnen, die Verfassungsrichterinnen werden sollen, Videoblogs bzw. Podcasts ihrer Assistentin und Lindholms live geäußerte Meinungen in Briefings fürs Polizeiteam, echter Schlagabtausch zwischen ihr und jener Professorin, ab und zu lässt auch Schmit ein paar angenehm kurze, gleichwohl markante Sätze fallen. Und die Männer? Die sind rudimentär und dies verstärkt sich im Laufe des Films.

Der linke Farbbeutel-Attentäter sagt gar nichts, der neue Lover der Bloggerin weiß selbst nicht, warum er als „intelligenter junger Mann“ so bescheuert in der Öffentlichkeit auf den Leitwolf der kleinen Gruppe von Identitären losgeht und was die männlichen Identitären selbst sagen, reicht bei weitem nicht an die durch ein anziehendes Äußeres unterstützte Argumentationstechnik der Bloggerin heran.  Dafür müssen wir dieses Mal nicht über Mansplaining diskutieren, das ist ja auch mal gut, denn immerhin wurde auch diese Kritik wieder von einem Mann verfasst, der sich mit Frauenthemen auseinanderzusetzen hat. Sind es Frauenthemen? Dazu später mehr.

2. Das echte Gespräch

Wer etwas mehr über die Sturktur dieses Films erfahren möchte, sollte sich das Gespräch im Haus der mglw. Verfassungsrichterin in spe zwischen ihr und Lindholm genau anhören. Wie an keiner anderen Stelle in diesem Film tritt dabei die zugrundeliegende Überkreuz-Konstruktion zutage. Die Rechte dreht die Argumentation der Gesellschaftslinken so, dass die Rechten diejenigen sind, die der Frau ihr Selbstbestimmungsrecht tatsächlich zubilligen: Indem eine Frau sich auch für eine klassische Rollenverteilung mit einem Mann als Ernährer der Familie und mit der Mutterposition für sich entscheiden darf und nicht gezwungen wird, eine Mehrfachfunktion einzunehmen, die sich oftmals nicht ohne Stress für sich und die Familie bewältigen lässt.

3. Über Kreuz

Gäbe es am Ende des Films nicht den zu erwartenden Femizid, wäre das ganz schön tricky, aber diese Tat überkreuzt die Rechts-Links-Diskussion damit, dass Männer gegenüber Frauen gewalttäg sind, weil sie beispielsweise nicht akzeptieren können, dass Frauen das Recht haben, zu gehen, wenn eine Beziehung nicht mehr funktioniert oder sie sich neu verliebt haben. Das Besitzdenken, die Eifersucht, die Rachsucht, das alles ist zwar nicht ausschließlich männlich, aber fast nur bei Männern äußert es sich in Gewalttaten. Und jene Gewalt, die Frauen angetan werden, weil sie Frauen sind und Männer es sich herausnehmen, über das Leben von Frauen entscheiden zu dürfen, aufgrund einer faktischeb Machtposition oder aus einer imaginären naturrechtlichen Position heraus, die sie sich anmaßen, sind Femizide.

An einer Stelle wird sogar deutlich, dass auch Altlinke wie der Mann, der in der Uni-Podiumsdiskussion den Gegner der künftigen Verfassungsrichterin gibt, nicht von patriarchalischen und rassistischen Anwandlungen frei sind. Erst die Bemerkung mit dem Kaffee aus Afrika gegenüber Schmitz, später greift er sie sogar körperlich an, obwohl sie persönlich nichts für den Unfall seines flüchtenden Sohnes konnte – als Repräsentantin des Staates möglicherweise, nicht primär aus rassistischen Gründen, aber hätte er das einem kompakt  wirkenden Kommissar gegenüber auch getan? Diese Akademikerfigur wirkt ein wenig konstruiert, einige seiner Bemerkungen zu plump, außerdem – wenn man es schon austarieren oder nichts unberücksichtigt lassen will, hätte man das politische Loch, das dieser Tatort deutlich zeigt, schließen müssen: Dass männnliche Gewalt keine Frage der Ethnie ist oder des Kulturkreises, sondern leider eine der persönlichen Unfähigkeit zu Empathie und Achtung vor anderen, insbesondere vor Frauen.

In diese Richtung geht auch meine zeitweilige Kritik an jene Gesellschaftslinken, die die Augen davor verschließen, dass die von ihnen besonders gepflegten Milieus strukturell nicht gerade frei von häuslicher Gewalt gegen Frauen sind. Viele Feministinnen schweigen dazu auffällig deutlich. Und ich würde es nicht so deutlich schreiben, wenn nicht in meiner Umgebung in Berlin derlei zu beobachten wäre.

4. Widerpruch

Von meinem linken Klassenstandpunkt aus, der keine Unterschiede nach Ethnien, Nationalitäten, religiöser Verortung oder nach sexueller Ausrichtung kennt, wenn es um Solidarität geht, sondern vor allem um unten gegen oben, kommt ein weiteres Problem hinzu: Es war vor wenigen Jahrzehnten ohne Weiteres möglich, dass eine Person mit durchschnittlichem Einkommen eine Familie ernäheren konnte, das ist heute nicht mehr drin, beide Partner arbeiten in der Regel auch deshalb, damit sie keine Staatshilfe benötigen. Das ist eine ökonomische Zwangssituation, kein Ausdruck von Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. Reizende DDR-Nostalgiker*innen, von denen ich ein paar kenne, tun gerne mal so, als sei es bei den geringen Gehältern im damaligen zweiten deutschen Staat und wegen des fluchtbedingten Arbeitskräftemangels nicht schlechterdings notwendig gewesen, dass die Frauen etwas zum BIP beitragen. Dass man die Frau ideologisch mehr gehypt als wirklich geachtet hat, sieht man u. a. daran, wie gering der Anteil weiblicher Führungskräfte und Spitzenpolitiker*innen in der DDR war (im ZK der SED bspw. gab es niemals eine einzige Frau). Von Quotierungsmodellen war man ohnehin weit entfernt. Dieses Beispiel erläutert auch ein heutiges Phänomen und einen Spin, die hinterfragt werden müssen: Immer weitere formale Rechte für Minderheiten stellen diese in der Realität nicht besser, wenn die ökonomische Lage, die zunehmende Prekaisierung, dagegen spricht, dass sie diese Rechte auch nutzen können. Darüber wird in Tatorten aber sehr selten referiert – denn dann würde es wirklich kompliziert werden und eine Überkreuzung, wie wir sie in „National feminin“ sehen, wäre als Modell noch zu simpel.

Eine andere Möglichkeit wäre jedoch die Entschlackung, denn „National feminin“ ist eben sehr erklärungslastig und begräbt unter Vorträgen und Videos und Dialogen die Handlung – wodurch es leicht passieren kann, dass man nicht bemerkt, wie die erwähnte Messerattacke jeder Logik entbehrt – aber der Doch-nicht-Stalker musste ja noch aufgelöst werden. Ebenso, wie die Verfolgungsszene im Parkhaus viele Fragen offen lässt – es ist z. B. idiotisch, einen durch ein Parkhaus fliehenden Menschen mit dem Auto zu verfolgen, obwohl man das leider in Filmen immer wieder sieht, ähnlich auf öffentlichen Straßen. Bis der Verfolger von der Fahrfläche aus dem Auto gesprungen ist, hat sich der Flüchtende längst durch eine Tür zum Treppenhaus / zu den Aufzügen empfohlen oder duch Haken schlagen in eine nicht befahrbare Zone gerettet. Die traurige Wahrheit: Nur sportlich sein hilft, wie man am Laufstil von Anaïs Schmitz sieht – sie hätte den Typ gekriegt, wenn man die Sequenz realistisch gefilmt hätte.

5. Botschaft

Wie stellt man sich als Zuschauer dazu, dass eine politisch rechte Person, die in hohe Würden gelangen soll (wenn auch anders, als Verfassungsrichter*innen in der Realität bestimmt werden) auch ein gleichgeschlechtliches Verhältnis hat und dazu (unrealistisch, egal ob bei Frau oder Mann) vielleicht sogar ihre Karriere opfern würde – und dieses Verhältnis gleichzeitig Untreue gegenüber ihrer eigentlichen Lebenspartnerin bedeutet. Hat die Verfassungsrichterin die richtige Argumentation für sich, wenn sie sagt, zur Selbstbestimmung einer Frau gehört auch ihr Verbleiben in einer traditionellen Rolle oder ist es vielmehr so, dass eine lesbische Verfassungsrichterin erst möglich wurde, weil die Gesellschaft mehrheitlich und anders als die Rechten es gerne hätten, mittlerweile sexuelle Vielfalt akzeptiert?Auch die Rolle der Assistentin oder studentischen Hilfskraft ist in dieser Hinsicht sehr ambivalent angelegt.

6. Conclusio

Ich würde gerne die zweite Interpretation als Teil der Botschaft sehen, während die Stellungnahme gegen Femizide ja sehr eindeutig ist. Nur: Warum argument dann Lindholm nicht in diese Richtung, im Gespräch mit der Juristin? Weil sie insgesamt den Kürzeren zieht, vielleicht. Es liegt natürlich an den Dialogen, aber Jenny Schily spielt die Professorin so gut, dass die Polizistin ihre angenommene moralische Überlegenheit nicht zum Tragen bringen kann, anders ausgedrückt: Lindholm hat eine Meisterin gefunden, im 28. Einsatz, und es ist ja wirklich so, dass gute Jurist*innen jeden Begriff umdeuten können, weil sie die Mechanismen der Sprachverwendung kennen. Das ist sehr manipulativ, kann propagandistisch eingesetzt werden, und man muss sich schon etwas anstrengen, um zu realisieren, dass, wie in „National feminin“, die Handlungsebene gegen diese Argumentationen spricht, dies aber nur deshalb, weil bestimmte Verhaltensweisen heute nicht mehr geächtet werden und dies ein Erfolg ebenjener progressiven Politik ist, die immer wieder Tabus auflöst.

7. Finale

Auch wenn ich an dem Film einiges kritisiert und seine Handlung stellenweise (ist ja nichts Neues) als nicht stimmig oder gar zwingend empfinde, „National feminin“ ist ein interessanter Film, in dem ständig die politische Kontroverse gepflegt wird, die notwendig ist, um Gewaltstrukturen in einer Gesellschaft offenzulegen, die leider nicht den Eindruck macht, dass sie sich immer mehr befriedet, je ferner die Kriegszeiten zurückliegen, die so viele Menschen traumatisiert haben. Leider führt das für mich zu dem Schluss, dass wir in einem System leben, das hierarchisch ist und Gewalt fördert – Frauen sind eher die Opfer als Männer, Arme eher als Reiche, Minderheiten immer noch mehr als die „Mehrheit“. Aber es gehört auch zur Wahrheit, dass die riesigen realen, ungerechtfertigten Ungleichheiten Frust, Unfrieden, Gewalt fördern und dass sie auch männliche  Übergriffigkeit bzw. die Möglichkeit, diese ungehindert auszuüben, zementieren, wie man u. a. an den Geschichten über Besetzungscouches in Hollywood sehen kann. Von sexueller Belästigung bis zu männlicher Gewalt bei Widerstand seitens der Frau ist es nicht auch nicht weit.

Trotzdem stehen mir persönlich leistungslose Milliardärinnen nicht näher als ein  Altenpfleger, der anlässlich Corona beklatscht wurde, natürlich auch von der Kanzlerin, aber keinerlei gesellschaftliche Aufwertung durch bessere Bezahlung erfährt. Selbstverständlich heißt das nicht, dass ich ihm Gewalt eher verzeihen würde, auch wenn seine Situation von Dauerstress gekennzeichnet ist, den einige, die sich sehr symoblträchtig z. B. gegen Femizide einsetzen, aufgrund iherer herausgehobenen gesellschaftlichen Position nie gekannt haben, so, wie sie selbst auch äußerst selten persönlich diskriminiert werden drüften. Dazu gibt es ja einen Satz: Lindholm wendet sich in einer Vernehmung so deutlich gegen Rassismus, der sie selbst nicht betrifft, sagt dann zu Schmitz, die bremsen will, sie tue das auch für die dunkelhäutige Kollegin – und Schmitz stellt klar, dass sie für sich selbst sprechen kann. In der komplexen Wirklichkeit wird ein solches Statement nicht immer ausreichen, Mehrheiten müssen Minderheiten auch helfen, aber aus der geschilderten Situation heraus ergibt sich für mich wiederum ein sozialpolitisches Statement, das in der Diskussion um weniger Diskriminierung und weniger Gewalt einen Platz haben sollte.

8/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Wiedersehen nach nur vier Wochen

„Es geht Schlag auf Schlag. Gerade vier Wochen ist es her, dass Hauptkommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) ihren zweiten gemeinsamen Fall „Krieg im Kopf“ (Tatort-Folge 1126) lösten, nun geht es im Jagdgalopp weiter:

„National feminin“ ist im neuesten NDR-Tatort der Titel eines Blogs, in dem eine Studentin der Rechtswissenschaft den modernen Feminismus hinterfragt und die „Aufgabe der deutschen Frau“ mit rechtsradikalem Gedankengut mixt. Als Marie mit aufgeschnittener Kehle im Wald gefunden wird, kommen gleich mehrere Täter in Frage“.

So leitet die Redaktion von Tatort Fans ihre Beschreibung zum 1130. Tatort ein. Leider haben wir „Krieg im Kopf“ noch nicht angeschaut. Durch den sehr kurzen Zeitraum zwischen zwei neuen Filmen desselben Teams könnte es erstmals vorkommen, dass wir über einen aktuellen Tatort schreiben, aber den vorausgehenden noch nicht gesehen haben. Aber das gilt für die nachträgliche Rezension sehr vieler älterer Filme ebenfalls – dass die Chronologie nicht gewahrt ist.

Die beiden Redaktionsmeinungen zu diesem Film gehen auseinander: überinszeniert, viel zu dicke Moralkeule vs. Thema ist notwendig und es ist gut, es in der vorliegenden Form zu zeigen. Wir haben die Tendenz des NDR schon häufiger kritisiert, ausgerechnet mit einer so problematischen Figur wie Lindholm ebenjene Moralkeule zu schwingen, aber wir sind in einem neuen Zeitalter und freuen uns, dass Florence Kasumba es geschafft hat, als Anaïs Schmitz neben sie gestellt zu werden. Vielleicht wirkt das Moral predigen jetzt authentischer, vor allem, wenn es gegen Rechts geht.

Filmstarts.de“ sind zwar bei der Punktevergabe allgemein recht sparsam, aber 2/5 sind auch dort eher selten. Insgesamt wird fast alles bemängelt, von der Synchronisierung des Falls mit dem Rassismus-Thema bis hin zum Überzogenen, das offenbar mal wieder der Lindholm-Figur ins Drehbuch geschrieben wird, so sehr, dass es den Drehbuchschreibern selbst auffiel und ausgerechnet die dunkelhäutige Kollegin, die wirklich rassistischen Angriffen ausgesetzt ist, muss etwas auf die Bremse treten. Eine Huldigung der Diversität wird nach Ansicht von Filmstarts.de mit aus der Zeit gefallen Elementen vermischt und am Ende das Thema doch stark simplifiziert und inkohärent dargeboten.

Der Autor des SWR3-Tatortech ist offenbar schon von zweimal Furtwängler innerhalb von vier Wochen genervt: „Und schon wieder Maria Furtwängler. Der letzte Tatort mit ihr ist gerade mal vier Wochen her. Da hatten Charlotte Lindholm und ihre Kollegin Anaïs Schmitz es noch mit Geheimdienst, Bundeswehr und der Rüstungsindustrie zu tun. Diesmal geht es um eine fiktive rechtsextreme Gruppierung. Doch leider ist der Krimi etwas einseitig geraten, und dazu noch leicht vorhersehbar, sagt SWR3-Redakteur Michael Haas.“

Man muss aber auch daran erinnern, dass die Hannover- bzw. Göttingen-Tatorte bis zur. Nr. 1126 („Krieg im Kopf„) in eher langen Abständen Premiere feierten – in den letzten Jahren, zu Beginn der Lindholm-Ära war die Frequenz der Neuerscheinungen höher. „Gegen Rechts, für weibliche Selbstbestimmung: gute Themen, aber alles glasklar, schwarz-weiß und ohne Selbstzweifel, und dazu sehr von oben herab erzählt.“ Mit dem „von oben herab“ beim NDR und auch bei Radio Bremen haben wir uns ebenfalls schon auseinandergesetzt und haben bereits eine ziemlich gute Vorstellung, wie die Dialoge sein werden. SWR 3 gibt nur zwei von fünf Elchen den Weg frei.

Als problematisch sehen wir dabei nicht nur an, dass ab einem gewissen Punkte auch der Verstand selbstständig denkender Menschen beleidigt wird und Tatorte bei allem, was sie sind, für uns nicht im Stil politischer Brandreden gehalten sein, dass sie ihr Thema zeigen und nicht verkünden sollen. Es geht auch um etwas anderes: Solche Darstellungen überzeugen nur die ohnehin Überzeugten. Die aber brauchen keine Gardinenpredigten und bei den anderen nützen sie nicht. Bisher hat noch keine Fernsehautorität in Person einer Tatort-Kommissarin oder eines Tatort-Ermittlers es geschafft, den Rechtsruck zu verhindern. Obwohl schon in den 1980ern und 1990ern der Hamburg-Kommissar Paul Stoever politisch oft recht deutlich wurde. Schon damals nahm sich der NDR schwierigen Themen an – mit dem Vorteil, dass es  keine AfD gab, die das verfestigte Rechts in den politischen und gesellschaftlichen Raum hätte tragen können. Die Deutungshoheit war noch mehr bei den Öffentlichrechtlichen angesiedelt, als das heute der Fall ist.

Selbst Tilmann Gangloff von Tittelbach.TV, die normalerweise sehr hohe Wertungen vergeben, schreibt: „Der dritte Krimi mit Maria Furtwängler und Florence Kasumba als „Tatort“-Duo aus Göttingen, „National Feminin“ (NDR / Nordfilm), scheitert an den hohen Ansprüchen, die er selbst stellt. Das Thema – Nationalismus unter Jugendlichen ist brisant und aktuell, aber bei der Umsetzung wird die Botschaft mehrfach allzu sehr in den Vordergrund gestellt (…)“ Bemängelt wird weiterhin u. a. eine Unausgewogenheit zwischen sehr starken und sehr schwachen Szenen und auch hier wieder die außerst didaktische und podiumsidkussionshafte Darstellung, des Themas. Dies wollen wir aber an unsere Leser*innen weitergeben:

„Eine Polizistin soll überprüfen, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Mord und früheren Gewaltdelikten gegen Frauen im Großraum Göttingen geben könnte. Das seien aber ganz schön viele, wendet die Kollegin ein, woraufhin Lindholm einen Kurzvortrag über den „Femizid“ hält: „Wir wissen, dass in Deutschland alle 24 Stunden ein Mann versucht, eine Frau umzubringen; und an jedem dritten Tag gelingt es einem. 2018 waren es 147 Frauen.“ Diese Sätze könnten auch aus einer Podiumsdiskussion mit Maria Furtwängler stammen. Die Schauspielerin engagiert sich für die Beendigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, macht sich für gesellschaftliche Vielfalt sowie die Überwindung einschränkender Rollenbilder stark und finanziert eine eigene Stiftung, die sich für eine „freie, gleichberechtigte Gesellschaft“ einsetzt. Das ist selbstverständlich aller Ehren wert, und es wird kein Zufall sein, dass sich „National Feminin“ dieses Themas annimmt; trotzdem lässt sich eine Botschaft eleganter verpacken.“

Sorry für die Übernahme der relativ langen Textstelle, aber Tittelbach.TV zeichnet sich dadurch aus, dass dort am intensivsten die Hintergründe zu Filmen besprochen werden. Wir wollen auf etwas hinaus: Natürlich hat Furtwängler Einfluss auf die Themen und Drehbücher, sie erhält auch die mit Abstand höchsten Gagen alle Tatort-Ermittler*innen

(Stand 2016, jetzt mglw. eingeholt oder übertroffen doch von den Münsteranern, die lange Zeit keine höheren Saläre haben wollten, damit mehr Geld fürs gesamte Team da ist, also für die hervorragenden Nebenrollendarsteller*innnen.)

Trotz dieses Engagements hat die Lindholm-Figur einen sehr starken Drall genau in die umgekehrte Richtung: Sie wirkt elitär, klassistisch, autoritär, auf eine ganz eigene Weise alles andere als tolerant oder weltoffen. Auch TittelbachTV rekurriert darauf, dass man für Schmitz eine Riposte auf Lindholms Ausführungen ins Drehbuch geschrieben hat. Das, wandeln wir diesen Dialogsatz ab, ändert nichts daran, dass sehr viel Zeit fürs Deklamieren verbraucht wurde, wo man hätte zeigen können. Nach den bisherigen Kritiken, die fast einheitlich dieselben Fehler ansprechen, gehen wir davon aus, dass wir das bei unserer Abneigung gegen allzu volkspädagogische Ansätze im Tatort die besprochenen Szenen ähnlich aufnehmen werden.

Christian Buß vom SPIEGEL kommt immerhin auf 7/10, beschreibt zwar einige Schwächen des Films, sieht sie aber offenbar nicht als so gravierend an. Wie wir tendieren, können wir natürlich noch nicht wissen, aber es wird bald hier zu lesen sein.

Besetzung und Stab

Hauptkommissarin Charlotte Lindholm – Maria Furtwängler
Hauptkommissarin Anaïs Schmitz – Florence Kasumba
Generaldirektor Gerd Liebig – Luc Feit
Rechtsmediziner Nick Schmitz, Mann von Anaïs – Daniel Donskoy
Kriminaltechniker Jochen Kunkel – Roland Wolf
Polizist Leon Ciaballa – Jonas Minthe
Verfassungsrichterin Dr. Sophie Behrens – Jenny Schilly
Dr. Behrens‘ Lebensgefährtin Eva – Heike Trinker
WG-Mitglied Marie Jäger, Assistentin von Dr. Behrens – Emilia Schüle
WG-Mitglied Felix Raue, Leiter der „Jungen Bewegung Göttingen“ – Samuel Schneider
seine Freundin Pauline Gebhardt – Stephanie Amarell
WG-Mitglied Sven Ulbrich – Leonard Proxauf
Tom Rebeck – Jascha Baum
Charlottes Sohn David Lindholm – Oskar Netzel
Student Jonas mit Farbattacke – Zio Tristan Mundry
Prof. Bernhard Noll – Stephan Bissmeier
Polizeibeamtin – Melanie Adler
Ärztin – Elmira Bahrami
Elloglu – Alexa Benkert
u.a.

Drehbuch – Florian Oeller, nach einer Vorlage von Daniela Baumgärtl
Regie – Franziska Buch
Kamera – Bella Halben
Szenenbild – Iris Trescher
Schnitt – Benjamin Hembus
Ton – Tim Stephan
Musik – Johannes Kobilke

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