Bonnys Blues – Polizeiruf 110 Fall 52 #Crimetime 761 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Hübner #Woltersdorf #DDR #Blues

Crimetime 761 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD (Der Film ist in Farbe)

Der Blues bricht herein

Peter Vogel ist für uns einer der progressivsten Regisseure der Polizeiruf-Serie der DDR-Zeit und einer der wenigen, der seine Karriere nach der Wende noch für mehr als 15 Jahre fortsetzte. Als er „Bonnys Blues“ inszeniert, war er 40 Jahre alt und konnte gut den Generationenkonflikt nachvollziehen, der sich in diesem Film zeigt. Auch wenn auf der Seite der Älteren nur eine einzige Person steht, ist diese erstens wichtig für die Handlung und hat zweitens die Tochter so erzogen, dass sie ähnlich denkt. Im Westen gab es diese Diskussion in den 1970ern auch, und nicht zu knapp: Selbstverwirklichung war plötzlich ein Begriff in aller Munde und dagegen stand das traditionelle Pflichtbewusstsein. Wie blickte man in der DDR auf junge Menschen, die „privatisieren“ wollten? Darüber und über anderes zu „Bonnys Blues“ schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

In einem Hotelzimmer entdeckt das Zimmermädchen den toten Dietmar Bohnstengel, genannt „Bonny“. Oberleutnant Jürgen Hübner und Leutnant Woltersdorf nehmen die Ermittlungen auf und lassen sich von der aufgelösten Hotelleiterin Frau Bärwald Bonnys Zimmer zeigen.

Im Rückblick wird Bonnys Weg bis zum Tod gezeigt. Seit drei Jahren lebt der Fensterputzer Bonny mit Freundin Annemarie Gerlach und deren Sohn Uwe bei Annemaries Vater Wilhelm. Wilhelm wollte einst Musiker werden, arbeitet jedoch inzwischen als Klavierstimmer. Umso mehr legt er Wert darauf, dass Uwe eifrig Klavier übt, obwohl sich der Junge mehr für Indianerfilme interessiert. Annemarie wiederum hat ihn zwar auf die Musikschule geschickt, lässt dem Jungen jedoch auch Freiheiten. Sie leidet darunter, dass Bonny mehr Zeit mit seiner Jazzband verbringt und mehrfach in der Woche probt. Bonny ist der Sänger der Band, muss jedoch oft nacharbeiten, um fehlerfrei zu singen. Das zusätzliche Probepensum geht wiederum von der Zeit ab, die Bonny eigentlich mit Freundin und Kind verbringt. Irgendwann reicht es Annemarie und sie stellt Bonny vor die Wahl Familie oder Musik: Bonny entscheidet sich für die Musik und geht.

In einer Kirche hat er beim Orgelspiel die Lehrerin Christa kennengelernt. Christa lebt in einer toleranten Beziehung zu Komponist Rainer Aurich, der seiner Freundin einen Seitensprung zugesteht. Als sie sich jedoch von ihm trennen will, um mit Bonny zusammenzuleben, begehrt Rainer auf, zumal Christa ihn bittet, Bonny bei seiner musikalischen Karriere zu helfen. Kurz vor einem Bandwettbewerb taucht Bonny in dem Hotel auf, in dem Annemarie an der Rezeption arbeitet. Er bittet sie um ein Zimmer, auf das er sich kurz vor dem Auftritt mit der Band zurückzieht. Wenig später wird er vom Zimmermädchen tot aufgefunden.

Die Ermittler befragen Christa und die Band, die vor dem Auftritt vergeblich auf Bonny gewartet haben und ihr Stück später instrumental vorführen. Sie verhören auch Rainer Aurich, der kurz vor Bonnys Tod noch in seinem Hotelzimmer war. Er hatte um Christa kämpfen wollen, doch nötigte Bonny ihn, eine große Menge Schnaps zu trinken und warf ihn anschließend hinaus. Bonny hatte bei seinem Tod 2,1 Promille Alkohol im Blut und zahlreiche Tabletten genommen. Todesursache war eine Blutung, die er sich bei einem Sturz zugezogen haben könnte. Mit der Sturzwunde könnte er noch eine Zeitlang gelebt haben, die Leiche wurde auf dem Bett gefunden. Es stellt sich heraus, dass Annemarie Bonny nach Rainers Verschwinden Tabletten gebracht hatte. Kurz nach Annemarie war wiederum Wilhelm Gerlach bei ihm. Er versuchte, ihm Christa auszureden. Er wollte, dass Bonny seinen Job als Fensterputzer aufgibt und stattdessen die Chance ergreift, Leiter der Hoteltiefgarage zu werden. Wilhelm versuchte ihn zudem zu überzeugen, zurück zu Annemarie und Uwe zu kommen. Als Bonny ihn verhöhnte und Annemarie schlechtmachte, stieß Wilhelm ihn an die Heizung und Bonny fiel unglücklich. Kurz nachdem Wilhelm das Zimmer verlassen hatte, verstarb Bonny. Die Ermittler nehmen Wilhelm mit, um ein Protokoll anzufertigen.

Rezension

Auch in seiner dritten Polizeiruf-Arbeit überraschte Peter Vogel uns wieder damit, dass er Momente zaubern kann, die Emotionen auslösen. Darin ist er summarisch vielleicht der beste unter den vielen Regisseuren, die sich um die ersten 20 Jahre der Reihe Polizeiruf verdient gemacht haben.  Das können wir schon schreiben, obwohl uns noch einige seiner Filme fehlen. Der erste Vogel-Polizeiruf, den wir gesehen haben, war „Im Kreis“ aus 1987, und der hebt sich mit seiner überaus lebendigen Art deutlich ab. Auch die Visualität war deutlich über dem Durchschnitt, das fiel bereits in seinem ersten Polizeiruf „Bitte zahlen“ auf. So rasant gefilmt wie der direkte Vorgänger „Holzwege“ von Manfred Mosblech ist „Bonnys Blues“ nicht, dafür glänzt er mit einer Musikalität, die über die Tatsache hinausgeht, dass viele der Charaktere von Berufs wegen mit Musik zu tun haben.

Oberleutnant Jürgen Hübner ermittelte in seinem 22. Fall und Leutnant Woltersdorf in seinem 2. Fall. Die Kritik befand, dass Bonnys Blues „Momente des Life-Style-Films auf[nahm].“ Er sei zudem kein echter Krimi, da der Mord eigentlich keiner war. „Der Film fragt zwar auch nach der Todesursache und danach, wer die Schuld an Bonnys Ableben trägt; das Hauptaugenmerk lag jedoch auf der Frage, wie ein Mensch leben soll: nach dem Lust- oder nach dem Pflichtprinzip.“[3] Bonnys Lied wird im Abspann von Uschi Brüning gesungen und von der Hermann-Anders-Band begleitet, ist in der Wikipedia zu lesen.

Wir gehen mit Peter Hoffs Einschätzungen nicht immer konform, auch wenn er unbestreitbar der größte Polizeiruf-Fachmann im vereinigten Deutschland war. Wenn man seine Maßstäbe an einen Krimi an alle Polizeirufe anlegen würde, wären die meisten genau das nicht, nämlich Krimis. Morde kommen während der DDR-Zeit eher selten vor. Körperverletzungen mit und ohne Todesfolge hingegen häufiger, wenn Ersteres, dann meist unbeabsichtigt. In diesem Fall ist es sogar eine fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge – die Handlung des Schwiegervaters in spe ist kausal für den Tod von Bonny, die objektive Zurechnung ist auch gegeben, tatbestandlich ist alles klar. Auf der Schuldebene sieht die Sache anders aus und der Film folgt dem bekannten Muster: Das habe ich nicht gewollt. Es gibt sogar einen Polizeiruf, der so heißt und in diesem geht es auch darum, dass jemand vor Ärger handgreiflich wurde und dabei den Tod einer anderen Person ausgelöst hat.

Anfangs fanden wir die Rückblenden etwas abrupt, dann gewöhnten wir uns an diesen übergangslosen Stil, der zudem durch stellenweise recht harsche Schnitte gekennzeichnet ist, aber das ist schon so gemacht, um den Film dynamischer wirken zu lassen – als er dem Plot nach ist. Denn die Handlung regt eher zum Nachdenken an, als dass sie auf Action setzen würde – allerdings nach heutigen Maßstäben. Im Vergleich mit anderen Polizeirufen der ersten Phase ist der Film recht abwechslungsreich und außerdem – sehr offen und auf die Motive der Menschen zentriert. Wir sind deshalb geneigt, mit 1978 eine zweite Phase beginnen zu lassen, in denen weitaus mehr hinterfragt wird, in denen Figuren mit ihren Träumen, Sehnsüchten, Hintergründen  – in den Vordergrund gerückt werden. So wie hier. Es ist toll gemacht, dass es in diesem Film niemanden gibt, dessen Denken und Handeln wir nicht verstehen würden. Jeder hat eben seine eigene Sicht und das Interessante ist, dass diejenigen, die sehr auf das Pflichtprinzip setzen, möglicherweise nicht weniger egoistisch sind als die Musiker, die versuchen, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Einen Traum leben, nennt man das heute manchmal etwas gedankenlos. Denn ein Traum ist auch fordernd und kann einige Entbehrungen nach sich ziehen und zum Alptraum werden, wenn sich der Erfolg nicht einstellt.

Dann ist man plötzlich gefangen in etwas, das nicht funktioniert und genau deshalb versuchen viele Menschen den Spagat, sind deshalb ebenfalls unglücklich oder bescheiden sich mit einem normalbürgerlichen Leben. Es gibt kein Patentrezept und dass die Aktivität im sozialistischen Staat nicht als Ausweg gezeigt wird, ist in Polizeirufen durchaus üblich. Viele haben ideologische Einschlüsse und Tendenzen, aber ihren Erfolg hatte die Reihe sicher auch der Tatsache zu verdanken, dass sie vergleichsweise ehrlich mit der Realität umging und nicht die Propaganda in den Vordergrund stellte. Manchmal kann man sogar erkennen, dass man mit einigen formalen Elementen der Zensur Genüge tat und gleichzeitig einen deutlich lesbaren Subtext einarbeitete. Am Anfang war er noch recht gering ausgeprägt, man tastete sich vor – und was uns gegenwärtig auffällt: Die Jahre 1987, 1988 waren offenbar der letzte Versuch, die Zügel nochmal anzuziehen. Vielleicht sieht der Jahrgang 89 auch so aus, den haben wir uns noch nicht angeschaut. Aber die Tendenz zur Differenzierung und zur Stimmungsaufnahme anstatt Einwirkung auf den  Zuschauer, war schon Ende der 1970er vorhanden, das belegt unter anderem „Bonny Blues“, der Titel wurde möglicherweise in Anklang an Boney M. und Johnny Blue gestaltet.

Sehr gut gemacht fanden wir, dass nicht eineutig zu erkennen war, ob Bonny nun wirklich Talent hatte, oder ob nur seine leidenschaftlichen Mitmusiker und eine Frau das so sehen, die sich in ihn verliebt hat. Wie kann jemand ausprobieren, was er draufhat, wenn er zwischen einem einfachen, den Anforderungen einer künftigen Familie und der Notwendigkeit, dem Singen mehr Zeit zu widmen, gefangen ist? Wir meinen, Bonny hat schon Talent, das beweist seine Fähigkeit, mehrere Instrumente recht gut spielen zu können. Ob auch seine Stimme so toll ist, davon soll sich jeder selbst ein Bild machen, der sich den Film anschaut. Sicher ist da noch Luft nach oben, aber im Unterhaltungsbereich muss nicht jeder drei Oktaven schaffen, es kommt auch auf die Fähigkeit zur Interpretation zum Zusammenspiel mit der Band und auf das Feeling für die richtigen Texte zur richtigen Zeit an. Diesbezüglich liegt der fragende, von Angst erzählende Text des Titelliedes sicher nicht schlecht im Rennen. Die Angst, dass der Sozialismus scheitern könnte, war Ende der 1970er sicher bereits greifbar und die Angst, dass das Privatisieren ebenfalls nicht ins Glück führt, wurde gleich mitgeliefert. Nicht umsonst kam zwei Jahre später der Film „Solo Sunny“ mit Renate  Krössner in die Kinos, der sich auf frappierende Weise von Werken unterschied, die von der DEFA in den frühen 1970ern gedreht wurden und der ebenfalls von einer Person handelt, die versucht, sich allein durchzuschlagen – als Sängerin. Angesichts der gewissen Titelähnlichkeit könnten wir uns sogar vorstellen, dass man „Bonnys Blues“ eine der Inspirationsquellen für den Kinofilm war. Allerdings beschreibt er mehr die Vereinzelung einer jungen Künstlerin als das aufgerieben sein zwischen unvereinbaren Anforderungen.

Finale

„Bonnys Blues ist 79 Minuten lang und steht damit für eine weitere Tendenz: Nämlich die anfänglich üblichen ca. 64-66 Minuten für einen Polizeiruf schrittweise auszubauen und dabei nicht die Handlungen immer komplizierter zu gestalten, sondern sich viel Zeit für die Charaktere zu nehmen. Hätte man den 52. Polizeiruf nicht mit der Zeitstruktur der gestaffelten Rückblende ausgestattet, wären allerdings zwei Figuren ziemlich zu kurz gekommen: Oberleutnant Hübner und Leutnant Woltersdorf, Letzterer war in „Holzwege“, dem erwähnten direkten Vorgänger, erstmals zu sehen. Denn die häufige Anlage der Polizeirufe, die Entwicklung zum Verbrechen zu zeigen, hat man hier zunächst zugunsten des aus den Tatorten bekannten Schemas aufgegeben: Eine Person findet eine Leiche und die Polizei wird gerufen, wahlweise: Sie ist schon – sic! – am Tatort, wenn der Film beginnt. Da die Entwicklung hin zum Tod von Bonny aber die weit überwiegende Spielzeit in Anspruch nimmt, hätten bei chronologischer Zeitkonzeption Hübner und Woltersdorf allenfalls in den letzten 30 Minuten ins Geschehen eingreifen können und dieses Mal gibt es auch kein „Zweitdelikt“, wegen dem die Polizistin schon ermitteln, bevor das eigentliche, das zentrale Verbrechen geschieht.

Heute wirkt es, als gebe es diesen Konflikt zwischen seinem eigenen Stern folgen und irgendein Ding machen, das einigermaßen Kohle bringt, gar nicht mehr. Vielleicht wirkt es tatsächlich nur so, unter anderem, weil die Elterngeneration bereits diese Kämpfe geführt hat und sich nicht alle 30 Jahre dieselben Konflikte wiederholen. Ein einzelner Grundkonflikt war bis kürzlich gar nicht mehr auszumachen: Jetzt zeigt er sich aber wieder in den ökologischen Ansprüchen der Schüler. Man muss jung sein oder, seltener, immer widerständig geblieben sein, um zu ermessen, wie es ist, auszubrechen. Es gab in der DDR sehr wohl eine nicht ganz linientreue Jugendkultur, das wissen wir längst – aber wie, wenn jemand, der, wie seine Bandkollegen, schon ca. 30 ist, sich entscheidet? Gegen den Strom zu schwimmen? Ruhe gibt es nicht und eine Lösung sehen wir nicht. Da kann man schon den Blues kriegen.

7,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Peter Vogel
Drehbuch Eberhard Görner
C. U. Wiesner
Produktion Eva-Marie Martens
Musik Hermann Anders
Kamera Bernd Sperberg
Schnitt Renate Földesi
Besetzung

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