Tod einer Heuschrecke – Tatort 691 #Crimetime 754 #Tatort #Berlin #Ritter #Stark #RBB #Heuschrecke #Tod

Crimetime 754 - Titelfoto © RBB, Hardy Spitz

Vorwort 2020

Heute sind es wieder eher Zeitgründe. Die dafür sorgen, dass wir ein „Original“ präsentieren, wie es vor langer, langer Zeit verfasst wurde. In diesem Fall geschah es ca. am 18.05.2011. Damals wurde diese Rezension im „ersten Wahlberliner“ veröffentlicht, als „TatortAnthologie 23“. Im „neuen“ Wahlberliner stehen wir mittlerweile bei 754 Rezensionen in „Crimetime“, die Rubrik umschließt allerdings nun auch die Kritiken zu Polizeirufen (seit März 2019) und ein Special zu den beiden ersten Staffeln von „Babylon Berlin“ und ist offen für weitere Krimiformate. Es ist also inzwischen ein wenig Erfahrung hinzukommen. Trotzdem sind die frühen Kritiken aufgrund ihrer Ausführlichkeit immer noch besonders und dass sie mittlerweile 30mal besser geworden wären, weil wir 30mal mehr Erfahrung haben, stimmt so nicht ganz. Ein „Original“ bedeutet, wir haben den Text nicht, wie bei den meisten republizierten Kritiken, optisch und stellenweise sprachlich an den aktuellen Stand angepasst, sondern er steht so da, wie er damals verfasst wurde – bis auf evtl. Rechtschreibkorrekturen.

Tod einer Heuschrecke – Folge 691
Tatort Berlin
Gesehen auf SW3, 17.05.2011, TatortAnthologie 23
 

  1. Inhalt:

I.: Ein Berliner Szeneclub: Hier verkehren die Berliner und internationale Wirtschaftsgrößen, als es wenige Tage vor einem Wirtschaftsgipfel einen Toten gibt: Ted Wilson, amerikanischer Investmentmanager. Er sollte die Übernahme der erfolgreichen Firma Brom-AG abwickeln. Ritter staunt nicht schlecht, in der Chefin des Clubs Simone eine Bekannte aus alten Taxifahrer-Zeiten wieder zu treffen. Simone führt die Kommissare in die Gästeliste ein: Der Investmentberater Zinger und das schöne Escort-Girl Kirsten. Verfolgen sie mit dem Opfer ehrgeizige berufliche Interessen? Außerdem verkehren im Club die attraktive Studentin Franka; die dort für einen Zeitungsartikel recherchiert und Klaus Werner, Betriebsratsvorsitzender der Brom-AG. In der Mordnacht begehrte auch Frankas Freund Daniel Einlass in den Club, wurde aber zurückgewiesen. Offensichtlich war er auf Franka eifersüchtig. Der Fall wird für die Kommissare besonders heikel, als der Angestellte der amerikanischen Botschaft Bob Miller Ritter und Stark seine Mordtheorie präsentiert.

II.: Ein Berliner Szeneclub: Hier verkehren High Society und internationale Wirtschaftsgrößen, als es wenige Tage vor einem internationalen Wirtschaftsgipfel einen Toten gibt: Ted Wilson, amerikanischer Hedge- Fonds-Manager. Er sollte die Übernahme der erfolgreichen Firma Brom-AG abwickeln.

Beim Eintreffen am Tatort staunt Hauptkommissar Till Ritter nicht schlecht, in der Chefin des Clubs, Simone, eine Bekannte aus alten Taxifahrer-Zeiten wieder zu treffen. Simone hat sich von der einfachen Kneipe bis zum Luxus-Club hochgearbeitet und erklärt den Kommissaren die Gästeliste, auf der unter anderem auch das attraktive Escort-Girl Kirsten steht. Diese scheint für ihren Kunden, den Investmentberater Michael Zinger, weit mehr als nur schönes Beiwerk zu sein. Im Auftrag von Zinger, der als Scout für die Kapitalanlagegesellschaft Blue Mountain Invest auch die Firma Brom-AG bewertet hat, dolmetscht sie bei der Begrüßung und den folgenden Verhandlungen für eine chinesische Delegation. Doch zu Kirstens Aufgabengebiet gehören noch ganz andere Fähigkeiten. Welche Ziele verfolgen die beiden bei dieser Übernahme?

Im Club verkehrte auch die attraktive Studentin Franka, die das Opfer wenige Wochen zuvor bei den Recherchen für einen Zeitungsartikel offenbar nicht nur beruflich näher kennen gelernt hat. Noch kurz vor dem Betreten des Clubs gab Ted Wilson seinem Chauffeur den Auftrag, einen Umschlag zu Frankas Wohnung zu bringen.

In der Mordnacht ebenfalls anwesend war Klaus Werner, Betriebsratsvorsitzender der Brom-AG. Er suchte verzweifelt ein Vier-Augen- Gespräch mit Ted Wilson und war einer der letzten, der das spätere Opfer lebend gesehen hat.

Einlass in den Club begehrte auch Frankas Freund Daniel, wurde aber zurückgewiesen. Offensichtlich wusste er von dem Verhältnis zwischen Franka und Ted Wilson und war eifersüchtig auf den Hedge-Fonds- Manager.

Bei den Recherchen merken die Kommissare Ritter und Stark schnell, dass sie nicht die einzigen sind, die sich für den Aufenthalt und die Absichten des ermordeten Amerikaners interessieren. Bei der Durchsuchung eines Hotelzimmers war ihnen offensichtlich bereits jemand zuvor gekommen.

Der Fall wird für die Kommissare besonders heikel, als der Angestellte der amerikanischen Botschaft, Bob Miller, Ritter und Stark seine Mordtheorie präsentiert. Sollte tatsächlich eine ausländische Macht hinter dem Mord stecken, um die wirtschaftliche Situation von Deutschland und den USA zu destabilisieren? (Zusanmenfassungen der Handlung aus dem Tatot-Fundus).

  1. Kurzkritik

Die Heuschrecken in Form von Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften waren 2007, als der Tatort 691 gedreht wurde, ein hochaktuelles Thema. Sie wären es immer noch, wenn nicht ander, ebenfalls wirtschaftliche Themen, diesen Aspekt des modernen Kapitalismus mittlerweile überlagern würden.

Man hat diesen Tatort reich ausgestattet. Attraktive Frauen, schöne Locations, man sieht viel von Berlin. Auch an Handlungselementen und Verdächtigen ist dieser klassische Whodunit reich und es ist zu würdigen, dass der Plot zwar einige Übertreibungen, aber bezüglich seiner Lösung keine größeren Fehler aufweist.

Die Ermittler Stark und Ritter werden beide auch in privaten Situationen wieder. Ritter trifft eine alte Bekannte, die jetzt einen mondänen Club führt, Stark ist im Dialog mit seinem Sohn, der in der Schule gerade „These und Antithese“ durchnimmt und das am Beispiel von Ritters und Starks Ansichten zum Stand des Falles in die Praxis umsetzen will.

Insgesamt ein guter Tatort, flüssig erzählt, die vielen Figuren erhalten hinreichend Raum, um glaubwürdig zu wirken. Die Lösung erscheint zumindest nicht unlogisch, auch wenn des Mordmotiv bei näherer Betrachtung fragwürdig ist.

III.             Rezension

  1. Ritter & Stark

Wir springen in die Sicht eines Marketingmenschen. Ritter & Stark, ist das nicht ein klasse Namenspaar? Drückt das nicht genau das aus? Ritterlichkeit und Stärke? Würde man bei einer Firma, die so heißt, nicht eher einkaufen gehen als z. B. bei Matschke & Pietschek? Wir haben mal zwei typische Berliner Namen herausgegriffen und meinen damit natürlich niemanden persönlich, der zufällig so heißt.

Ritter & Stark, das klingt quadratisch, praktisch, gut.

Und dann noch die Vornamen. Felix, der Glückliche und Till, ein Wiedergänger von Wilhelm Tell. Beide Namen gehören zu denen, die erwiesenermaßen schon aus Gründen der Lautung als angenehm empfunden werden. Selbstverständlich war es Absicht, diese kompakten, positiv besetzten Namen zu wählen und in Folge 691 ist alles in Ordnung mit ihnen. Die beiden Ermittler wirken sehr harmonisch und auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet, haben starke Auftritte und sind in etwa so kritisch allen Figuren gegenüber, wie es die Lage gebietet.

Sie diskutieren, haben hin und wieder differente Ansichten. Mit diesen kann man sehr gut das Publikum bespielen, die falschen Fährten genauso erläutern wie die richtigen. Letzteres wird natürlich ganz dezent getan, sonst wäre der Fall zu klar und kein guter Whodunit. Die Ermittlungsarbeit selbst hat uns gefallen. Die beiden treten meist zusammen auf, wie es sich im Realleben für ein Ermittlerteam gehört. Sie wirken nicht so überindividuell wie in manchen anderen Berlin-Tatorten und wie manches andere Team. Die Schlüssigkeit und Glaubwürdigkeit ihres Verhaltens in „Tod einer Heuschrecke“ hat uns überzeugt. Woran man wieder sieht, dass der Unterschied meist nicht in den Schauspielern selbst liegt, sondern in dem, was man ihnen ins Drehbuch schreibt. Wir müssen für 691 sogar eine Ansicht relativieren, die wir in der Rezension zu „Oben und unten“ (Folge 730) geäußert haben, nämlich dass die beiden schon aus physisch-optischen Gründen ein eher problematisches Duo seien, was vor allem auf die Figur von Felix Stark (Boris Aljinovic) zurückzuführen sei.

Durch kleine Szenen wie das gemeinsame Kochen bei  Stark wird das Kumpelhafte viel besser gezeigt als durch eine Verbalkomik, die bei den beiden oft nicht sehr glaubwürdig ausfällt oder durch schrille und die Logik der Handlung verletzende Aktionen.

Diese Kochszene in Starks Wohnung halten wir für besonders gelungen. Die beiden werden sehr privat gezeigt, diskutieren aber gleichzeitig weiter über den Fall. Stark ist als Vater sichtbar und wenn man genau hinschaut, liegt in der unprätentiösen Art, wie er seine Rolle ausübt, ein pädagogisches Statement.

Till Ritter (Dominic Raacke) trifft wieder auf die Liebe. Setzt sich bei Winnetou-Melodien mit der Clubchefin Simone (Katrin Sass) aufs Sofa. Hat uns besser gefallen, als wenn er mal wieder eine halb so alte Frau im Sturm genommen hätte. Dass man in einer so kleinen Stadt wie Berlin ständig auf alte Bekannte trifft, ist klar. Scherz beiseite.

So ungewöhnlich ist es gar nicht. Wenn zwei sich einmal gut verstanden haben, vom selben Stern sind, jeder auf seine Weise Karriere macht. Auch wenn beide das nicht voneinander so vermutet hätten, vor vielen Jahren. Daann kann man sich auch in Berlin einmal wieder begegnen. Und dass Till Ritter, durch eine Taxifahrer-Phase gegangen ist, das ist zwar etwas klischeehaft, aber an dem Klischee ist auch ein wahrer Kern, was die typischen Lebenswege von Berliner Studenten und anderen Berlinern angeht.

  1. Attraktive, junge Frauen in der großen Stadt

Hätte es für Till Ritter durchaus gegeben. Die junge Journalistin Franka Schönbaum (Anna Brüggemann) und die Sprachwissenschaftlerin Kirsten Tomaschek (Natalia Avelon). Auffällig, wie tough die beiden dargestellt werden, da ist geradezu eine  Programmatik drin. Die Großstadt, das junge, urbane Girl, das sich auf die eine oder andere Weise in die große Schlacht um Macht und Ruhm wirft und dabei stolpert, ohne zerstört zu werden, wie Franka, oder einen Kunden verliert, wie Kirsten.

Emotionale und materielle Verluste sind in dieser kühlen Businesswelt von Berlin häufig zu verzeichnen, so die Botschaft. Obwohl man besonders Franka auch als zickig empfindet, hat man Sympathie für die Frauen, die gar nicht anders können, als sich in einer Männerwelt an Männerregeln anzupassen, um voran zu kommen. Sie haben diesen Weg gewählt und innerhalb des Systems ist er legitim.

  1. Die Handlung analysiert

Berlin, das ist klar, bietet sich für die ganz großen Würfe an. Da sind die Häuser hoch, die Träume groß und die Politikverflechtungen haben internationale Dimensionen. Manchmal werden die Plakate etwas zu groß formatiert und mit zu viel dickem Kleister geklebt. So wie hier die Sache mit der amerikanischen Botschaft und dem möglichen Terroranschlag auf den amerikanischen Investor Ted Wilson. Der war, wie man später feststellt, nicht einmal die Nummer eins bei seiner Firma Blue Mountain Invest.

Dass man damit, ihn umzubringen, das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland stabilisieren könnte, ist weit hergeholt. Da gab es zu jener Bush-Zeit andere Dinge, die das Verhältnis weit mehr belastet haben.

Auch die Chinesen als die neuen Heuschrecken im großen Spiel sind präsent. Sie haben allerdings wirklich mit der Sache etwas zu tun, wenn auch nicht als Mörder oder Auftraggeber.

Mörder ist vielmehr der Investmentberater Zink, der überall seine Finger drin hat und um seine hohe Provision fürchtet, da Ted Wilson nach Prüfung der Unterlagen gegen eine Übernahme der Brom AG, um die es hier geht, durch Blue Mountain Invest war. Ganz verständlich ist das aber nicht. Denn Zink (auch wieder so ein schöner Name für einen, der gerne mit gezinkten Karten spielt) ist ja auch mit den Chinesen im Geschäft und hätte die Brom AG wohl an sie vermitteln können, wenn die BMI ausgestiegen wäre. Nun kommt aber noch deren Chef nach Deutschland, und der ist für die Übernahme. Notwendig wäre dieses Handlungselement nicht gewesen.

Sehr schön hingegen der VW-Affäre abgeschaut, wie das Escort-Girl Kirsten den Betriebsratsvorsitzenden Klaus Werner verführt und so die Bestechungsaktion unterstützt, mit der dieser gefügig gemacht wird, um den Verkauf der Firma Brom AG an die Amerikaner bei der Belegschaft populär zu machen. Die Familie Werner, seine eher karg wirkende Frau als Gegenmodell zu der sehr sinnlichen Kirsten. Alles nachvollziehbar und in der Wirklichkeit so ähnlich gelaufen – zumindest die Fakten betreffend.

  1. Das kritische Element

Es ist erstaunlich, wie die unterschiedlichen Tatortstädte System- und Gesellschaftskritik   einbauen und ausspielen. In Frankfurt zum Beispiel wird das sehr privat und oft im Kleinsten dramatisiert, auch im kleinen Milieu, was für eine Geldstadt ja nicht selbstverständlich ist, die sich auch für Banker-Katastrophen hervorragend eignen würde. Vielleicht hat man gerade diese Klischeeausbreitung nicht gewollt, außerdem lebt die Stadt auch von den Banken.

Anders in Münster. Dort werden die höheren Schichten auf die Schippe genommen und die Klischees bis zum Anschlag ausgereizt. In Berlin liegt es nahe, das System gleich als Ganzes darzustellen und diese Karte hat man in 691 ausgespielt.

Die meisten Menschen, die sich behaupten wollen, sind Opfer der großen Spieler, die manchmal dann selbst zu Opfern werden, wie hier Ted Wilson, ohne dass man Mitleid empfände. Junge Frauen, die in Männerwelten reüssieren wollen, Betriebsräte, die Versuchungen ausgesetzt sind, Firmenchefs, die keine Chance gegen internationale Finanzaggressoren haben, aber Kommissare, welche die Sache wieder ins Lot rücken, ohne dabei zu penetrant zu werden. Ein gewisser Realismus ist auch angebracht. Denn der Film macht gut deutlich, dass ein Spieler, der raus muss, noch lange nicht für das Ende des Spiels sorgt. Dass der entfesselte Kapitalismus der Vor-Bankenkrisen-Zeit ein System ist, das immer weitere Opfer fordern wird. Nicht nur Mordopfer. Wir sind heute vier Jahre weiter, sitzen auf hohen Schulden, die das Agieren der Wirtschaftsgrößen uns beschert hat, aber klüger ist man kaum geworden.

IV. Fazit

Trotz einiger Übertreibungen ein atmosphärisch dichter, gut gespielter und interessanter Tatort, den wir zu den besseren der Berliner Serie rechnen. 7,5/10

© 2020, 2011 Der Wahberliner, Thomas Hocke

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