Grawes letzter Fall – Polizeiruf 110 Episode 176 #Crimetime 773 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Grawe #MDR #Fall

Crimetime 773 - Titelfoto © MDR

Noch einmal basic

Mach’s Gut, Grawe. Nicht. Denn wir haben ja noch einige ältere Polizeirufe mit ihm zu rezensieren, insbesondere, weil die Jahr 1988, 1989 gerade wiederholt werden. Grawe ist ein interessanter Typ, nicht direkt unser Fall, aber der Stuttgarter Zeitung folgen wir durchaus. Der Osten schimmert stark durch, ohne dass eine Jammerarie angestimmt wird, wie sie zu der Zeit vor allem Ehrlicher und Kain im Tatort Dresden drauf hatten. Genauer gesagt: Ehrlicher, und das aus Überzeugung, der jüngere Kollege hielt sich ja meist etwas mehr zurück. Und weiter? Steht in der -> Rezension.

Handlung

Verlagsvertreter Rainer Asch befindet sich auf dem Weg nach Halle, als er an einer Raststätte eine nackte Frau bemerkt. Sie bittet ihm, ihr zu helfen, da sie ausgeraubt worden sei. Rainer nimmt die Frau, die sich ihm als Iris Karsubke vorstellt, mit und fährt sie zu ihrer Wohnung in Halle. Er will ihr Kleider holen, doch öffnen ihm nicht ihre beiden kleinen Kinder die Tür, sondern Iris’ Ex-Freund Nierendorf. Er bringt Iris brutal in ihre Wohnung und lässt erst von ihr ab, als Rainer erscheint. Kurz darauf stehen die Männer Stans und Meppen in der Tür, die zunächst Iris bedrohen und sich Nierendorf zuwenden, nachdem Iris ihnen von einem neuen Wagen berichtet, den Nierendorf sich gekauft habe. Zu dritt verlassen sie die Wohnung, nachdem die Männer Nierendorf die Wagenpapiere abgenommen haben.

Kriminaloberkommissar Thomas Grawe erhält einen Anruf von Iris, da sie in einen Todesfall verwickelt sei. Iris ist die Tochter seines vor zehn Jahren verstorbenen Bruders. Vor Grawe präsentiert sie Rainer als ihren Verlobten. Beim Toten handelt es sich um Nierendorf, den Iris und Rainer von ihrer Wohnung aus im Kampf mit Stans und Meppen gesehen hatten, bevor sie ihn aus den Augen verloren. Obwohl Kriminalrat Bass wegen der familiären Beziehung Grawes zu Iris unwohl dabei ist, ihn den Fall bearbeiten zu lassen, überlässt er ihm die Ermittlung. Stans und Meppen können in Nierendorfs Wagen gestellt werden. Bei der Gegenüberstellung sagen Iris und Rainer jedoch aus, beide Männer nicht als Täter zu erkennen. Grawe ist frustriert, weiß er doch, dass beide die Gesuchten sind. Bass lässt Stans und Meppen kurz darauf laufen. Sie stellen an Rainer und Iris eine Geldforderung in Höhe von 4.000 Mark für jeden, damit sie aus der Stadt verschwinden.

Grawe misstraut Rainer tief und lässt sein Umfeld erkunden. Er findet heraus, dass Rainer finanziell am Abgrund steht, seine Arbeit zu verlieren droht und verheiratet ist. Er konfrontiert ihn mit seinen Ergebnissen; Rainer vertraut Iris kurz darauf an, beruflich neu anfangen zu wollen und eine Frau zu haben, die er jedoch verlassen will. Iris ist dies angesichts der Erpressung egal. Meppen wird kurz darauf zusammengeschlagen und kopfüber an einen Strommast gefesselt aufgefunden. Zudem steht das Obduktionsergebnis von Nierendorf fest: Er wurde erstickt; Schleifspuren weisen darauf hin, dass er erst nachträglich zum Leichenfundort gebracht wurde. Da nun auch Iris und Rainer wieder als Täter infrage kommen, entzieht Bass Grawe den Fall. Der recherchiert auf eigene Faust weiter, wird jedoch bald von Bass ausgebremst. Eine neue Spur führt ins Rotlichtmilieu, so haben sich Stans und Meppen als Zuhälter versucht. Meppen deutet an, dass der Überfall mit dem Strommast damit zu tun hatte. Grawe darf im Rotlichtmilieu recherchieren und sucht die Prostituierte Gudrun auf, die ihm von Stans’ und Meppens Masche berichtet: Sie suchen Frauen auf eindeutige Kontaktanzeigen hin auf und erpressen Geld von ihnen. Wer nicht zahlen will, wird auf einen Parkplatz gefahren und dort entkleidet zurückgelassen. In einer Zeitung entdeckt Grawe die Anzeige seiner Nichte Iris, die zumindest eine Zeitlang ebenfalls Geld mit Prostitution verdient hat.

Stans erhöht seine Geldforderung an Iris und Rainer auf 20.000 Mark. Er wird durch Gudruns Mann und Zuhälter dazu gezwungen, sich der Polizei zu stellen, da er sonst genauso im Krankenhaus enden werde wie Meppen. Bei der Vernehmung durch Grawe und Bass gesteht Stans aus Versehen, Iris und Rainer zu erpressen. Die versuchen unterdessen, die 20.000 Mark zusammenzubekommen. Das Geld reicht nicht und Iris gesteht Rainer schließlich, dass sie als Prostituierte Geld verdient hat. Sie will wieder auf den Strich gehen, um das restliche Geld zu verdienen. Rainer provoziert vor Verzweiflung einen Autounfall, bei dem er schwer verletzt wird. Grawe wiederum gibt Iris einen Scheck über 15.000 Mark, woraufhin sie die Erpressung indirekt zugibt. Erst Iris’ Kinder berichten Grawe, dass Rainer ihr Schutzengel sei, weil er Iris vor Nierendorf gerettet habe, der sie habe erschlagen wollen. Iris und Rainer schildern schließlich den Tatablauf, wie Nierendorf nach der Schlägerei mit Stans und Meppen zurückgekehrt sei und Iris zusammengeschlagen habe und Rainer ihn schließlich mit einem schweren Aschenbecher niedergestreckt habe. Rainer habe Hilfe holen wollen, doch war Nierendorf bei seiner Rückkehr bereits tot. Rainer wird abgeführt. Grawe weiß, dass Nierendorf erstickt wurde, sodass Iris ihm gesteht, dass Nierendorf in Rainers Abwesenheit sie noch einmal angefallen und gewürgt habe, worauf sie seinen Kopf in der Balkontür einklemmte, bis er tot war. Grawe übergibt auch Iris seinen Kollegen und kündigt an, dass sie ein Geständnis ablegen werde, jedoch in Notwehr gehandelt habe.

Rezension

Die Folge habe „im großen und ganzen schlüssige Handlung und ein paar glaubwürdige gute und böse Charaktere. Was man in letzter Zeit nicht von jedem ‚Tatort‘ sagen kann!“, schrieb die Stuttgarter Zeitung weiter. Es gab auch weniger freundliche Kritiken: Der Tagesspiegel schrieb, dass Andreas Schmidt-Schaller dem Polizeiruf erhalten bleiben sollte: „[A]ls räudiger Dreitagebart Grawe bringt er uns den kleinbürgerlichen Alltag in den Plattenbauten von Halle auf so unerschrockene Weise nahe, dass wir auf ihn nicht verzichten mögen“.[6] Grawes Abschied wurde hingegen von der Süddeutschen Zeitung begrüßt, seien Grawes Fälle doch „provinztheatralische[s] Herumgekasper zwischen Einbauküche, Sitzgarnitur und Polizeirevier“ und „tranfunzelig inszeniert…“.[7]

Die Süddeutsche konnte natürlich nicht wissen, was mit Schmücke und Schneider noch alles an Provinztheater kommen würde, als sie die obige Bewertung schrieb. Spaß, muss auch sein. Aber schneller wurden die Filme mit den beiden zunächst nicht, so viel kann man zumindest festhalten – aber sie hatten den Westen in den Osten transzendiert, denn Schmücke war vom Auftritt und seinen Attitüden her selbst eher ein Wessi – nicht sein Darsteller Jaecki Schwarz allerdings. Ja, der kaputte Vertreter wird manchem in den damals noch recht neuen Bundesländern eine Genugtuung gewesen sein, aber letztlich war er ein Opfer wie alle anderen. In diesem Film gibt es wirklich keinen einzigen Gewinner. Nicht einmal Grawe, der den Fall trotz seiner persönlichen Verstrickung löst –  denn wer schickt schon gerne seine hübsche Nichte ins Kittchen? Das dampft alles ganz schön und wirkt gar nicht so unrealistisch. Bis auf das Aufhängen am Strommast sehen wir in dem Film nur Elemente, die so vorkomme können. Wo werden wohl die vielen Frauen herkommen, die damals in der Zeitung inseriert haben und sich heute im Netz anbieten? Manche sogar aus dem Studentenmilieu, vor allem im Escortbereich, aber eben auch viele Hausfrauen, die dazu beitragen, in den Zeiten des Sozialabbaus ihre Familien mit Sexarbeit über Wasser zu halten.

Dass allerdings die Kinder gewusst hatten, dass sich die Mutter immer mal wieder eine blonde Perücke überzieht und im Latexkostüm unterwegs ist und dass sie den Mord an ihrem eigenen Vater mitbekommen haben, ohne schier verrückt zu werden, ist schon krass. Und noch mehr, dass sie den smart aussehenden Blender namens Rainer so schnell als Schutzengel adaptieren, der sozusagen gemeinsam mit der Mutter den Vater umbringt. Der Vater muss wirklich ein Schwein gewesen sein. Ein wenig echot der Film noch die Vorgabe aus der DDR-Zeit, dass Menschen mit etwas mehr Stil und Schliff generell Miesnicks sind. Dass die Männer im Osten konsequent in die Verprollung getrieben wurden oder dem Ruf nach dem rohen Arbeiterhelden gerne gefolgt sind, hat vor allem den Frauen gar nicht so gut gefallen, wie unsere Berliner Erfahrungen belegen.

Der Beginn der Handlung ist ziemlich seltsam. Der Vertreter Asch hätte sich doch wenigstens fragen können, wieso die nackte Frau im Wald kein Auto hatte, wo sie doch vorgab, auf einem Autobahnparkplatz überfallen worden zu sein. Später erscheint das logisch, weil sie von den beiden Möchtegern-Zuhältern abgesetzt wurde. Aber erst einmal für den Zuschauer. Ein paar Teile dieses Plots, schien uns, waren für den Hamburg-Krimi „Liebedingshunger!“ gecovert worden, der etwa zehn Jahre später entstanden ist. Nämlich der mit den beiden Zuhältern, die Frauen nachspüren, welche auf eigene Rechnung Liebesdienste anbieten und versuchen, sie in ihren Geschäftsbereich einzugliedern, wenn es sein muss, unter Anwendung von Gewalt. Seit der Legalisierung der Prostitution ist das hoffentlich nicht mehr so einfach.

Auch wenn in diesem Film die Ostbefindlichkeit nicht so verbalisiert wird – außer in einem Moment zwischen Grawe und Asch an der Theke – trist, geradezu trostlos ist der Film doch, wegen des menschlichen Panoramas, das wir angerissen haben. Heute wirkt die Atmosphäre der MDR-Polizeirufe oft dräuend und stark stilisiert, aber uns lässt das oft ziemlich kalt, weil es ja auch eine kalte Form der Inszenierung ist. Die Typen, die recht echt wirkenden Menschen in „Grawes letzter Fall“ hingegen machen uns nachdenklich. Wir waren nicht hingerissen oder stark emotionalisiert, beim Anschauen, aber da war doch ein ziemliches Trauergefühl, das weniger einer einzelnen Person galt als den gesamten Umständen.

Finale

Andreas Schmidt-Schaller, den Darsteller von Thomas Grawe, kannten wir zunächst nur als Vater von Petra Schmidt-Schaller, die in einigen Episodenrollen und dann als Kommissarin  Lorenz an der Seite von Falke in Hamburg / bei der Bundespolizei im Tatort eingesetzt wurde. In den 2010ern, also sehr spät, stellte sich heraus, dass Schmidt-Schaller IM war, aber dadurch, dass es so spät bekannt wurde, tat es seiner Karriere keinen wesentlichen Abbruch. Dass er sich im neuen Tatort-Konzept mit Schmücke und Schneider nicht wiederfand, steht ebenfalls in der Wikipedia, aber wir hoben genug direkt zitiert. Konzeptionell hat man die beiden nicht als Ermittler präsentiert, die das Rad neu erfinden sollen, aber wenn sie schon als Nachfolger feststanden, während „Grawes letzter Fall“ gedreht wurde, war die obige Aussage von Schmidt-Schaller wohl auch eine Schutzbehauptung zwecks Gesichtswahrung, denn die beiden Hauptrollen waren schon an zwei Typen vergeben, die anders ticken als Grawe. Grawe an der Seite von Schmücke, das können wir uns z. B. überhaupt nicht vorstellen. Dennoch: 32 Fälle, zunächst überwiegend in der zweiten Reihe hinter Fuchs und Hübner, dann zusammen mit Zimmermann (Lutz Riemann) zu deren Nachfolgern aufgebaut, dann wurden alle von der Wende überrascht, dann eben doch als Hauptermittler, das ist schon eine Zeit und es ist auch eine Leistung gewesen, die Wendezeit zu überstehen.

Fuchs und Hübner bzw. deren Darsteller waren schon verstorben, als „Grawes letzter Fall“ gedreht wurde. Aber der letzte Ermittler, der noch in der DDR angefangen hatte, war Grawe nicht – das war der knorrige Kommissar Beck, für den zwei Jahre später Schluss war.

7,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Christian Steinke
Drehbuch Wolfgang Brenner
Produktion Hans-Werner Honert
Musik Rainer Rohloff
Kamera Jürgen Heimlich
Schnitt Margrit Schulz
Besetzung

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