Eifersucht – Polizeiruf 110 Episode 121 #Crimetime 796 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Zimmermann #Fuchs #Krause #Eifersucht

Crimetime 796 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Zur See und auf dem Trockenen

Wir sind wieder im Jahr 1985. Oder 1986. Oberleutnant Zimmermann schaut genau so drei wie zeitweilig in seinem Special „Kein Tag ist wie der andere“, in dem es darum ging, die Beziehungswelt eines Polizisten auszuleuchten und wie es einfach nicht funktioniert. Nachdem man 1987 und in den ersten Filmen des Jahres 1988 vermehrt zur robusteren Mentalität zurückgekehrt ist, heißt es in „Eifersucht“ auch wieder „Bonjour Tristesse“. Und wie sich die Ostsee, wenn das Wetter dort schlecht ist, dazu eignet. Die Sehnsucht, auf See und frei zu sein und an Land das alltägliche Einerlei, das immerwährende Höllendrama namens Familie. Wir wir dieses Szenario aufgenommen haben und sonst Wesentliches zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Nach Wochen auf See kehrt Mario Sander mal wieder nach Hause zurück. In der Menschenmenge am Hafen erwartet ihn seine Geliebte Sibylle sowie unweit seine Ehefrau Petra mit seinem kleinsten Kind. Mario geht zu seiner Frau und Sibylle kehrt enttäuscht um. Ihr folgt ein Mann, der sie umgarnt, den sie jedoch an der Haustüre stehen lässt. Es handelt sich um Arno Großer, der sich alleinstehenden Frauen als „Egon“ vorstellt und die Damen nach einer gemeinsamen Nacht ausraubt und verlässt. Von Sibylle stehen gelassen, findet Arno in ihrer Nachbarin Gerda Preißler schnell Ersatz. Sie wird die erste Frau, mit der er es ernst meint, auch wenn er seinen Raubzug durch andere Schlafzimmer in der Folgezeit fortsetzt.

Im Hause Sander sorgt die Heimkehr von Mario für Spannungen. Mario und Petra haben drei Kinder, darunter die beiden Jugendlichen Sven und Nicole. Sie hassen den Vater, weil er die Mutter betrügt. Petra hat in Marios Abwesenheit einen Selbstmordversuch unternommen, weil sie unter dem Verhalten des Mannes, den sie liebt, zu zerbrechen droht. Mario jedoch berührt das Leiden der Familie kaum. Er hat nur ein schlechtes Gewissen, weil Petra für ihn ihre Arbeit aufgegeben hat und neben den drei Kindern auch seine Mutter pflegt. Das vage schlechte Gewissen hält ihn auch davon ab, die Scheidung einzureichen und Sibylle zu heiraten. So steht er zwischen beiden Frauen und kann sich nicht entscheiden – eine Situation, die ihm nicht zu missfallen scheint. Eines Tages ist Sibylle tot. Sie wurde mit einem harten Gegenstand erschlagen, der sich jedoch nicht in ihrer Wohnung findet. Hauptmann Peter Fuchs überträgt die Ermittlungen Oberleutnant Lutz Zimmermann, der gerade unweit des Tatorts in Stralsund bei seinen Eltern Urlaub macht. Er kannte die Journalistin Sibylle persönlich. Erst kurz vor ihrem Tod hatten beide miteinander gesprochen.

Zunächst vermutet Zimmermann, der in seinen Ermittlungen vom örtlichen Leutnant Rolf Schön unterstützt wird, dass die Frau ein Opfer von Egon wurde. Dieser verzichtet zwar bei seinen Taten normalerweise auf Gewalt, könnte hier jedoch weiter als sonst gegangen sein. Als Egon die Schaustellerin Frau Mittelstädt verführen und berauben will, wird er gefasst und vernommen. Es stellt sich heraus, dass Egon alias Arno Großer während der Tatzeit bei Gerda Preißler war. Er fällt als Täter also aus. Ein Zeuge hat jedoch Marios Tochter Nicole zur fraglichen Zeit aus dem Haus Sibylles rennen sehen. Nicole sagt aus, sie habe ihren Vater holen wollen, aber nur die tote Sibylle in der Wohnung gesehen. Ihre Großmutter habe ihr geraten, niemandem etwas von ihrem Fund zu sagen, reiche es doch schon, wenn einer den anderen erschlagen habe. Der Rest der Familie hat ein Alibi: Mario war bis zum frühen Morgen bei Sibylle gewesen, dann jedoch spazieren. Seinen Schock bei der Nachricht von Sibylles Tod beurteilen die Ermittler als echt, zumal ihm ein Motiv fehlt. Petra hätte zwar ein Motiv, hat jedoch zur Tatzeit geschlafen, da sie zwei Schlaftabletten genommen hatte, was Marios Mutter bezeugen konnte. Die alte Frau Sander wiederum ist stark hüftleidend, sodass ihr eine Tat nicht zugetraut werden kann. Dennoch überführt Lutz Zimmermann sie am Ende als Mörderin. Wie Petra litt sie unter dem Verhalten Marios, aber vor allem Sibylles, die die Familie zerstörte. Sie hatte zusätzlich noch die Angst, bei einer Scheidung in ein Heim abgeschoben zu werden. Erschlagen wurde Sibylle mit Frau Sanders Gehhilfe. Frau Sander wiederum verriet sich selbst, als sie Nicole gegenüber feststellte, dass es schon schlimm genug sei, dass Sibylle erschlagen wurde – ein Wissen, über das zu dem Zeitpunkt nur der Täter verfügen konnte. Frau Sander legt ein langes Geständnis ab.

Rezension

Heute haben wir die vor etwas weniger als vier Monaten geschriebene Rezension zu „Das habe ich nicht gewollt“ veröffentlicht – und der Film ist aus dem Jahr 1986, in dem es so viele traurige Polizeiruf-Schicksale gab. Gestern Abend noch dachten wir: Gut, dass wenigstens nicht wieder Marianne Wünscher die einfältige Mutter des Hauses gespielt hat, die konnte solche Figuren so gut, dass man am liebsten – dern Fernseher schütteln möchte. Käthe Reichel steht ihr allerdings kaum nach und bringt zusätzlich noch einen zeitweilig hysterischen Ton rein, der darauf beruht, dass sie stark in der Kategorie Schuld-Unschuld denkt. Weil sie noch gläubig ist, wie unzweifelhaft das Kreuz über ihrer Sitzecke belegt. Mit diesem Spin drückt sie die gesamte Familie nieder, so wirkt es fast. So soll man es vermutlich aus sozialistischer Sicht auch lesen können. Und auch diese unscheinbare Frau ist eine Täterin aus Verzweiflung.

Eines kann man von dieser Art Filmen nicht sagen – dass sie emotionale Gefangene machen. Alle sterben mehr oder weniger in ihren seelischen Gefängnissen. Aber welch ein Glück, den Krause zu sehen – in seiner ersten Polizistenrolle im Polizeiruf. Nicht, dass er hier das rundgesichtige Glückskind gibt, zumal er 1988 noch nicht den Leibesumfang hatte wie in den Filmen, in denen seine Figur denselben Namen trägt wie er selbst, aber er wirkt von allen, die wir sehen, am meisten intakt. Verständig, einfühlend, aber nicht hochgradig betroffen, wie etwa Lutz Zimmermann, der den Sander so gar nicht mag und es beinahe blöd findet, dass dieser ein Alibi hat, dessen Geliebte er jedoch durchaus attraktiv findet. Sie wird gespielt von Dagmar Manzel, die in „Jutta oder die Kinder von Damutz“ sieben Jahre später die Titelrolle verkörperte und heute als Kommissarin Ringelhahn im Frankenland auf der Seite der Falllöser*innen steht.

Der Fall ist sehr einfach gestrickt, und, wie wir heute schon in der Rezension für einen jüngeren Polizeiruf namens „Kleine Frau“ schrieben: Man hat das so gemacht, damit nichts vom Drama ablenkt. Jedenfalls nicht eine zu komplexe Struktur. Natürlich musste man noch einen Verdächtigen einbringen, der nicht zur Familie Sander zählt, den unseriösen Egon, der einsame Frauenherzen betört und Wertgegenstände raubt. Auch nicht gerade eine neuartige Figur, in den Polizeirufen der DDR-Phase, aber erstaunlich, dass diese Männer so erfolgreich sind. Wenn wir uns nicht irren, war „Des Alleinseins müde“, zehn Jahre zuvor entstanden, der erste Film, der einen Heiratsschwindler in den Vordergrund rückt, der allerdings viel strategischer vorgeht als der Gelegenheits-Egon. Der sich aber doch an die Frau annähert, die, weil zu jung und zu atttraktiv, nicht in sein Beuteschema passen sollte. Ach, was reden wir noch über die Einfältigkeit der Ostdeutschen? Dass so simple, zurückgezogene Frauen sich ausgerechnet von einem Exzentriker mit Ledermantel und Borsalino dermaßen seelisch ausziehen und dann ausrauben lassen, das ist schon merkwürdig, aber Peter Hoff, der Chronist der Polizeiruf bis 2000, schrieb ja über die Motive und die Schauspielerführung. Besonders ausgestattet ist aber wirklich nur dieser Egon.

Die Milieugegenüberstellung ist natürlich fundamental: Hier die Welt der Journalisten, in der man emotionalen Defiziten nur scheinbar souveräner umgeht als im Seemannsheim, in dem alle Konflikte erst so deutlich schwelen, dass es schon schmerzt, dann auch noch offen ausgetragen werden. Uwe Kokisch, der spätere Commissario Brunetti in den Donna-Leon-Filmen, macht dabei eine sehr unsympathische Figur, weil er sich nur mit Ohrfeigen gegenüber den Vorwürfen seiner Kinder zu erwehren weiß. Und erst seine Frau. Sie hat von der Schwiegermutter den Anklagemodus übernommen oder ihn immer schon drauf, deswegen verstehen die beiden sich auch so gut; der Matrose wollte nur ein Heim, eine Familie und genoss die gute Luft über dem Meer und kam zurück und gab die Wäsche ab.

Dass seine Frau sich so an ihn klammert, den Fortstrebenden, der offen sagt, wenn er mit ihr ist, dann meint er nicht mehr sie, das kann man aus Berliner Großstadtsicht vielleicht nicht ohne Weiteres verstehen, denn für jedes Töpfchen findet sich doch wieder ein Deckelchen, ein neues, ein unverbraucht wirkendes, was freilich eine Illusion darstellt, da jeder die Verletzungen der Vergangenheit schon mitbringt. Aber da in den kleinen Dörfern, wo alle einander kennen und wissen und ahnen und raunen und eine Meinung über dies und jenes und über alles haben? Ohne eine gewisse Dickfelligkeit kann man dort nicht leben, wenn mal etwas passiert ist, was die Gemeinde als Fehltritt interpretiert. Stadtluft macht frei, der Spruch kommt nicht daher, weil es hier weniger Abgase gibt. Seeluft aber auch. Selbst, wenn man als Mann dort ebenso in der Warteposition ist, auf einem Schiff, wie die Familie zuhause. Ist deshalb der Vorwurf berechtigt, an den Mann, dass er sich da draußen sozusagen vertschüsst? Das Geld bringt er nach Hause, seine Frau, wie sie betont, hat ihren Beruf seinetwegen aufgegeben.

Damit kommt neben der Prämisse: „Religion ist für einfältige Naturen Gift, das die eigene Person und die ganze Umgebung zersetzt“ eine Alternative hinzu, die wir aus anderen Filmen ebenfalls kennen: „Frau, geh arbeiten, geh in die Brigade,  zuhause fällt dir doch irgendwann nur noch die Decke auf den Kopf!“. Man soll, wenn man diesen Darstellungen folgt, kaum glauben, dass es Hausfrauen gab, die in diesem Dasein aufgingen. Die gab es aber. Nicht, dass wir welche kennen würden, aber ganz viele konservative Menschen behaupten es, dass der Herd Bestimmung und Erfüllung sei, also muss es stimmen. Am Herd, mit dem Staubsauger, der Waschmaschine, damit es nicht gar so eintönig klingt.

Finale

Dass wir uns so auf Krause als Sympathieträger „eingeschossen“ haben, liegt auch daran, dass die anderen Figuren partout nicht dafür herhalten mögen. OL Zimmermann ist noch okay, er hat ja eine grundsympathische Art, aber er wird ein wenig ins Geschehen hineingezogen und das wirkt sich auf seine Stimmung recht deutlich aus. Hauptmann Fuchs hingegen hat in diesem Film nur einen Kurzauftritt und die Funktion, den jüngeren Kollegen mit der Bearbeitung des Falls zu betrauen – kenne jener sich doch vor Ort aus. Es erweist sich, als Zimmermann seine betagten Eltern besucht, ihnen etwas zur Hand geht, auf einem kleinen Kutter rausfährt, mit einem Freund aus jenen Jahren. Die See! Ach herrje! Wir können es nachfühlen. Dies ist ein Film über die ganz besonders unerfüllten Sehnsüchte und die schrecklichen Friktionen, die sich daraus im Lauf der Zeit ergeben, so ein Frust und weit und breit kein VEB, in dem man sein Glück finden könnte, wenigstens beruflich, wenigstens dort eine Liebelei. Sander hat es ja auch ohne Anbindung an einen Betrieb mit Auswahl geschafft, eine selbstbewusste junge Frau aufzutun. Wie kam er zu der Gelegenheit. Wird das erzählt? Ist nicht so wichtig. Sie steht ja schon in der Eingangsszene am Pier, geht weg, weil die Frau mit den Kindern, die Ehefrau, auch erschienen ist, da kann sie ja nicht den Mann mit Vollbart und Strickmütze ebenfalls begrüßen. Es ist ein einsamer Job für alle, sich durch diesen 121. Polizeiruf zu arbeiten. Sicher hat er in diesem Sinn seine Qualitäten als Tiefseetauchboot in der Zuschauerseele, aber vielleicht ist im Moment zu sehr November, um mehr zu wagen als

6,5/10.

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Bernd Böhlich
Drehbuch Regina Weicker
Produktion Ingeborg Trenkler
Musik Karussell
Kamera Martin Schlesinger
Schnitt Susanne Carpentier
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s