Das Mädchen Galina – Tatort 738 #Crimetime 779 #Tatort #Stuttgart #Lannert #Bootz #SWR #Galina #Mädchen

Crimetime 779 - Titelfoto © SWR, Stephanie Schweigert

Rosemarie, anno 2009

Das Mädchen Rosemarie heißt im Jahr 2009 Galina und kommt aus Kroatien. Aber der Politiker, der aufgezeichnet wird, den gibt es nach wie vor. Wird er mit den Aufzeichnungen von einem alten Studienfreund erpresst, der sein Talent zum Besorgen von Mädchen professionalisiert hat?

Wer hat das Mädchen Galina auf dem Gewissen? Der skrupellose Politiker oder der skrupellose Typ, der doch in etwa ein Zuhälter ist? Klingt nach wenig Auswahl. Ob das wirklich so ist, klären wir in der -> Rezension. Alle Angaben mit Bezug zu anderen Rezensionen oder mit Zeitbezug sind aus der Originalrezension von 2011 (damals „TatortAnthologie Nr. 52) übernommen worden.

Handlung

Thorsten Lannert und Sebastian Bootz werden aufgrund des Notrufs einer jungen Frau in ein luxuriöses Stuttgarter Apartment gerufen. Doch kaum haben sie die Leiche einer jungen Frau entdeckt, geraten die Kommissare selbst unter Beschuss.Als sie nach dem Schusswechsel in das Apartment zurückkehren, ist die Leiche verschwunden. Dennoch finden sie heraus, dass es sich um eine Prostituierte mit Namen Galina gehandelt haben muss. Der Vermieter des Apartments erweist sich auch bald als ihr Zuhälter. Er hatte allerdings kein Motiv, seine Angestellte zu ermorden. Das hat hat schon viel eher der Lokalpolitiker Högele, der die Dienste von Galina regelmäßig in Anspruch nahm.

Offensichtlich hat er ihr Hoffnungen auf ein gemeinsames Leben gemacht, an das er natürlich niemals glaubte, Galina aber umso mehr. Sie hat sich in seine Familie eingeschlichen, indem sie sich mit der halbwüchsigen Tochter angefreundet hat. Damit hat sie allerdings nicht nur die Existenz des Politikers bedroht, sondern auch die Lebensträume anderer Menschen in ihrer Umgebung zerstört.

Rezension

Der Tatort 738 „Das Mädchen Galina“ hat Vorzüge wie die überzeugenden Ermittlerfiguren Bootz und Lannert, hat einen durchaus logischen Plot, auch wenn manche Details nicht ganz ausdifferenziert und zu Ende erklärt werden, negativ sind einige Klischees und ein seltsamer Riss im Spannungsbogen zu werten, der sich im letzten Drittel des Tatortes ergibt. Eine Plotschwäche, die dramaturgisch bedingt ist, nicht wie sonst oft, auf Logikfehlern fußt.

Insgesamt aber ein überdurchschnittler Tatort mit einem Thema, das zwar bekannt ist, aber das trifft ja auf die meisten halbwegs glaubwürdigen Hintergründe zu. Es kommt darauf an, wie man es erzählt, und das Erzählerische ist, bis auf die oben angesprochene Schwäche, gut geworden. Gut ist es auch deshalb, weil das Thema Liebe in sehr vielen Facetten schön behandelt wird. Dies ist erst der dritte Bootz/Lannert, den wir rezensieren (nach „Blutgeld“ und „Grabenkämpfe„, aber von den dreien ist er der beste.

Das Grundthema Liebe. Im Prinzip ist „Das Mädchen Galina“ ein beinahe komplettes Statement zum Thema Liebe und zu Formen menschlicher Beziehungen.

Es geht um käufliche Liebe zwischen dem Mädchen Galina und dem Politiker Högele.

Es geht um starke und feste Bindungen in Liebe, wie die des Ermittlers Bootz mit seiner Frau und seiner Familie.

Aber das sind nur zwei einander entgegengesetzte Aspekte des Themas Liebe. Dazwischen liegt so viel, das deutlich zu machen, ist in „Das Mädchen Galina“ ausgezeichnet gelungen. Mehr geht innerhalb eines Krimis kaum.

Es geht um Ausnutzen, um Freundschaften, um echte und um falsche. Freundschaften sind nicht sehr tragfähig, in diesem Tatort – oder doch? Da kann man sich beim Politiker Högele und beim Zuhälter Zehender bis zuletzt nicht ganz sicher sein. Tragfähig ist aber die Freundschaft zwischen den beiden Ermittlern, die sich verfestigt und das füreinander einstehen.

Dann gibt es noch die zarte, fragende Liebe, gleich in zweifacher Form. Die Kriminalassistentin Nika verliebt sich in Minko, den Bruder des toten Mädchens Galina. Aus den kommenden Folgen wissen wir, die Sache hat sich verloren. Dann gibt es diese vorsichtige Annäherung zwischen Lannert und seiner Wohnungsnachbarin. Das wird wohl in der Schwebe bleiben müssen, Lannert ist eben nicht Bootz. Bootz ist überhaupt eine der sozial komplettesten Figuren im ganzen Tatort-Universum. Dass das Team Lannert-Bootz so beliebt ist, liegt vielleicht auch daran, dass Bootz eine Projektionsfläche für viele, viele Tatort-Liebhaber darstellt. So sollte und könnte es sein, wenn einer einen gefährlichen Beruf hat und eine Frau, die ihn wirklich liebt. Uns fällt auf Anhieb kein anderes Team ein, in dem die wichtigste Bindung eines Ermittlers so intakt ist.

Schön, wie der Titel das Thema käufliche Liebe reflektiert, indem er „Das Mädchen Rosemarie“ abwandelt und ins Tatortformat bringt. Im Gegensatz zu Rosemarie, die erst am Ende der Filme stirbt (es gibt das Original aus den 50ern mit Nadja Tiller und die Neuverfilmung aus den 90ern mit Nina Hoss), und das wirklich wegen ihrer Verwicklungen in die Politik, geht Galina allerdings gleich dahin und ist nur die obligatorische Leiche, dazu noch aus dem Wald gegraben.

Symbole und Chiffres, gefertigt aus Settings. Wenn man das Verhältnis von Bootz zu seiner Frau, in emotionalen Warmfarben dargestellt, als einen Pol ansieht, die käufliche, körperliche Liebe als den anderen, gibt es abseits davon eine Art von Beziehung, die das eine nicht sein kann und das andere bedingt. Nämlich das kalte Verhältnis des Politikers und seiner Frau, das wie eine Zweckgemeinschaft wirkt. Da wird der Film dann doch moralisch. Die halten Leute zusammen, weil sie sich etwas davon versprechen und mauern sich in ästhetisch kühlen Räumen und mit ebensolchen Objekten ein.

Das ist typische Tatort-Ikonografie. Alles, was auf eine sachliche Weise classy wirkt, trägt den Keim moralischer Verkommenheit in sich und bedeutet zudem emotionale Unterbelichtung. Die Frage ist natürlich, ob nicht zumindest an Letzterem etwas dran ist. Wer sich durch eine eisig wirkende Ästhetik ausdrückt, möchte nicht als Sozialromantiker wahrgenommen werden und diese sterile Architektur, die hier wieder einmal verwendet wird, soll Distanz schaffen. Cool ist hohl, so die Botschaft, in dem Fall des Politikers Högele wirkt es außerdem ein wenig inadäquat. Man kann davon ausgehen, dass seine Frau, die aus sehr guten Verhältnissen kommt und sich sehr darauf beruft, dieses Leben designt hat.

Überhaupt sind im Tatort 738 die Sets sehr sorgfältig entworfen worden, das fällt auf. Das einzige, was das Appartement, in dem Galina verkehrt hat und ermordet wurde, nicht ist, das ist ein Penthouse. Es wirkt wir ein ganz normales Appartement in einem Hochhaus, ist nicht schlecht, aber auch nicht überragend ausgestattet.

Dann gibt es die unprätentiöse Lebensumwelt von Bootz, in der es mehr auf die menschlichen Faktoren ankommt – und die sehr einfachen Unterkünfte der Prostituierten, in denen sie auch ihre „normalen“ Kunden empfangen. Und mittendrin einen Schrein, den sich Mareen gebaut hat für den Politiker Högele, ein Schrein, der nicht Sein ausdrückt, sondern Schein.

Viel, viel Symbolik, wieder einmal, das macht die Tatorte ja so groß, dass alles, was man sieht, mittlerweile eine Bedeutung hat. Das haben sie wirklich zur Perfektion getrieben, über 40 Jahre, und viel davon, wie soziale Verhältnisse symbolisiert werden, trägt deutlich die Handschrift des deutschen Autorenfilms, wie er  sich seit Mitte der 60er Jahre entwickelt hat. Man kann in Tatorten lesen wie in frühen Fassbinder-Filmen, wenn man will. Beinahe jeder Gegenstand, der in einem Tatort gezeigt wird, ist ein Chiffre. Das ist so überragend gut entwickelt, dass manchmal der Plot hinten runterfällt, weil man sich ja nicht auf alles gleichermaßen gut konzentrieren kann.

Der Plot fällt nicht hinten runter. Aber er hat eine seltsame Delle. Als beide Verdächtige, der Politiker Högele und der Zuhälter Zehender, in U-Haft sind und beide behaupten, sie hätten Galina nicht umgebracht – und man beiden irgendwie auch glaubt, dass sie es nicht waren, da sitzt der Plot fest. Und dann kommt diese Beisetzungszene für die Prostituierte, die irgendwie aus der Dramaturgie fällt. Und den Plot erst wieder in Fahrt bringen muss. Da merkt man deutlich, wie der Spannungsbogen Schaden nimmt. Man glaubt am Ende schon, dass die Kollegin Mareen das Mädchen Galina umgebracht hat, so, wie sie in ihren Traum verrannt ist, der Politiker Högele würde sich ihretwegen von seiner Frau trennen und dann kommt Galina und nimmt ihn ihr weg.

Was am Ende seltsam wirkt, ist, dass Laura Högele, die Tochter, Mareen, die Verblendete, provoziert, anstatt sich ruhig zu verhalten, wo sie doch weiß, dass die Frau gefährlich ist, die Ermittler hingegen schon zu ihr unterwegs sind. Das ist ein ziemlich gewürgtes Ende, überhaupt sind die vorletzten wichtigen Szenen ja nicht unbedingt die Stärken der Tatorte. Im Gegensatz zu den letzten, wo die Ermittler dann wieder irgendeinen tollen Abgang bekommen, der Lust aufs Wiedersehen machen soll. Das Ende ist, wie Bootz und Lannert sich darüber unterhalten, wen sie gewählt haben, auch wieder so eine kleine, aber wenigstens nicht überzogen theatralische Aufklärungsrunde. Man soll Politiker nicht einfach deshalb wählen, weil man sie kennt. Es wäre aber auch vermessen, dass in Stuttgart 73 % der Wähler das tun. Es gibt keine Mehrheiten von 73 % in großen Städten für einen Kandidaten. Höchstens im Stechen, bei einer Kommunalwahl;  hier soll es aber um eine Landtagswahl gehen, bei der Högele im Wahlkreis Stuttgart kandidiert.

Trotz der oben erwähnten kleineren Schwächen hat der Tatort 738 einen guten Plot, der viel Spielraum für das Thema lässt, ohne deswegen simpel oder langweilig zu wirken.

Finale

Die Stuttgart-Tatorte des neuen Teams sind selten hochspektakulär, im Fall von „Das Mädchen Galina“ stimmt aber das Gesamtpaket, und noch parliert die Staatsanwältin Alvarez nicht auf spanisch mitten im Dienst mit irgendeinem Lover, den wir nie zu Gesicht bekommen (ein running Gag offenbar erst der neuesten Folgen, auf den wir verzichten könnten), zudem hat man ein klassisches Thema sehr schön neu interpretiert. Es gibt keine überragenden Einzelpositionen, aber viele gut gemachte Momente, die Schwächen halten sich in Grenzen. Am deutlichsten spürbar ist der zeitweilige Spannungsabfall. 

7,5/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke


Besetzung
Hauptkommissar Thorsten Lannert – Richy Müller
Hauptkommissar Sebastian Bootz – Felix Klare
Nik Banovic – Miranda Leonhardt
Daniel Vogt – Jürgen Hartmann
Bertram Högele – Stephan Schad
Emilia Alvarez – Carolina Vera
Tonia Högele – Ulrike Grote
u.a.

Drehbuch – Stephan Brüggenthies
Regie – Thomas Freudner
Kamera – Georg Steinweh
Szenenbild – Bärbel Menzel
Musik – J.J. Gerndt

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