King Kong (King Kong und die weiße Frau, USA 1933) #Filmfest 232 #Top250 #DGR

Filmest 232 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (19) / "Die große Rezension"

Geliebtes Monster im Wandel der Zeit

Gestern hatten wir die Gelegenheit, den von einem Privatsender aufgzeichneten „King Kong“ von 2005 anzuschauen und per Videoload sofort im Anschluss den allerersten Film dieses Namens „King Kong und die weiße Frau“ aus 1933.

Es war ein Riesenspektakel, 180 und dann noch einmal 96 Minuten mit dem Herrscher der Insel zu verbringen. Eine vergleichende Kritik bietet sich in diesem Fall so sehr an wie in kaum einem anderen. Damit spüren wir auch der Entwicklung des Films und unserer Haltung gegenüber andere Kreaturen sowie der Art, wie kurz nach der Entstehung des Tonfilms Kino gemacht wurde nach – und der heutigen.

Nachträglich bauen wir nun auch die Rezension zur zweiten Hollywood-Verfilmung von „King Kong“ aus 1976 ein, da wir diesen Film mittlerweile ebenfalls gesehen haben und somit die drei wichtigen amerikanischen Verfilmungen kennen.

Die Veröffentlichung findet im Rahmen unseres Konzepts „IMDb Top 250 aller Zeiten“ statt, in dieser berühmten Liste war „King Kong“ (1933) von 1999 bis 2012 enthalten. Wir werden sie für die Filme aus den Jahren 1976 und 2005 mit eigenen Registernummern und einer jeweiligen Änderung dieses Absatzes erneut veröffentlichen.

Zum Inhalt

Regisseur Carl Denham und seine Filmcrew reisen auf dem Frachter „Venture“ zur entlegenen Insel „Skull Island“. Auf der in keiner Karte verzeichneten, nur durch wenige Überlieferungen bekannten Insel will er seinen nächsten Film drehen. Denhams Hauptdarstellerin ist seine Neuentdeckung Ann Darrow (erster Abschnitt der Inhaltsangabe aus der WIKIPEDIA).

Das Weitere ist Kinogeschichte: Die Crew stößt auf den Riesenaffen Kong, dieser verliebt sich in Ann Darrow und nach haarsträubenden Abenteuern schafft man es, den Affen durch den Einsatz von Gasbomben (Original) oder Chloroform (Neuverfilmung) nach New York zu schaffen und dort als bombastische Attraktion auszustellen. Doch dann laufen die Dinge nicht mehr nach Plan.

Hier müssen wir schon die Einschränkung machen, dass der Film aus 1976 anders beginnt: Die Handlung wurde in die damalige Gegenwart verlegt, das Filmteam ist einer Crew von Erdölprospektoren gewichen, das Ziel der Reise ist die Gewinnung Erdöl. Auch stößt Ann, die hier Dwan heißt, erst auf offenem Meer zur Mannschaft, sie treibt allein in einem Schlauchboot, nachdem die Jacht explodiert ist, auf der sie unterwegs war.

Zur Entstehung der Filme

1933, das war die Hochzeit der Horrorfilme, die von den magischen Möglichkeiten des neuen Medium Tonfilm profitierten. Kreaturen zum Leben erwecken, das konnte man tricktechnisch zuvor schon, aber nur die Audio-Effekte, dazu eine dramatische Musik, schufen das für damalige Verhältnisse vollkommene Spektakel. „Dracula“ und „Frankenstein“, jeweils aus 1931, sind die berühmtesten Filme der Gattung „menschliche Monster“. Eine Art Verschmelzung gab es bereits in „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ (1931, Rezension beim Wahlberliner), in dem ein Forscher und Arzt durch Manipulation an sich selbst affenähnliche Züge annahm.

Da lag es nahe, ein wenig mehr zu machen, offensiver zu werden – und ein Wesen „weder Mensch, noch Tier“, wie es im Film heißt, in den Mittelpunkt eines Horrorfilms zu rücken. Die produzierende Gesellschaft RKO, kurz vor der Pleite stehend, setzte mit diesem Film alles auf eine Karte und gewann. „King Kong“ war einer der bisher größten Kassenerfolge der Traumfabrik.

Produzent war Merian C. Cooper, dessen Name uns geläufig ist, weil er auch die glorreiche Zusammenarbeit von John Ford und John Wayne arrangierte (u. a. die berühmte „Kavallerie-Trilogie“ aus den Jahren 1948-1950). Auch Edgar Wallace scheint am Szenario des Films mitgearbeitet zu haben, zumindest deutet darauf ein Filmplakat hin.

„King Kong“ war der erste Tonfilm, der einen richtigen „Score“ bekam, eine Musik, die in dramatischer Weise auch gesprochene Szenen unterlegte, daher gilt Max Steiner, der Komponist, auch als Vater der Filmmusik. Obwohl die Musik nicht die Raffinesse späterer Kompositionen, auch nicht späterer Werke von Max Steiner hatte, ist sie auf vielen Essential-Zusammenstellungen des Themas Filmmusik enthalten, weil sie bahnbrechend war. Im Stummfilm gab es das übrigens schon, auch in der Form, dass in den späten 1920ern eine Tonspur nur für die Musik eingeführt wurde („Sunrise“, 1927), auch Charles Chaplin verfuhr 1931 beim Dreh von „City Lights“ noch ähnlich.

Das Gleiche gilt für die Stop-Motion-Tricktechnik, die hier erstmals angewendet wurde. Die Bewegungen Kongs wirken zwar ruckartig, aber trotzdem fasziniert die Art, wie das Monster per Einzelbildaufnahme bewegt wurde, noch heute. Für die Kinozuschauer von 1933, die derlei nie zuvor gesehen hatten, war es gewiss der Nervenkitzel schlechthin. Im Normalfall agieren die Schauspieler vor einer Rückprojektion mit Bildern von Kong, ist er allein zu sehen, bemerkt man am klareren Bild das Fehlen jener zweiten wichtigen Technik, die von den Amerikanern sehr lange auch während Autofahrten und andere bewegte Szenenhintergründe eingesetzt wurde, deren Vordergrund in   einem Studio, nicht in der Welt draußen angesiedelt war.

Wir machen einen Schnitt und finden uns im Jahr2005 wieder. Mehr als siebzig Jahre sind vergangen, seit „King Kong“ das Licht der Leinwand erblickte. Inzwischen gab  es Fortsetzungen, Abwandlungen, und eine Neuverfilmung aus dem Jahr 1976, die Jessica Lange in der Rolle von Ann Darrow so bekannt machte, dass sie mit dem Film eine Karriere starten konnte (u. a. war sie zu sehen in „The Postman Always Rings Twice“ (1980, mit Jack Nicholson, die mindestens dritte Verfilmung des Romans) und in „Tootsie“ (1982), sie erhielt den Oscar als beste Nebendarstellerin. Unter anderem war die Tricktechnik dieses Films fürs Publikum aber enttäuschend.

Doch das Jahr 2005 kennt  andere Möglichkeiten. Die CGI (Computer Generated Imagery) hatte das Kino erobert und man konnte jedes nur denkbare Monster und Urvieh digital entwerfen. So entstand ein Film, der all das ausschöpft, was möglich ist, um dieses Mal die Erwartungen im visuellen Bereich zu erfüllen. Zudem wurde die Handlung auf beinahe die doppelte Länge gestreckt, aus einem handfesten Abenteuer- und Monsterfilm wurde auf diese Weise ein Epos über eine Kreatur und eine Frau und viele gruselige Viecher im Urwald, das den heutigen Zuschauer ebenso beansprucht, wie es das Original getan haben mag. 96 Minuten, das war für die Verhältnisse des frühen Tonfilms eine lange Spieldauer, wenn auch nicht ganz so überdurchschnittlich wie 180 Minuten heute (1933, auch aufgrund von Limits, welche die teure Tonfilmtechnik vorgab, lagen Spielfilme im Schnitt bei 70-80 Minuten Dauer, heute sind es etwa 120).

Die bisher neueste Verfilmung des Stoffes ist eine klare Hommage an das Original. Viele Szenen sind beinahe exakt nachgebildet, selbstverständlich mit dem Anspruch, sie mit aktueller Technik besser zu filmen als 70 Jahre zuvor. Schon der Vorspann verrät es: Die Art-Déco-Grafik und die Schriftart basieren auf dem Original und zusätzlich zu den Handlungsähnlichkeiten und Szenennachbildungen gibt es viele Anspielungen.

Als Denham in der neuen Version das Mädchen sucht, das für die Romantik zuständig sein soll, fragt er unter anderem, ob Fay Wray erhältlich sei, aber ihm wird geantwortet: „Sie dreht irgendwas mit RKO“. Gemeint ist natürlich die Schauspielerin, die im Original Ann Darrow verkörpert und gerade „King Kong“ dreht – der neue Film stammt übrigens von Universal, das gerade im Genre Horror in den 1930ern zu den führenden Studios zählte und sicher bedauerte, dass nicht sie es waren, die „King Kong“ zum Leben erweckten. Kein Wunder, dass das Nach-Millennium-Projekt so ehrgeizig geworden ist. Auch der Produzent des Originals, Merian Cooper wird im Zusammenhang mit dem obigen Dialogsatz erwähnt. Weiterhin gibt es eine Figur namens Bruce Baxter, deren Name eine Reminiszenz an Bruce Cabot ist, der im Original die Romanze mit Fay Wray hat. Diese Figur mit dem Namen Jack Driscoll ist im Original Schiffsoffizier, Bruce Baxter hingegen der Schauspieler, die den männlichen Teil des romantischen Paars spielen soll. Im neuen Film ist Jack Driscoll hingegen Schriftsteller und Drehbuchautor.

Nicht nur das Figurenpanorama wurde 2005 gegenüber 1933 wesentlich erweitert, auch die Kosten des neuen Films waren gigantisch: 207 Millionen Dollar kostete „King Kong“ gegenüber 670.000 des Originals, das nicht nur auf große Stars verzichteten musste, sondern auch mit Requisiten und Bauten arbeitete, die bei anderen Filme ebenfalls zum Einsatz kamen. Gemäß Inflationsberechnung wären 670.000 Dollar im Jahr 1933 ein Budget von knapp 10 Millionen Dollar in 2005 gewesen. Wir warnen aber immer wieder davor, die einfache Inflationsberechnung zum Vergleich von solchen Summen zu verwenden, da sich in manchen Bereichen die Kosten ganz anders entwickelt hatten. So kostete ein durchschnittlicher Hollywood-A-Film in 1933 etwa eine Million Dollar, während es 2005 etwa 60-80 Millionen waren. Was nichts anderes bedeutet, als dass das Original zu seiner Zeit vergleichsweise billig gefertigt wurde, das Remake weit über dem Durchschnitt liegt, aber nicht so sehr, wie man es aufgrund linearer Inflationsbetrachtung vermuten könnte.

Naturgemäß liegt die Version von 1976 in der Mitte. Doch waren die 24 Millionen Dollar, die der Film kostete, für damalige Verhältnisse überdurchschnittlich – obwohl man aus Kostengründen die Handlung nicht zurück in die 1930er verlegt hatte.

Vergleich der Handlungen

Grundsätzlich bauen die Filme aus 1933 und 2005 gleich auf. Es gibt den ersten Teil, der in New York spielt, bis zur Abfahrt der „Venture“ (auch der Name des Schiffes wurde beibehalten). Der neue Film legt allerdings viel mehr Akzent auf die Mühen mit der Finanzierung, die viele Figuren mit sich bringt, die es im Original gar nicht gibt, in dem schon nach wenig mehr als zehn Minuten losgeschippert wird. Dafür ist die Eingangsszene, in der zwei Männer im Hafen über Denham und das gheimnisvolle Schiff sprechen, typisch für jene Zeit: Zwei talking Heads kommen doch sehr schnell auf den Punkt und wir wissen das Wichtigste über die Ausgangssituation.

Die frühen 1930er waren vermutlich die Zeit mit dem rasantesten, direktesten Kino, gedreht ohne Spökes und beinahe ohne Hemmungen. Die Tontechnik war teuer, die Zeit im Hollywood-Massenbetrieb war knapp, die Dialoge daher schnell und aufs Wesentliche beschränkt.

In 2005 bemüht man sich erkennbar, alles mehr zu hinterlegen und die Figuren psychologisch stimmiger oder wenigstens vielschichtiger zu machen. Besonders Denham, der Abenteuerfilmer, wird viel mehr als Egomane und Kinoverrückter gezeichnet als im Original, als ein Typ, in dessen Verhalten schon zu Beginn die spätere Zerstörung des eigenen Werks angelegt ist, weil er in einer Weise maßlos und einseitig ist, die ihn über Leichen gehen lässt. Dass die Sache schlecht enden muss, weil er so gestrickt ist, wird später auch erwähnt Das hätte gar nicht sein müssen man spürt den Freak auch so.

Der Denham von 1933 ist wesentlich einfacher gestrickt, mutig bis zur Tollkühnheit und eine Art Schatzsucher, der eine Insel finden will, die eher legendär als offiziell kartographiert ist. So richtig wird interessanterweise in beiden Filmen nicht deutlich, ob der Mann schon gezielt nach Kong sucht. Die Szene, in der Denham den Rest seiner Ausrüstung verliert, inklusive des schon belichteten Films (2005) und sagt, was er nach New York bringen kann, ist größer als jeder Film oder wo er das sagt, während die Ausrüstung intakt ist und vor dem Dorf der Eingeborenen und dem hohen Schutzwall aufgebaut (1933) lassen darauf schließen, dass er zumindest nicht die klare Absicht hatte, Kong zu fangen, sondern ein eher diffuses Bild von den Möglichkeiten, die Skull Island bieten würde, und sei es nur, wie offiziell behauptet, dass es als besondere Filmkulisse geeignet sein könnte. In beiden Filmen erfährt die Mannschaft der „Venture“ erst einmal nicht, wo es hingehen soll.

Der zweite Teil ist jeweils das Abenteuer „Skull Island“. Auch da gibt es trotz gleicher Grundkonzeption wesentliche Unterschiede. Nicht nur, dass an Bord der „Venture“ aus 2005 wesentlich mehr Filmleute sind, die dann teilweise umkommen, während im Original nur Mannschaften des Schiffes sterben, die Relationen sind andere. Es gibt zusätzlich den Schauspieler, der Ann Darrows Partner sein soll, es gibt den Kameramann, den Tontechniker, aber vor allem den Autor Driscoll, in den sich Ann Darrow verliebt. Die Entstehung dieser Liebe ist besser hinterlegt als im Original die zu dem rauen Offizier, der gar keine Frauen an Bord haben will, aber sie ist auch kopflastiger. Man sieht im Film von 1933 nur zwei einfache Menschen, die einfach zueinander finden, wie’s damals im Kientopp üblich war. In 2005 wird mehr auf die künstlerische Seelenverwandtschaft abgestellt, und auch das funktioniert recht gut, zumal man sich getraut hat, eine wunderschöne Frau mit einem eher durchschnittlich aussehenden Typ zusammenzubringen, also auf diese Chemie angewiesen ist. Die Mannschaft betreffend, gibt es unter anderem einen Afroamerikaner als Maat, als seriösen und mutig-besonnenen Mann, der 2005 geradezu eingebaut werden musste, aus Gründen der politischen Korrektheit. Das leitet uns schon hier zu einem wesentlichen Unterschied der beiden Filme: Der von 1933 ist, von den Monstern auf Skull Island abgesehen, wesentlich realistischer als die Neuverfilmung, denn in den 1930ern gab es weder im Film noch auf Schiffen Afroamerikaner in leitenden Positionen.

Wo jedoch die Versionen vollkommen auseinander driften, den Realitätsgehalt betreffend, das ist das Abenteuer auf Skull Island. So werden 1933 die Bewohner als ganz normales Inselvolk gezeigt, das dem lebenden Kong huldigt und ihm schöne Mädchen darbringt, eine Reflektion auf jedweden Menschenopfer-Kult und es gibt zu Kong, der weißen Frau und allem, was an Konnotationen dahinter stecken kann, interessante Literatur, auch im Internet.

Der Herrscher der Insel ist Kong, nicht der Dorfälteste. Im Jahr 2005 sind diese Leute seltsam degeneriert und traumatisiert, haben aber ungeheure physische Fähigkeiten, die sie unter anderem in die Lage versetzen, an einer Art Stabhochsprung-Stange die vor der Küste liegende „Venture“ zu erreichen, um Ann Darrow zu stehlen, welche die nächste Gabe für Kong werden soll, während sie 1933 noch ein stinknormales Boot benutzen, um des Nächtens heimlich an Bord zu kommen. Dieser Unterschied ist symptomatisch.

Natürlich ist auch das Szenario mit den Dinos und Kong in 1933 nicht realistisch. An der Stelle erlebten wir auch die erste Überraschung. Dass die Fauna nämlich in 1933 auch schon solche Urzeitwesen enthielt, das hätten wir nicht vermutet, bevor wir den Film sahen. Wir hätten eher gedacht, das sei eine der vielen Ausschmückungen des neuen Films. Das ist auch so, weil es viel mehr Sorten von Viechern gibt als 1933, die alle nichts anderes im Kopf haben, als die Menschen anzugreifen, aber dass im Original auch schon der Titanenkampf zwischen Riesenaffe und Saurier stattfindet, bis hin zu diesem wunderbaren Moment, in dem Kong der Echse die Kiefer zerreißt und dann mit den auseinandergeklappten zwei Teilen spielt, hat uns verblüfft. Woran man sieht, wie ingeniös der erste Film war und wie sehr der neuere ihn im Skull-Island-Teil technisch erweitert, aber inhaltlich nicht vertieft hat.

Im Original muss es bei Testvorführungen noch eine Szene gegeben haben, in der Riesenspinnen die Männer fressen, die von Kong in die Schlucht geworfen werden. Die war wohl so schrecklich, dass man diese Szene eliminierte. 2005 gibt es Riesenwürmer, Rieseninsekten, Riesenspinnen, alles, was das Herz des Gruselfans begehrt, aber diese gewaltigen Monster haben solche Mühe damit, sich einiger Menschen zu bemächtigen, dass es beinahe lächerlich wirkt.

Dem steht entgegen, dass die Menschen, anders als 1933, physische Torturen aushalten können, die  leider jenseits aller Glaubwürdigkeit sind. Und das ist für uns etwas anderes, als Monster zu kreieren, die selbstverständlich auch der Fantasie entsprungen sind. Allein, wie Kong die arme Naomi Watts, die jetzt Ann Darrow spielt, bewegt, das würde kein Mensch der Welt überstehen, sondern in Stück brechen. Ähnliches gilt für die grandios choreografierten Kämpfe in und mit den Lianen in der Schlucht, wo echte Männer zeigen, dass sie unkaputtbar sind. Im Original fallen sie einfach aus großer Höhe zu Boden und sind tot, was sehr echt wirkt. Auch da kommt wieder das markante Unpathetische der Filme aus der Depressionsära durch.

Etwas anders liegt die Sache bei Kong und der weißen Frau. Wir hatten das Glück, die restaurierte Fassung des Orginals zu sehen, inklusive der atemberaubenden Szene, in der Kong seinem blonden Spielzeug die Kleider mit den Fingerspitzen auszieht und – ja, was tut er dann eigentlich? Kitzelt er wirklich nur ihre Brüste, wie es in einer Beschreibung zum Film in der Wikipedia zu lesen ist, oder berührt er ihre Scham? Man sieht es nicht genau, vielleicht fehlt doch ein winziges Szenenteil, aber solch eine Szene in 1933?  Doch, gerade. Bevor der Production Code 1934 in Kraft trat, der sowohl die Gewaltdarstellung als auch die Moral als auch die sexuelle Freizügigkeit regelte, waren die Filme so derb und sexy wie dann für lange Zeit nicht mehr. Vor allem wirkt das deshalb so frappierend, weil die allgemeine Sexualmoral nicht diejenige ab den späten 1960ern war, als Film und Realleben sich gemeinsam und wechselwirkend enttabuisierten. Wie schwül auch Dschungelfilme jener Zeit waren, die ohne Monster auskamen, haben wir anhand von „Red Dust“ (1932) betrachtet (Rezension noch nicht auf dem Filmfest gezeigt, da zurückgehalten für ein Jean-Harlow-Special).

Damit einher geht natürlich die grundsätzliche Idee, dass eine Frau von diesem überstarken Monster gefangen wird und sich dann sogar mit ihm anfreundet. In 2005 allerdings weitaus mehr, 1933 wird das allenfalls angedeutet. Dabei kann man natürlich viel weibliche Haut sehen, aber in 2005 gibt es eine weitere Szene nicht in der expliziten Form, nämlich, dass Driscoll und Darrow sich von der Liane fallen lassen, die Kong hochzieht, ins Meer springen und die Frau dabei  wie nackt wirkt. Auch sieht man bei den Kleidungsstücken, die sie trägt, nicht so die Brustspitzen wie in der Szene aus 1933, in der Denham Probeaufnahmen von ihr dreht.

Der dritte Teil, als Kong gefangen ist und in New York ausgestellt wird, beginnt ganz ähnlich in beiden Filmen, man sieht, dass hier wieder eine Szene gewusst nachgebildet wird: Die große Leuchtschrift, auf der Kong als achtes Weltwunder angekündigt wird. In beiden Filmen wird übrigens ausgelassen, wie man den betäubten Kong eigentlich aufs Schiff gebracht hat, nur auf Manneskräfte angewiesen – und das ist gut so. Andererseits – im Film von 2005 gibt es so viel an physischen Unmöglichkeiten, dass man es auch noch hätte so arrangieren können, dass man den Riesenaffen in einem Netz und an einem Ladekran hochzieht. Wobei die „Venture“, die kleiner und schäbiger ist als die von 1933, gar keinen Ladekran an Bord hat, wenn wir uns recht erinnern, und auch sonst keine Vorrichtung, die es erlaubt hätte, ein so großes Stück Ladung zu hieven.

Im dritten, sehr rasanten Teil ähneln sich die beiden Filme am meisten, wobei es in 1933 noch Ann Darrow ist, die sich als eigentliche Kong-Bezwingerin feiern lässt, 2005 aber will sie dies gerade nicht und da hat man eine sehr geschickte Änderung vollzogen. 2005 wird Kong eine weiße Frau nahegebracht, die eben nicht Darrow ist, das macht ihn so wild, dass er ausbricht. 1933 ist sie auf der Bühne, aber für ihn nur erreichbar, wenn er ausbricht. Dass dies auch psychologisch und bezüglich der Haltung der Filme ein großer Unterschied ist, besprechen wir im Anschluss an den Handlungsvergleich.

Das Chaos in den Straßen von New York ist natürlich im neuen Film, Computertrick sei Dank, wesentlich mehr und im wörtlichen Sinn ausgewalzt, wobei es immer wirkt, als wenn niemals jemand zu Tode kommt, gleich, wie Kong Autos und S-Bahnen crasht. Was allein Driscoll körperlich aushalten kann, bei der Verfolgung von Kong, ist – wieder einmal – übernatürlich. Zudem müssen wir kritisieren, dass zwar die Atmosphäre der frühen 1930er gut eingefangen ist und die Autos alle der Zeit entsprechen, Letzteres jedoch mit Einschränkungen. Die Computermodelle waren wohl denn doch aus Kostengründen recht ähnlich gestaltet worden und entsprechen Fahrzeugtypen von ca. 1929-30. Es gibt nicht, wie im Original, einige schicke Wagen aktuellen Baujahrs und auch keine betagteren Fahrzeuge. Die Autos, die per Computer animiert wurden, sind einander zu ähnlich.

Dafür ist das Erklettern des Empire State Buildings in der neuen Version viel ausführlicher und besser dargestellt, man sieht auch genau, wie kleinere Gebäudeteile zu Bruch gehen, wenn Kong sich festhält oder auf ihn geschossen wird, man gelangt mit Ann Darrow auf eine Galerie. Eine Wertung soll hier auch schon sein: Dieser Part ist im neuen Film wirklich besser, das große Finale, das Kong auch anders wirken lässt als 1933. Entscheidend dafür ist die Szene, in der er sich von Ann Darrow trennt: 1933 versteckt sie sich vor ihm, 2005 schiebt er sie mit dem Finger in eine Ecke, damit sie nicht verletzt wird.

Der Film, den John Guillermin 1976 unter der Produktionsägide von Dino de Laurenties drehte, ist in mancher Hinsicht zwischen den beiden anderen angesiedelt, in wichtigen Punkten aber auch abseits. Der Regisseur war nur dritte Wahl, Roman Polanski und Sam Peckinpah lehnten ab. Unter der Regie von Ersterem wäre das sicher ein Kracher geworden, voller Anspielungen und hintergründiger Düsternis, Letzterer hätte vermutlich ein viel härteres Spektakel daraus gemacht. Die Handlung beginnt auch im Hafen, wie in den beiden anderen Versionen, aber Jeff Bridges wird uns als blinder Passagier und Kong-Versteher ebenso untergejubelt wie der etatmäßigen Mannschaft, dann wird der Biowissenschaftler zum Hoffotograf der Expedition bestimmt.

Während die Atmosphäre des Films von 2005 sichtbar und dankbar an die des Urfilms von 1933 angelehnt wurde, ist sie in 1976 komplett anders. Kein oller Kahn, sondern ein mit Technik vollgestopfter Öl-Explorer von einer großen Gesellschaft ist unterwegs, auf dem die Mannschaft sich verliert und weitaus weniger interagiert als 1933 und 2005. Das Packende, das die anderen Filme auf unterschiedliche Weise ausstrahlen, fehlt beinahe komplett. Dafür kann man gerade anhand des Reiseziels gut betrachten, wie die Zeiten sich des Stoffes angenommen haben.

Die Traumfabrik Hollywood reflektiert sich in 1933 und 2005 selbst, 1976gibt es diesen doppelten Boden ebenfalls nicht. Das Spiel mit Traum und Wirklichkeit und unseren Projektionen fehlt. Lediglich, dass Dwan ebenso ein Starlet ist wie Ann, bildet einen Link zum Hollywood-Business. Eines aber hat an 1976 herausgestellt, und das wird angesichts der schlechten Bewertungen, die Guillermins Werk heute bekommt, zu wenig herausgestellt: Jessica Lange interpretiert die Rolle des Mädchens, das um jeden Preis bekannt werden will, sehr eindeutig materialistisch und wird erst durch die Begegnung mit Kong halbwegs bekehrt, und doch nicht vollkommen. Es gibt in diesem Film auch kein Happy-End mit dem Biowissenschaftler, denn als Kong bereits tot ist und die Reptortermeute sich auf Dwan stürzt, erkennt er, dass sie niemals ihm gehören wird, sondern der Masse. Die Figur ist nicht sehr sympathisch, sie ist ambivalent und ist nicht so eingängig, wie vor allem Naomi Watts sie 2005 interpretiert. Das hat man sich erlaubt, im ersten amerikanischen Remake. Deswegen haben wir auch Dwan nicht so folgen können, zumal sie nicht so mit Kong spielt und letztlich ihren Charme einsetzt, um ihn – in Gefangenschaft zu bringen. Nicht gewollt, sondern in der Konsequenz des Schemas „Die Schöne und das Biest“.

In der 1976er Adaption fehlen auf Skull Island, von einer wirklich grottig gemachten Riesenschlange abgesehen, alle von der heutigen Tierwelt abweichenden Wesen, die Konzentration liegt ganz auf Kong und der weißen Frau. Wir finden das gar nicht so schlecht, allerdings hat Kong selbst nicht dieses Urige, das faszinierend Fremde des ersten Inselkönigs von 1933 und nicht die fantastische Ausdrucksmöglichkeiten des 2005er Tricktechnik-Meisterwerke, dem man anmerkt, das Peter Jackson, der Regisseur, bereits Übung in Sachen Fantasy hatte: Er hatte die drei „Der Herr der Ringe“-Filme gedreht, die als Trilogie heute die wohl meistgepriesenen Fantasy-Filme überhaupt sind. Wenn man so will, ist man 1976 fern von dem Schnickschnack, mit dem man die Produktion von 2005 auf fast drei Stunden gedehnt hat. Dadurch wirkt Kong selbst realistischer, vorstellbarer als in den beiden anderen besprochenen Verfilmungen, unbeschadet der Tatsache, dass er deutlich ein Mensch ist, der in einem Kostüm steckt. Die Schwierigkeiten mit der ungewöhnlichen Größenrelation zwischen ihm und seiner „Frau“ sind aber schon gut im Griff.

Nachteilig wirkt sich jedoch die Verlegung in die Jetztzeit aus. Diese fiebrige Depressionszeit, in der die Menschen wilde Träume hatten und Monster die Leinwand eroberten, in denen alles unsicher und alles gefährlich wirkte, die lassen sich nicht durch die Erwähnung der Ölkrise von 1974 ersetzen. In den 1970ern wirkt eben doch die Menschen saturiert, eine Ann, die aus Hunger einen Apfel klaut und dadurch die Aufmerksamkeit von Denham erregt – undenkbar. Dass er die Depressionszeit noch einmal erlebbar macht, wenn schon nicht erfahrbar, ist eines der Verdienste der 2005er Kong-Variante. Es wirkt alles sehr stimmig, was die Menschen umtreibt und auf die See und auf die Suche nach irgendetwas, das hinter dem Horizont und hinter einer Nebelwand liegt. Dagegen wirkt das Geschehen in 1976 sehr nüchtern. Natürlich, der Stil von 1933 ist ja für seine Zeit auch nicht überdramatisch oder ausgreifend, aber die Enttäuschung darüber, dass der Leiter der Expedition Kong als Werbefigur für seine Ölgesellschaft, ähnlich dem Tiger im Tank bei Esso, vermarkten will, ist vorhanden. Eines aber hat der Film den beiden anderen technisch voraus: Dass Kong an Bord eines Riesentankers transportiert wird und mit modernsten Methoden aus seiner Falle geborgen, ist eine Einebnung des Part in Richtung Logik, den man in den beiden anderen Filmen mangels Möglichkeit glaubürdiger Darstellung lieber übersprungen hat – und diesen Sprung in der Handlung bemerkt man deutlich, ihn gibt es in der 1976er Version nicht.

Wir müssen auch eine wichtige Abweichung im dritten Teil erwähnen: 1933 war das Empire State Buildung das höchste Gebäude der Welt, der Maßstab im Wolkenkratzer-Bau, und dorthin flüchtet Kong. Nach oben, wie alle Wesen es offenbar tun, gleich, ob das Hochhaus ihn nun an etwas aus der Heimat erinnert oder nicht. Da der Film von 2005 im Jahr 1933 spielt, bedient er sich dieses baulichen Monuments. 1976 aber war es voll cool, das gerade eingeweihte World Trade Center (WTC) als Kletterhang zu nehmen, und das ist sehr beklemmend. Dafür können die Filmer nichts, aber wenn man Kong an dem Haus hochklettern sieht, an dem er mit einem Mal winzig wirkt, ebenso wie zuvor schon im Laderaum des Tankers, und dann fliegt einer der Hubschrauber, der ihn zur Strecke bringen will, in das Gebäude hinein, ist die Beklemmung perfekt, die mit dem Film gar nichts zu tun hat. Aber es wirkt auch irgendwie banaler, diese Spitze, der flache Abschluss der Gebäude wirkt nun einmal nüchterner als die prächtige Art Déco-Spitze des ESB. Es ist für die Filme der 1970er nicht untypisch, dass sie den Charme nicht haben, den ältere Filme besitzen und teilweise auch neuere wieder ganz gut hinbekommen, wenn man sich wirklich ins Detail verliebt und eine dichte Atmosphäre schafft.  

Die drei Filme als Spiegelbild des Zivilisationspegels?

„Es war die Schönheit, die das Biest zerstörte“. Dieser Satz ist in den Werken von 1933 und 2005 mehrfach zu hören, aber wie unterschiedlich er ausgelegt werden muss, fordert nach dem Handlungsvergleich zum Vergleich der Figuren und der Botschaft heraus.

Auffällig ist nicht nur, dass 1933 die Figuren weniger ausdifferenziert waren, sondern auch, dass es keine nur positiven Charaktere gab. Denham ist ein Abenteurer ohne besondere moralische Vorstellungen, Driscoll ein eher primitiver Typ, der sich zudem frauenfeindlich gibt – wobei natürlich ein weicher Kern unter der rauen Männerschale steckt. Witzigerweise hat er eine leicht affenartige Physiognomie. Ob dieser Subtext gewollt war, können wir nicht sagen, aber auf uns hat er so gewirkt: Es deutet sich schon das Animalische an, das Frauen schwach macht und das in Kong seinen Höhepunkt findet. Angeblich hat man Fay Wray mit dem Statement zum Mitmachen in „King Kong“ überredet (nachdem Jean Harlow, die erste Platinblonde und Sexbombe des Vorjahres, nicht wollte), dass sie den größten und männlichsten Helden an der Seite haben werde, den es je im Film gab. Na bitte.

Ann Darrow in 1932 ist ein vom Hunger geplagtes Mädchen, das nicht besonders feinfühlig oder tiefsinnig wirkt und das bis zum Schluss keinen eindeutigen Zugang  zu Kong findet. Er liebt sie, sie ihn nicht, das kann man grundsätzlich behaupten. Sie ist also mehr oder weniger seine Femme fatale, und ihr Schreien, wenn er sie umklammert hält, wirkt bis zum Ende echt. Auch hier spricht der Realismus zu uns, selbst im Monsterfilm.

Spiegelbildlich ist Kong 1933 ein wirklich wildes Tier, das Menschen in die Luft wirft und zertritt, das selbst keinerlei Moral  zu kennen scheint. Bezeichnenderweise hat man nach der Installation des Hays-Code (wie der Production Code auch nach seinem Erschaffer genannt wurde), nämlich in 1938, nicht nur die Quasi-Sexzene zwischen Frau und Riesenaffe herausgeschnitten, sondern auch alle Stellen, in denen er Menschen zerquetscht wie Wanzen. In 2005 hat man derlei gar nicht erst gedreht, obwohl die Versuchung sicher groß gewesen wäre. Kong tut nur das, was er tun muss, um sein Reich und seine neue Liebe zu verteidigen, das lässt sich einwandfrei nachvollziehen. Deswegen ist die Szene, in der Ann ihm vortanzt und sie dann gemeinsam auf dem Felsen sitzen und in den Sonnenuntergang schauen, tatsächlich anrührend – auch wenn es der erste und vielleicht einzige Moment dieser Art in diesem technisch überfrachteten Film bzw. „Scull-Island-Abenteuer“ ist. Diesen ruhigen Moment gibt es 1933 auch schon, und man merkt, dieses Wesen ist mehr als ein Primat, aber nicht ein einziges Mal lächelt Ann Darrow ihn an, anders als 2005, wo sie ihn wirklich verstehen lernt.

Die Befreiungszene im großen Theater haben wir bereits angesprochen, auch hier ist sichtbar, dass Ann Darrow im Jahr 2005 viel sensibler geworden ist und deshalb nicht bei der großen Kong-Show mittun möchte. Dafür aber lässt Denham in 1933 den Mitstreitern ihren eigenen Ruhm, während er 2005 alles auf sich ziehen will und damit mehr polarisiert und der Film uns mehr manipuliert.

Die zweite wirkliche Überraschung war, wie sehr Naomi Watts, die Ann Darrow von 2005, und Fay Wray einander im Typ ähnlich sind. Ihr Rollen aber sind in fundamentalen Punkten verschieden ausgelegt. Nicht nur, dass Watts viel mehr Zeit hat, sich dem Zuschauer nahezubringen und seine Sympathie zu erlangen, sie ist auch ein anderer Typ. Daran haben sich die Filmemacher sicher delektiert, wie man Szenen ganz ähnlich filmen kann und doch Unterschiedliches ausdrücken, wie etwa den Apfelklau. 1933 wirkt er nur als Symbol, während er 2005 daraus abgeleitet wird, dass die Schauspieltruppe, zu der Ann gehörte, monatelang nicht bezahlt wurde. Die Depression war 1933 etwas so Selbstverständliches, dass man es den Leuten nicht erklären musste, wie Menschen in den Hungerzustand geraten konnten, und man wollte es wohl auch nicht erklärt haben, weil beinahe jeder Kinogänger damals wohl seine eigenen Erlebnisse mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Zeit hatte. 1933 wird nicht sehr darauf eingegangen, wie es Ann in den Tagen vor ihrer Entdeckung durch Denham ergeht, 2005 verstehen wir sofort, warum sie dieses seltsame Schiff und seine seltsamen Typen als Chance sieht. Als eine bessere jedenfalls, als in einem vulgären Vaudeville-Schuppen aufzutreten. Auch, dass sie sich zuvor bemüht, etwas Besseres zu finden, war den Machern in 2005 wichtig.

Ann Darrow ist in 2005 eine sensible Frau mit großen, wachen Augen, die sich einfühlen kann, während es 1933 eher so wirkt, als wenn die ebenfalls großen Augen Lebensgier ausdrücken – diese andere Wahrnehmung ist der unterschiedlichen Mimik geschuldet. Naomi Watts lächelt uns aufrichtig und wirklich zauberhaft an, während Fay Wray mehr aus Winkelperspektiven dargestellt wird, nie so lange im Blick verharren darf und ihre Züge dabei etwas gewöhnlich wirken. Die Veredelungstendenz des Films aus dem Jahr 2005 wird nirgends so deutlich wie bei der unterschiedlichen Aufstellung der beiden optisch ähnlichen Frauen. Daher wundern wir uns nicht, dass die Ann von 1933 Kong nicht liebt, während diejenige von 2005 nicht nur den Schriftsteller raueren Typen vorzieht, sondern auch den Poeten im Riesenaffen erkennt, der aufgrund der computergesteuerten Animation allerdings auch Gefühlszustände viel differenzierter rüberbringen kann als der Pappkamerad von 1933.

2005 entwickelt sich daher ein richtiges Spiel zwischen den beiden, das vor allem dem männlichen Balzverhalten abgeschaut ist und auf das die Frau eingeht, welche die Seele in diesem großen Tier – oder ist es doch mehr ein Mensch? – erkennt. Während 1933 Kong eher so wirkt, als trommele er sich auf die Brust, weil er der Chef ist, wirkt das 2005 viel mehr auf Ann bezogen im Sinn eines Imponiergehabes, das so menschlich-männlich wirkt, auch wenn wir uns heute nicht mehr, oder nur noch, wenn wir mit uns allein sind, uns im Spiegel anfeixen, weil wir wieder so gut waren. Das Problem mit dieser subtileren Darstellung im neueren Film ist, dass sie zu kurz gerät im Vergleich zur CGI-Show. Man muss sich ja erst einmal auf diese Urwaldpoesie der Gefühle zwischen unterschiedlichen Spezies einstellen, und dafür müsste man erst einmal vom Computeranimations-Trip. So bleibt die Gesamtwirkung kaum stärker als in 1933, wo dies alles nicht so ausgeformt wird und wo man am Ende den Riesenaffen auch nicht vorwiegend mit der Felsvorsprung-Szene assoziiert, die aus dem neuen Film durchaus in Erinnerung bleibt.

Durch die unterschiedlichen Akzente wirkt auch die grandiose Schlussszene anders auf uns. 1933 kann man beinahe noch verstehen, warum die Flugzeuge Kong von der Spitze des Empire State Buildings schießen (das damals noch keine Antenne hatte, sondern eine kleine Plattform als Spitze), während man beim neuen Film nur entsetzt ist darüber, wie unverständige Menschen ein Naturwunder vernichten, das nicht boshaft ist, sondern nur mächtig war in seiner eigenen Welt. Keine Frage, dass die Neuadaption kritischer eingestellt ist und sowohl tier- als auch menschenfreundlicher.

Der Trend der Zeit besagt allerdings auch, dass immer mehr das gefilmt wird, was wir gerne wären, und nicht, wie 1933, das, was wir sind: Eine im Ernstfall ziemlich rudimentäre Spezies, die über Leichen geht, gleich ob über die von Tieren oder solche der eigenen Art. Der Riesenaffe von 1933 mit seiner durchaus  zerstörerischen Attitüde steht den Menschen näher als wir uns heute stehen, wenn wir im Film auf die Menschen von 1933 hinabblicken, welche, dargestellt durch die New Yorker Bevölkerung nur sensationsgeil wirken und nicht eine Spur Mitgefühl für Kong haben. Die Distanz von beinahe 80 Jahren belegt, dass wir heute zwar sozial besser eduziert sein mögen, doch wie viel davon Fremd- und Selbstbetrug ist und nicht echte Fähigkeit zu lieben und zu fühlen, darüber gibt uns ein Film wie King Kong selbstredend keinen Aufschluss.

Signifikant ist, dass die politische Korrektheit immer mehr anwächst, aber auch, dass sie manchmal so aggressiv daherkommt wie jede andere Idelogie es sein kann, wenn sie von den falschen Leuten propagiert wird und in Rechthaberei ausartet, von der aus es wieder nur ein kleiner Schritt hin zum Fanatismus ist. Gleichzeitig nimmt die Brutalität im täglichen Leben und in der Welt keineswegs ab. Wir spalten uns nur immer auf, gleichzeitig scheint sich die gute Seite immer mehr von der bösen im eigenen Ich. Wer ist King und wer ist Kong?

Um dies nicht zu deutlich werden zu lassen, wurde der Film von 2005 in gute, böse und mittlere Charaktere aufgeteilt, währen im ursprünglichen Werk das Wesen der Figuren nicht diese große Spreizung hat. Alle diese Typen haben aber in 2005 mehr ein Spannungsverhältnis zueinander als 1933, was die Dramatik fördern soll. Dann aber wieder ein wichtiger Unterschied: Auf Skull Island wird auch im Moment höchster Gefahr noch das Team betont, während im Urfilm sich die Leute pragmatisch voneinander trennen und es dem einen relativ gleich zu sein scheint, wie’s dem anderen geht: good luck and so long! Auch das entspricht dem jeweiligen Zeitgeist. Das Team als soziale Einheit und als Ersatz für den uneingeschränkten Individualismus stand zu Beginn der Roosevelt-Ära ebenfalls erst am Anfang.

Wie steht nun die mittlere Verfilmung von 1976 in diesem Kontext? Schade, dass er so arm an Innovation und Atmosphäre ist, denn er steht bereits eindeutig für die Sicht der Dinge, die wir heute auf Ethnien, Arten, die Natur haben – oder haben sollten. Kong nimmt die Frauenopfer an, das hat er mit dem von 1933 gemeinsam, aber er wirkt zahmer als der Vorfahr und der Nachkomme, und es gibt wieder durchaus sexuelle Konnotationen, die eher an den Urfilm erinnern. Aber dass er die Inselbewohner angreift und dergleichen – keine Spur davon. Die Rolleninterpretation von Jessica Lange ist deshalb interessant, weil sie den Typ, den Fay Wray spielt, zuspitzt, aber die Dwan, die sie spielt, ihre Haltung schrittweise revidiert. Man merkt erst im Zusammenhang der drei Filme, dass die Rollenauslegung von Naomi Watts in 2005 die konsequente Weiterentwicklung dessen ist, was sich zwischen 1933 und 1976 verändert hatte.

Der Mythos King Kong in den drei Filmen

Was man alles den Filmen unterlegt hat, ist beachtlich, und sicher ist vieles davon bedenkenswert. Da gibt es die Faszination für und die Furcht vor dem Fremden, das der Film von 1976 am wenigsten ausspielt, weil King Kong eindeutig zufällig gefunden wird, während die anderen Filme suggerieren, dass er das Ziel oder ein wichtiges Ziel der Expedition ist. Dadurch gewinnt er mehr die Funktion eines Schatzes, den man hebt – während man 1976 aus der Niederlage, dass das Erdöl auf er Insel, die dieses Mal keinen Namen hat, erst in 10.000 Jahren förderreif sein wird, einen Sieg machen will, indem man King Kong als Maskottchen einer Ölfirma nach New York holt. Das verstärkt die kapitalismuskritische Haltung des Films, aber nicht nur die Ideen von der Vermarktung sind banal, sondern auch der Mythos Kong wird banalisiert. In den beiden anderen Filmen ist er ein Schaustück für sich, einmalig, kommentiert nur durch die Geschichte, die ihn mit der weißen Frau verbindet, und er wirkt auch in Gefangenschaft viel mächtiger (wobei die Art, wie er 1976 seinen Käfig sprengt, darauf schließen lässt, dass diejenigen, die ihn gebaut haben, keinerlei Idee von den Kräften des Urwaldkönigs hatten).

Viel ist natürlich über die Assoziationen geschrieben worden, die Kongs Verhältnis zu der weißen Frau hervorruft, kurz zusammengefasst haben wir diesen Aspekt, weil er von allen soziokulturellen Aspekten der griffigste ist. 1933 kann dies im Wesentlichen nur Schrecken bedeuten. Wenn man Kong als ein Symbol des Nichtweißen oder Afroamerikaners deutet, und wenn man weiß, wie die Afroamerikaner 1933 im Film und in der Realität behandelt wurden, ist diese Interpretation beinahe zwingend. Allein die Annäherung des Urwaldriesen an die weiße Frau ist etwas, das vielen Zuschauern in den Kinos vermutlich die Haare zu Berge stehen ließ: Weil die rassistischen Tendenzen in der Gesellschaft so gut aufgegriffen werden. Dass die meisten Zuschauer diesen Zusammenhang nicht bewusst wahrgenommen haben, dürfen wir annehmen, doch umso stärker wirkt er dann aufs Unbewusste ein.

Finale

Wir hatten gleich den Eindruck, dass man an diesen beiden Filmen viel ermitteln kann über den Wandel der Zeit und des Films. Der Realismus von 1933 ist einem wohlmeinenden Pathos gewichen, die Technik dominiert auch in diesem Film etwas zu sehr, wie heute so häufig, und sie wirkt so beliebig einsetzbar, während man am Beginn der Tonfilmzeit noch um jede Sekunde ringen musste, in der ein Monster zu Leben erwacht. Selbstverständlich halten wir es für richtig, die Kreatur nicht zu verachten oder zu dämonisieren, sondern das Menschliche in ihr zu sehen, wie in jedem Menschen.

Dieses Grundverständnis darf ein Monsterfilm ausdrücken, und das gelingt „King Kong“ aus dem Jahr 2005. Trotzdem, wir hätten ihn kürzer gehalten und die beinahe endlos wirkenden Kampfszenen zwischen verschiedenen Spezies im Urwald sind auf ihre Art ermüdend, denn King Kong und die weiße Frau verschwinden beinahe aus dem Blick. Auch sonst hätte man zugunsten der Dynamik einiges über Bord werfen können – zum Beispiel die Tatsache, dass das Schiff im Sturm beinahe untergeht, was im Failm von 1933 überhaupt nicht vorkommt.

Die Version von 1976 hingegen ist frei von Gefahr auf See und atmet den typischen Geist einer technisch avancierten Gesellschaft, in der es im Grunde kein Problem darstellt, einen Kong aus dem Urwald zu locken und in einen der vielen, vielen Tanks eines Tankers zu verfrachten. Auch wenn man den Verladevorgang selbst nicht sieht, fast alles geht, warum nicht dies. Auf eine etwas naive Art ist der Film kritisch, verliert aber viel Subtext gegenüber beiden anderen Adaptionen, ist tricktechnisch auch kein Meilenstein, wie der Film von 1933. Die Version von 2005 schöpft immerhin das aus, was es nun einmal zu dem Zeitpunkt an computertechnischen Trickmöglichkeiten gab – und das ist bekanntlich eine Menge, auch wenn das nun wieder einige Jahre her ist.

Alle drei Filme haben Schwächen und Stärken. Die wertenden IMDb-Nutzer bevorzugen den Klassiker (8/10) gegenüber dem modernen Film (7,3/10), Stand 15.10.2014. Die Haltung ist nachvollziehbar, denn das Schnörkellose und auch Brutale des Originals hat seine Vorzüge, und natürlich war der Film eine Sensation, die lange Zeit nicht übertroffen wurde. Wir setzen die Kinostücke aus 1933 und 2005 etwa gleich an. Die „Zwischenverfilmung“ von 1976 fällt dagegen ab, jedoch nicht so stark, wie es die Durchschnittswertung (5,8/10), Stand 07.01.2015, zum Ausdruck bringt.

81/100 für King Kong (1933)
80/100 für King Kong (2005)
68/100 für King Kong (1976)

© 2020 (Entwurf 2015, 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Merian C. Cooper,
Ernest B. Schoedsack
Drehbuch James Ashmore Creelman
Ruth Rose
Produktion Merian C. Cooper,
Ernest B. Schoedsack,
David O. Selznick
für RKO Pictures
Musik Max Steiner
Bernhard Kaun
Kamera Edward Linden
J. O. Taylor
Vernon L. Walker
Schnitt Ted Cheesman
Besetzung
Regie John Guillermin
Drehbuch Lorenzo Semple junior
Produktion Dino De Laurentiis
Musik John Barry
Kamera Richard H. Kline
Schnitt Ralph E. Winters
Besetzung
Regie Peter Jackson
Drehbuch Peter Jackson
Fran Walsh
Philippa Boyens
Produktion Jan Blenkin
Carolynne Cunningham
Peter Jackson
Fran Walsh
Musik James Newton Howard
Kamera Andrew Lesnie
Schnitt Jamie Selkirk
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s