Nachttaxi – Polizeiruf 110 Episode 29 #Crimetime 730 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Hübner #Arndt #Subras #Taxi #Nacht

Crimetime 730 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD (Der Film ist in Farbe)

Eine kurze dialektische Geschichte

„Nachttaxi“ ist der Restant unter den Polizeirufen, den wir bisher aufgezeichnet hatten. Mit 57 Minuten Spieldauer ist er eines der kürzeste Werke der Reihe und bezüglich der in ihm vertretenen Positionen eines der eindeutigsten. Die Ermittler*innen Hübner, Arndt und Subras versuchen, den Tätern eines Überfalls auf die Spur zu kommen, der einem Taxifahrer gilt. Nachts unterwegs wäre auch ein guter Titel für den Film gewesen, der einige Besonderheiten aufweist – welche das sind und alles zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Taxifahrer Kurt Großmann wird während einer Nachttour beim Kassieren von einem vermummten Mann aus dem Wagen gezogen und mit einem Ochsenziemer geschlagen. Großmann flüchtet in ein leerstehendes Haus, wird von dem Mann verfolgt und stürzt schließlich auf der Flucht aus einem Fenster in die Tiefe. Anonym wird der Notruf gewählt. Großmann wird schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert, während Oberleutnant Jürgen Hübner, Leutnant Vera Arndt und Meister Lutz Subras mit den Ermittlungen beginnen.

Es kann rekonstruiert werden, dass Großmann zu der Zeit eine blonde Dame im Wagen fuhr, die er nach seiner Pause in seiner Stammkneipe als Fahrgast mitnahm. Am Tatort lag eine Tasche, die dem Inhalt nach einem Bühnenarbeiter gehört haben muss. Tatsächlich findet man in Bühnenarbeiter Hinkel den Besitzer der Tasche. Er will flüchten, als er die Ermittler sieht, kann jedoch gestellt werden. Er war während der Tatzeit am Haus und beobachtete den Überfall, in dessen Folge auch der Fahrgast flüchtete. Hinkel nutzte die Gelegenheit und nahm das Geld des Taxifahrers an sich, lag doch seine Brieftasche auf dem Fahrersitz. Der Überfall war daher kein versuchter Raubmord. Eine zweite Spur führt zu einem Fall, der sich vor einem Jahr zugetragen hat. Damals wurde Großmann Zeuge, wie ein Wartburg-Fahrer bei überhöhter Geschwindigkeit einen Radfahrer fast überrollte. Großmann nahm seinerzeit die Verfolgung des Wagens auf und stellte am Ende den Jugendlichen Uwe. Da der Wagen zudem gestohlen war, erhielt Uwe ein Jahr Jugendarrest und wurde kurz vor dem Abitur von der Schule geworfen. In seinem neuen Betrieb macht er nun eine Ausbildung und bewährt sich.

Die Ermittler befragen Uwe, wo er in der Tatnacht war. Es stellt sich heraus, dass er mit seinen Eltern ein Konzert besucht hat, obwohl nicht er, sondern seine ältere Schwester Birgit Klassikkonzerte mag. Uwes Mutter sagt falsch aus, dass ihr Sohn die gesamte Zeit an ihrer Seite war. Uwes Vater korrigiert dies bei seiner Befragung: Uwe hat das Konzert vorzeitig aus Übelkeit verlassen. Bei Uwes Befragung zu den Vorkommnissen vor einem Jahr kommt ein wichtiges Detail ans Licht. Er wurde von seiner Schwester zum Autodiebstahl angestiftet. Sie flüchtete aus dem Wagen, bevor Uwe von Großmann gestellt werden konnte. Uwe wiederum verriet sie nicht. Außerdem sagen nun Großmann und auch andere Taxifahrer aus, dass sowohl Uwes Mutter als auch Birgit vor dem damaligen Prozess versucht hatten, sie zu bestechen, damit sie ihre Aussage verändern oder zurücknehmen. Birgit bot sich Großmann dabei selbst an.

Bei einem Go-Cart-Rennen befragt Lutz Subras den Arbeiter, unter dessen Anleitung Uwe das Mechanikerhandwerk lernt. Dabei macht er Bekanntschaft mit Birgit, die sich von ihm nach Hause fahren lässt und mit ihm flirtet. Subras’ Auto folgt ein Motorrad, und der Mann macht Birgit eifersüchtig Vorwürfe. Birgit wird nun observiert. Der Ochsenziemer kann zugeordnet werden: Er gehört zu einem Zirkus, doch hatte sich ein gewisser Willi Runge vom Rummelplatz den Ochsenziemer ausgeliehen und nicht zurückgebracht. Als Birgit erfährt, dass ihre Familie von der Kriminalpolizei befragt wurde, begibt sie sich zum Rummel und zieht sich mit Willi Runge in einen der Rummelwagen zurück. Als der von der Polizeibefragung hört, will er mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben, sei es doch nur darum gegangen, Großmann nach Birgits Willen einen Denkzettel zu verpassen. Birgit will ihn versöhnlich stimmen und setzt sich die blonde Perücke auf, die sie auch im Taxi getragen hatte – sie war der Fahrgast auf der Rückbank. Als sie wie sonst so oft Willi Runge nackt mit Perücke verführen will, erscheint Lutz Subras und nimmt beide fest. Beim Verhör können sich beide nicht erklären, warum sie Großmann hassen. Beide wollten vor einem Jahr gemeinsam in den Urlaub fahren, konnten dies jedoch nicht, als Uwe verhaftet wurde. Aus der diffusen Wut entwickelte sich der Plan zum Überfall, den Jürgen Hübner am Ende empört als Rowdytum bezeichnet.

Rezension

Ein zweites Mal nach „Per Anhalter“ widmete sich der Polizeiruf 1974 dem Thema jugendlichen Rowdytums – dieses Mal allerdings 30 Minuten kürzer und mit einem knapper gehaltenen Panorama. Viola Schweizer spielt allerdings auch dieses Mal wieder die Rolle eines ebenso robusten wie verführerischen Mädchens. Anders als in „Per Anhalter“ blickt man dieses Mal nicht hinter die Fassade und alles ist Fassade. Oder? Gerade, weil der Film so gut wie keine Erklärungen beinhaltet, sind einige gezeigte Details besonders wichtig. Zum Beispiel das Elternhaus der Jugendlichen, die auf Abweg geraten. Es ist geradezu perfekt. Nichts von der verwinkelten und damit auf vewinkelte Charakere hindeutenden Altbauatmosphäre, sondern ganz neue Platte und eine für damalige DDR-Verhältnisse hochmoderne Wohnung, der Vater hat einen ziemlich ungewöhnlichen Job als Pestizidflieger à la „Der unsichtbare Dritte“, die Mutter verteidigt die Kinder mit allen Mitteln, nichts in der Familie scheint problematisch, aber alles läuft aus dem Ruder – die Kinder als verwöhnte Wohlstandsgören, die aus Langeweile delinquent werden.

Ein für die Reihe ziemlich seltenes Szenario und die moralische Haltung ist eindeutig: Hier die braven Taxifahrer, die sich nicht bestechen oder mit Sex zu Falschaussagen bringen lassen, dort eine vergleichsweise elitär wirkende Umgebung, in der richtige Gören und Früchtchen gedeihen. Selten waren am Ende auch die Statements von Hübner und Arndt so verächtlich zwei Täterpersonen gegenüber wie dieses Mal. Bei Hübner alias Jürgen Frohriep unterstellen wir, dass es ihm gar nicht leicht fiel, so hart zu sein und eine wirklich ganz enge Linie zu fahren. Vera Arndt hingegen wirkt oft recht authentisch, wenn sie scharf herangeht. Der Film wirkt ideologisch so clean wie die schönen Bilder, in die er gesetzt ist. Was ihn von den „Premiumproduktionen“ der Zeit unterscheidet, ist eigentlich nur die Länge. Die Farben sind prächtig, es wurde auf Kinofilmmaterial gedreht, die Qualität der Settings für die damaligen Verhältnisse überdurchschnittlich. Vor allem die Atmosphäre zu Beginn wirkt, als habe man einiges vorgehabt. 

Das Lied, zu dem Birgit und ihre Freunde ausgelassen tanzen, bevor Birgit ihren Bruder zum Autodiebstahl anstiftete, ist The Sweets Hell Raiser. Das englischsprachige Lied war 1973 ein Nummer-eins-Hit beim „Klassenfeind“.

Natürlich ist das Verhalten der Mutter, die Kinder zu beschützen und bei ihren Fehlentwicklungen wegzusehen, symbolisch für eine unsozialistische, nicht wachsame Haltung, Wie man DDR zu Mozart gestanden hat, dessen kleine Nachtmusik zu den Nachttaxis und den nächtlichen Eskapaden von Bruder und Schwester Kersten passend gespielt wird, wissen wir nicht, aber hätte man mehr Dimitri Schostakowitsch oder Louis Fürnberg gehört, wäre das alles vermutlich nicht passiert.

Die etwas rohe und wenig verständnisvolle Haltung wirkt auch dadurch so irritierend, dass die Dialoge zu den statischsten und humorlosesten zählen, die wir bisher in einem Polizeiruf gesehen haben. Lediglich Lutz Subras, der als Figur „im Aufbau“ zu begreifen ist, wird eine charmante Sondereinlage zugestanden und generell eine etwas lockerere Art – aber auch dabei muss sich sein Darsteller Alfred Rücker mit Dialogzeilen herumschlagen, die sehr viel Charme von seiner Seite erfordern, damit sein selbstgewählter Kurzzeit-Undercover-Einsatz die Zielperson Birgit erreichen kann. Den Wiener merkt man Rücker von der Tonlage nicht an, nebenbei bemerkt, aber da ist eben doch etwas drin, was es ihm leichter macht als den anderen, zugänglich zu wirken.

Manche Dialoge sind so hölzern, die Linientreue so extrem, dass man überlegt, ob das nun auch wieder hintergründig sein könnte. Wir haben uns auch angeschaut, was Regisseur Werner Röwekamp sonst gemacht hat – seine anderen Polizeirufe geben aber keinen eindeutigen Aufschluss, obwohl sie eher zu den Standardwerken der Reihe zählen. Der Ton von „Nachttaxi“ stammt vermutlich auch eher vom Co-Autor des Drehbuchs, Hans Siebe, der sehr viele Romane und Hörspiele schrieb – exakt bis 1989. Das lässt darauf schließen, dass seine Haltung und seine Arbeiten nicht in die Nachwendezeit passten.

Finale

Dieser besonders kurze Polizeiruf (der kürzeste ist es nicht – der 1972 erschienene „Blutgruppe AB“ hatte beispielsweise nur 50 Minuten Spielzeit) hat auf uns trotz seiner technischen Qualität einen mehr als zwiespältigen Eindruck gemacht. Auch darmaturgisch und drehbuchseitig ist nicht alles eben. Die sehr lange Einleitungsszene lässt beipsielsweise auf einen nach damaligen Maßstäben modernen, beobachtenden Film schließen, aber das setzt sich so nicht fort. Die Verfolgungsjagd im Taxi ist vom Timing schwierig, zum Beispiel, weil die beiden Taxifahrer erst zu dem verletzten Radfahrer gehen und sich dann erst ins Auto setzen, um die Verfolgung des Unfallflüchtigen aufzunehmen.

Der wäre bei seinem erhöhten Tempo normalerweise längst über alle Berge gewesen und von den beiden Privatpolizisten nicht mehr einzuholen, sofern diese nicht selbst massiv die zulässige Geschwindigkeit überschritten hätten. Es ist ein weiterer Schwachpunkt, dass suggeriert wird, auf der Jagd nach Sündern gegen die sozialistische Ordnung ist auch dem Privatier alles erlaubt. Dass dies dem umfassenden Spitzelsystem in der DDR in anderer Ausformung recht nahe kommt, wollte man wohl eher nicht zeigen, so hintergründig wirkt der Film eben nicht. 

Man bemerkte auch wohl, wie kritisch ein Taxifahrer, der ja offenbar öfters irgendwelchen Menschen nachstellt, die sich nicht vorbildlich verhalten, gesehen werden kann, wenn er dafür selbst riskant fährt – und lässt den jungen Uwe Kersten umgehend in einer Sackgasse landen, direkt nach dem Abbiegen von einer mehrspurigen Hauptstraße, die wiederum nicht zu derjenigen passt, auf welcher der Radfahrer geschnitten und verletzt wurde. Vielleicht hüpft aber auch das grüne Herz des Fahrradpropagandisten angesichts des eifrigen Taxifahrers. 

Warum aber war dieser Film der bisher am längsten verweilende Polzeiruf-Restant? Weil wir mindestens dreimal mit dem Anschauen angesetzt hatten und jedes Mal eingeschlafen waren. Heute wär’s beinahe wieder passiert, obwohl wir mehrere Stunden früher dran waren, also zu einem Zeitpunkt starteten, zu dem normalerweise die Konzentration gut ist. Irgendetwas hatte uns wohl suggeriert, dass wir diesen Film nicht besonders mögen werden und uns vor dem Ärger über seine grobe Machart bewahren wollen. So schlimm war es nun aber auch nicht, Propaganda hin oder her.

Es wäre ja seltsam, wenn es neben einigen Polizeirufen, die auf ihre Weise sehr wohl kritisch waren, nicht auch welche gegeben hätte, aus denen man keine Distanz zum System herausquetschen kann. Wir wollen dokumentieren, nicht generell verteidigen, sondern nur dort, wo sich mindestens einigermaßen problemlos erkennbare Ansätze dazu ergeben. 

5,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Werner Röwekamp
Drehbuch Werner Röwekamp
Hans Siebe
Produktion Ralf Siebenhörl
Musik Rainer Hornig
Kamera Rolf Sohre
Schnitt Susanne Carpentier
Besetzung

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