Ein andalusischer Hund (Un chien andalou / Un perro andaluz, FR 1929) | 5 Stimmen | #Filmfest 214

Filmfest 214 B "Concept IMDb Top 250 of All Time" (14)

2020-10-08 Filmfest BSchon wieder gibt es keine Rezension.

Dabei bin ich mir sicher, dass ich die Sensation mit dem zerschnittenen Auge schon gesehen habe. Vielleicht war es auch in einem Feature über Luis Buñuel, den surrealistischen Regisseur, der mit diesem Werk schlagartig bekannt wurde.

Man kann auch sagen, er hat nur 16 Minuten gebraucht, um Weltruhm zu erzielen, denn länger dauert der Film nicht. Damit dürfte dieser One-Reeler auch der kürzeste Streifen sein, der jemals Eingang in die IMDb Top 250 fand. Mit aktuellen 7,7/10 ist seine Bewertung allerdings stärker zurückgegangen als bei allen anderen Filmen unserer Ausgangsliste, die heute nicht mehr in den IMDb Tops vertreten sind, die und die bisher auf dem Filmfest vorgestellt wurden. Mein Gefühl ist, diese Stellung wird ihm noch für eine Zeit erhalten bleiben.

Dafür kann es viele Gründe geben, man müsste alle 970 Filme auf der Liste Filme analysieren, um eine Abhandlung über den Wandel des Filmgeschmacks seit dem Launch im Jahr 1999 schreiben zu können. Es ist auch nicht so, dass schockierende Darstellungen in den letzten Jahren weniger beliebt wären, wie man vielleicht in den 1990ern hätte denken können, als alles viel mehr auf Harmonie nach dem vorgeblichen „Ende der Geschichte“ ausgelegt schien und romantische Komödien sich großer Beliebtheit erfreuten.

Vielleicht geht allmählich das Gefühl für das Exorbitante verloren, das der Film früher ausgelöst hatte oder der Zugang zu seiner Sprache. Er ist also nicht so universell-überzeitlich, wie der eine oder andere vielleicht glaubte. Wie geschrieben, das ist nur eine Möglichkeit – eine weitere biete ich noch an: Die Menschen werten mehr nach Gefallen und nicht nach dem, was die Kunstwelt vor 90 Jahren dachte und sagte. Ein wenig Urteil wollen wir anhand des Wikipedia-Eintrags zu „Un chien Andalou“ aber  zeigen und den Film des Weiteren auf „Vorlage“ setzen.

Zunächst ein paar Worte von den Machern:

„Der Film erzielte die von mir erwarteten Resultate. Er machte an einem einzigen Abend zehn Jahre pseudointellektuellen Nachkriegsavantgardismus zunichte. Dieses schändliche Zeug, das man abstrakte Kunst nannte, fiel uns auf den Tod verwundet vor die Füße, um nie wieder aufzustehen, nachdem sie gesehen hatten, wie das Auge eines Mädchens von einer Rasierklinge durchschnitten wird. In Europa war kein Platz mehr für die manischen kleinen Rechtecke von Herrn Mondrian.“ – Salvador Dalí: The Secret Life of Salvador Dalí

„‚Ein Erfolgsfilm‘, werden die meisten denken, die ihn gesehen haben. Doch was vermag ich gegen diejenigen, die geil sind auf alles Neue, selbst wenn es ihren tiefsten Überzeugungen ins Gesicht schlägt, gegen eine Presse, die unaufrichtig oder käuflich ist, gegen dieses stumpfsinnige Pack, das ‚schön‘ oder ‚poetisch‘ gefunden hat, was im Grunde nur ein verzweifelter, ein leidenschaftlicher Aufruf zum Mord ist.“ – Luis Buñuel: La Révolution surréaliste

Und hier, wie heute oder später über das Werk gedacht wird bzw. wurde, selbstverständlich auszugsweise:

„Der Schnitt, der in dieser legendären Eröffnungsszene das Auge durchtrennt, wird letztlich nicht vom Rasiermesser, sondern von der filmischen Montage ausgeführt. Auf geniale Weise verschränken sich hier Form und Inhalt: erst der Filmschnitt gebiert den Schnitt durchs Auge, der wiederum den Filmschnitt symbolisiert. Denn wie das Messer das Organ der Erkenntnis durchtrennt, so zerschneidet die Montage die narrative Kohärenz des Filmes. Und so wie der Mann seine Rasierklinge an das Auge der Frau legte, legten Buñuel und Dali ihre Klingen an das Auge des Zuschauers.“

Stefan Volk: Skandalfilme[6]

„So überraschend, wie gerne behauptet wird, ist der Schnitt durchs Auge nämlich gar nicht. Vielmehr wird der Zuschauer präzise darauf vorbereitet und das mit absolut klassischen filmischen Mitteln […] Das Erschreckende dieses Anblicks beruht gerade nicht darauf, dass er uns vollkommen unvermittelt trifft, sondern vielmehr dass wir ihn bereits beim Bild des geteilten Mondes ahnen. Was als grosser Tabubruch in die Filmgeschichte eingehen sollte, ist zugleich das Schulbuchbeispiel eines Match Cut. […] Der surrealistische Überraschungseffekt von Un chien andalou entspringt somit erst aus einer absoluten Beherrschung der gängigen Erzähltechniken des Kinos.“

Johannes Binotto: Für ein unreines Kino: Film und Surrealismus[7]

„Ein Klassiker der Filmkunst, an dessen Drehbuch der surrealistische Maler Salvatore Dali mitwirkte. Thematisch nicht durchaus erfreulich, in der surrealistischen Gestaltung kühn und einfallsreich. Von hier aus gesehen nicht nur filmhistorisch interessant.“

Selbstverständlich ist der Film eine Empfehlung, das behaupte ich von allen, die jemals in der IMDb die Stellung unter den Top 250 err eicht hatten. Außerdem kann man damit prima ausprobieren, ob man es schafft, eine Viertelstunde lang den Atem anzuhalten. Und es später mal mit einem längeren Film von Buñuel zu versuchen, darunter sind weitere außergewöhnliche und eindrucksvolle Werke.

TH

Regie Luis Buñuel
Drehbuch Salvador Dalí,
Luis Buñuel
Produktion Luis Buñuel,
Pierre Braunberger
Kamera Albert Duverger
Schnitt Luis Buñuel
Besetzung

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