Exil! – Tatort 483 #Crimetime 737 #Tatort #Hamburg #Casstorff #Holicek #NDR #Exil

Crimetime 737 - Titelfoto © NDR

Nach 9/11 wurde in Hamburg nicht mehr gesungen

Eine günstige Abfolge von Wiederholungen hat dazu geführt, dass wir der Rezension des Brockmöller / Stoever-Abschied-Tatortes „Tod vor Scharhörn“ (Rezension im „neuen“ Wahlberliner noch nicht veröffentlicht“ den ersten Fall des Nachfolgers Jan Casstorff folgen lassen können.

Der vorausgehende Satz bezieht sich auf die Erstveröffentlichung im Jahr 2013. Derzeit haben wir „Nordmord-Tage“. Von keinem anderen Sender zeigen wir in der Sommerpause 2020 so viele Rezensionen wie von Tatorten des NDR -Republikationen, aber auch neu verfasste Kritiken, etwa zu „National feminin“ oder „Trimmel hält ein Plädoyer„.

Auch mit der Erschließung des Casstorff-Terrains sind wir mittlerweile weiter als im Jahr 2013, aber wir zeigen die -> Rezension weitgehend unverändert, um das Herantasten ein wenig zu illustrieren, außerdem war „Exil!“ der erste Casstorff-Tatort, somit entspricht unsere Haltung auch ein wenig der eines Premierenzuschauers.

Handlung

Der erste Fall der neuen Hamburger Mordkommission um Hauptkommissar Jan Casstorff: Rüdiger Voss, ehemaliger Chef-Ingenieur der Hamburger Reederei Vorbeck, wird erstochen aus der Elbe gefischt. Er sollte in Hamburg eine Aussage vor dem Seeamt machen. Casstorffs Kollegen Eduard Holicek und Jenny Graf ermitteln im Hafenmilieu, dass Voss den Abend vor dem Mord mit zwei anderen Männern in einer dunklen Spelunke verbrachte.Casstorffs Recherche über die Verhandlung vor dem Seeamt konfrontiert ihn mit seiner eigenen Vergangenheit: Die Anwältin der Reederei Vorbeck ist Judith Vorbeck, die Mutter von Casstorffs Sohn Daniel.

Kurz nach dessen Geburt hatte sie Hamburg verlassen, um in den USA Karriere zu machen; seitdem war der Kontakt zwischen ihnen abgebrochen. Dementsprechend frostig verläuft das Treffen zwischen Judith und Casstorff. Der allein erziehende Vater hat momentan sowieso genug Sorgen mit dem pubertierenden Sprössling, der vor der heimatlichen Enge für ein Jahr ins Ausland fliehen möchte. Viel zu früh für einen 15-Jährigen, wie Casstorff findet.Mit seinen Ermittlungen kommt er bei der Reederei Vorbeck auch nicht recht weiter. Judith zufolge handelt es sich bei der Seegerichtsverhandlung um eine Routineangelegenheit: Während der Überfahrt eines ihrer Schiffe aus Afrika seien drei blinde Passagiere durch einen tragischen Umfall ums Leben gekommen. Seeamtsrichter Bruns stützt diese Version. Auch der damalige Kapitän Wanden und Jens Dekker, Inspektor der Firma Vorbeck, hätten dement-sprechend ausgesagt. Auf Casstorffs Drängen gesteht Bruns jedoch zu, dass es anonyme Zeugenaussagen gibt, nach denen Wanden den tödlichen Unfall bewusst herbeigeführt habe.Der Fall spitzt sich zu: Jenny Graf erfährt, dass es sich bei den Toten um politisch Verfolgte aus Nigeria handelte. Casstorff und seine Kollegen beschließen, Wanden noch einmal zu den genauen Umständen des angeblichen Unfalls zu befragen und zu ermitteln, ob die drei Flüchtlinge vielleicht Angehörige in Hamburg besaßen. Da geschieht ein zweiter Mord.

Rezension

Schon der Name suggeriert, es hat sich was geändert. Keine gutbürgerlichen Umlaute mehr. Auf ungute Weise erinnert er vielmehr an „Castor“ und wir können uns nicht vorstellen, dass der NDR das nicht im Blick hatte, als er die Figur schuf (der erste Castor-Transport fand 1995 statt, die Figur Casstorff ist von 2001 bis 2008 im Einsatz gewesen und hat in diesem Zeitraum 15 Fälle gelöst).

So ist es kein Wunder, dass gleich der erste Tatort des Neuen um einiges toxischer daherkommt als die swingenden Fälle der späten Stoever-Brockmöller-Ära. Im Laderaum eines Afrikadampfers sterben drei junge Oppositionelle aus Nigeria, die als blinde Passagiere mitfahren und nach Deutschland ins Exil gehen wollten an einer CO²-Vergiftung; diese wurde ausgelöst durch eine Feuerlöschmaßnahme an Bord.

Ein origineller Fall, wieder einmal mit einem damals aktuellen und heute noch wichtigen Thema, und das wird anders gezeigt, als es noch ein Jahr zuvor bei Stoever und Brocköller der Fall gewesen wäre.

Das gute Ende einer langen, erfolgreichen Zusammenarbeit ist besonders geeignet, um etwas vollkommen Neues zu machen. Nicht nur die Personalien betreffend. Gefühlt hat sich mit Casstorffs Einstand die Bildersprache der Hamburger Tatort um einen Schlag zehn Jahre vorwärts bewegt; ist schneller, extrovertierter – und vor allem düsterer geworden. Der formale Stil ist in etwa derjenige, den man z. B. etwa zeitgleich beim NDR-Schwestertatort in Hannover eingeführt hat, als Charlotte Lindholm 2002 antrat.  Fließend, aber farbreduziert. Die Bilder sind allerdings dort, wo Casstorff ermittelt bzw. dort, wo die Sonne über Hafenkränen aufgeht, noch um einiges prägnanter.

Wer die Art, wie ab 2008 die Filme mit dem Sonderermittler Cenk Batu gefilmt worden sind, verstehen will, muss den „Zwischenschritt“ der Casstorff-Tatorte einbeziehen. So stylish und cool wie die Folgen mit dem türkischstämmigen Nachfolger beim BKA, Cenk Batu, sind sie nicht, schon wegen des unterschiedlichen Wohnumfeldes der Ermittler, aber sie waren bereits in etwa so gefilmt, wie es heute noch an vielen Standorten üblich ist.

Dafür hat Casstorff aber gewiss die Goldmedaille als am schlechtesten gelaunter Kommissar seiner Zeit verdient. Welch ein Unterschied zu Stoevers und Brockmöllers älteren Tagen. Ob das Publikum schockiert war von der Düsterkeit der ersten Folge mit Robert Atzorn? Heute sind wir ja wieder um einiges weiter. 2007 fing der melancholische Keppler in Leipzig an (gekontert allerdings von seiner lebensfrohen Ermittlungs- und Ex-Lebenspartnerin Eva Saaleld), 2011 kam mit Steier in Frankfurt die nächste Steigerung in Sachen Verlorenheit (gekontert allerdings von seiner knackigen Ermittlungspartnerin Conny Mey). 2012 dann der Faber in Dortmund, der braucht schon zwei Kolleginnen und einen Kollegen, um sozial gerade so in der Spur zu bleiben.

Casstorff zeigt Kante, der sperrige Name suggeriert es und sein erster Tatort hält das immanente Versprechen. Im Gegensatz zu den drei genannten, hochgradig gebrochen wirkenden Kollegen neuesten Zuschnitts kommt er allerdings noch sehr kompakt Bis die Sache mit seinem Sohn immer mehr in den Vordergrund rückt.

Sympathisch wirkt der im Jahr 2001 ganz neue Hamburg-Cop nicht. Wer das schreibt, vor allem aus weiblicher Sicht, der mag wohl eher seine markante Art, recht gut auszuschauen. Als Kollegen, Vorgesetzten – und als Vater kann sich niemand einen solchen Typ wünschen. Wie er sich bemüht, der engagierten Jungkommissarin Jenny Graf ein „gut gemacht!“ in den Hörer des Mobiltelefons zu rufen, das wirkt so – beinahe schlimmer, als wenn er seinen Vorgesetzten zurechtweist und auch sonst ständig etwas auszusetzen hat. Das ist ein echter Nörgel-Norddeutscher, ein stieseliger Hanseat – kein Exemplar der hintergründig-humorvollen Variante des Waterkant-Bewohners.

Nein, der Casstorff ist erkennbar nicht geschaffen worden, um uns ein angenehmes Gefühl mit ihm zu verschaffen. Man hat sich gedacht, für 90 Minuten zweimal im Jahr wird es doch wohl noch möglich sein, einen solchen Ermittler ins Rennen zu schicken. Dabei hat man vielleicht nicht bedacht, dass die Nachwirkungen eines Auftritts weitaus nachhaliger sind als der Auftritt dauert und dass man als häufiger Tatortgucker automatisch Vergleiche mit anderen Kommissaren anstellt. Wie eingangs erwähnt, wir reden vom Jahr 2001, nicht von 2013.

In die gleichermaßen gedrückte wie fiese Stimmung nach 9/11 passt er allerdings hervorragend und da nützt es auch nichts, dass er vor seinem Sohn ein Bekenntnis abgibt, wie schief ihm doch das Erzieherische, das Beziehungsmäßige und so gelaufen ist. Das soll der Figur Mehrdimensionalität verleihen, wirkt aber zu überdreht und sägt eher an der Authentitzitätsvermutung, die uns – meist unbewusst – darüber entscheiden lässt, ob wir einen fiktionalen Charakter – besonders in einer Serie – als stimmig empfinden.

Wie Casstorff seinen Sohn bezüglich der Verwendung des Begriffs „Exil“ belehrt, das finden wir schon eher angemessen. Es ist so didaktisch, da bemerkt man sofort, dass der Mann in seinem Serienleben viel lehrerhafte Vergangenheit hat. Kein Wunder, angesichts solcher Einlassungen, dass sich die jeweils junge Generation immer wieder gegen die jeweils vorhergehende auflehnt, so, wie Casstorffs Sohn Daniel es tut, indem er für ein Jahr in die USA will – ins Exil, wie er sich ausdrückt.

Wunderbar kann man anhand dieses vom Sohn eher unbedacht gebrachten Begriffs erläutern, was Exil ist, zum Beispiel bei politisch verfolgten Personen, die aus Diktaturen flüchten. Und dass es wohl nicht angehe, dass Daniel seinen Schüleraustausch mit vergleiche. Oder ist das Eltern- bzw. Vaterhaus (die Mutter ist ja gleich nach der Geburt es Sohnes abgängig geworden) doch ein autoritärer Kleinstaat? Beim Gang ins Exil kann man zu Tode kommen, beim Schüleraustausch eher nicht.

Auch nicht in den USA, wo es gerade – eine Zeitungsseite belegt es – wieder mal ein Schulmassaker gegeben hat, 12 Tote. Da geht der Daniel dann doch lieber auf sechs Wochen in den Ferien zum Sprachurlaub – nach Frankreich.

Wegen dieser Volte dachten wir zunächst, der Film sei aus 2003 oder 2004, denn dann hätte er 1:1 die damalige politische Lage reflektiert. Nämlich, dass die USA unter George W. Bush out sind und man dem Texaner nicht in den Irak-Krieg folgt, sondern sich mit Frankreich (und Russland) zusammentut und dagegen opponiert. Wäre der Film etwas später entstanden, wäre dieser Part eine dieser nicht seltenen billigen Manipulationen gewesen, welche die ARD-Sender drauf haben, wenn sie das Gebühren zahlende Publikum hinten herum mit Meinung ausstatten wollen – aber für einen bereits vor 9/11 gedrehten Tatort wirkt das geradezu prophetisch.

Man erahnt es anhand des Verlaufs der Rezension – das Privatleben feiert seinen Einzug ins Zentrum eines Tatorts. So viel Vater-Sohn war zuvor nicht. Auch hier ein rigoroser Bruch mit den beiden Vorgängern, deren Privates im Wesentlichen aus dem Internverhältnis zu bestehen schien.

Der Fall selbst hat eine größere Amplitude, als man das von Stoever und Brockmöller zuletzt gewöhnt war. Einer berängenden und bedrücken Situation der afrikanischen Regimegegner stehen windige Geschäftemacher gegenüber, die nicht nur Menschen schmuggeln, sondern diese auch im Auftrag der bewussten Regime umbringen, wenn es sein muss.

Toye Munir, der bei dem fingierten Brandeinsatz auf der „African Queen“ (diesen kinolegendären Namen für ein Totenschiff zu verwenden, ist auch wieder Geschmacksache und wirkt auf uns nicht ironisch oder satirisch, sondern deplatziert) zwei Brüder verlor, bekommt vom Drahtzieher der Sache, einem Schiffsinspektor namens Dekker (niederländisch-friesische Schreibweise!) gesteckt, was passiert ist und Toye zieht wirklich los und ermordet die beiden Täter oder Tatmittler, den Schiffsingenieur und den Kapitän. Ja, da gab es noch rassistische Äußerungen seitens des Ingenieurs, aber dass man den Nigerianer so unbeherrscht zeigt, tut dem Anliegen des Films nicht unbedingt gut, nämlich auf die Missstände in Afrika aufmerksam zu machen.

Klar, wir sind jetzt in einer Schleife gefangen. Einerseits, die PC. Die ist hier nicht vollständig gewahrt. Andererseits: Die Realität. Menschen aus allen Nationen sind unter bestimmten Umständen fähig zu töten. Trotzdem hätte die Herleitung der Motivation von Toye Munir mehr Zeit in Anspruch nehmen dürfen. Die stand aber nicht zur Verfügung, weil das Drehbuch so viele Minuten bei Casstorff & Sohn verbringt und auch bei Casstorff & Ex, die zufällig die Tochter des Reeders Vorbeck ist, dem die African Queen gehört. Fast wie in Köln, mit jedem jedem Verdächtigenkreis lebt ein Stück Ermittler-Vergangenheit auf.

Das Drehbuch stammt übrigens von Felix Huby, der für die Bienzle-Tatorte verantwortlich ist. Der Filmstil ist zwar anders als im Stuttgart des Jahres 2001, aber das Eintröpfeln des Privaten in einen Kriminalfall haben wir auch bei Bienzle schon gesehen.

Finale

Eine neue Tatort-Zeitrechnung in Hamburg mit Jan Casstorff, mit Robert Atzorn anstelle von Manfred Krug und Charles Brauer. Heute gilt Casstorff vielen als eine Art Intermezzo, war er aber nicht. Mit sieben Jahren Dienstzeit und 15 Folgen liegt er gut im Schnitt aller Tatortermittler und hat sich länger gehalten als sein Nachfolger Batu – dessen Abgang wir zwar bedauern, aber wir haben auch recherchiert, dass die Batu-Fälle aus HH die schlechtesten Quotenergebnisse aller Tatorte im relevanten Zeitraum hatten – trotz der Stadt, die als solche mehr lokal zurechenbaren Krimi-Schauwert bietet als die meisten anderen (offenbar auch mehr als Berlin, gemessen an den aktuellen heimischen Tatorten) und trotz der Anlage der Filme als Thriller und damit in einer modernen Form.

Jetzt bricht gerade wieder eine neue Zeit an. Von einer neuen Epoche reden wir vorerst lieber nicht. Jetzt kommt nämlich Till Schweiger, und der wird schon vorab so kontrovers diskutiert wie wohl kein anderer Tatortkommissar vor ihm. Auch wir haben Bedenken, wir geben’s zu. Als wir neulich die ersten Fotos von Schweiger in seiner neuen Rolle gesehen haben, wie er eine Maschinenpistole im Anschlag hat und sein Antlitz von vielen hübschen kleinen Scheinwunden gezeichnet ist, da haben sich unsere Bedenken verstärkt. Rambo im Tatortland, alles klar. Und „Rambo“ haben wir schon als Kinofilm nicht überragend bewertet, obwohl dort Sly Stallone den Wilden gemacht hat. Der jedoch, bei aller Liebe zu den Bemühungen heimische Darsteller im Fach sinnlose Gewalt, spielt nicht nur als Actiondarsteller in einer höheren Liga.

Wir geben ja immer einen kleinen Erstlingsbonus für Neue, auch wenn sie mittlerweile Geschichte sind, daher 7/10 für „Exil!“ (mit Ausrufungszeichen!).

© 2020, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Jan Casstorff – Robert Atzorn
Oberkommissar Eduard Holicek – Tilo Prückner
Kommissarin Jenny Graf – Julia Schmidt
Daniel Casstorff – Fjodor Olev
Judith Vorbeck – Nina Petri
Jens Dekker – Frank Röth
Toye Munir – Michael Ojake
Ingrid von Bothmer
Jens-Peter Brose
Jannik Büddig
Glenn Goltz
Holger von Hartlieb
Dietrich Hollinderbäumer
Kai Hufnagel
Hans Kremer
Erich Krieg
Sarah Leupin
Heinz Gerhard Lück
Rainer Luxem
Stefan Merki
Olaf Mierau
Axel Olsson
Allessa Olvedi
Dietmar Pröll
Ernie Reinhardt
Janek Rieke
Christoph Tomanek
Harald Weiler
u.a.

Drehbuch – Thomas Bohn, nach der Vorlage von Chris Brohm
Regie – Thomas Bohn
Kamera – Rainer Gutjahr
Schnitt – Marcel Peragine
Musik – Hans Franek

 

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