Oben und unten – Tatort 730 #Crimetime 774 #Tatort #Berlin #Ritter #Stark #RBB #oben #unten

Crimetime 774 - Titelfoto © RBB, Julia Terjung

Vorwort 2020

Wir machen es wieder mal – eine Rezension im Original zeigen, aber versprechen auch, dass es nun mit diesen quasi unveränderten Republikationen dem Ende entgegen geht – denn wir haben nun das Jahr 2011, in dem die Tatortanthologie begann, fast abgeschlossen. Mittlerweile sind die Kritiken für Tatorte in das Feature „Crimetime“ eingegliedert. In diesem Fall hat uns die „pure“ Darstellung aber auch gereizt, weil es die sechste Rezension für die TatortAnthologie überhaupt war und die erste für einen Berliner Tatort. Die Rezension hat auch deshalb für uns Nostalgiewert, weil wir uns ziemlich dezidiert zur damaligen Masche der Berlin-Tatorte geäußert haben. Einzig die Rechte am Titelbild (ein Titelbild gab es ganz zu Anfang der TatortAnthologie nicht) und für den Text haben wir jetzt beigefügt.

Folge 730, Erstausstrahlung 19.04.2009, gesehen auf SWR, 19.04.2011

Handlung:

I.Ein Toter in der U-Bahn ruft die Kommissare Ritter und Stark auf den Plan. Es handelt sich um den Bauunternehmer Horst Baumann, der bereits in der Vergangenheit durch eine spektakuläre Firmenpleite ins Licht der Öffentlichkeit gerückt war. Nach einem längeren Auslandsaufenthalt ist dieser wieder nach Berlin zurückgekehrt, um mit Hilfe seiner attraktiven Frau Alissa und dem undurchsichtigen Kompagnon Alsfeld Immobilien zu sanieren.

Die Ermittlungen bringen die Kommissare schnell auf die Spur des seinerzeit durch die Pleite ruinierten Handwerkers Rothe. Hatte dieser sich an Baumann rächen wollen?

Während Stark erfährt, dass es in der Ehe zwischen Alissa Baumann und dem Mordopfer kriselte und eine heftige Auseinandersetzung dem Mord vorausgegangen war, führt Ritter die Suche nach dem Mörder zurück an den Tatort: In die U-Bahn Katakomben von Berlin. Bei seinen Nachforschungen trifft er auf Daniel, der als Betreuer mit schwer erziehbaren Jugendlichen illegale Touren in das unterirdische Labyrinth unternimmt. Doch nicht nur dieser kennt sich hier aus. In dem Geflecht aus Gängen und Schächten trifft Ritter auf den schrägen Künstler und Einsiedler Gregor. Sowohl Daniel, als auch der Künstler scheinen hier ein dunkles Geheimnis zu hüten.

Licht in die Ermittlungen könnte die Obdachlose bringen, die sich der Ermordete anhand einer Video-Aufnahme immer und immer wieder angesehen hatte. Doch wer ist sie? Und wo ist sie? Ritter und Stark stehen über- und untertage vor einem Rätsel…

II.Die Geschichte spielt in den Katakomben von Berlin, in den U-Bahn-Schächten, die Berliner „Unterwelt“ im geographischen Sinne. Es geht um den Tod eines Bauunternehmers, um einen originellen Künstler, der in den Katakomben lebt und eine Gruppe Jugendlicher, die dort ihre Parties feiert (Zusammenfassung der Handlung aus Tatort-Fundus).

Kritik:

  1. Das Ermittlerduo Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic)

Die sechste Tatort-Rezension bringt uns nun in die Wahlstadt des Wahlberliners und damit zum Ermittlerduo Ritter / Stark. Zwanzig Fälle haben die beiden bislang miteinander gelöst, „Oben und unten“ war davon die Nummer 16.

Wir geben zu, dass wir uns jedes Mal neu an diese beiden sehr unterschiedlichen Typ gewöhnen müssen. Das fängt bei der optischen Ausstattung an. In Berlin gilt eine Mindestkörpergröße von 165 cm für männliche Polizisten. Möglich, dass dieses in Ausnahmefällen nach unten durchbrochen wird. Das könnte ja auch bei Felix Stark so gewesen sein. Trotzdem weist das auf ein Grundproblem hin, nämlich die Glaubwürdigkeit als „Bulle“. Gerade in einer Stadt, die sehr viel Spannung aufweist, in der es recht gewalttätig und zuweilen archaisch zugeht, ist eine solche Kommissarsfigur wie Felix Stark schon aus körperlichen Gründen ein echtes Abweichungsmodell.

Zum Ausgleich ist er, wie zum Beispiel in Tatort 730 oft sehr kombinationssicher, in einigen Situationen beinahe hellseherisch veranlagt. Er erkennt zum Beispiel sofort, wenn jemand lügt. Das möchte jeder können und würde dafür vielleicht gerne den einen oder anderen Zentimeter an Körpergröße opfern.

Aber: Stark / Aljinovic sympathisch ist ein guter Schauspieler, mit einer differenzierten, nie im Übermaß eingesetzten Mimik und guten, kleinen Gesten ausgestattet. Wenn er vor einem Verdächtigen steht und die Kamera auch schön die Größenunterschiede spiegelt (indem sie, wenn sie auf die andere Figur hält, von unten filmt, hingegen, wenn die Figur mit Stark spricht, von oben) hat er durch seine konsequente und fordernde Art zu fragen, eine hinreichende Präsenz. Die zu entwickeln war sicher nicht ganz einfach.

Till Ritter / Dominic Raacke hingegen ist weniger differenziert, dafür eine sehr präsente Polizistenfigur. Manchmal machohaft, oft verdrießlich, sein grundsätzlicher Gesichtsausdruck tendiert in diese Richtung, und diese Attitüde steht einem Kommissar nun einmal, der täglich mit den Verbrechen der Großstadt konfrontiert wird. Ein Privatleben hat er in 730 nicht, allerdings gibt es andere Folgen, in denen er als Figur stärker in den Vordergrund rückt.

Beide agieren unkonventionell, wobei Stark der Systematiker ist, zumindest in Folge 730, und für die eher technischen Seiten der Ermittlungsarbeit zuständig.

Beide treten aber in 730 hinter eine sehr elementereiche Handlung zurück, und die Situationen, in denen sie zusammenwirken (wie der Leichentransport-Test in einer U-Bahn-Station) haben einen Touch von aufgesetzter Kumpelhaftigkeit. Ansonsten sind beide viel allein unterwegs. Dazu sind die Ermittlerteams im Grunde nicht gemacht. Weniger deswegen, weil vier Augen möglicherweise mehr sehen als zwei, sondern vor allem, und das ist ja gerade in der Großstadt nicht unwichtig, damit die Ermittler sich in gefährlichen Situationen gegenseitig helfen können. Wie Ritter alleine in den Katakomben herumläuft, das wirkt zwar schön Einsamer-Wolf-mäßig, aber nicht sehr realistisch.

Das Teamkonzept ist der körperliche und charakterliche Gegensatz. Keine harmonische Ergänzung, wie Batic / Leitmayr in München, keine Funken sprühende Hassliebe, wie Thiel / Börne in Münster.

Die beiden mögen sich, aber man wir das Gefühl nicht los, sie leben in verschiedenen Welten und könnten privat nicht miteinander befreundet sein. Zumindest würde das nicht echt wirken. Mit der Wirkung der beiden als Team erden wir uns in kommenden Rezensionen weiter beschäftigen. In 730 gibt es zu viel zur Handlung zu schreiben.

  1. Berlin als Tatort

Berlin ist in den hiesigen Tatorten immer irgendwie Berlin-Mitte mit den großen Bauten am Potsdamer Platz, den großen Straßen, wie der Straße des 17. Juni, und wenn Ritter in den Untergrund steigt, dann natürlich so, dass man im Hintergrund das Brandenburger Tor sieht. Wir würden uns wünschen, dass Berliner Tatorte endlich kiezig werden und nicht immer diese Hauptstadtattitüde, wo immer Menschen zwischen riesigen Kulissen ganz klein werden, wie eine Monstranz vor sich her getragen wird. Die Katakomben mal zu zeigen, ist sicher eine gute Idee gewesen und es gibt ja auch eine Menge dazu zu schreiben und zu sagen. Wer mehr wissen will, kann sich beim Berliner Unterwelten e. V. informieren und durch die Welt unter unserer Wahlstadt führen lassen.

  1. Handlung

Das Drehbuch stammt, ungewöhnlich genug, von Natja Brunckhorst, die zu Beginn der 80er Jahre als Christiane F., als Kind vom Bahnhof Zoo, zu Ruhm gekommen, aber seitdem als Schauspielerin nicht mehr stark hervorgetreten ist.

Wir werten deshalb das Drehbuch aber nicht anders, als wenn es ein professioneller Drehbuchautor geschrieben hätte. Schließlich wollen wir professionell unterhalten werden.

Da wird nun also der Bauunternehmer Baumann (sehr originelle Namensgebung) ermordet aufgefunden, in einer U-Bahn sitzend. Aber es dauert ewig lang, bis alle Hintergründe seiner Person ermittelt sind. Baumann ist nach der Pleite ab nach Südamerika, kommt später zurück und macht wieder Bau. Bauträger sein ist eine Sucht, wir kennen reale Fälle dieser Art, insofern okay. Auch die Verjährung von Gläubigeransprüchen im Bauwesen ist richtig dargestellt.

Dass er aber, viel wichtiger, einen Sohn aus erster Ehe hatte, überrascht die Ermittler nach mehr als der Hälfte des Films, als ob so etwas nicht einfach in den Unterlagen stehen würde, die es über ihn gibt. Das ist das erste, was ärgert, denn die wichtige Figur des Sohnes wird dadurch viel zu spät als solche kenntlich. Das dient dazu, den Zuschauer möglichst lange im Unklaren zu lassen, wirkt aber unglaubwürdig.

Immerhin soll Baumann einen der größten Bauskandale der Stadt verursacht haben, zehn Jahre, bevor er umgebracht wird, er ist, wie man auch im Verlauf des Tatortes sieht, gut in vielen Zeitungsartikeln dokumentiert. Selbst dort wird auch etwas über sein Privatleben gestanden haben. An der Person Baumann entlang wird insgesamt viel zu wenig ermittelt.

Wie Baumann nun wieder das Überwachungsvideo kommt, das er sich immer wieder angesehen hat und das seine Exfrau beim Sammeln von Plastikflaschen mit Einkaufswagen zeigt, wird nicht schlüssig erklärt. Dafür befiehlt Stark dem guten Kriminaltechniker Weber (dem mit dem Kleber), hopphopp ausfindig zu machen, wer die Frau auf dem Video ist, also ob das so einfach wäre, bei einer nicht öffentlichen Person und nur auf technischem Weg. Ist es aber, im Tatort 730, denn prompt erhält Stark die Adresse und weiß dann auch, dies ist Baumanns Exfrau.

Ein weiterer Punkt ist der Verdächtigenkreis um die Bauaktivitäten des Baumann. Nicht, dass es unter Geschäftsfreunden und ehemaligen Geschäftspartnern nicht zu Verwerfungen kommen könnte, aber ein Mann wie der Handwerker Rothe (Bruno Apitz), der einst von Baumann in die Pleite getrieben wurde, klebt sich die Wohnung von voll mit Baumann-Artikeln, hasst ihn wie nichts auf der Welt, hat aber letztlich so viel mit dem Mord zu tun wie Oma Watzke von nebenan. Er ist von Baumann besessen, aber alles verpufft. Eine falsche Fährte, die im Grunde den Zuschauer verarscht, weil man die psychologische Führung der Figur ganz aus dem Spiel genommen hat.

Dann haben sich angeblich alle Handwerker von der Baumann-Pleite, die Forderungsausfälle nach sich gezogen hat, erholt. Nur dieser Rothe nicht, verflixt. Klar, sonst hätte man ja in diesem Milieu viel mehr nachforschen müssen. Realistisch ist das nicht. Wenn große Bauträger fallieren, gibt es viele Leute, die wahrlich Rechnungen offen haben und auf böse Gedanken kommen könnten. Zu kurz gesprungen, dabei hätte diese Schiene schon zur Entwicklung eines guten Krimis ausgereicht.

Und damit sind wir bei den Bauten selbst. Wir wissen nicht, wer so freundlich war, seine echten Objekte für den Dreh zur Verfügung zu stellen (leider waren wir dort bisher nicht, aber es ist eines der vielen „Höfe-oder-Loft-Projekte“). Jedenfalls musste derjenige, der den Dreh genehmigt hat, viel Contenance aufbringen. Ein möglicher Tathintergrund wird nämlich dadurch geschaffen, dass alle diese Bauten schwerwiegende Mängel aufweisen und gar nicht hätten bezogen werden dürfen, aber trotzdem verkauft wurden und bewohnt werden. Der Geschäftspartner, der angebliche Strohmann für Baumann, Edgar Alsfeld (Hansjürgen Hürrig), hat daran schwer zu tragen und würgt auch schon mal Frau Baumann ein wenig, obwohl er sonst kühl und berechnend rüberkommt – und bleibt frei.

Er wird beim Würgen ertappt und zur Polizei verbracht, aber Frau Baumann erstattet keine Anzeige. Geht ab, würde man auf der Bühne sagen, und wurde nicht mehr gesehen. Fährtenlinie Endstation. Selbst für Berliner Verhältnisse und angesichts vieler Bauskandale auf der früheren Insel der Seligen ist Vieles hier unglaubwürdig.

Was die Baumängel angeht: Ob das hier ein denkmalgeschütztes, saniertes Ensemble ist oder neu gebaut, solchermaßen gravierende Schäden würden bei keiner Abnahme übersehen. Und das weitere Fass, dass die Prüfpersonen erheblich geschmiert worden sein müssten, damit so etwas doch durchgeht, ist nicht aufgemacht worden. Zum Glück.

Die Motivation des halbwüchsigen Sohnes, der Baumann wirklich umgebracht hat, wird hingegen nicht klar hergeleitet. Wieso gerade jetzt? Der äußere Anlass dafür ist nicht erkennbar. Überhaupt kommt diese familiäre Angelegenheit, das jetzt ganz unten leben der früheren Bauunternehmersgattin, zu kurz, weil zu viele falsche Fährten gelegt werden, die zu viel  Zeit in Anspruch nehmen. Wie zum Beispiel diejenige, die zum Untergrundkünstler Gregor Sasmussen (Harald Schrott) führt. Eine schräge Figur, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Da malt er in der Untersuchungszelle einen Hirsch auf den Boden, Stark fotografiert den Hirsch, der Hirsch hat überhaupt keine Bedeutung für gar nichts. Die Installaton im Untergrund, die man so gut symbolisch aufladen könnte, verschenktes Potenzial.

Natürlich müssen in Whodunit-Krimis falsche Fährten gelegt werden, aber hier ist das alles viel zu wirr, der Zuschauer wird nicht etwa zum Raten eingeladen, sondern permanent an der Nase herumgeführt. Dazu kommen Szenen, die in sich unglaubwürdig oder schwach sind. Oder beides. Z. B. die Sequenz, in der Stark auf Miko Baumann, den halbwüchsigen Sohn trifft, sich beim Telefonieren unnötigerweise umdreht und der Junge haut so unspektakulär ab, dass es schon wieder komisch wirkt. Dann sagt Stark hinterher zu Ritter: Hätte ich den Jungen erschießen sollen? So geht das nicht. Da wird die Handlung, um voranzukommen, in alle möglichen Situationen gepresst, in denen die Ermittler manchmal überkompetent (Stark schaut das luxemburger Au-Pair Nicole an: Sie lügen!) und manchmal unterkompetent wirken, wie diejenige, in welcher der Junge einfach davonschleicht und Stark eine gefühlte Ewigkeit braucht, um zu reagieren und in der Stark plötzlich überhaupt kein Gefühl für Situationen und Menschen  mehr hat.

Negativ ist uns auch die  Szene aufgefallen, in der Ritter den ehemaligen Handwerksbetrieb-Inhaber Rothe bei seiner Arbeit in der U-Bahn besucht und der so nervös wird, dass er eine Lampe, die er gerade einschraubt, fallen lässt und diese mit viel Getöse auf dem Fliesenboden zu Bruch geht. Ritter, schon auf dem Weg, dreht sich zu Rothe und fragt mit ironisch-großinquisitorischer Miene allen Ernstes: Nervös? In der Literatur nennt man so etwas tautologisch. In Dialog und Erzähltext wird, damit es auch der letzte Leser versteht, derselbe Tatbestand, den man durch Handlung oder Dialog hinreichend illustriert hatte, noch einmal im Erzähltext beschrieben. Auch in der Literatur gilt so etwas als Stilschwäche.

Auch im Persönlichen verläuft alles irgendwie im Sand. Zum Beispiel das Interesse von Stark an dem luxemburgischen Au-Pair Nicole (keine typische Luxemburgerin übrigens, aber das können wir hier nicht auch noch im Detail besprechen). Alles falsche Fährte und vage Emotion und Schluss.

Berlin als Kulisse soll hier Drehbuchmängel verdecken, eine Handlungsführung, die durch ihre Überfrachtung, die vielen unnötigen oder nicht vernünftig ausgeformten Elemente, das Nicht-zu-Ende-bringen vieler Stränge und Relationen inkonsequent und zusammengeschustert wirkt. Wir betonen noch einmal, falsche Fährten müssen sein, aber hier ist das erkennbar Stückwerk, beliebig herbeizitiert, nicht Teil eines geschlossenen Konzeptes.

  1. Mitnahme oder Stehen lassen

Man fühlt sich also durch die Handlung nicht mitgenommen. Und auch nicht durch die Personen. Das liegt zum einen an der Überfrachtung mit Handlungselementen, die alle Figuren zu kurz kommen lässt, aber auch daran, dass bis zum Ende niemand es schaffte, uns durch wenige, schöne Skizzenstriche als Figur zu berühren, das wäre trotzdem möglich gewesen. Auch der Sohn nicht, der sich beinahe vor die U-Bahn wirft. Er tut es nicht, und man hat es sich wenigstens verkniffen, Stark und Ritter so rechtzeitig am Bahnsteig eintreffen zu lassen, dass sie es hätten verhindern können. Auch die arme erste Frau Baumann, die zur Flaschensammlerin geworden ist, mit erloschenem Blick, kann die Emotionen nicht binden. Wir kennen solche Menschen und jedes Mal, wenn wir einem davon bei der Arbeit sehen, denken wir darüber nach und es berührt uns, wie es dazu kommen konnte, dass Menschen solch ein Leben führen. In „Oben und unten“ lässt es uns merkwürdig kalt.

Das liegt an den oben beschriebenen Umständen, aber auch an einem Effekt, der über den Tatort 730 hinausgeht. Obwohl Berlin eine so vielseitige Stadt mit wunderbaren, sehr emotionalen Typen ist, kommt das in den Berliner Tatorten nicht zum Tragen. Das ist eine Frage der Grundkonzeption. In jeder Provinz sind uns Tatort-Figuren begegnet, die wir mochten oder ablehnten, die aber eine Haltung hervorriefen. Hier nicht. Zumindest die neueren Berliner Tatorte, die wir bisher gesehen haben, sind seltsam unterkühlt. Die Hauptstadt soll wohl so wirken, dabei ist Berlin keine coole Stadt, Hamburg eignet sich für kühlen Glanz zum Beispiel viel besser. Besonders in Berlin wirkt die Art, wie Menschen gezeigt und Locations eingesetzt und gefilmt werden, glatt, oberflächlich, blutarm. Es liegt nicht grundsätzlich an schlechten Schauspieler-Leistungen, zumal die Berliner Tatorte oft prominent besetzte Nebenrollen aufweisen. Ganz gewiss könnte man dem Team andere Drehbücher schreiben und die Regie könnte andere Akzente setzen.

Aber weil das in 730 nun einmal nicht so ist, kratzt uns leider das „Oben und unten“-Thema, in dem sich symbolisch die hohen Häuser und Bauprojekte mit den Katakomben und die hohen und die niederen Bevölkerungsschichten spiegeln, relativ wenig. Es ist alles nur angerissen, alles nur erwähnt, man würde fast sagen, alles nur geklaut, um einen Effekt zu erzielen. Falls man in diesen Tatort besonders viel hineinpacken wollte – gewollt ist nicht immer gekonnt.

  1. Fazit

Von den sechs bisher rezensierten Tatorten eindeutig der schwächste: 5/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

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