Roter Tod – Tatort 654 #Crimetime 729 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Tod #rot

Crimetime 729 - Titelfoto © SWR, Jacqueline Krause-Burberg

Tod durch Aids ist rot

Es ist nicht ganz gerecht, Tatorte mit unterschiedlich langem Abstand zur Ausstrahlung rezensieren, aber bei manchen warten wir ein paar Tage, um unsere Wahrnehmung zu überprüfen.

Und bei dieser Überprüfung hat „Roter Tod“ tendenziell verloren. Obwohl das Thema Aids durch verseuchte Blutkonserven und die Schicksale, die sich damit verknüpfen, viel Raum fürs Drama bieten, bleibt dieser Tatort nur partiell im Gedächtnis. Da ist die Angst von Lena Odenthal vor AIDS-Ansteckung, erstaunlich gut rübergebracht von Ulrike Folkerts, da ist das Schicksal des Boxers Enzo, das den Zuschauer mitnehmen kann, und dann der Auftritt von Andreas Schmidt, der, wie immer, einen Nachhall erzeugt, auch wenn er hier als Blutplasmabank-Unternehmer gegen seinen Typ besetzt wurde. Was es sonst noch Bemerkenswertes zum 654. Tatort gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

Eine junge Frau mit aufgeschnittenen Pulsadern in einer Badewanne, ein Kündigungsschreiben von der Klinik, in der sie arbeitete, eine Anzeige gegen sie und das Krankenhaus wegen fahrlässigen Umgangs mit Blutkonserven: Im Todesfall Iris Wegener finden Lena Odenthal und Mario Kopper zahlreiche Hinweise auf Selbstmord. Aber laut Bericht des Pathologen kann Dr. Wegener sich die tödlichen Schnitte nicht selbst beigebracht haben.

Aus Lena Odenthals und Mario Koppers Untersuchung wird also eine Mordermittlung. In deren Fokus gerät jener junge Mann, der Iris Wegener beschuldigt hatte, ihn bei einer Operation mit dem HI-Virus infiziert zu haben, weil die Blutkonserve verseucht war. Beim Verhör durch Lena zeigt sich, dass Enzo Marcheses Leben durch die Infektion völlig aus dem Gleis geraten ist. Die angestrebte Karriere als Profiboxer musste er aufgeben. Die Trainingskollegen haben möglicherweise Mitgefühl für ihn, aber wegen der Ansteckungsgefahr wollen sie nicht mehr mit ihm trainieren. Auch die Frau, die er liebt, wurde mit der Angst vor einer Ansteckung nicht fertig, sie löste die Verlobung.

Enzo Marchese, voll mühsam unterdrückter Wut gegen die Ärzte und das Schicksal, streitet die Tat jedoch vehement ab. Angeblich will er lediglich juristisch gegen das Krankenhaus vorgehen.Doch Marchese hatte die Ärztin schon persönlich bedroht. Zeuge dafür war ihr Vorgesetzter Dr. Klaus Merheim, Chefarzt der Klinik und in seiner Freizeit passionierter Reiter. Merheim hatte Iris Wegener entlassen, angeblich der Rationalisierung und nicht Marcheses Vorwürfen wegen. Eine Unvorsichtigkeit in der Anwendung von Blutplasma hält Merheim für praktisch ausgeschlossen, Iris Wegener sei in der Sache nichts vorzuwerfen. Derselben Meinung ist auch Peter Benda, als Chef der Firma Global Plasma verantwortlich für die Blutkonserven-Belieferung der Klinik.

Rezension

Die übrigen Figuren sind blass, Mario Kopper singt ein wenig schräg und ist dieses Mal wirklich eine Spur zu tollpatschig, die Ärzte sind wieder mal fies und so gut Lenas Angst gespielt ist, so fragwürdig ist die Art, wie sie mit einer Ansteckungsgefahr in Kontakt gekommen ist.

„Roter Tod“ schwankt zwischen routinemäßiger Abarbeitung eines Themas, das einfach mal wieder dran war, und der guten Führung einiger Schauspieler unter Vernachlässigung der übrigen.

Motive und Hintergründe wirken etwas beliebig, eine Kritik, die man allerdings für die meisten Tatorte gelten lassen kann, wenn man Kinomaßstäbe anlegt. Allerdings sind einige faktische Elemente richtiggehend schlecht gemacht, auch das spricht dafür, dass man sich zu der Zeit (2006-2007) beim SWR in Ludwigshafen der Routine ergeben hatte (so schon empfunden bei „Die dunkle Seite„).

Insgesamt ein nur knapp durchschnittlicher Tatort mit ein wenig Plus für Lena Odenthal, Enzo Marchese, Peter Benda. 

Ein wichtiges Thema darf nicht durch fragwürdige Details in seiner Wirkung beeinträchtigt werden

Wenn man die AIDS-Infektion noch einmal aufgreift, im Jahr 2006, nachdem es in Frankreich zu einem Skandal mit verseuchten Blutkonserven gekommen war, dann sollte man bei der Recherche besonders sorgfältig vorgehen, sonst kann man ein kritisches Publikum wohl kaum von der Ambition eines solchen Tatortes überzeugen.

Im Umfeld der AIDS-Thematik via Ansteckung durch Blutkonserven gibt es bereits einige seltsame Details, wie die Aussage, dass Blutbanken normalerweise den Lebenswandel ihrer Spender überprüfen, die hier gezeigte Firma Global Plasma das aber nicht täte. Richtig ist, dass nur das Plasma selbst überprüft werden kann, bevor es zur Verwendung freigegeben wird, ganz gewiss sind Plasmafirmen weder in der Lage noch berechtigt dazu, ihre Spender quasi einer Totalüberwachung zu unterziehen, die ja notwendig wäre, um sicher zu gehen, dass diese Spender auch die Wahrheit sagen, über ihre Lebensgewohnheiten, zum Beispiel bezüglich Promiskuität und des Milieus, in dem sie verkehren.

Wozu diese Aussage gut sein sollte? Vielleicht um den Arzt Dr. Merheim und seinen Plasma-Sozius Benda mit einem Stigma zu versehen und seriöse Firmen auszunehmen, damit es hier nicht zu Protesten kommt und möglicherweise sogar zu rechtlichen Problemen. Das halten wir leider für einen  misslungenen Ansatz. Vielmehr meinen wir, es kommt auf die Logistik an – alle Blutkonserven müssen eben so „getimt“ werden, dass ein ordnungsgemäßes Testverfahren möglich ist.

Eine weitere Problematik ist dei Hinführung von Lena Odenthal zu ihrer möglichen AIDS-Infektion. Klar, dass sie sich ausgerechnet, wenn sie in einem solchen Fall recherchiert, ohne Not in der Küche eine Glasscherbe so heftig in die Hand schlägt, dass sie beinahe verblutet. Für eine so extreme Grobmotorikerin hätten sie sie gar nicht gehalten. Dann trifft sie bei der Verfolgung auf den Boxer Enzo und greift ihn an und da kommt dann gerade zufällig Wunde auf Wunde. Das ist schon ziemlich konstruiert und nicht dadurch gerechtfertigt, dass Lena Odenthal dann eine durchaus starke Vorstellung gibt, wie sie Angst hat und doch ihren Dienst tut. Pflichtbewusst, wie sie ist und engagiert wie immer. Dafür steigt sie zu Leuten einfach alleine ins Taxi, die hoch gefährlich sein können, wie  zum Beispiel zu dem Boxer Enzo. Ihre Intuition, die ihr sagt, wo sie sich ohne Kopper aufhalten darf? Offenbar nicht, wenn man an die spätere Infektionszene denkt.

Weiterhin ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, sich nach einem so kurzen, einmaligen Kontakt anzustecken, wenn eine der Wunden nicht mehr frisch ist – und, soweit wir informiert sind, gibt es mittlerweile die Möglichkeit und gab es wohl auch schon 2006, ein Gegenmittel zu injizieren, wenn eine Infektion so klar vom Zeitpunkt her bestimmbar ist und sofort gehandelt werden kann.

Ganz sicher aber werden AIDS-Testergebnisse im Normalfall nicht per Post versendet, das wissen wir, weil wir uns selbst schon mehrfach haben testen lassen, sowohl beim Gesundheitsamt wie auch beim Hausarzt. Ein AIDS-Test wird stets persönlich übergeben, auch wenn er negativ ist. Umso mehr muss das gelten, wenn er positiv ist. Jemanden in einem solchen Moment mit einem Brief allein zu lassen, wäre beinahe eine Aufforderung zum Suizid. Bei Lena Odenthal war er zwar negativ, aber das konnte sie schließlich nicht wissen, bevor sie den Brief gelesen hatte.

Wir meinen, das AIDS-Thema ist für solche Unschärfen zu wichtig, man verliert leicht das Vertrauen zum gesamten Film, wenn hier zu viel geknaubt wird, wie man im Südwesten, wo dieser Tatort herkommt, zu amateurhaft ausgeführter Handwerksarbeit sagt.

Jenseits der AIDS-Probleme gibt es weitere Schwächen, wie die am Ende doch noch auftauchende verwertungsfähige Bettwäsche in der Wohnung der toten Ärztin Dr. Wegener, nachdem vorher mindestens fünf Mal darauf hingewiesen wurde, dass die Putzfrau zu perfekt geputzt hatte und damit die Spurensicherung einen höchst unergiebigen möglichen Tatort vorfand. Das ist den Zuschauer in simpelster Manier an der Nase herumgeführt, weil er anhand der bisherigen Aussagen gar nicht die Möglichkeit hat, gut mitzurätseln, weil Dinge, die dann doch noch stattfinden, vorher ausgeschlossen wurden. Drehbuchkunst zum Abwinken. Ganz schlechtes Krimihandwerk und Beleg für unsere Behauptung, dass lässige Routine anstatt Nachdenken bis zur guten drehbuchseitigen Lösung angesagt war.

Figuren in allen Schattierungen

Fangen wir mit den gelungenen an oder den anderen? Heute mal umgekehrt. Weil ja die  Figuren auch drehbuchgesteuert sind. Was passiert, wenn man eine Akteurin, die auf der guten Seite steht, so überzogen und unsympathisch wirken lässt wie die Anwältin Vera Launhardt (Ana Kerezovic)? Man tut der Sache keinen Dienst. Zudem ist sie anfangs so forsch, räumt dann aber recht kleinlaut ein, dass sie im eigentlichn Job nicht so gut weiterkommt wie mit effektvollen Farbbeutelwürfen auf Benefizveranstaltungen, Stochern im Heuhaufen anstatt Agitprop. Jedenfalls ist die Figur an jedem Ziel und jeder Aussage vorbeikonstruiert und im Tableau unnötig.

Kommen wir zu demjenigen, der den Farbbeutel abbgekommen hat – das ist der Global-Plasma-Eigner und vorgebliche Amateurcellist Peter Benda (Andreas Schmidt). Schmidt hat in seinen verschiedenen Filmen durchaus einiges auszuhalten, da spielt er aber auch andere Figuren. Ihn als gewieften und societygeneigten Unternehmer zu besetzen, war für uns gewöhnungsbedürftig, da seine Erscheinung, seine Stimmlage eben doch wunderbar zu den herrlichen Unterschichtfiguren passen, die er in „Plusminus Null“ oder „Sommer vorm Balkon“ verkörpert hat. Das ist nicht diskreditierend gemeint, er macht seine Sache hier überraschend gut und wir sehen ihn, weil er so ein besonderer, ungewöhnlicher Typ ist, immer gerne. Trotzdem bleibt ein leichtes Gefühl von Befremden.

Der Boxer Enzo Marchese (Josef Heynert) ist ganz klar kein Kopfmensch, auch wenn man nicht unterschätzen darf, was AIDS aus einer Persönlichkeit machen kann, wenn die Erkrankung dazu noch direkte Auswirkungen aufs Berufliche hat. Er steuert sich selbst an den unmöglichsten Stellen, an denen man ihn nie vermuten würde, immer wieder quer durchs Bild und durch die Handlung, dagegen ist der Running Gag mit der „blutigen Angelegenheit“ (die das Boxen nun einmal darstellt), geradezu harmlos.

Lena & Mario

Dass die beiden Ermittler zusammen wohnen, finden wir irgendwie nett. Zwei Eigenbrötler tun sich  zusammen. Dass es da hin und wieder zu Scherben kommen muss, ist klar. Dass man sich dabei so verletzen muss wie Lena Odenthal, anstatt Kopper seinen Mist selbst wegmachen zu lassen, ist weniger zwingend. Und am Ende? Nochmal dasselbe. Auch eine motivische Wiederaufnahme, ganz nett gemacht. Kann aber nicht darüber hingwegtäuschen, dass wir eine Wette gewonnen hätten. Nämlich die, dass noch ein Abschnitt kommen muss, der lautet: 12 Wochen später. Und der kam tatsächlich und wörtlich. Weil eben klargestellt werden musste, Lena hat kein Aids.

Das wäre ein Kracher gewesen, eine Ermittlerin, die HIV-infiziert ist. Man kann damit heute längere Zeit überleben, aber wir haben Verständnis dafür, dass die Tatort-Macher sich das nicht getraut haben. Der Krimi ist konservativ, und dass eine Ermittlerfigur auf diese Weise von nun an etwas mit sich schleppt, das so außerhalb der Ordnung ist wie eine HIV-Infektion, das konnte man nicht bringen. So bleibt sie die emotionale Polizistin, die immer wieder hineingezogen wird, aber unverletzt herauskommt, wie alle ihre Kollegen, gegenüber Kopper manchmal die Zicke und insgesamt auch eine Hexe einer schwarzer Katze, die ihr sehr gut steht.

Finale

Schade, dass man so viele sachliche Fragezeichen und Fehler in diesem Krimi verbaut hat, dass man Figuren so nichtssagend gezeichnet hat wie  zum Beispiel das Arzt-Ehepaar Merheim, dass wir sie oben gar nicht gesondert aufgeführt haben. Da ist ein manchmal etwas lustlos wirkender Whodunnit entstanden, der nur deshalb nicht komplett durchfällt, weil wir Lena Odenthal weinen sahen, und das kam so überzeugend, weil es einmal nicht die Betroffenheit im Gesicht angesichts des Leides der ganzen Welt war, sondern sie schlicht und ergreifend so viel Angst um ihr eigenes, kleines Leben hatte wie wir alle. 6,5/10 sind deswegen noch drin.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Hauptkommissar Mario Kopper – Andreas Hoppe
Vera Launhardt – Ana Kerezovic
Enzo Marchese – Josef Heynert
Silvia Merheim – Esther Esche
Dr. Klaus Merheim – Markus Hering
Songül Sesede – Teriyan
Tiziana – Marleen Lohse
Peter Benda – Andreas Schmidt
Oberschwester Katrin – Petra Welteroth
Frau Keller – Annalena Schmidt
Peter Becker – Peter Espeloer
Pathologe Patrick Herzog – Achim Buch
u.a.

Drehbuch – Horst Freund
Regie – Christoph Stark
Schnitt – Olga Barthel
Kamera – Ralf Nowak
Szenenbild – Christian Kettler
Produktion – André Zoch
Kostümbild – Stephanie Kühne
Musik – Thomas Osterhoff

 

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