Der kalte Tod – Tatort 343 #Crimetime 743 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Tod #kalt

Crimetime 743 - Titelfoto SWF / SWR

Als es in der Pathologie noch morbide zuging: Kopper kommt

Wir schreiben das Jahr 1996 und es war damals noch nicht so, dass in Tatorten der Beweis angetreten wurde, dass es einen Mordsspaß machen kann, in der Pathologie zu arbeiten – oder in der Gerichtsmedizin. Da konnte man noch Thriller im grünweißen Licht des Übels machen, ohne dass man schmunzeln musste, weil man Alberich hinter der nächsten Ecke erwartete. Lena Odenthals Faszination für die damals noch gruselige Welt unter Tage, mit einem Krankenhaus drüber, ist ihr ins Drehbuch geschrieben worden – aber auch auf denLeib? Wir klären dies und mehr in der -> Rezension.

Handlung

Er ist der Schwarm der Pathologie: Professor Dr. Sorensky, ein Musikliebhaber und Feingeist der Extraklasse. Sein Geschäft ist der Tod, von Tag zu Tag. Er seziert Leichen, bestimmt zielsicher die Todesursache. Der Pathologe ist ein Mann von ausgesuchtem Humor – und er ist ein Mörder, geschickt und kaltblütig. Zumindest ist Hauptkommissarin Lena Odenthal fest davon überzeugt. Stella, Sorenskys Geliebte, ist spurlos verschwunden. Die Indizien weisen auf ein bestialisches Gewaltverbrechen. Hendryk Dornbusch, Stellas Freund, ist seitdem untergetaucht. Er scheint dringend tatverdächtig, zumal er am Tatort gesehen wurde.

Lena und Mario Kopper, ihr pfiffiger Assistent, machen sich auf die Suche nach Hendryk und der toten Stella. Und stehen vor einem geheimnisvollen Rätsel: Was ist mit Stellas Leiche passiert?

Währenddessen beginnt Sorensky ein seltsames Spiel. Er sucht die Nähe der schönen Kommissarin, gibt ihr versteckte Hinweise, macht sie zu seiner Vertrauten. Lena läßt sich scheinbar ins Vertrauen ziehen. Sie lernt einen eindrucksvollen, überaus kultivierten und erfolgreichen Mann kennen, der sein Handwerk keineswegs emotionslos betreibt.“Dies ist der Ort, wo der Tod dem Leben freudig zur Hilfe eilt“ – steht im Gelehrtenlatein auf der Tafel im Sektionssaal geschrieben. Das klingt wie ein böser Witz und entspricht der Lebensphilosophie eines ehrgeizigen Wissenschaftlers, für den das Leben im Tod eine letzte faszinierende Bestätigung findet.

Lena kann sich dem Charisma des Pathologen nicht entziehen. Sie begreift, daß sie sich ihm stellen muß, seinem Charme, aber auch den düsteren, gefährlichen Schattenseiten dieser Existenz.Sorensky ist besessen von dem Abgrund, über dem er schwebt. Er kokettiert mit seinem Untergang. Lena weiß das: Und geht ihm nicht mehr aus dem Weg. 

Rezension

Unter anderem von Kiel-Tatorten mit Klaus Borowski als Ermittler kennen wir Drehbuchautor Sascha Arango als Spezialist für spannende Howcatchems, also für Tatorte mit mehr oder weniger konsequent durchgezogener Thrillerhandlung („Kiel, Engel, recherchieren“). Deswegen waren wir nicht überrascht, dass „Der kalte Tod“ kein Whodunit ist, dafür aber ein Tatort mit einer pathologischen Täterfigur in jedem Sinn des Wortes. Es ist etwas Beängstigendes und Unlogisches in der Welt und die so konstruierten Tatorte bringen es hervor.

Bemerkenswert, dass man dieses Schema schon 1996 angewendet hat, das in den letzten Jahren immer stärker die Krimis beherrscht, die das Rumstochern nach dem Täter dem Zuschauer ersparen, nicht aber der Polizei, dem Zuschauer aber deshalb, weil die schrägen Figuren es erfordern. Viele Tatverdächtige, die so behandelt werden müssen, dass man den Täter nicht gleich erkennt, sind nichts gegenüber einem Typ, von dem man gleich weiß, er war’s, und der in der Folge mit all seinen Verwerfungen, mithin seiner ganzen Persönlichkeit gezeigt werden kann.

In diesem Fall ist es Dr. Sorensky, der Chef der Pathologie in Ludwigshafen, der natürlich auch einen Lehrauftrag hat, sonst wäre er nicht Professor. In Ausübung dieses Lehrauftrags lernt er Studenten kennen und auch Studentinnen. Es liegt nicht fern, dass eine darunter ist, die das junge, blühende Leben in den menschlich verwaisten, hingegen von dicken Katzen dominierten Haushalt des Professors bringt. Er ist ja auch faszinierend, und, um es gleich zu sagen, seine Frau hat er wohl nicht umgebracht, auch nicht den Arzt, der sie vorgeblich obduziert hat, dafür aber seinen Freund Dr. Rasch, mit der er am Abend zuvor noch beim jenem Brettspiel mit den 64 Feldern gesessen hat, die die Welt der Strategie bedeuten können. Ironie: Rasch obsiegt im Spiel, verliert jedoch sein Leben. Wir hatten einen Onkel, der daran gestorben ist, dass er seinen Asthma-Inhalator offenbar nicht rechtzeitig erreicht hat, daher ist der Part, wie Dr. Rasch umkommt, für uns so witzig nicht, aber passt er zu Dr. Sorensky, der schon zu Beginn des Films dadurch verhaltensauffällig wird, dass er auf dem Hof eine Getränkedose in die Richtung des den Hof säubernden Hausmeisters kickt. Der übergriffige Kick als erster Hinweis auf einen bösen Tick.

Frauen sind was Wunderbares, wenn man auch loslassen kann. Das konnte Dr. Sorensky nicht. Wer hat die Persönlichkeit zum Pathologen? Eine Frohnatur wie Dr. Boerne, denn an dem prallt das ziemlich ab, was der Job an traurigen Eindrücken mit sich bringt. Oder das Gegenteil, ein Mann wie Sorensky, dessen Seele ein mindestens so tiefer Keller ist wie das uralte zweite Untergeschoss, in dem ein aufgegebener Teil der Pathologie liegt. Schon örtlich ein seltsames Konstrukt, zumal eben doch Dr. Rasch noch anwesend ist, und dass dieser sich mit seinem Asthma, verursacht durch den Job, nicht einen andern sucht, vermag man nur damit zu erklären, dass auch er jenem nekrophilen Personenkreis angehört, der mit dem Tod lebt, ihn liebt und aus jener Innigkeit mit dem Ende des irdischen Daseins etwas zieht, was anderen Menschen verborgen bleibt.

Wenn also ein Arzt wie Dr. Sorensky an eine junge Studentin gerät, nimmt er alles so übermäßig auf, so absolut, nicht durch ein normales Leben auf die Relativität der Dinge geeicht, im Grunde sogar noch kindlich in seiner Art, etwas besitzen zu wollen in einer Umgebung, in der ständig Menschen für immer verabschiedet werden. Aber so undenkbar nicht, dass diese Aspekte die Psyche des Mannes polen, der erst seine Exfreundin Stella und dann Dr. Rasch umbringt und sich dann an Lena Odenthal versucht, darauf werden wir noch einmal zurückkommen.

Solche Menschen wie Dr. Sorensky gibt es in der Wirklichkeit kaum, das darf man zur Beruhigung der Leser*innen ausplaudern. Wohl gibt es welche, die aus Eifersucht nicht den neuen Liebhaber, sondern gleich den Gegenstand der Eifersucht umbringen, um ein für alle Mal Ruhe in dieser sehr dunklen Kiste zu haben, aber sie sind nicht so dekorativ zerknittert und wohnen selten in Villen. Im Grunde hat Sorensky eine Serienkiller-Persönlichkeit, denn der Antrieb zum Mord könnte ja bei jeder Situation, bei der eine Person aus der Kontrolle des Mannes gerät, zu einem entsprechend starken Impuls führen.

Dabei wirkt er jedoch nicht überwältigt. Er wirkt kühl und berechnend. Und sentimental, wenn er die alten Telefonbänder abhört, Stellas kurze Nachfragen nach ihm, schön chronologisch: Wie man einander kennenlernt und immer näherkommt. Offenbar hat er über eine lange Zeit hinweg nie das auf Band gesprochene gelöscht. Aber der Typ ist stilisiert, verlieren wir uns nicht in Details.

Dieses Band jedenfalls lässt nichts anderes vermuten, als dass Stella in den Professor ebnso verliebt war, wie er von ihr abhängig geworden sein könnte. Ihre Gefühle, auf deren Einlösung er besteht, sind keine Einbildung – wohl aber könnten sie eine Vorspiegelung sein. Die Figur Stella macht es uns leider nicht leicht, weil sie den Mann wohl fallenlässt wie eine heiße Kartoffel, ihn demütigt und im Grunde alles tut, um seinen Hass auf sie zu lenken. Man abstrahiere sehr stark, stelle sich also vor, man sei Dozent, hatte etwas mit einer Studentin und der Nachfolger als Liebhaber sitzt im Hörsaal zusammen mit dieser Frau und die beiden turteln miteinander. Die Versuchung, den notabende jüngeren Konkurrenten dumm aussehen zu lassen, ist nicht gering,  und das ist es auch, was Dr. Sorensky zunächst tut. Können wir sogar nachvollziehen, zumal auch der Student, mit dem Stella jetzt ein adäquates Paar bildet, nicht so ungeheuer sympathisch rüberkommt, dass er schaufelweise Identifikationspotenzial auf sich ziehen könnte. Nein, damit man ihn annehmen kann, hätte er Lena nicht entführen dürfen.

Wir fangen wieder die Situation ein. Ja, ein gewisses Verständnis haben wir für Dr. Sorensky, wenn auch nicht für seinen Mord. Wir wissen nicht, wer wen angebaggert hat, es ist auch egal. Wir wissen von einem Mann, der durch die junge Frau noch einmal richtig leben wollte. Wir werden alle älter und wissen, was uns möglich ist und was vielleicht nicht mehr geht oder sollten es wissen, ansonsten machen wir uns zum Obst, wie es in meiner Wahlheimat heißt. Verhältnisse wie das des Pathologen mit seiner Studentin sind nicht selten und dass es zu üblen Wendungen kommt, liegt auf der Hand. Es ist nicht seine Trauer oder Wut, die uns von ihm, dem Gerichtsmediziner, trennt, sondern die überaus irritierende Tatsache, dass er gar nicht wirkt, als reagiere er auf die aktuelle Situation, sondern, als sei er immer schon nicht geistig gesund gewesen. Es hätte auch ein sanftes Lämmchen sein können, das sich vor lauter Angst vor seiner Person zurückzieht, nicht die kesse Sophie von Kessel, die damals wohl am Anfang ihrer Karriere stand, sonst hätte sie wohl mehr tun dürfen, als nach ein paar Minuten eine Leiche zu sein.

Dieser Typ, Dr. Sorensky, ist so faszinierend, dass man eine Zeitlang braucht, um sich von  ihm zu lösen und den Krimi im Ganzen zu betrachten. Ein großes Lob also schon einmal für diese Figur. Eine andere Sache funktioniert in der Folge aber nur bedingt, und das kommt eben durch diese Figur.

Lena Odenthal jedoch – ihr misst man ein Gespür zu, trotzdem rennt sie immer wieder in Gefahren hinein, dass es einem die Haare aufstellt. Ist sie kühl und überlegend oder nicht? Offenbar immer dann nicht, wenn es darauf ankäme, und das ist eine so große Schwäche, dass man damit als Ermittler nicht in der Realität nicht lange überleben würde. Es wäre ja auch beinahe um sie geschehen gewesen, schon im 343. Tatort, doch dann kippt Dr. Sorensky um und alles wird gut. Das Problem ist jedoch übergreifend. Will man die Tatort-Ermittler in Lebensgefahr bringen, dann muss man sie in Alleingängen hineinschreiben, die ein echter Cop nicht machen würde und sie Spuren verfolgen lassen, die ein echter Kriminaler ganz anders bearbeiten würde, auch technisch. Dass Lena hier der Faszination des Bösen erliegt, wird aber durch nichts in der Form gerechtfertigt, dass sie Dr. Sorensky sogar selbst zu einem  Zweiertreffen und des Nächtens in die Pathologie bittet. Es muss so sein, wir sind in einem Thriller, da darf niemand das Duell des Psychopathen mit der Kommissarin stören – aber so richtig überzeugend wird’s dadurch nicht, und das gilt für alle Plots dieser Art, über die wir in über 740 veröffentlichten Tatort-Rezensionen geschrieben haben.

Dafür ist es aber spannend. Wie sagte im neuen Tatort von gestern Abend die Seherin aus dem Norden zum Berliner Kommissar Felix Stark? Es ist nicht logisch. Also ist es nicht logisch. Es ist aber auch keine Affekthandlung, und das ist der Knackpunkt. Entsteht eine solche Situation, weil jemand nicht gut aufgepasst hat, spontan falsch reagiert, den Überblick verliert, okay. Entsteht sie, weil derjenige, der beinahe in ihr umkommt, sie selbst herbeiführt, ist das so weit weg von der „literarischen Maximalkapazität“, die wir unseren fiktionalen Ermittler*innen unterstellen, als Leser, als Zuschauer, dass man den Eindruck hat, hier ringen zwei Menschen mit Persönlichkeitsstörung miteinander, beide sind im Staatsdienst.

Fazit

Gut, dass Mario Kopper in diesem Tatort hinzugekommen ist und Lena am Ende in die Arme nehmen darf, denn letztlich hat sie einen subtilen Selbstmordversuch begangen, indem sie sich mit Dr. Sorensky in die Pathologie begeben hat. Auch wenn sie dann nicht sterben wollte, welche mentale Verfassung als ein dem Pathologen kaum nachstehender Hang zum Morbiden und zur überschießenden Gefahr, die offenbar alle natürlichen Ängste und Abwehrreaktionen ausschaltet, kann sie zu diesem beinahe tödlichen Schritt bewogen haben?

Es könnte Marios Aufgabe sein, das in vielen, vielen gemeinsamen Tatorten herauszufinden, welche er mit Lena Odenthal noch besichtigen wird. Er wird dann nicht mehr permanent essen oder auf einem Zigarillo herumkauen, das verraten wir an dieser Stelle. Aber eine Mamma wird er immer haben, und auf Spaghetti kriegen wir auch gerade Lust. Nicht der vielen unappetitlichen Bildern wegen, die es in diesem Tatort zu betrachten gibt, dann wären wir ja wie Dr. Sorensky und wie Lena. Sondern wegen der Szene mit der Mamma von Mario, dem kleinen Tisch in der kleinen Wohnung, in welche Lena eingeladen wird und sich mal wieder etwas pikiert verhält. Vielleicht mag sie den Tod und das Böse mehr als die Nähe und Empathie zeigen, und das Soziale sind nicht so ihr Ding. Das könnte eine Erkenntnis aus diesem Tatort sein, und das ist sehr geschickt inszeniert. Wie über weite Strecken der Film, von diesem dummen Autounfall mit – klar! – sofortigem Abbrennen der Karosse abgesehen.  Es hat uns nicht überrascht, dass der Plot zu diesem Film von Sascha Arango, dem Spezialist für schräge Tätertypen, geschrieben wurde – der Autor hat auch einige der besten Kiel-Krimis mit Kommissar Borowski verfasst.

8/10

© 2020 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Mario Kopper – Andreas Hoppe
Professor Sorensky – Matthias Habich
Hendryk Dornbusch – Johannes Brandrup
Stella Eisner – Sophie von Kessel
Dr. Rasch – Rudolf Kowalski
Kriminalrat Friedrichs – Hans-Günther Martens
Elvira Kopper – Margarete Salbach
Sekretärin Irmgard – Heide Grübl
Arzt – Horst Schäfer
u.a.

Regie – Nina Grosse
Buch – Sascha Arango
Kamera – Hans-Jörg Allgeier
Schnitt – Katrin Eplinius
Musik – Joe Mubare

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