Verlorene Töchter – Tatort 580 #Crimetime 738 #Tatort #Hamburg #Casstorff #Holicek #NDR #Tochter #verloren

Crimetime 738 - Titelfoto © NDR, Thorsten Jander

Prämisse oder Vergleich?

Man kann diesen Tatort von vielen Seiten her angehen. Wie eigentlich alles. Aber vielleicht mal von der Prämisse her: Zu früh Jean-Paul Sartre lesen, stärkt die depressiven und die aggressiven Anteile gleichermaßen und die Unberechenbarkeit wächst sich ins Mörderische aus. Oder als Vergleich: In Hamburg sehen die Hausboote aus wie echte Segelschiffe und sind auch welche. In Berlin eher wie Bungalows auf Flößen. Aber wir dachten bisher, ein Hausboot sei wirklich eher eine Konstruktion, wie wir sie von den Spree-Ankerern kennen und ein Segelschiff ist ein Segelschiff, auch wenn es zum permanent drin leben verwendet wird. Was uns in dem Film am meisten schockiert hat: Als die Wasserpolizei am Schiff der verlorenen Träume festmacht, sieht man, wie klein und zerbrechlich das Boot ist in Relation zu dem Fahrzeug der Staatsmacht ist. Unser Gefühl war, dass man möglicherweise getrickst hat, aber computergesteuerte Manipulation in einem Tatort des Jahres 2004? Mehr und ob wir wirklich die Wasserfahrzeug-Größenerhältnisse am erstaunlichsten fanden, steht in der -> Rezension.

Handlung

Kommissar Casstorff und sein Team sind dieses Mal mit einem Fall konfrontiert, der ungewöhnlich und erschreckend ist: Die Leiche der 14-jährigen Ronja ist der Ausgangspunkt für ihre Ermittlungen, die in Hamburgs soziale Brennpunkte führen.

So jung wie das Opfer sind auch die Tatverdächtigen: eine Clique von minderjährigen Mädchen, die bereits durch diverse Gewalttaten von sich Reden gemacht hat. Mädchen, die selbst aus extrem gestörten Familien- und Sozialverhältnissen kommen, für die schon im Kindesalter Brutalität und Gewalt allgegenwärtig sind. Dass sie noch nicht strafmündig sind, wissen sie – insofern greifen insbesondere die Verhöre, mit denen Casstorff und sein Kollege Holicek zunächst versuchen, Licht in das Dunkel um den Mord an Ronja zu bringen, so gut wie gar nicht.

Lediglich Jenny Graf gelingt es, das Vertrauen eines der verdächtigen Mädchen zu gewinnen.

Fatma, eine junge Türkin, bringt Casstorff mit ihrer gleichgültigen Art und Unverschämtheit zur Weißglut – bis sie sich ihm gegenüber in einem stillen Moment etwas öffnet. Die dicke Mela bleibt verschlossen; bei Lucy, die zuhause ihren an Alzheimer erkrankten Großvater pflegt, bemerkt Jenny, dass sie in Ronja verliebt war. Und dann ist da noch die ruhige und sensible Marie, Ronjas Cousine. Bei ihr nistet sich die Clique regelrecht ein, weil die Eltern ohne Marie im Urlaub sind. Oder war Ronjas Mörder doch der aus „gutem Hause“ stammende Piet, der sich endlich rächen wollte, weil die Mädchenbande ihn regelmäßig auf dem Weg zur Schule „abgezogen“ hat?

Mit Einfühlungsvermögen und unermüdlicher Ermittlungsarbeit gelingt es Casstorff, Holicek und Jenny Graf schließlich, den Mord an Ronja aufzuklären. Es kommt zum Showdown an Bord des Hausbootes, auf dem das junge Mädchen gemeinsam mit ihrer Mutter gelebt hat.

Rezension

Ist die Mädchengang nun realistisch oder eine exemplarische Versuchsanordnung? Das dicke Kind, das sich einfach ungeliebt fühlt. Das Mädchen aus der nicht integrierten türkischen Familie. Die taffe Blonde, die ihre lesbische Neigung entdeckt, vermutlich befördert dadurch, dass ihr Mutter alles wuppen muss, nie Zeit hat, zuhause aber ein Großvater mit Alhzeimer zu versorgen ist, der noch im Krieg feststeckt oder durch die Krankheit dorthin zurückgeführt wird – sie ist am deutlichsten gezeichnet und kommt am meisten als Täterin infrage. Neben der wirklichen Täterin. Diese Aufstellung ist klischeehaft, aber die Motive und das Spiel der jungen Darstellerinnen wirken auf uns Berliner, die wir jeden Tag Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen beobachte können, wenn wir wollen, nicht unrealistisch und machen den Fall interessant. Vielleicht ist alles etwas zugespitzt, aber man ist ein schwieriges Thema beherzt angegangen und hat sich nicht gescheut, dabei ganze Problemwelten für die Zuschauer zu öffnen. Ob jemand Stuntfrau werden wollen sollte, der Höhenangst hat, ist eine schwierig zu beantwortende Frage, nicht alle Stunts werden von hoch oben ausgeführt. Dass Ronja von ihrer Cousine nach oben gelockt wurde, so muss man es ja verstehen – nun gut. Bloß keine Angst zeigen, wenn an die Pechmarie mit ihren stets pechschwarzen Klamotten (Der Existenzialismus! – mit leicht gotischem Einschlag) abziehen will. Und warum das möglich ist, wo Marie doch Riesenkräfte entwickelt, wenn sie will, vor allem nach einem gewissen Maß an Sartre-Lektüre, nun gut. Es muss nicht alles perfekt sein, die Ermittler*innen sind’s ja auch nicht.

Schade, dass Wanda Wilhelmi noch nicht dabei ist, vor Schönheit haben hässliche Mädchen immer Respekt. Scherz, muss auch sein. Aber es ist krass, wie schwer die Polizei sich damit tut, in diese Welt von verletzten Kindern einzusteigen. Casstorff ist immerhin selbst Vater, aber er kriegt ja auch das Verhältnis zu seinem Sohn nie so richtig überzeugend geregelt, wie man in diesem Film wieder sehen kann. Wir haben hübsch lange überlegen müssen, ob wir Casstorff mit seiner echt unempathischen Art nun furchtbar finden sollen, wie meistens, oder ob das gerade in diesem Fall besonders viel Sinn ergibt. Denn er steht für eine Generation und auch für einen Typus, der es nun mal nicht leicht damit hat, sich in die Seelenwelten anderer einzufinden. Kollege Holicek ist zwar etwas sanfter, aber keine große Hilfe, hat er doch selbst nie Nachwuchs zustande gebracht, zumindest nicht wissentlich.

Mit Casstorff hat man das Prinzip durchbrochen, dass Tatort-Kommissare immer ein wenig mehr emotionale Kompetenz oder Intelligenz besitzen als Durchschnittsmenschen, sie haben ein Gespür für andere. Einer der berühmten Vorgänger beim NDR, Kommissar Finke, wirkte, als könne er durch Menschen geradezu hindurchsehen, als seien sie aus Glas. Aber was an Casstorff so nervt, ist vielleicht, dass er genau so ist, wie viele Menschen tatsächlich sind und dass man das eben nicht so gerne direkt vorm Wochenstart sehen will. Vor allem nicht, wenn der eigene Chef vielleicht dem Casstorff viel näher kommt als diesen Cops mit dem wissenden Blick und dem großen Geschick in Sachen Menschenkunde. Mag sein, dass dieses Unverständnis des kantigen Hamburgers für andere hier eben wirklich besonders stimmig wirkt – weil wir instinktiv Mädchen wie die hier gezeigten nicht mögen. Sie verletzen den Comment, den man sich zwischen den Generationen wünscht, sie zerreißen das Band oder nehmen die Fassade weg, sie schmeißen Mülltonnen um, klauen, schlagen, erpressen andere sogar. Damit müssen auch Zuschauer klarkommen, für die es eine Horrorvorstellung ist, dass ihre Kinder mit solche Gören in Berührung kommen und von ihnen unterdrückt werden könnten – oder dass ihre widerspenstige Brut sich vielleicht sogar ähnlich entwickelt. So, wie Ronja Räubertochter.

Dass die vom Turm gefallene Jugendclanchefin so heißt, ist wirklich etwas dick aufgetragen, aber ihre Mutter wollte wohl ein Kind, das nicht zu angepasst ist – wie sie selbst. Dass gerade ein Mädchen, das so frei aufwächst, sich so entwickelt, passt nicht so recht in den linksalternativen Kram, deswegen muss der Abgang des Vaters mit den folgenden Vorwürfen an die Mutter als Wendepunkt im Leben von Ronja konstruiert werden. Natürlich, alles kann und nichts muss und Inga Busch spielt Iris, die Mutter, durchaus so, dass man sich hinzudenken kann, was man nicht mehr sieht: Das Verhältnis zur Tochter und wie der Mann die Biege gemacht hat. Vielleicht, weil ihm dieses Leben nicht mehr taugte – und er mal irgendwo ankern wollte. Am Ende geht Iris wieder auf Reisen, Holicek steht mit der Liegegenehmigung da und starrt auf die Stelle, wo dieser Kahn, auf dem die ewige Suche zuhause ist, gelegen hat und – nun wieder weg ist, denn die Suche geht weiter. Ohne Ronja. Das ist schon ein berührendes, am Ende in romantische Bilder getauchtes Porträt vom niemals ankommen und dabei immer mehr verlieren. Bis man ganz allein ist.

Finale

Sicher gibt es relativ grobe Ermittlungsfehler. Als Marie nach der tätlichen Auseinandersetzung, wie sie im Krankenhaus liegt, behauptet, ihre Eltern würden lieber im Urlaub bleiben als nach ihr zu schauen, hätte die Polizei selbstverständlich nachhaken und selbst bei den Eltern anrufen müssen. Dass das Mädchen anfangs als so zurückgezogen und defensiv geschildert wird, damit es nicht zu sehr als mögliche Täterin hervortritt und ab einem bestimmten Zeitpunkt plötzlich ganz anders dargestellt wird – nun ja, schreiben wir an dieser Stelle zum dritten Mal. Wir wünschen allen Mädchen, Jungs und anderen sich entwickelnden Gendern, dass sie mit mehr Geborgenheit aufwachsen, als wir sie hier sehen. Allerdings – 2004 hatte der Sozialabbau gerade erst so richtig begonnen, der es vielen Menschen unmöglich macht, sich noch um mehr als das absolut zum Überleben Notwendige zu kümmern. Deswegen befürchten wir, dass es seitdem eher schlimmer als besser geworden ist. Wenn wir mitbekommen, wie sich Lehrende über ihre Schüler*innen in Berlin äußern: Besser ist es jedenfalls nicht geworden. Auch wenn sich nicht alle Kinder und Jugendlichen zu solchen exemplarischen Outsider-Gangs zusammenfinden wie in „Verlorene Töchter“.

8/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Springflut an der Tatortkant

Heute Abend schon ein Bayern-Tatort aus 2002 namens „Wolf im Schafspelz„, morgen „Verlorene Töchter“ und dann noch „Drei Schlingen“, ein Haferkamp-Film, der 25 Jahre im Giftschrank lagerte, bevor er wieder gezeigt wurde – und das, wo die hohe Welle der zu sichtenden Polizeirufe noch immer andauert. Drei Tatorte an zwei Tagen, die für uns neu sind. Das ist schon fast eine Sturmflut, wenn man bedenkt, wie lange (9 Jahre) wir bereits an der Anthologie zu dieser Reihe arbeiten.

Aber wir werden uns tapfer über Wasser halten, zumal wir in den letzten Wochen ein wenig Platz auf dem Media-Receiver schaffen konnten, indem wir durchschnittlich eine Rezension pro Tag verfassten.

An Jan Casstorff, gespielt von Robert Atzorn, sind wir nicht so dicht dran, obwohl er Mitte der 2000er tätig war, nach Stoever und Brockmöller, die wir ausführlich besprochen haben. Das liegt wohl daran, dass er mittlerweile den zweiten Nachfolger hat und mit diesem Nick Tschiller hat der NDR endgültig seine einstige Prunkschiene versenkt. Den zweiten Hamburg-Tatort mit Ermittler Falke hat man ja rausnehmen und an die Bundespolizei übergeben müssen, damit Nick die Stadt für sich allein hat. Wenn man genau hinschaut, ist alles ein wenig anders. Casstorffs Vorgänger Paul Stoever und Peter Brockmöller waren und sind zwar immer noch sehr beliebt, aber ihre Fälle gelten in der Regel eher als Routineprodukte. Casstorff – wir mussten den Namen jetzt überall nachkorrigieren, er wird tatsächlich mit zwei „s“ und zwei „ff“ geschrieben, ist das Gegenstück zu Paule und Peter gewesen – schroff, hermetisch, der kratzige Name ist Programm. Wir sind schon gespannt darauf, ob er dieses Mal wirklich Einfühlungsvermögen zeigt, so steht es nämlich in der Handlungsbeschreibung der ARD.

Casstorff zog aber auch wieder nicht perfekt, sodass er nach 15 Fällen, von denen laut Tatort-Fundus-Rangliste nur zwei über 7/10 kommen, dem Sonderermittler Cenk Batu das Feld überlassen musste.

Nach unserer Meinung wurde damit eines der besten Konzepte der letzten 10 Jahre installiert, aber – die Quoten waren gering, der NDR wurde nervös und machte im Anschluss den größten Fehler seines bisherigen Daseins. Nun besteht dessen Tätigkeit in Sachen Tatort glücklicherweise nicht nur aus der Hamburg-Schiene. Falke & Grosz laufen nach unserer Ansicht immer besser, Kiel mit Borowski war eine Zeitlang eine Klasse für sich und dass wir die Lindholm-Figur ablehnen, dafür kann der NDR zwar sehr wohl etwas, er hat sie schließlich – sagen wir, eher zugelassen als konzipiert -, aber andere Sender haben auch ihre Probleme. Vor allem, wenn sie gute Drehbücher für mehrere Teams finden müssen.

Mit dem Ermittler Casstorff haben wir uns bisher dreimal befasst, keine der Rezensionen zu „Exil!“, „Investigativ“ und „Undercover“ wurde bisher im neuen Wahlberliner gezeigt – weil die Casstorff-Tatorte selten wiederholt werden. „Verlorene Töchter“ ist der erste der 15 Filme mit diesem Ermittler, der wiederholt wird, seit der neue Wahlberliner am 24. Juni 2018 gestartet ist. Vielleicht sollte man hier doch mal etwas beschleunigen. Weil wir noch nicht genug zu tun haben, beispielsweise.

TH

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Jan Casstorff – Robert Atzorn
Eduard Holicek – Tilo Prückner
Jenny Graf – Julia Schmidt
Patricia Funck – Saskia Fischer
Haustein – Harald Weiler
Iris May – Inga Busch
Marie Liebhard – Marie – Terese Katt
Lucy – Elisa Becker
Mela – Charlotte Buschner
Fatma – Jasmin Aksan
u.a.

Regie – Daniel Helfer
Buch – Elke Schuch · Marc Blöbaum
Kamera – Simon Schmejkal
Schnitt – Fritz Busse
Musik – George Kochbeck; Rosenstolz „Liebe ist alles“

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