Das Dorf – Tatort 819 #Crimetime 797 #Tatort #LKA #Murot #HR #Dorf

Crimtime 797 - Titelfoto ©HR, Carl-Friedrich Koschnick

Vorwort 2020

„Das Dorf“ wird nicht sehr oft wiederholt. Zumindest war das seit Gründung des neuen Wahlberliner im Juni 2018 nicht der Fall. Deshalb ist die Rezension dazu das letzte „Original“ aus dem Jahr 2011, das wir noch nicht republiziert haben und war einer der letzten neuen Tatorte in jenem Jahr. Gleichzeitig hat die Crimetime-Nummer 797 für uns eine besondere Bedeutung: Mit dem Tatort 797 „Jagdzeit“ stareten wir beim „ersten“ Wahlberliner die Verfassung von Tatort-Kritiken sofort nach der Premiere. Wir zeigen diese Kritik aber nicht im Originallayout, wie wir das bisher einige Male getan haben, sondern in der heutigen Optik und Gliederung.

Ein Dorf auf dem Trip

Ein Film, dessen Vorspann schon an die deutschen 60er-Verfilmungen von Edgar Wallace erinnert. Ein Mercedes 600 lang, ein RO 80 und ein Gehirntumor namens Lili. Der Tumor sagt: Ich wachse mit meinen Aufgaben. Ein leicht sepiagetönter Schwarzweißfilm oder ein stark gefilterter Farbfilm?

Wir sind endgültig im Jahr 2011  angekommen. Der Sinn aller Dinge steht auf dem Prüfstand. Das Format „Tatort“ sucht nach über 40 Jahren Existenz nach neuen Wegen. Die Midlife-Crisis der Serie wird sehr präsent. Der Hessische Rundfunk bekommt von allen anderen Sendeanstalten innerhalb der ARD heimlich Zuschüsse, damit er ausprobieren darf, was das Publikum zu ertragen bereit ist. Ulrich Tukur hat keine Angst davor, einen Ermittler mit Dauer-Gehirntumor zu spielen. Er glaubt nicht an selbsterfüllende Prophezeiungen und an die Rache des Großen Weisen für solche Tat. Und sonst? Es steht alles in der -> Rezension.

Dass der Tatort „Das Dorf“ polarisieren wird, war wohl berechnet und wir hatten uns nach kurzer Zeit festgelegt, auf welche Seite wir uns schlagen werden. Wir ließen uns im weiteren Verlauf nicht von der allzu schrägen und gleichwohl dünnen Drehbuchgestaltung abschrecken, wir fanden das Experiment als Experiment kultig. Wir sind aber froh, dass nicht jeder  Tatort so gestrickt ist. Ein einziges Mal im Jahr oder auch zweimal, das geht an. Als Stilvorlage für andere Sender und Handlungsorte finden wir diese Art von Trip in Form von Filmzitaten und grotesken Gestalten, von expressionistischen oder surrealistischen Settings und kryptischen Hintergründen zu abgefahren.

Selbst Ulrich Tukur hat Mühe, als Figur über einen Tumorträger hinauszuwachsen. Vielleicht kann sich auch nur jemand, der möglicherweise keine Zukunft mehr hat, so konsequent und ohne erkennbare Rücksichtnahme auf irgendwen und schon gar nicht auf sich selbst in ein dunkles, geheimnisvolles Milieu hineinbohren und dieses mit einem Ahoi! sprengen. Für 90 Minuten im Jahr war’s großartige Unterhaltung.

Nicht nur der Tumor nimmt eine Entwicklung, jede Wendung ist bei Murot auch im Stil seiner Folgen denkbar. Murot und seine Welt sind beinahe amorph, wandelbare Struktur, veränderbarer Zustand – eine tolle Chance, aber auch ein großes Risiko. Unsere Prognose: Die nächste Murot-Folge wird wieder anders gestaltet sein oder es wird keine mehr geben.

Handlung

Der Anruf eines alten Freundes und ehemaligen Kollegen ruft LKA-Kommissar Felix Murot zu einer Mordermittlung in ein kleines Dorf im Taunus. Dort angekommen wird aber gleich Entwarnung gegeben: Der Mörder hat sich selbst gerichtet, der Fall scheint geklärt. Noch am Abend macht sich Murot wieder auf den Weg nach Wiesbaden. Doch sein Gehirntumor peinigt ihn so sehr, dass er beschließt, die Nacht im Auto zu verbringen.

Im Morgengrauen läuft der vermeintliche Selbstmörder quicklebendig an seinem Auto vorbei. Ist das ein weiterer Streich seines Tumors? Oder ist da etwas faul im Dorf? Murot kehrt um und fängt an, inkognito im Dorf zu ermitteln. Schnell bekommt er heraus, dass der charismatische Herr Bemering im Ort das Sagen hat. Der lädt Murot in sein luxuriöses Anwesen ein, wo er auf die geheimnisvolle Frau Dr. Herkenrath stößt.

Die führt eine – etwas zu gut ausgestattete – Arztpraxis im Dorf und nimmt sich sofort Murots Tumor an. Bemering und Herkenrath versuchen herauszufinden, wer dieser Murot ist und was er vorhat. Der stellt derweil weiterhin unangenehme Fragen über den Verbleib des vermeintlichen Selbstmörders und stößt dabei auf ein Geheimnis, dass Bemering zwingt zu handeln. Murot wird in der Klinik von Frau Dr. Herkenrath festgehalten. Die Lage scheint hoffnungslos – doch Murot hat einen Plan.

Rezension

Dass der Tatort „Das Dorf“ polarisieren wird, war wohl berechnet und wir hatten uns nach kurzer Zeit festgelegt, auf welche Seite wir uns schlagen werden. Wir ließen uns im weiteren Verlauf nicht von der allzu schrägen und gleichwohl dünnen Drehbuchgestaltung abschrecken, wir fanden das Experiment als Experiment kultig. Wir sind aber froh, dass nicht jeder  Tatort so gestrickt ist. Ein einziges Mal im Jahr oder auch zweimal, das geht an. Als Stilvorlage für andere Sender und Handlungsorte finden wir diese Art von Trip in Form von Filmzitaten und grotesken Gestalten, von expressionistischen oder surrealistischen Settings und kryptischen Hintergründen zu abgefahren.

Selbst Ulrich Tukur hat Mühe, als Figur über einen Tumorträger hinauszuwachsen. Vielleicht kann sich auch nur jemand, der möglicherweise keine Zukunft mehr hat, so konsequent und ohne erkennbare Rücksichtnahme auf irgendwen und schon gar nicht auf sich selbst in ein dunkles, geheimnisvolles Milieu hineinbohren und dieses mit einem Ahoi! sprengen. Für 90 Minuten im Jahr war’s großartige Unterhaltung.

Nicht nur der Tumor nimmt eine Entwicklung, jede Wendung ist bei Murot auch beim dem Stil denkbar, in dem seine Fälle aufgezogen werden. Murot und seine Welt sind beinahe amorph, wandelbare Struktur, veränderbarer Zustand – eine tolle Chance, aber auch ein großes Risiko. Unsere Prognose: Die nächste Murot-Folge wird wieder anders gestaltet sein oder es wird keine mehr geben.

Nicht nur Kontrastmittel, sondern auch Kontrastprogramm

Im hessischen Wiesbaden ist das BKA angesiedelt. Aber auch das LKA, bei dem Sonderermittler Felix Murot arbeitet. Wie schnell ist man aus dieser Welt im Taunus, wo es zugeht, wie man es bisher nur aus Tatort-Dörfern im Osten kannte. Graubraun, mürrisch, verschlossen. Aber es gibt auch eine Burg, die über dem Dorf thront, dort wohnt Bemering, der das Dorf beherrscht. Er spielt die Figur dem Goldfinger von Gerd Fröbe ähnlich, seine Motive sind genauso logisch und genauso verschroben, er beherrscht seine Welt tatsächlich, bis ein James Bond mit Gehirntumor und ohne technische Ausstattung kommt und alles platzen lässt.

Natürlich vertauscht dieser geniale Typ von Ermittler, den sein Tumor nicht nur mit Visionen, sondern offenbar auch mit besonderer Schärfung aller Sinne versorgt, medizinische Flüssigkeiten, so dass ihm tödlich gemeinte Spritzen nichts anhaben können. Es gibt einen starken Touch klassischer Edgar-Wallace-Atmosphäre und dazugehörige, höchst skurrile Figuren, es gibt Visionen, die gleich mehrere Filmvorbilder zitieren, das einzige, was es nicht gibt, ist eine tatsächlich nachvollziehbare Handlung. Immerhin ahnt man, worum es geht: Ein wenig Rancho Notorious und viel Organhandel. Bemering macht Geschäfte, indem er gesuchte Verbrecher im Dorf verstecken lässt und Organe illegal beschafft (von nach seiner Ansicht wohl wenig wertvollen Menschen) und sie anderen einpflanzen lässt (die nach seiner persönlichen Anschauung, nicht unbedingt nach den gesellschaftlichen Standards) wertvoll sind.

Es ist gar nicht möglich, alle Filme und darin enthaltenen oder persiflierten Ideologien zu listen, die man in diesen Tatort hineinlegen kann. Dieses Dorf ist ohnehin ein wahres Panoptikum, in dem sogar die Kessler-Zwillinge eine retrospektiv und gleichermaßen gespenstisch angelegte Revuenummer zum Besten geben. Lili sei Dank für diesen spätherbstlichen Einsatz. Schwer zu ermitteln, wer hier die beste Schauspielleistung bringt, gut im Sinn der Parodie und im Dienst derselben uneigennützig sind sie alle. Krimifiguren im klassischen Sinn sind sie alle nicht.

Aufbruch, Umbruch, Untergang?

Richtigerweise versucht man in den Tatorten immer wieder Neues. Dass dies bei einem neuen Ermittler, der zudem Grenzgänger in Seelenzuständen qua körperlicher Zeitbombe ist, wie Felix Murot, besser funktioniert und weniger Kopfschütteln  hervorruft, als wenn eingespielte Teams ganz neue Sachen machen, das hat man sich wohl so gedacht. Die gegenwärtige Tendenz ist aber die, dass die Mehrzahl der Tatort-Fans nicht mit dem aus dieser Gesinnung geborenen Werk klarkommt. Wir können das verstehen, tendieren aber für die Nr. 819 anders.

Man muss einen Sinn fürs Skurrile haben. Oft gehen uns schwache Drehbücher auf die Nerven,  weil sie mit hohen inhaltlichen Ansprüchen und moralischem Zeigefinger gekoppelt sind. In manchen Tatorten passen Ambition und Wirklichkeit nicht zusammen. In „Das Dorf“ ist es anders. Man hatte gar nicht die Absicht, einen statuarischen Krimi zu entwickeln oder sich auch nur im Rahmen der ohnehin mittlerweile recht weit gesteckten Claims gängiger Tatortmuster zu halten. Man wollte etwas ganz Eigenständiges machen und wir können nur bestätigen: Es ist wirklich etwas Eigenes dabei herausgekommen.

Nach unserer Ansicht ist „Das Dorf“ aber Einzelstück und nicht Ausgangspunkt einer Entwicklung, keine Blaupause für künftige Tatortgestaltung. Er zeigt einen Umbruch und eine Lust an der stilistischen Provokation, die wir witzig finden, er läutet  nicht den Untergang der gängigen Tatortmuster ein. Alles ist gut. Auch Murot ist gut, aber nicht besser als die anderen.

Wer ist Felix Murot?

Dass wir so fragen, liegt an der recht einseitigen Ausgestaltung der Figur. Dieses feine Spiel, das Ulrich Tukur zu zeigen in der Lage ist, kommt bei seiner Murot-Figur zumindest in „Das Dorf“ nicht vollständig zum Tragen. Dafür wird hier zu viel auf Effekt gesetzt und ist der Tumor namens Lilj zu dominant. Wir erinnern uns: Die erste Murot-Folge hieß „Wie einst Lili“ und ist eine Anspielung auf seine Erinnerungen und das damit verknüpfte Lied Lili Marleen – dass er seinen Tumor danach benennt, ist extravagant und so schrullig, dass es ihn mehr definiert, als einer dauerhaft erfolgreichen Ermittlerfigur zuträglich sein dürfte.

Die Frage, wer ist Felix Murot wirklich, außer einem feinsinnigen und in seinem Stil ungewöhnlichen Mann, der in stilistischen ungewöhnlichen Fällen ungewöhnlich handelt, um quasi im Alleingang außergewöhnliche Erfolge zu erzielen, die wird vorerst bleiben. Man hebt ein wenig sehr aufs Ungewöhnliche und Außergewöhnliche ab und ist dadurch des Problems enthoben, eine vielschichtige und konsistente Ermittlerfigur entwickeln zu müssen – eine weitere, neben so vielen, die es schon gibt. Selbstverständlich ist Murot einer der großen Individualisten in dieser Ermittlertruppe, aber er ist auch sehr schwer zu fassen. Wir haben ihn vorerst als den Geheimnisvollen akzeptiert, der am Rande des eigenen Grabes zu erstaunlichen Dingen fähig ist.

Konzept oder Form?

Noch schwieriger ist es, dem Hessischen Rundfunk auf die Spur zu kommen – was will man mit Murot? Steht ein bislang nur schemenhaftes Konzept hinter seinen Fällen und kann es Konzept sein, in ihm eine Form zu haben, in welche sich jeder Inhalt gießen lässt und die sich selbst den Umständen so anpasst, wie sich ein Tumor verändert? Wir befürchten, er wird nie operiert werden, weil solch ein Tumor die Grundlage für geniale visuelle Trips bietet. Jedoch kann er daran jederzeit sterben, womit seine Ermittlertätigkeit zweifellos enden würde.

Makaber, dieses Damoklesschwert der Krankheit, das ständig über ihm schwebt –  und hervorragend geeignet, das Experiment zu jedem beliebigen Zeitpunkt zu stoppen. Würde man das jetzt tun, wäre die Entwicklung vorgezeichnet: Murot und seine Fälle würden zu den kuriosen Elementen der langen Tatort-Geschichte zählen, zunächst schlecht bewertet – doch irgendwann Kult.

Finale

Der neue Murot ist halt nichts für Traditionalisten, ist hopp oder top, ist kein Vorbild, sondern Einzelstück, skurril oder handlungsarm; er kann Leuten, die gerne nach Symbolen und Zitaten suchen, viel geben, er wird andere dazu bringen, über die Verwendung ihrer Rundfunkgebühren nachzudenken. Uns ging es so, an einer Stelle in der Arztpraxis der dämonischen Frau Dr. Herkenrath (Claudia Michelsen): Wir dachten, jetzt werden einige über die Verwendung ihrer Gebühren nachdenken. Das heißt, wir haben auch darüber nachgedacht. Trotzdem war viel Wortwitz in diesem Film und schlussendlich sind wir der Meinung, man darf die Gebühren auch mal so verwenden. Es ist schon Schlimmeres damit passiert.

Wir haben uns gut unterhalten – auch deshalb, weil man hier nicht Blödsinn im Gewand der Ernsthaftigkeit verkaufen wollte, sondern herzhaft in die Klamottenkiste gelangt und dabei viel Verstaubtes zutage gefördert und mit neuem Anstrich, zuweilen sogar mit Glanz versehen hat. Der Film ist Retro und doch modern gefilmt und musikalisch inszeniert. Die Show ist gut, aber nichts, was man sich jeden Tag ansehen und wonach man süchtig werden könnte. Als Einzelstück aber, das schrieben wir schon, hat uns „Das Dorf“ gefallen – nicht zuletzt, weil ein auf seine Art recht konsequenter Film entstanden ist.

8/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

LKA-Kommissar Felix Murot – Ulrich Tukur
Magda Wächter – Barbara Philipp
Herr Bemering – Thomas Thieme
Mutter Bemering – Alice/Ellen Kessler
Schlosser Bölk – Jürgen Rissmann
Dietrich – Tobias Langhoff
Karsten – Markus Hering
Thorsten Passig – Matthias Scheuring
Werner Golke – Ralf Scheiber
Gernot Ulm – Devid Striesow
Pathologe – Sylvester Groth
Frau Golke – Lina Beckmann
Peter – Antoine Monot jr.
Dr. Herkenrath – Claudia Michelsen

Drehbuch – Daniel Nocke
Regie – Justus von Dohnanyi
Kamera – Karl-Friedrich Koschnick
Musik – Stefan Will

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