Sonnenfinsternis – Tatort 619 #Crimetime 739 #Tatort #Leipzig #Ehrlicher #Kain #MDR #Sonnenfinsternis

Crimetime 739 - Titelfoto © MDR, Hardy Spitz

Und wieder mit Gefühl

Die Kommissare Bruno Ehrlicher (Peter Sodann) und Kain (Bernd Michael Lade) müssen in der Tatort-Folge 619 „Sonnenfinsternis“ den Mord an einem LKW-Fahrer in Leipzig aufklären. Der 40. Tatort-Fall für das Leipziger Ermittler-Duo wurde am 1. Januar 2006 erstmals im Fernsehen gezeigt. (Redaktion Tatort Fans). Und wie hat das funktioniert? Darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

In der Leipziger Käserei Dettmer wird der Fahrer Ludwig Noack tot in der Desinfektionskammer aufgefunden. Trotz intensiver Bemühungen der Kriminaltechniker sind an der Leiche keine Spuren zu finden. Die Hauptkommissare Ehrlicher und Kain erfahren von den Inhabern des Familienbetriebes, den Geschwistern Jörg und Katharina Dettmer, dass ihr Angestellter vor kurzer Zeit von Strasser, einem Inkassoeintreiber, zusammengeschlagen worden ist. Besonders Katharina ist nun von diesem Mann als Täter überzeugt, verwickelt sich bei ihren Angaben allerdings in Widersprüche. Einen weiteren Verdächtigen präsentiert ihnen die Staatsanwältin Mitterer: Klaus Röbel, wegen des Mordes an Katharina Dettmers Tochter verurteilt, wurde am Vortag vorzeitig aus der Haft entlassen. Maßgeblich für seine Verurteilung vor sechs Jahren war die Aussage Noacks, dem er noch im Gerichtssaal Rache androhte.

Ehrlicher und Kain finden Röbel in der Wohnung seiner Lebensgefährtin Vera Bednarz. Er bestreitet jedoch, Noack umgebracht zu haben. Ehrlicher nimmt Röbels Zelle, die glücklicherweise noch nicht geräumt wurde, unter die Lupe und erfährt, dass der Ex-Häftling seine Freundin Vera erst im Gefängnis kennengelernt hat. Es stellt sich außerdem heraus, dass Röbel und Strasser sich aus dem Knast kannten und Vera Bednarz engen Kontakt zur Familie Dettmer hat. Für Ehrlicher und Kain verstärkt sich der Verdacht, dass zwischen dem zurück liegenden Verbrechen an Katharinas Tochter und Noacks Tod ein Zusammenhang besteht. Als plötzlich der Junior-Chef der Käserei, Jörg Dettmers Sohn Manuel, entführt wird, spitzt sich die Lage zu.

Rezension

Ich hatte auch so ein Gefühl – nämlich, dass das Duo Ehrlicher-Kain in seiner Leipziger Zeit viel angenehmer zu schauen war als zuvor in Dresden und zum Ende hin immer besser wurde. Auch „Sonnenfinsternis“, der 34. von 40 Tatorten mit dem ersten Ost-Duo, zeigt das ziemlich deutlich. Alles ist flüssig und reibungslos, der Humor schön geglättet, die Ermittler als Persönlichkeiten präsent, aber nicht so karikaturhaft wie in vielen der früheren Filme. Man hat auch das Gefühl, dass die Vereinigung, die in den ersten Jahren so oft thematisiert wurde und viele abgrundtief böse Wessis hervorbrachte, mehr als 15 Jahre nach der Wende langsam zur Selbstverständlichkeit wurde. Wie wir heute wissen, kommt aber doch alles immer wieder hoch und führt zu Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick unverständlich erscheinen mögen.

Nur die Backstube in einer guten Lage von Leipzig, die sechs Jahre lang einfach leer stand, konnte man vielleicht glaubwürdiger vermitteln. Oder doch nicht? Mir fiel jedenfalls sofort auf, dass dieser Tatbestand erklärungsbedürftig ist. Der Autor von „Sonnenfinsternis“ hat’s auch gemerkt, es aber trotzdem nicht erklärt. Manches in dem Film ist psychologisch nicht besonders eingängig, aber man kann nicht sagen, es wirkt absurd. Alles zwischen den Menschen kann mal so. Man schlägt sich nicht an die Stirn und sagt: Ja, klar, Mensch muss! In dieser oder jener Situation. Aber er kann, unter Umständen, möglicherweise.

Achtung, im folgenden Text sind Spoiler enthalten!

Zum Beispiel als Jugendlicher seine 14jährige Freundin aus Eifersucht umbringen. Man ist eben heute mit allem etwas früher dran als früher, auch mit dem Schwinden der Tötungshemmung. Aber so richtig zündet es nicht und Mitleid mit diesem typischen Opfertäter hat man auch nicht. Und nach viel nettem Rätselraten war doch schon etwa eine halbe Stunde vor Schluss klar, wer nun das Mädchen auf dem Gewissen hat.

Die angenehme Art, wie Ehrlicher und Kain und Walter ermitteln, mildert aber die humorlose Düsternis das Familiendramas, das gute Schauspiel von Uwe Bohm als Hauptverdächtigem und unschuldig sechs Jahre im Gefängnis verbringenden vorgeblichen Mörders und die optische Präsenz von Catherine Flemming sind Pluspunkte des Films, der schon sehr musterhaft angelegt ist. Bestimmt hat der Autor sich ein Panel der Beziehungstatbestände gemacht, um nicht durcheinander zu kommen. Manches wirkt etwas an den Haaren herbeigezogen, aber es ist wie mit dem Verhalten der einzelnen Charaktere: Es ist auch nicht unmöglich, es gibt also keine echten Plotlöcher, sondern nur eine sichtbar gewollt komplizierte Konstellation mit Kammerspiel-Touch, denn alles trägt sich in einer kleinen Welt zu, in der jeder mit jedem zu tun hat. Es muss ja auch nicht alles zwingend sein.

Auch das Ermitteln nicht und nicht die Gründe, warum jemand eingesperrt wird. Bis zum Schluss fand ich es seltsam, dass seinerzeit der Röbel verurteilt wurde, obwohl es keinerlei Beweise für seine Schuld gab. Auch für einen Indizienprozess kam mir das alles etwas dürftig vor. Kein Wunder, dass der Gnadenausschuss nach sechs Jahren dem Elend ein Ende machen wollte, wegen günstiger Sozialprognose qua Beziehung und immer noch keiner eindeutigen Beweislage. Kritik am Rechtsstaat? Dieses Mal wohl kaum in früheren Ehrlicher-Fällen gang und gäbe, weil auch der Rechtsstaat ja aus dem Westen kam.

Dass eine Frau sich ein Jahr lang auf jemanden einlässt, nur um ihrer Freundin bei der Suche nach der vermissten Tochter, Leiche immer noch nicht gefunden, zu helfen und ähnliche Tatbestände sind eben das, was man konstruieren kann, ein wenig Küchen-Gefängnispsychologie hinzu, man muss also wirklich ein geringes Selbstwertgefühl haben, um sich so zum Zwecke zu verdingen und in eine Beziehung zu begeben. Die K.O.-Tropfen am Ende sind dann der letzte Verrat, wenn man so will, aber man ist dann schon ein Stück weg davon, den Charakteren noch etwas nicht zuzutrauen. Und jemandem ohne Not von Leipzig nach Stuttgart nachzufahren – hm.

Die gnadenlose Überzeugungskraft der Motive und Hintergründe ist nicht da, somit haben es die Schauspieler_innen schwer, ihren Figuren Tiefe und Dynamik zu verleihen, aber aus dieser Situation machen sie noch einiges, was darauf schließen lässt, dass die Regie aus der Vorlage das Maximale herausgeholt hat. Die Frage stellt sich natürlich, wie sich das Ganze bei  einer moderneren Inszenierung ausgenommen hätte. Denn auch „Sonnenfinsternis“ folgt der offensichtlichen MDR-Maßgabe „Keine formalen Experimente“, sodass der Stil im Grunde immer 1990er ist, wenn auch, siehe oben, etwas leichter, etwas lockerer als zu  Beginn. Heute werden simple Handlungen mit exorbitanter Visualität hochgejazzt, da war man Mitte der 2000er in Leipzig noch ehrlicher und ließ Ehrlicher und Kain in einer Bilderwelt handeln, die ihren Charakteren entspricht. Hier geht es nicht dynamisch oder mondän zu und nichts ist elitäre Anspielung, verhuschtes, vertuschtes Geheimnis.

Die Anlage als Whodunit passt daher zu diesem Duo perfekt, und soweit ich mich erinnere gibt es keinen Film mit ihnen, der anders funktioniert, etwa als Thriller – allenfalls in der Form, dass das Schema wechselt, die Täterperson also mittendrin bekannt wird und der Rest des Films sich damit befasst, wie man diesem nun habhaft wird.

Bei allem Lob für die sture, konservative Ermittlungsarbeit des Trios Ehrlicher, Kain, Walter – am Ende helfen auch dieses Mal wieder nur a.) dieses Gefühl, wie man zur richtigen Zeit an den richtigen Ort kommt,  um so eingreifen zu können, dass aus dem Drama keine weitere Tragödie erwächst, b.) dass es zu Geständnissen kommen muss. Glücklicherweise hat hier schon der Röbel dem Ehrlicher das abgenommen, indem er den seinerzeit jugendlichen Täter in einen Darkroom gesperrt und ihn dort gesprächsbereit gemacht hat. Die Gesprächsbereitschaft vorbereitet hat. Denn auch 2000 gab es schon DNA- Analyse und hätte man das beweisen können, was auch 2006 möglich gewesen wäre. Es reicht aber hinten und vorne nicht und nur ein wenig Nachhilfe auf die unsanfte Art hat schließlich alles ans Licht gebracht, sogar die Leiche des Mädchens. Nur, der Täter, der wusste, dass für ihn jemand unschuldig im Gefängnis saß, den auszuleuchten, wäre spannend gewesen. Dafür reichte aber die Zeit nicht und darunter leidet die Auflösung.

Finale

Der Film ist nicht schlecht gemacht und die Rollen sind nicht schlecht gespielt. Eigentlich geht es auch nicht, sich daran zu reiben, dass es nichts gibt, woran man sich reiben kann, denn das belegt ja nur, dass man zu den nie zufriedenen Menschen gehört. Mir ist es aber trotzdem etwas zu glatt und gleichzeitig zu verzwickt zugegangen und es bleibt zu wenig Raum für die einzelnen Figuren. Lediglich dem Röbel wird etwas mehr Spielzeit eingeräumt, weshalb ja auch klar ist, dass er am Ende wohl nicht der Täter sein wird. Das ist das Kreuz mit einem solchen Whodunit. Es sind selten die interessanten Figuren, die am  Ende einen guten Mordgrund in eine fast perfekte Tat umgesetzt haben.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2017) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Hauptkommissar Kain – Bernd Michael Lade
Frederike – Annekathrin Bürger
Staatsanwältin Mitterer – Simone von Zglinicki
Klaus Röbel – Uwe Bohm
Vera Bednarz – Gabriela Schmeide
Martin Strasser – Tobias Oertel
Jörg Dettmer – Ludwig Blochberger
Katharina Dettmer – Catherine Flemming
Techniker Walter – Walter Nickel
u.a.

Drehbuch – Andreas Pflüger
Regie – Dieter Berner
Kamera – Charles Finkbeiner
Musik – Mark Chaet

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