Doppelspiel – Tatort 167 #Crimetime 744 #Tatort #Duisburg #Schimanski #Thanner #WDR #Doppelspiel

Crimetime 744 - Titelfoto © WDR

Das Allerletzte von Schimanski!?

So zumindest weist es die Rangliste des Tatort-Fundus aus. Das hatten wir in der Vorschau bereits angemerkt, es hat sich nach der nun erfolgten Wiederholung nicht geändert. Aber ist der Film wirklich so übel? Es kommt, wie oft bei Schimanski, auf die Haltung des Zuschauers an. Und wie er mit dem Abstand von nicht weniger als 35 Jahren zur Entstehungszeit des Films generell über die Duisburg-Schiene des WDR denkt. Wir haben natürlich eine Meinung, die verraten wir in der -> Rezension.

Handlung

Schimanski und Thanner werden zum Tatort, einem Hochhaus, gerufen. Eine junge Frau hat sich vom Balkon gestürzt. Es scheint sich eindeutig um Selbstmord zu handeln. Dann die ersten Zweifel: warum hat ihr Mann, der sich ihrer Einweisung in eine psychiatrische Klinik widersetzte, sie allein gelassen? Ein Alibi für die angeblich wichtige geschäftliche Verabredung zum Zeitpunkt des Todes seiner Frau hat er auch nicht. Welche Rolle spielt Ann Silenski? Sie war mit der Toten befreundet, gehört zu der gleichen Sekte, der „Kirche der Gemeinschaft“. Diese Sekte ist eine straff organisierte Gemeinschaft; fernöstlicher Mystizismus, gemischt mit westlicher Psychologie, übt offensichtlich einen großen Sog auf viele „Endzeitmenschen“ dieser Tage aus. Erleuchtung soll ihnen zuteil werden, Erlösung, vor allem Sicherheit und Hort in einer auf das gottgleiche Oberhaupt der Sekte ausgerichteten Hierarchie. Das hat seinen Preis: Die Mitglieder der Gemeinschaft müssen sich völlig unterordnen unter den Willen ihrer „Führer“.

Einer von ihnen ist Gassmann, ein faszinierender Mann mit großer Ausstrahlung. Die Tote stand offensichtlich in einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis zu ihm. Gassmann leitet die „Brüder und Schwestern“ nach seinem und des Sektenführers „Ork“ Willen zu ihrem Besten. In der selbstlosen Tätigkeit für die Gemeinschaft finden sie Erlösung. Dagegen ist an sich nichts zu sagen, der Mensch soll mit seinem Pfunde wuchern. Aber es heißt auch: Leben und leben lassen, zum Töten wird da nicht aufgefordert. Und die junge Frau, deren Selbstmord offensichtlich vorgetäuscht war, bleibt nicht die einzige Tote im Umfeld der Sekte.

Rezension

Der erste schlimme Moment kommt auf dem Balkon, nach diesem Kamerakreisel, der bereits andeutet, dass man in diesem Film Menschen in anderen Zuständen antreffen wird. Auf dem Balkon dann unterhalten sich Thanner und Schimanski darüber, ob man die Brüstung allein übersteigen kann. Man kann problemlos. Zu dem Zeitpunkt war nicht einmal klar, dass die Tote offenbar vorher viele Tabletten genommen hatte. Und wer sie umgebracht hat. Bis zum Ende bleibt das im Grunde uneindeutig, denn was ist mit den Hautspuren ihres Mannes unter den Fingernägeln und er hatte doch keinen Termin mit dem Guru, zwecks Wohnungsbesichtigung?

Man droht, wie bei vielen Schimanski-Filmen, als Zuschauer in Trance zu geraten, ganz ohne Einfluss von Psychologie, Drogen oder Sektenzauber. Weil man fasziniert zuschaut, was sie sich damals alles haben einfallen lassen, um fast jedes wichtige Thema zu verhunzen. Und um immer im Thema zu bleiben. Auch dieses Mal wieder Drogen- und Waffenhandel. Kaum zu glauben, was Duisburg damals für ein internationaler Hotspot illegaler Geschäfte gewesen sein muss. Wegen des Hafens, schon klar, aber es wirkt trotzdem stark übertrieben, durch diese permanente Wiederholung. Schimanski und Thanner kommen mal wieder auf unterschiedliche Weise ganz gut durch den Fall, technisch wird kaum ermittelt, es gibt ja bei der Sekte die totale Videoüberwachung, die einiges aufklärt. Und wenn man sich in deren Schlösschen einschleicht oder einbricht, wird man schlauer.

Sekten gibt es schon sehr lange und einige erlebten in den 1960ern und 1970ern schon einen großen Höhepunkt, in Deutschland wurde das aber im Mainstream eher als harmlose Folklore betrachtet, wenn jemand aus Selbsterfahrungsgründen nach Indien fuhr und dort mit einem Anstrich zurückkam, bei dem man nicht wusste, ob mehr Spiritualität oder Hokuspokus dahintersteckt. Esoterische Personen werden in Fernsehfilmen bis heute eher als lächerlich denn als gefährlich dargestellt. Spätestens die Scientology-Diskussion der 1990er wendete aber das Blatt und mit einem Mal wurde aus einer unterschätzten Gefahr – aus heutiger Sicht – das Gegenteil. Das E-Meter, das bei dieser Sekte verwendet wird, gibt es sogar schon in „Doppelspiel“, aber ansonsten ähnelt das Gepräge der Orks eher einer orientalischen Melange aus gelborangenen Mönchskutten und Kampfsport. Fight for Peace!, ist das Motto und da Pazifismus in den 1980ern noch bekannter war und häufiger gelebt wurde als heute, erkannten sicher viele Zuschauer das Paradoxon in der paramilitärischen Ausbildung vieler Sektenmitglieder.

Es ist aber schon interessant, dass ab dem Zeitalter der „Geistig-moralischen Wende“ unter Kanzler Helmut Kohl so viele Menschen abdrehten, dass man irgendwann doch ein Problem darin erkannte und es kam nicht nur zum institutionellen Umgang mit Drogen, sondern auch mit Sekten. Heute hört man davon kaum noch etwas, vielleicht auch, weil sich die gesellschaftliche Durchdringungsabsicht, die man z. B. Scientology unterstellt hat, nicht ganz verwirklichen ließ. Dafür gibt es heute zu wenige aktive Scientolog*innen. Die Sekte im Film wirkt eher wie eine Tarnorganisation für kriminelle Aktivitäten, was SC sicher nicht ist. Aber die Einziehung privaten Vermögens usw. ist schon ebenso vorhanden wie einige Psychopraktiken und der Immobilienmakler hat ein Büro, das ihm nicht selbst gehört und fährt ein günstiges japanisches Auto, während im Hof des Sektensitzes lauter neue Mercedesse herumstehen.

Finale

Die Action in „Doppelspiel“ ist für Schimanski-Verhältnisse eher gemütlich, bis auf ein paar wirklich unsinnig aussehende Powerlides mit eher mäßig motorisierten Autos und Drehungen auf nasser Straße geht es eher psychedelisch zu. Keiner von den beiden Cops verletzt sich, wird eingesperrt, entführt, aber gleich zwei schräg inszenierte Schusswechsel stellen das schimanskimäßige Grundrauschen von kaum zu bestreitender Brutalität des Polizeialltags her. „Doppelspiel“ ist aber auch nicht langweilig und das ist es doch, was man von einem Schimanski-Film am meisten erwarten darf. Daher werten wir nicht ganz so negativ wie die Tatort-Community das im Durchschnitt tut, sondern kommen heraus bei

6/10

Vorschau: Das Allerletzte von Schimanski?

Erst einmal wieder ein Lob an den WDR – Souveränität ist, auch Fehler nicht zu verschweigen. Denn offensichtlich sehen viele Tatort-Fans diesen zehnten Schimanski als Fehler und ordnen ihn auf Rang 29 von 29 Filmen ein, in denen Götz George den Schimanski und Eberhard Feik seinen Kollegen Thanner gegeben haben. Wir können leider noch nicht sagen, ob die sehr schwache Bewertung des Films in der Fundus-Rangliste (Durchschnitt 4,83/10, Stand 6. August 2019) gerechtfertigt ist, aber wir werden den Film aufzeichnen und bald wissen wir und Sie, liebe Leser*innen, mehr. Sie können sich diesen Sektenkrimi natürlich auch selbst anschauen. Auf ihn aufmerksam zu machen, ist der Sinn dieser Vorschau.

Gut möglich, dass Schimanski mit Kindern besser kann als mit Sektenführern. Denn „Kuscheltiere“ und „Kinderlieb“, die zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten der Schimanski-Thanner-Ära enstanden sind, zählen beide zu den am meisten geschätzten Produktionen – immer orientiert an den bewertenden Nutzern des Tatort-Fundus.

Ob der WDR sich tatsächlich an der Rangliste von Nutzern orientiert, wenn es um Wiederholungen bzw. deren Häufigkeit geht, aber es ist schon auffällig, dass kürzlich mit „Rechnung ohne Wirt“ erst ein Film nach längerer Zeit wieder ausgestrahlt wurde, der nur zwei Plätze besser platziert ist als „Doppelspiel“. Wir haben dieses Werk aufgezeichnet, aber noch nicht angeschaut und daher noch nicht darüber geschrieben – die Doppelbefassung mit den Reihen Tatort und Polizeiruf sorgt derzeit für einen mehrstufigen Rückstau. Aber es wird eine Kritik geben, ganz sicher.

Besetzung und Stab

Kriminalhauptkommissar Schimanski – Götz George 
Kriminalhauptkommissar Thanner – Eberhard Feik 
Hänschen – Chiem van Houweninge 
Kriminaloberrat Königsberg – Ulrich Matschoss 
Ann Silenksi – Angelika Bartsch 
Gassmann – Franz Buchrieser 
Stark – Wolf Dietrich Sprenger 
Sekretärin von Stark – Karin Kernke 
Parker – Drew Lucas 

Buch – Christoph Fromm 
Regie – Hajo Gies 
Kamera – Josef Vilsmeier 
Kostüme – Marianne Wagner 
Architekt – Götz Heymann 
Musik – David Knopfler 

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