Frankenstein (USA 1931) #Filmfest 225 #Top250

Filmfest 225 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (17)

2020-08-14 Filmfest AFrankenstein ist die erste Tonverfilmung des Romans von Mary Shelley. Der Schwarzweißfilm aus dem Jahr 1931 verwendet nur einige Motive und Personen aus Shelleys Roman und beruht eigentlich auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Peggy Webling. James Whale schuf mit Frankenstein einen Klassiker des Horrorfilms, dem zahlreiche weitere Verfilmungen folgten. Boris Karloff, der das Monster spielte, gelang mit Frankenstein der Durchbruch als Schauspieler. (1)

Einleitung

ANNI: Es ist immer etwas Besonderes, wenn mal wieder einer dieser Megaklassiker aufgeführt wird, und dann so schön restauriert, mit kristallklarem, filmmerfreien HD-Bild und der deutschen Synchro von 1957, die alle Stimmen ziemlich hohl klingen lässt. Ob man das absichtlich so gemacht hat, weil die Schauspieler in den Universal-Studios 1931 sich nach Alles-Indoor-gefilmt anhören?

TOM: Darüber und über weitere Aspekte des Films sprechen wir in der -> Rezension.

Handlung (1)

Ein junger Wissenschaftler namens Dr. Henry Frankenstein hat auf Grund von Meinungsverschiedenheiten mit seinem Professor die Universität verlassen. Professor Waldmann steht den Forschungen des jungen Frankenstein über den Ursprung des Lebens mit großem Misstrauen gegenüber.

In einem entlegenen alten Wachturm treibt Frankenstein seine Forschungen voran. Die einzige Person, die er in seiner Nähe zulässt, ist sein Gehilfe Fritz. Er hält selbst zu seiner zukünftigen Frau nur per Brief Kontakt. In diesen Briefen berichtet er seiner Braut Elisabeth nur sehr vage von seinen Experimenten.

Elisabeth wird zunehmend beunruhigter und bittet ihren Bekannten Victor und Professor Waldmann um Hilfe, um Henry Frankenstein zur Vernunft zu bringen. Frankenstein hat in der Zwischenzeit mit Hilfe seines Assistenten aus Leichenteilen ein Geschöpf erschaffen. Zur Vollendung seines Werkes fehlt ihm nur noch ein Gehirn und er beauftragt Fritz, ein solches aus der Präparatensammlung des Professors zu stehlen.

Ein aufziehendes Gewitter erscheint Frankenstein für das Gelingen seines Experimentes sehr hilfreich. Während Frankenstein die letzten Vorbereitungen trifft, wird er von Elisabeth und ihren beiden Begleitern gestört. Er kann sie nicht abweisen und so setzen sie durch, an dem Experiment teilzunehmen. Durch einen Blitzeinschlag gelingt es Frankenstein tatsächlich, das Geschöpf zum Leben zu erwecken.

(Weiter zur Handlung: Wikipedia)

Rezension

TOM: Durch die gute Bildqualität sieht man einige Unstimmigkeiten oder stößt auf sehr einfach gestaltete Elemente. Zum Beispiel ist das Matte-Painting des Nachthimmels offenbar mindestens teilweise ein Vorhang mit deutlichen Falten, den man von hinten angeleuchtet hat, damit diese expressionistische Stimmung befördert wird, die der Film besonders in den Außenszenen verströmt, die in der Tat in einer Studiohalle gefilmt sind. Echte Außendrehs gab es bei diesem Film sicher nicht.

ANNI: Weil die Menschen draußen weggerannt wären, wenn das Monster um die Ecke gekommen wäre? Aber der Film wirkt schon sehr deutsch, oder? Was der Expressionismus, der in Deutschland damals schon vorbei war, für den Horrorfilm doch nicht alles tun konnte. Auf diese Weise ist er eigentlich erhalten geblieben – und natürlich durch den Film noir, der sich dieser schattenhaften, exzentrisch ausgeleuchteten Bildsprache dann auch bedient hat. Die Kamera ist aber der Wahnsinn, für 1931. Vor allem in Ensemble-Szenen: Fast wie eine heutige Handkamera wackelt sie sich durch die Gegend und durch Menschengruppen hindurch, im Prinzip sogar durch Wände, wobei die natürlich im Studio irgendwo im Nichts enden, nicht an der nächsten Wand. Wie man das tontechnisch hinbekommen hat?

TOM: Der Ton ist in den Massenszenen nicht angepasst, das heißt, er ist immer gleich, innerhalb einer Einstellung, auch wenn die Kamera auf Fahrt geht. Und wenn der Lärm nur im Hintergrund ist, sind die Tonschnipsel nur ein paar Sekunden lang und wiederholen sich so oft, dass es mich in einer Szene im Haus der Frankensteins irgendwann genervt hat. Aber das alles kriegt man nur mit, weil der Film eben so perfekt restauriert ist und man jedes Detail herausgucken und –hören kann. Er spielt offensichtlich in Deutschland, wo die verrückten Wissenchaftler in großer Zahl siedelten – im Film  zumindest, und irgendwie kam ja dann auch bald der gesellschaftswissenschaftliche Wahn … ich meine filmisch „Metropolis“ und „Der Golem“ oder auch „Das Cabinet“. Die Schaffung von Kunstwesen oder der Eingriff ins Bewusstsein anderer zwecks Erreichung eigener Gottstellung oder Massenmanipulation scheint schon typisch deutsch zu sein. Wenig später hat man gesehen, was dadurch geschehen kann. Eine Szene, die es im Originalfilm geben muss, in denen sich Frankenstein mit Gott vergleicht, habe ich übrigens nicht wahrgenommen. Die hätte dann auch nicht synchronisiert sein dürfen, denn im Jahr 1957, als die deutsche Synchro, die immer noch verwendet wird, entstand, hat man sicher mal lieber weggelassen, dass der  Mann so eine extreme Hybris hat.

ANNI: Dafür hat man aber die Szene mit dem Kind komplett drin, und daran sieht man auch, dass das Monster eigentlich nicht böse ist. Die Blumen auf dem Wasser und dass er dann das Kind hineinwirft, weil er glaubt, es würde ebenfalls oben schwimmen, ist ein tragisches Missverständnis von einer Kreatur, die vom Leben nichts weiß. Keine Tötungsabsicht und keine Einsichtsfähigkeit. Und ansonsten wird diese Kreatur immer angegangen, zum Beispiel von diesem üblen Fritz – der dann auch tatsächlich, hört, hört, einen deutschen Namen hat – der außerdem so blöd war, das falsche Gehirn zu klauen, weil er das echte zerdeppert hat. Wenn du als Wissenschaftler solche Assistenten hast, brauchst du  keine Gegner deiner Theorien mehr. Trotzdem wirkt das mit dem Verbrechergehirn seltsam und inkonsequent.

TOM: In der Wiki steht, dass das eine Idee des ursprünglich vorgesehenen Regisseurs Robert Florey war, um klarzustellen, warum sich das Monster so verhält, also zum Töten geneigt ist. Und du hast Recht, es reagiert ja nur, bis auf die Szene mit dem Mädchen, in der es erstmalig einen eigenen Willen dokumentiert, der aber nicht verbrecherischer Natur ist. Man ging in dem Film und, wie der § 211 des deutschen StGB zeigt (Mord), 1931 wohl allgemein von einer Mörderpersönlichkeit aus, hier in der Form, dass deren Gehirn unterentwickelt ist – vermutlich in jenen Zonen, wo bei anderen Menschen die positiven Emotionen und die Hemmungen sitzen. Es gibt aktuelle Untersuchungen, die besagen, dass Menschen aus niederen sozialen Schichten, die nicht gefördert werden und daher einen niedrigen IQ erreichen, tatsächlich schwächer ausgeprägte einzelne Hirnzonen, mithin vielleicht sogar weniger Windungen haben und dass es gerade bei der Empathie hapert. Ob sie dadurch auch eher zur Kriminalität neigen, weiß ich nicht, aber … ja, inkonsequent ist es im Film insofern, als das Monster trotz des falschen Hirns keinen verbrecherischen Charakter hat.

ANNI: Und dann wird es von einem Mob in der alten Mühle verbrannt. Niemand denkt sich was dabei, und Frankenstein wird vom Dorf nicht dafür angegangen, dass er das Monster erschaffen hat. Das ist ein Element, das in diesem Film komplett fehlt. Okay, er ist ja auch nur 70 Minuten lang.

TOM: Wäre er bei MGM oder Paramount entstanden, hätte er sicher eine viertel oder eine halbe Stunde mehr Spielzeit gehabt, aber die Universal war damals noch ein eher kleiner Laden, der sich ja gerade mit solch knackigen Horrorfilmen profiliert hat, da war manches etwas einfacher und knapper. Es gibt ja auch keine Superstars zu bewundern – wenn man von Boris Karloff als Monster absieht, dessen Darstellung und Aussehen die Ikone des Horrorfilms an sich geworden sind. Aber auch er war vor diesem Film unbekannt.

ANNI: Kannst du dir vorstellen, dass Leslie Howard ursprünglich für die Rolle des Dr. Frankenstein vorgesehen war? Der hätte dann gesagt: „Ich habe ein Wesen erdacht und gemacht, das einfach nur schön und stark und gut sein soll und leider kam alles ganz anders … es ist zum Verzweifeln.“ So etwas in der Art. Da gefällt mir Colin Clive mit seiner etwas düsteren Aura schon besser. Diese Getriebenheit als Wissenschaftler ohne echtes Gewissen, der Leichen ausbuddelt, um an Teile für seine Kreatur zu kommen, die bringt er gut rüber. Das fand ich auch am gruseligsten, diese Anfangszene, in welcher er und sein Fritzchen ein gerade erst geschlossenes Grab wieder ausheben. Puh. Okay, es ist eher morbid als gruselig. Und natürlich die Szene mit dem Kind. Ich glaube, da bleibt jeder Frau das Herz mal kurz stehen. Und dann diese Mobszene am Ende. Erinnert die dich an etwas?

TOM: Ja, zum Beispiel an den Lynchmob in „Fury“, diesem Prototyp aller Szenen von exzessivem Hass, der in „Frankenstein“ allerdings nicht hinterfragt wird. Und dass so oft die Häuser niederbrennen, in frühen Hollywoodfilmen, wird ja unter anderem der Herkunft der Filmproduzenten zugeschrieben.

ANNI: Der Herkunft?

TOM: Ich habe mal eine Dokumentation gesehen, in der die Ansicht vertreten wurde, dass meist jüdischen Produzenten und Studiochefs in Hollywood damit ihre Pogromängste und –traumata auf der Leinwand ausgelebt haben. Und diese Mühlenszene ist pure Pogromstimmung. Diese Sequenz fand ich furchtbar, auch wenn ich von holländischen Windmühlen in solchen Bergdörfern, wie hier eines gezeigt wird, nicht überzeugt bin, da gibt es in Wirklichkeit eher Wassermühlen. Dass die Menschen den Film damals gruselig fanden, obwohl sie in der Great Depression den Grusel des täglichen Daseins auf Kante erleben mussten, kann ich nachvollziehen, auch wenn ich keinen echten Schauder mehr empfand und einiges doch eher rudimentär ausgeführt ist. Zum Beispiel der entscheidende Moment im Erschaffungsvorgang des Wesens, in dem ihm per Blitz und irgendwelchen Strahlen Leben eingehaucht wird, den sehen wir als hübsch knapp und nicht sehr erklärend abgehandelt.

ANNI: Wir sind halt heute zu abgebrüht, durch die immer exzessivere Gewalt im Kino und durch den pseudowissenschaftlichen Quark, mit dem lang und breit suggeriert wird, das alles könne wirklich so funktionieren. Da verlässt sich „Frankenstein“ noch mehr auf die Imagination des Zuschauers – und natürlich auch auf dessen Naivität. Und verglichen mit damaligen SF-Horror-Spitzenfilmen, auch aus Deutschland, wie etwa „Metropolis“, den du erwähnt hast, ist Frankenstein ja auch eher einfach gestrickt.

TOM: Ja, es ist eben ein reiner Hollywood-Schocker, der nicht mit einem riesigen künstlerischen Anspruch daherkommt. Aber er ist trotzdem ein Vorbild für ein ganzes Genre geworden, auch die Figurenkonstellationen und das alles sind in späteren Horrorfilmen ganz ähnlich. Schon im selben Jahr zeigt der in der Tat etwas gehobenere „Dr. Jekyll und Mr.  Hyde“, der im Filmest bereits vorgestellt  wurde, eine ähnliche Anordnung: Ein Wissenschaftler, der gefährliche und moralisch höchst fragwürdige Persönlichkeitsstudien betreibt, ein Freund, der ihn hinterfragt, eine Frau, die sich um ihn kümmern will, das Labor, das außer Kontrolle geraten – und so geht es über Jahrzehnte weiter mit dem Horrorfilm. Wenn man bedenkt, wie dicht wir mittlerweile technisch dran sind, Menschen nach  Maß zu erschaffen, zumindest die DNA betreffend … damit kannst du Frankenstein auf unsere  Zeit beziehen …

ANNI: Ja, genau. Du kannst jemanden so mixen, klonen oder was weiß ich, dass er theoretisch ein Weltgenie wird. Aber dann entwickelt er sich zu einer eigenen Persönlichkeit und alle hohen Veranlagungen führen nicht zum Wunderkind-Status. Blöd gelaufen. Trotzdem ist diese mögliche Realität viel gruseliger als jeder klassische Horrorfilm es sein kann. Vor allem, weil es in irgendeinem  Land, das glaubt, sich dadurch Vorteile verschaffen können, immer Wissenschaftler gibt, die genau das machen, was geht, und nicht, was ethisch geboten wäre. Ich notiere mal meine Punkte.

TOM: Ich gebe 8/10. Perfekt ist der Film sicher nicht und verkürzt doch arg, aber er ist eine Ikone, ein atemberaubendes frühes Genrestück des Tonfilms. Und dieses Monster. Ich hatte Mitleid mit ihm, wie es da abgefackelt wurde.

ANNI: Ja, schrecklich. Aber unsere Kreatur wird entgegen aller Wahrscheinlichkeit überleben und sogar eine Frau kriegen. Ich gebe 8,5/10. Was aber heißt, wir kommen wieder bei 8 heraus, weil wir ja keine Viertelwertungen machen und bei Vierteln hinter dem Komma immer auf ,0 oder ,5 abwerten.

TOM: Ich glaube, das kann man auch so stehen lassen. Die IMDb-Nutzer, im Moment sind es etwa 40.000, geben auch 8,0/10.

ANNI: Hoffentlich zeigen sie „Frankensteins Braut“ auch, sonst müssen wir den mal anderweitig beschaffen und darüber schreiben.

8/10

Aktuelle IMDb-Wertung: 7,8/10 (nicht mehr in der IMDb-Liste „Top 250“ vertreten)

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia

Regie James Whale
Drehbuch John L. Balderston,
Francis Edward Faragoh,
Peggy Webling (Theaterstück),
Mary Shelley (Roman)
Produktion Carl Laemmle jr.
Musik Bernhard Kaun
Kamera Arthur Edeson
Schnitt Clarence Kolster
Besetzung

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