Der Tod spielt mit – Tatort 366 #Crimetime 741 #Tatort #Dresden #Ehrlicher #Kain #MDR #Tod #mitspielen

Crimetime 741 - Titelfoto © MDR, Laue

American Football im postsowjetischen Sachsen

Vor allem während der ersten Hälfte dieses Films habe ich mich vor allem eines gefragt: Kann diese Darstellung gewisser Begleitumtände des American Football realistisch sein oder handelt es sich um die nicht sehr subtile Verunglimpfung einer Macho-Sportart, deren Verbreitung im Osten man als eines von vielen nicht erwünschten Ergebnissen der „Übernahme“ durch den Westen ansah? Davon und von weiteren Aspekte des 366. Tatorts handelt die -> Rezension.

Handlung

Maskierte überfallen nachts einen Imbißstand. Zurück bleibt ein ausgebrannter Wagen und ein Toter. Und es gibt keine Zeugen und keine brauchbaren Spuren. Kommissar Ehrlicher und sein Assistent Kain vermuten Schutzgelderpressung. Warum verweigert Bachmann, der Bruder des Toten und Mitinhaber des Imbißstandes, die Zusammenarbeit mit der Polizei? Kennt er die Täter, oder gibt es andere Gründe für sein Schweigen?

Die Ermittlungen führen die Kommissare in den Kreis jugendlicher Footballspieler und ihrer Cheerleaders. Sie sind jung und wollen mehr vom Leben. Der Polizei sind sie nicht unbekannt. Doch dann wird einer von ihnen ermordet. Kommissar Ehrlicher und sein Assistent Kain vermuten einen Zusammenhang zu dem Überfall. Der Verdacht scheint sich zu bestätigen, als auch auf Arno ein Mordanschlag verübt wird. Doch Bachmann, der Hauptverdächtige, hat ein Alibi. Die Vermutung, daß er den Tod seines Bruders rächen will, läßt sich nicht bestätigen. Kommissar Ehrlicher beginnt zu ahnen, daß der Tod des Imbißstandbesitzers nichts mit den beiden anderen Mordanschlägen zu tun hat. Doch wer aus dem Kreis der Footballspieler hat für die beiden Anschläge ein Motiv?

Rezension

Vergewaltigung in einem rauen Umfeld, das solche Verhaltensweisen provoziert, Schutzgelderpressung, Gammelfleisch – das sind so ein paar Themen, die dieser Krimi versucht unter einen Hut zu bringen. Dabei kommt es zu vier Leichen und es gibt drei verschiedene Täter. Wer bei diesem Plot den Durchblick behält, hat auf jeden Fall kognitiv schon etwas geleistet, wer es nicht geschafft hat, kann in der ausführlichen Handlungsbeschreibung der Wikipedia nachschauen, wie es gelaufen ist. Vom Ergebnis her betrachtet: Furchtbar. In jenen Jahren wurden Selbstmorde auch meist noch verhindert, wenn Polizisten ihren ganzen Charme und ihr überragendes Einfühlungsvermögen in die Waagschale werfen, um jemand vor einer finalen Handlung zu bewahren.

Aber vielleicht hat Kains poetisches Bild vom barfuß laufen auf altem Pflaster bei der vergewaltigten jungen Frau Assoziationen mit den Fliesen in der Nasszone des Sportlerheims wachgerufen, in dem sie zu Sex gezwungen wurde – und damit genau das Gegenteil dessen bewirkt, was er erreichen wollte. Shit happens und alle sind eben doch verletzbar, so sehr sie auch auf cool machen, die Tücken psychologisch wirksamer Beeinflussung liegen manchmal im unbedachten Detail und guter Wille reicht nicht aus.

Während der DDR-Phase der Polizeirufe hat Regisseur einige Filme gemacht, die mir sehr gefallen haben, dazu zählen sein Erstling „Bitte zahlen“ und der 13 Jahre später entstandene „Im Kreis“, der auch etwas Freches hat, aber nach der Wende wurde es schwieriger. Vielleicht auch deshalb, weil die Regisseure in der DDR auch meist die Drehbücher für ihre Polizeirufe schrieben, demnach als Autorenfilmer zu bezeichnen sind, nach der Wende und speziell beim Tatort war das aber eher unüblich. Es kommt immer wieder vor, aber stellt auch heute die Ausnahme dar – zumindest die Alleinautorenschaft des Regisseurs betreffend. Ich meinte durchaus zu bemerken, dass von Vogels kräftigem Inszenierungsstil in „Der Tod spielt mit“ noch etwas vorhanden ist, aber wie soll man ein solches Drehbuch so umsetzen, dass es einen guten Spannungsbogen hat und dass die Figuren stringent wirken?

Beginnen wir aber mit dem American Football, Variante Dresden. Dass die Jungs und Mädchen in einer Atmosphäre dampfender Körperlichkeit und des Machogehabes leben, zumindest, während sie Sport machen, das gehört wohl dazu, aber man weiß ja mittlerweile auch, dass American Football eine der gefährlichsten Sportarten ist, bei der man sich, ähnlich wie beim Boxen, bleibende Hirnschäden zuziehen kann. Kein Wunder, bei diesen Raufereien, der Wucht des Aufpralls von Körpern aufeinander. Und dann die Cheerleaderinnen. Die fühlen sich natürlich wohl bei so viel aufm Platz ausgetragener Männlichkeit, bei den ständigen Macho-Sprüchen und vor allem reinigen sie ihre Körper in derselben Gemeinschaftsdusche wie die Männer, was in diesem Film auch vollumfänglich dargestellt wird. Echt jetzt? Das wäre eine absolute Ausnahme sowohl in den USA als auch in Europa.

Man muss nicht prüde sein, um bereits die Darstellung abzulehnen, die in diesem Film genau das suggeriert. Ich will nicht sagen: Klar, dass es bei dem allseitigen Adrenalinstau irgendwann zu Übergriffen kommt. Vielmehr ist es immer noch Sache der Männer, sich zu beherrschen. Aber es ist eben einfacher, die körperliche Integrität anderer zu wahren, wenn man keine solchermaßen sexuell aufgeheizte Atmosphäre schafft – nach der Ausübung einer Ballsportart, in der die Beteiligten ohnehin maximal aufgeladen werden. Die Treterei beim Soccer und was da alles an Gefühlen hochkommt, ist zwar auch nicht ohne, aber schon die Art, wie trainiert und geredet wird, weicht vom Grundsatz deutlich ab, sofern das Szenario in „Der Tod spielt mit“ einigermaßen lebensnah ist. Man kann den Film auch als stilistische Entgleisung von Filmemachern sehen, die das unbefangene Verhältnis zum Körperlichen, das in der DDR tatsächlich zum Ende hin geherrscht hat, auf ein Setting übertragen, in dem es nicht mehr flockig, sondern gefährlich und frauenverachtend wirkt.

Andererseits wollte man sicher auch genau das zeigen: Wie ein falsches Verständnis von Stärke und Coolness dazu führt, dass die Täter ihre Gewaltfantasien ausleben und die Opfer nicht zur Polizei gehen, sondern ihre eigene Art entwickeln, damit fertig zu werden. Oder eben nicht. Im Grunde konnte man auf die große Tradition der DDR-Polizeirufe bei der versierten Darstellung von Sexualdelikten zurückgreifen, aber eine größere Differenzierung verhinderte schon die Tatsache, dass man unbedingt noch den geschäftlich rauen Osten und die Geldgier zeigen wollte, die mit der Wende in und über das Land kam.

Stimmt zwar so nicht, wie ebenfalls die DDR-Polizeirufe zeigen, nur waren damals die Möglichkeiten begrenzter, sich auf Kosten anderer zu bereichern, aber die Kombination von Gammelfleisch-Einsatz mit Erpressung genau deswegen hätte allein ausgereicht, um einen Tatort gut zu füllen, ebenso das Sportszenario. Kurioserweise wirkt der Film trotz seiner  unzähligen Handlungselemente nicht etwa atemlos. Dafür jedoch chaotisch. Sicher spiegelt das ein wenig die Stimmung in den „NBL“ zu jener Zeit, dieses nirgends angekommen sein, immer vor sich selbst, der Überforderung auf der Flucht und dann kann der Sport wenigstens etwas wie ein Gemeinschafts-, ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln.

Die sozialen Fähigkeiten, die Mannschaftssportarten vermitteln, sind nicht zu unterschätzen, wenn die richtigen Werte propagiert werden. Der Wettbewerbscharakter ist jedoch stets dominant und schafft auch ein Gefühl von „Wir, die Mannschaft, gegen alle anderen“. Selbstverständlich ist das generell auf Frauen übertragbar, bei ihnen geht es körperlich in Maßen fairer zu. Mithin fördert diese Art von Freizeitvergnügen oder gar Berufsausübung auch den Tribalismus und auf der Ebene von Großevents den Nationalismus. Nach meiner Ansicht ist dieser Effekt weitaus stärker wirksam als das Völkverbindende international besetzter Turniere, das kommerziell orientierte Sportfunktionäre  immer noch formelhaft und mit einer nicht gering ausgeprägten Scheinheiligkeit hervorheben. Die manchmal hochbezahlten Gladiatoren des modernen Brot-und-Spiele-Zirkus, in dessen Einzugsbereich auch das Brot oder die Currywurst teuer bezahlt werden müssen sind dabei die eine Seite, das Publikum, das mit solchen Vergnügungen davon abgelenkt wird, seine immer schwächer werdende Position im Klassenkampf wahrzunehmen, die andere.

Aber leider wird der talentierteste der Dresdener Footballer umgebracht, bevor er nach Frankfurt gehen und dort endlich sein Talent zu Kohle machen kann. Sein Ende wird nicht durch gammelige Currywurst verursacht, sondern durch einen Giftanschlag. Was effektiv das Gleiche ist, aber dennoch Unterschied zwischen fahrlässiger Tötung und Mord ausmachen kann.

Finale

Auch der Verbreiter der schlechten Wurst ist eigentlich nur so ein Getriebener, wie man an dem seltsamen Inneren seines Hauses feststellen kann, ein Unbehauster, der den Kamin in der fast leeren Villa mit einem Heizlüfter befeuert, Palmen sind auf der Wand aufgemalt, als Symbol dafür, was der Schmu mal bringen soll, vielleicht eine anonyme Geldanlage auf den berüchtigten Cayman Islands, der Bruder wird von Schutzgelderpressern irrtümlich umgebracht, weil diese zu blöd sind, an die Gasflaschen in einem Imbisswagen zu denken. Das ist schon sehr grob fahrlässig, aber da ohnehin alle einfahren werden oder sterben, spielt es letztlich keine entscheidende Rolle für die Nachbetrachtung.

6/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

Die Leipzig-Filme der Kommissare Ehrlicher und Kain liegen mir mehr, das ist vor allem durch die etwas weniger von Trauer wegen der untergegangenen DDR dominierte Grundstimmung bedingt, die Leipziger Filme sind heller und alle schon in einen weiteren Horizont vermittelndem Bildformat 16:9, wenn auch selten progressiv. Dazu waren Ehrlicher und Kain nicht die Typen. Der 15. Tatort der beiden zeigt sie aber noch in Dresden, entstand im Jahr 1997 und ist – voilà, schon in 16:9 gedreht,  zumindest steht es so im Tatort-Fundus. Interessanterweise hat der MDR zur selben Zeit seine Polizeirufe noch in 4:3 gemacht.

Es kommt wieder vor, dass ich einen Ehrlicher-Kain-Tatort noch nicht gesehen habe, immerhin gibt es 44 davon und auf Rang 27 in der internen Liste findet sich „Der Tod spielt mit“. Beim American Football offensichtlich. Kennen Sie den Tod? Das ist ein lustiger Geselle, der eine Sense dabeihat, um Gürkchen zu schneiden. Der Film trägt den Tod offenbar aus gutem Grund im Namen, es kommt zu nicht weniger als vier Einsätzen der Sense in Ausübung ihrer Zweitfunktion, nämlich, das Dasein von Menschen umzumähen, von denen man dachte, sie seien noch gar nicht dran. In den 1990ern waren vier ausgelöschte Leben noch ein Wort, der Wettlauf um den höchsten Bodycount, gegenwärtig steht er bei etwa 40, kreiert in einem Murot-Tatort, hatte noch nicht eingesetzt. Trotzdem befand die Kritik:

„Das Dresdener Duo benötigt mal wieder vier Leichen, um den Krimi (mehr Inhalt) einigermaßen auf Kurs zu halten. Das spricht nicht für Autor Christian Limmer. Und die Inszenierung? 90er-Jahre-post-DDR-Look, eine Verschnarchtheit, die nicht zu dieser brachialen Leichen-und-Vergewaltigungs-Geschichte passt…“

Rainer Tittelbach: tittelbach.tv[2]

„Vier Leichen, eine Vergewaltigung – das Drehbuch ist arg überfrachtet. Fazit: Viele Tote und zu wenig Herzblut.“

Der Film wird am Mittwoch, 22.07.2020, um 22:10 Uhr im MDR nach langer Zeit wieder einmal ausgestrahlt. Wenn die Technik mitspielt, werde ich ihn aufzeichnen und demnächst wird die Rezension dazu im Wahlberliner erscheinen. Allerdings kann ich mich sehr wohl an einen Fall mit einem zerstörten Imbissstand erinnern – und wo sonst als in Dresden oder Leipzig sollte sowas passieren?

TH

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Assistent Kain – Bernd Michael Lade
Erich – Eduard Burza
Mike – Hendrik Duryn
Andrea – Julia Brendler
Karin – Kathrin Angerer
Zacharias Bachmann – Martin Seiffert
Lothar – Christian Näthe
Arno – Joachim Paul Assböck
Annemarie Wagner – Jenny Gröllmann

Drehbuch – Christian Limmer
Regie – Peter Vogel
Kamera – Jürgen Heimlich
Musik – Reinhardt Scheuregger

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