Zwei Brüder – Polizeiruf 110 Fall 324 #Crimetime 778 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Brandenburg #Lenski #Krause #RBB #Bruder #Brüder

Crimetime 778 - Titelfoto © RBB, Oliver Feist

Lange nach den zwei Schwestern

„Zwei Brüder“ ist der zweite Film von Olga Lenski, ihren Einstand „Die verlorene Tochter“, den wir kürzlich rezensiert haben. Ihre Darstellerin Maria Simon hat nun einen echten kleinen Babybauch und wird im Folgefilm „Die Gurkenkönigin“ eine Auszeit einlegen, wodurch Sophie Rois die Gelegenheit bekommt, eine Polizeiruf-Kommissarin darzustellen. Aber im Polizeiruf 324 geht es nicht darum, dass zwei Brüder sich darum streiten, wer der Vater von Lenskis Ungeborenem ist oder wer künftig das Familienglück mit ihr teilen will. Vielmehr taucht der echte Vater zwar auf, aber – was wird am Ende sein? Der Film macht da einen seltsam wirkenden Cliffhanger auf. Felix ist aber nicht einer der Brüder. Über sie schreiben wir mehr in der -> Rezension.

Handlung

Der erfolgreiche Pferdezüchter Karl Hartmann wird auf seinem Gestüt ermordet. Hauptkommissarin Olga Lenski und Polizeihauptmeister Horst Krause werden misstrauisch, als die Ehefrau des Toten, Charlotte Hartmann, und die beiden Söhne Dennis und Markus angeben, nichts mitbekommen zu haben.

Lenski und Krause ermitteln in einem Milieu, in dem das Leben eines Pferdes mehr zu zählen scheint als das eines Menschen. Lenski und Krause sind empört darüber, in welchem Ausmaß die Tiere den Anforderungen und den Zwängen des Zuchtbetriebs ausgeliefert sind. Als sich herausstellt, dass der Zuchthengst Merkur, das wertvollste Pferd im Stall, verschwunden ist, gerät Tierarzt Dr. Lutz in den Fokus der Ermittlungen. In Vorbereitung auf das große Turnier, auf dem auch Merkur antreten sollte, kümmert er sich besonders intensiv um die Tiere. Nach und nach zeigt sich, dass der Tote wenig Freunde und Vertraute hatte.

Die Rückkehr in ihre alte Heimat gestaltet sich für Olga Lenski nicht ganz so problemlos, wie sie sich das vorgestellt hat. Ein guter Freund, den sie in Wiesbaden zurückgelassen hat, reist ihr nach und konfrontiert sie mit existentiellen Lebensfragen – die sie am Ende für sich zu beantworten weiß.

Rezension

Von ebenjener Antwort haben wir nichts mitbekommen. Man hat doch wohl nicht wieder ein Schlussbild oder einen Satz geklaut? Aber wir können’s uns schon denken. Weil der Felix so angefasst ist. Da helfen auch lange Abende mit viel Mansplaining in der Außengastronomie des schönen brandenburgischen Umlands nix. Lenski will wohl lieber alleinerziehende Mutter werden als sich das häufiger als notwendig anhören. Und mit Hauptmeister Krause eine schöne Zeit verleben, denn das kann man, wenn man ihn respektiert. Bis auf seine eigenständige Tour bei der Verfolgung des Ex-Stallmeisters und eines der beiden Brüder klappt die Zusammenarbeit zwischen den beiden schon im zweiten Anlauf reibungslos. Ach ja, das angedrohte Knöllchen fürs unerlaubte Parken vor dem Präsidium in Potsdam. Krause bringt die Alleintour gut zu Ende, manchmal wird er ja leider seine Dienstwaffe los, wenn er versucht, durchzugreifen. So im oben erwähnten Nachfolger „Die Gurkenkönigin“. Und am Ende lädt er Lenski zum Eis essen ein. Fährt vor ihr los und knattert, alsbald schon hinter ihr zurückliegend, mit seinem ukranischen BMW-Nachbau in den Sonnenuntergang.

Aber, ach! Wenn nur alle so gut mit ihren Entscheidungen klarkämen. Der Herr Hartmann zum Beispiel kann sich nie outen, dafür outet seine Frau die Beziehung zum Apotheker, die er nebenbei führt. Damit ist die Katastrophe begründet. Die zwei Brüder sind übrigens seine Söhne, die untereinander einen Konkurrenzkampf ausfechten und sich beide dem Vater beweisen wollen. Und die Mutter stürzt durch eine blöde Aktion des älteren Sohnes vom Pferd, lange, lange  Zeit, bevor dies Handlung dieses Films einsetzt, nun geht die einstige Leistungssportlerin am Stock. Aber um ihren Mann voller Wut zu erschlagen, reicht die Kraft durchaus noch. Wieder einmal eine Familienaufstellung, in der alle Figuren nichts als innere Probleme haben. Dargestellt mit diesen mittlerweile legendären Brandenburg-Symphonien aus Farbe und Form. Deutschland hat wirklich viele schöne Ecken, aber wie der RBB das Berliner Umland filmt, das ist ein einziger fortlaufender Werbeclip, der Brandenburg exzeptionell wirken lässt – zumindest war das in der Zeit von Krause so, an der polnischen Grenze, wo Lenski jetzt arbeitet, wird eher das Öde und Verlassene hervorgehoben. Zurück ins Jahr 2011: Roter Mohn und blaue Dingsbumsblumen dazwischen, Weizenfelder, hochstehend wie im 19. Jahrhundert. Vermutlich hat man die Darsteller sich hineinknien lassen, damit das malerischer aussieht.

Was aber fehlt, ist der große Einklang zwischen Natur und den Lebensmodellen, die sich Menschen suchen,  die Korrespndenz mit der Natur, den wir in „Käfer und Prinzessin“ sahen. Das sit ein sehr romantischer Film, ohne zu sentimental zu wirken. In „Zwei Brüder“ ist das Pittoreske doch mehr Garnitur, im Grunde hätte der Film in jedem Milieu und auch in der Stadt spielen können. Aber: Pferde! SIcher ein Frauenfilm, denn er beginnt damit, dass die Kamera einem Pferd tief ins unergründliche Auge schaut und das Pferd schaut zurück. Außerdem ist das Schicksal einer Frau im Grunde wichtiger, denn die frühere Dressurreiterin ist nicht nur die Täterin, sondern auch die emotionale Klammer der Familie, mit der unter anderem Kain und Abel gespielt wird – nicht ganz, der eine tötet den anderen ja nicht, aber immerhin kommt es zu einer Schlägerei, in der sich der Jüngere nicht wehrt. Also eher zu einem einseitigen Gewaltakt. Die Darstellungen sind zurückhaltend, wie zu Beginn der 2010er üblich, auch wenn es den einen oder anderen Outburst gibt. Nebenbei erfahren wir, dass man Pferde, genau wie Radsportler, mit EPO dopen kann. Guter Trick: Man stellt einen zu dem Zeitpunkt schon bekannten Tatbestand als Novität dar, weil er vielleicht für Kommissarin Lenski eine solche ist:

  • Im Mai 2009 wurde von einem Dopingfall in Kanada berichtet, bei dem der Eigner Ross C. Siddall aus Windsor (Ontario) unter Mithilfe eines Tierarztes seinem Pferd Jojos Image das EPO-Präparat Aranesp (Darbepoetin α) verabreicht hat. Siddall wurde von der “Ontario Race Commission” mit Sitz in Toronto für 10 Jahre suspendiert und zu einer Geldstrafe von 40.000 CAD verurteilt.
  • Anfang August 2009 wurden Dopingfälle mit EPO-Präparaten (darunter auch Darbepoetin α) bei mindestens zwei Rennpferden im australischen Bundesstaat Victoria bekannt, infolge derer mindestens ein nicht namentlich genannter Trainer eine Sperre von sechs Jahren erhielt.

Ob „Zwei Brüder“ dem Duell aus „Zwei Schwestern“ nachgebildet ist oder ob man den Titel angelehnt hat, im Wissen um die Polizeiruf-Historie, wissen wir nicht, aber der 324. Polizeiruf besticht durchaus durch Realismus und Drama. Alles, was wir sehen, ist möglich und kommt sicher auch vor. Sogar, dass ein Reitstallbesitzer homosexuell ist. Für Männer sind Pferde auch in der Regel kein Frauen-Ersatz, im Gegensatz zu umgekehrt, wenn sie also merken, dass sie mit Frauen ein Problem haben, können sich nicht ohne Weiteres auf Säugetiere ausweichen, von denen das Gerücht geht, sie seien nicht die hellsten Kerzen auf der Säugetiertorte, weshalb sie auch, anders als beispielsweise Katzen, jeden Quatsch mitmachen, der von ihnen verlangt wird. Zum Beispiel als emotionaler Anker zu dienen und damit durchaus der üblichen menschlichen Nutzlogik unterstellt zu werden, die er Tieren gegenüber pflegt. Aber so gesehen, trifft Ähnliches auf zwischenmenschliche Beziehungen ebenfalls zu. Außerdem könne Pferde abschmeißen.

Dramaturgisch ist „Zwei Brüder“ ebenso ein typischer Brandenburg-Krimi wie visuell. Wo ein Krause knattert, kann unmöglich Überschallgeschwindigkeit vorherrschen. Es ist Programm, dass die Filme, ähnlich wie die Bodensee-Tatorte, die nicht durch ein  langsames Dienstgefährt symbolisch auf dem Boden der Realität bleiben, nicht eine einzige Hatz darstellen. Weil das nicht so ist, kann man mehr persönliche Momente filmen und das kommt Darstellern wie Horst Krause und Maria Simon zugute, auch wenn sie manchmal in „Zwei Brüder“ etwas zu gewollt Kugelaugen macht oder sonst sehr viel Ausdruck in die Augensprache legt oder den Unterkiefer  vorschiebt, den Mund halb öffnet und ein bisschen lispelt. Das ist viel besser, als wenn jemand gar keinen individuellen Ausdruck zustandebringt. Ihre Stimme wirkt allerdings in den früheren Filmen noch nicht so prägnant wie in den aktuellen Werken. Krause ist halt immer Krause und manchmal ist er pikiert, aber er harmoniert schon im zweiten Fall nach unserer Ansicht viel besser mit Lenski als zuvor mit Johanna Herz, die ausgerechnet durch die nicht immer taktischere Behandlung von Krause etwas von der Knackigkeit oder Dezidiertheit etablieren wollte, die ihr sonst abging.

Finale

Der Fall als solcher ist ziemlich standardmäßig aufgebaut, es gibt keine großen Überraschungen oder Highlights des zwischenmenschlichen Theaters. Die Familie Hartmann macht nachdenklich, aber wenn man so oft Krimis schaut, wie wir das im Moment tun, weil wir im Galopp Polizeirufe aus 48 Jahren sichten, dann muss man auch festhalten, dass es mehr herausragende Psychodramen im großen Erbe dieser Reihe gibt. Außer mit Frau Hartmann, vielleicht auch, weil sie von Barbara Auer mit intensivem Understatement gespielt wird, hatten wir wenig Mitgefühl und dass Olga Lenski am Ende ihr Kind alleine kriegen will, fanden wir okay. Wir würden auch lieber mit Krause ein Eis essen gehen, als von Felix zugetextet zu werden. Deswegen hören wir jetzt auch auf mit Texten. Fehlt  noch die Bewertung.

7/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Nils Willbrandt
Drehbuch Stefan Kuhlmann,
Nils Willbrandt
Produktion Heike Streich
Musik Stefan Will,
Marco Dreckkötter
Kamera Frank Küpper
Schnitt Melanie Schütze
Besetzung

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