Freund Gregor – Tatort 101 #Crimetime 742 #Tatort #Hamburg #Delius #NDR #Freund #Gregor

Crimetime 742 - Titelfoto © NDR

Tausch der Spione

Horst Bollmann verkörperte für die Tatortreihe Oberleutnant Delius vom MAD, dem Amt für militärischen Abschirmdienst. Der rüstige Herr ermittelte in drei Fällen zwischen 1979 und 1983. „Freund Gregor“ war sein Einstand als selbstständiger Fahnder, zuvor trat er bereits 1977 mit Kommissar Heinz Brammer (Knut Hinz) aus Hannover in Aktion. Ende der 80er kehrte Bollmann in der Rolle des Kommissar Brandenburg zum Tatort zurück. (Insgesamt gibt es drei Delius-Krimis, Anm. TH.)

„Freund Gregor“ war die erste Tatort-Episode, in der ein Beamter des MAD in die Fernsehreihe aufgenommen wurde; das Thema rund um die Spionage zur Zeit des Kalten Krieges kam beim damaligen Publikum gut an.

Zusatzinfo / obere Abschnitte: Tatort Fans

Handlung

Bei einem Geschwader der Bundesluftwaffe wird ein neues Material erprobt. Einer der an den Versuchen beteiligten Offiziere lernt im Urlaub einen interessanten Mann kennen. Dieser ist auf ihn „angesetzt“. Zwischen beiden entwickelt sich eine echte Freundschaft. Als der Offizier aber erpresst werden soll, offenbart er sich dem MAD (Militärischer Abschirmdienst) und das Spiel geht anders herum.

Das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz ist seit geraumer Zeit mit einer Entwicklung befasst, die der zahlenmäßig unterlegenen NATO-Luftwaffe einen entscheidenden Vorsprung gegenüber den Piloten der Warschauer-Pakt-Staaten verschaffen könnte. Es geht um den turn around. Das ist die Zeit, die das Jagdflugzeug am Boden verbringen muss, damit es mit Munition nachgerüstet, aufgetankt und gewartet wird, bevor es zu einem neuen Einsatz startet.

Ingenieur Dr. Schuster ist maßgeblich an dieser Entwicklung beteiligt. Er gehört damit zwangsläufig zu jenem Kreis hochgradiger Geheimnisträger, die für den gegnerischen Geheimdienst bevorzugte Zielgruppe sind.

Zwei Agenten, über viele Jahre in der Bundesrepublik „aufgebaut“ wurden, werden auf den Ingenieur angesetzt. Es sind Gregor Bartsch und seine „Frau“ Marion. Bis ins Detail gehende Recherchen haben dem Gegner deutlich gemacht, dass alle „normalen“ Ansatzpunkte bei Schuster entfallen, um ihn in den Griff zu bekommen. Weder Geld noch dunkle Punkte in seiner Vergangenheit, weder die Sehnsucht nach einem aufwendigen Lebenswandel noch ein unglückliches Familienleben. Es bleibt als einzig erfolgversprechende Methode: der Weg über eine Freundschaft. 

Rezension

Klausjürgen Wussow wird heute so sehr mit seiner Rolle als Professor Brinkmann in der Fernsehserie „Schwarzwaldklinik“ assoziiert, dass man Zuschauer erst einmal darauf einsteigen muss, dass er  hier einen manipulativen Bösewicht spielt. Offenbar hat Günther Ungeheuer hingegen oft die dunkle Seite verkörpert – da wir aber diesbezüglich kein deutliches Bild haben und außerdem nie „Schwarzwaldklinik“ geschaut, sind wir ziemlich neutral an die Rollenverteilung herangegangen. Und an das Konzept der Delius-Filme.

Mittlerweile ist die Varianz an Stilen und Fallkonstruktionen in der Tatortreihe ja wieder so groß, dass man nicht vor Staunen die Hände zusammenschlägt, wenn es keinen Tatort und keinen Toten gibt, der am Tatort gefunden wird. In der Frühzeit der Reihe war das häufiger der Fall, nicht nur bei Delius. Das Format war immer schon offen für Experimente, und je mehr wir vor allem das erste Jahrzehnt von 1970 bis 1979 erforschen, desto beeindruckter sind wir davon, wie gut und originell viele jener Filme sind. Der bekannteste Film aus dieser Periode bis heute ist „Reifezeugnis“, an den vermutlich auch keiner der Fälle herankommen wird, die wir noch nicht gesehen und für den Wahlberliner rezensiert haben, aber insgesamt war das Niveau ordentlich bis sehr gut.

Die im Bundeswehr- und Waffentechnikmilieu angesiedelte Geschichte von „Freund Gregor“ ist wieder einmal wunderbar zeittypisch und spiegelt den Kalten Krieg ziemlich genau auf dem Stand, der im Drehjahr des 101. Tatorts zum Nato-Doppelbeschluss geführt hat, nämlich im  Zustand des deutlichen zahlenmäßigen Ungleichgewichts bei den meisten Waffensystemen zugunsten der Warschauer Pakt-Staaten gegenüber den Mitgliedern der NATO. Die politische Diskussion in der Bundesrepublik musste beinahe einen Tatort wie diesen hervorbringen. Und in ihm wird gezeigt, wie versucht wird, mit mehr Effizienz eine nominelle Unterlegenheit auszugleichen. Dass man dabei als Zuschauer suggeriert bekommt, man sei Teilhaber militärischer Geheimnisse, ist sicher einer der großen Pluspunkte des Films, der von Krimi-Altmeister Jürgen Roland inszeniert wird und deutlicher als die Tatorte jüngerer und mit anderer Film- und Lebensbiografie ausgestatteter Filmemacher ein konservatives Weltbild vertritt.

Nicht nur Herr Dr. Schuster wird manipuliert, sondern auch das Publikum. Der Film beginnt bei Menschen, die sich darüber freuen, wie Uli Hoeneß beim EM-Finale von 1976 seinen berühmten Elfmeter in den Nachthimmel schießt. Sporthistorisch war das ein Hammer. Hätte er getroffen und Deutschland hätte gewonnen, wäre es das erste Land gewesen, das drei große Turniere hintereinander für sich entschieden hätte. Dieses Privileg hat jetzt Spanien mit dem Gewinn der EM 2008, der WM 2010 und der EM 2012. Dass die Leute im Raum sich so darüber freuen, deutet unmissverständlich darauf hin, dass sich das Lager der gegnerischen Spione in der ehemaligen CSSR befindet. Und dass Herr Bartsch sich mitfreut, sagt uns gleich, dass er auf unfassbare Weise „gedreht“ wurde und bereitgemacht für einen Auftrag gegen Herrn Dr. Schuster.

Es geht in diesem Film viel um Psychologie, um Einwirkung auf Menschen und deren Auswirkungen. Beruflich muss man demnach nur ein wenig unzufrieden sein, um als Geheimnisträger von der Fahne zu gehen. Hm. Herr Schuster hat ja keine Probleme, mit denen man ihn hätte erpressen können, weder in- noch aushäusig. Er ist ein Gerechtigkeitsmensch, wie man im Tanzsaal sieht, wo er offen gegen ein Jurorenvotum, das gegenüber Dritten erging, opponiert, und er nörgelt schon mal hier und da über diejenigen, die ihm immer wieder technisch unzulängliches Material bescheren. So weit, so normal.

Wie „Freund Gregor“ ihn dann aber schrittweise in den Griff bekommt, das ist trotz der ausführlichen Figurendarstellung, die man diesem Tatort gutschreiben muss, trotz des ernsthaften Versuchs, die Verhaltensänderung von Dr. Schuster plausibel zu machen, kniffelig. Sicher, er merkt gar nicht, dass er beim Feind angedockt hat, der Schweizer Chemiker mit dem Auto mit Liechtensteiner Kennzeichen soll ja nur im Weg des wissenschaftlichen Austauschs helfen, Schusters technische Fragestellungen zu lösen. Schade, dass es dazu nicht mehr kommt, wir hätten schon gerne gehört, wie hier eine Win-Win-Situation geschaffen werden soll.

Um die Infiltration der Eheleute Schuster glaubhafter zu  machen, werden einige Zeitsprünge eingebaut, dieser Tatort ist also auch bezüglich der Zeitspanne, in der die Handlung sich entwickelt, nämlich über Monate hinweg, ein Sonderfall. Dieses Bemühen um Plausibilität ist angesichts dessen, was uns heutzutage in Tatorten an Plots und Unwahrscheinlichkeiten vorgesetzt wird, geradezu rührend, und es klappt auch einigermaßen. Nicht perfekt, weil wir immer denken, dieser Schuster ist doch nicht so schnell einzufangen, dieser misstrauische und in sich zurückgezogene Mann. Aber vielleicht ist es gerade da, was ihn angreifbar macht, dass er eben auch so ein ernsthafter Typ ist und außerdem wohl doch das Gefühl hat, viel zu kurz zu kommen, angesichts seines Anteils an wichtigen militärischen Entwicklungen.

Finale

Für einen Film von Jürgen Roland ist „Freund Gregor“ eher langsam in der Handlungsführung und wird durch das Hervorheben der persönlichen Verhältnisse ein wenig unspannend, sofern man die Krimihandlung als einzigen Spannungsfaktor gelten lässt. Es macht aber Spaß zu beobachten, wie sich Drehbuchautoren und Regisseure in den späten 1970ern die Annäherung von Mittelstandsmenschen aus dem Nichts heraus vorstellt – aufgrund einer Urlaubsbekanntschaft. Irgendwann hätte dem intelligenten Schuster vielleicht doch auffallen müssen, dass bei dieser Vereinnahmung etwas nicht stimmt, auch wenn die Bartschs so reinliche Biografien haben. Wir halten es übrigens gar nicht für unrealistisch, dass die Paare zu Beginn eine Zeitlang beim „Sie“ geblieben sind, die heutige „Kultur“ der Distanzlosigkeit, bei der man schon auf der Straße von vollkommen Unbekannten mit dem „Du“ angequatscht wird, hat nicht nur Vorteile.

7/10

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Klausjürgen Wussow (Gregor) · Ingmar Zeisberg (Marion) · Günther Ungeheuer (Dr. Günther Schuster) · Cordula Trantow (Inge Schuster) · Christian Hanft (Thomas Schuster) · Werner Asam (Satz) · Ernst Dietz (Gümmer) · Andrea Grosske (Frau Teltow) · Werner Cartano (Wellinghausen) · Karl-Heinz Hess (Kalb) · Jan David (Pzember)

Stab
Drehbuch – Fred Zander
Regie – Jürgen Roland

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