30 Jahre Einheit: „Kranke Geschäfte – Medikamententests westdeutscher Pharmafirmen an DDR-Bürgern“ #Filmfest Vorschau ARTE 25.09.2020, ZDF 28.09.2020, jeweils 20:15 Uhr

Filmfest Vorschau - Titelfoto © Rat Pack Filmproduktion in Koproduktion mit An der Gassen FILM für ZDF und ARTE

Liebe Leser*innen,

30 Jahre deutsche Einheit – dieses Datum kann nicht ignoriert werden. Schon deshalb nicht, weil es eine Flut von Medienbeiträgen mit sich bringen wird und Umfragen à la „Ist die deutsche Einheit vollendet oder nicht und wenn nicht, warum nicht?“ und ähnliche mehr oder weniger müßige Fragestellungen. Auch der Westen der BRD ist nicht „einheitlich“ und auch in den „Neue(re)n Bundesländern“ einschließlich Ostberlins gibt es Menschen mit recht verschiedener Mentalität. Regionale Aspekte, aber vor allem persönliche Aufstellungen und Biografien spielen dabei eine Rolle.

Deshalb halten wir es für besser, uns erst einmal auf Beiträge zu konzentrieren, die noch etwas bieten könnten, was nicht jeder weiß und immer wieder diskutiert hat, in dreißig langen, für viele Menschen erfolgreichen und für andere quälenden und frustrierenden Jahren.

Dass die DDR-Regierung Ausreisewillige an die BRD quasi verkauft hatte, ist einer von vielen bekannten Aspekten des deutsch-deutschen Alltags bis zum Mauerfall. Aber wussten Sie, dass es auch Menschenversuche gab, die dem scheinsozialistischen, stets klammen „Arbeiter- und Bauernstaat“ ebenfalls Devisen einbringen sollten? Das ZDF und ARTE zeigen im Rahmen von „30 Jahre Einheit“ einen Spielfilm, der sich mit einem (weiteren) düsteren Kapitel der deutschen Teilung befasst, das noch nicht jeder kennt und der auf wahren Begebenheiten aufgebaut ist:

Wie die DDR und westliche Pharmafirmen kooperiert haben, um Medikamententests an Bürger*innen im Osten durchzuführen. Den folgenden Text hat uns die Agentur zugeschickt, die den Film medial betreut:

Lieber Herr Hocke,

von 1964 bis 1990 führten westdeutsche und internationale Pharmafirmen im großen Stil Medikamententests an ostdeutschen Bürgern durch – mit Hilfe der DDR- Regierung, die für die Vermittlung ihrer Bürger Devisen in Millionenhöhe erhielt. In über 900 Medikamenten-Studien wurden Medikamente an mindestens 50.000 DDR- Bürgern getestet, die im schlimmsten Fall den Tod zur Folge haben konnten.

Anlässlich des 30. Jahrestags der Deutschen Einheit zeigen das ZDF am Montag, dem 28.09.2020 und ARTE am Freitag, dem 25.09.2020, jeweils um 20.15 Uhr das von wahren Ereignissen inspirierte historische Polit-Drama „Kranke Geschäfte“ über ein brisantes Kapitel deutsch-deutscher Geschichte: Medikamententests westdeutscher Pharmafirmen an DDR-Bürgern.

„Kranke Geschäfte“ ist die letzte Regiearbeit des mehrfach ausgezeichneten Regisseurs Urs Egger („Gotthard“, „Der Fall Bruckner“, „Opernball“), der kurz nach der Fertigstellung dieses Films verstarb. Das Drehbuch schrieb Johannes Betz („Das Boot“, „Die Spiegel Affäre“) nach einer Idee und Recherche von Franziska An der Gassen. Zum hochkarätigen Ensemble gehören u.a. Florian Stetter („Weissensee“), Felicitas Woll („Dresden“), Lena Urzendowsky („Der große Rudolph“), Corinna Harfouch („Lara“), Jörg Schüttauf („Unterleuten“), Johannes Allmayer („Der Auftrag“), Matthias Matschke („Professor T.“), Alexander Beyer („Wendezeit“), Stephan Grossmann („Weissensee“), Amber Bongard („Ostwind“), Nina Gummich („Beat“), Sebastian Hülk („Dark“) und als Gast Udo Samel („Babylon Berlin“).

Inhalt: 1988. Armin Glaser (Florian Stetter), Oberleutnant der Stasi, lebt mit seiner Frau Marie (Felicitas Woll) und Tochter Kati (Lena Urzendowsky) in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Als bei Kati die im Kindesalter seltene Krankheit Multiple Sklerose diagnostiziert wird, hoffen sie auf eine neuartige, vielversprechende Behandlung im Bezirkskrankenhaus. In der Annahme, das Richtige zu tun, geben Armin und Marie ihre Tochter in die Obhut von Dr. Sigurd (Corinna Harfouch). Schon bald lassen Armin Ungereimtheiten bei der Behandlung misstrauisch werden. Er nutzt seinen Rang in der Stasi, um an Informationen zu kommen. Doch je mehr er sich der Wahrheit nähert, desto weniger kann er sie glauben. Kann es wirklich sein, dass westdeutsche Pharmakonzerne ihre noch nicht zugelassenen Medikamente an unbescholtenen, ostdeutschen Bürgern – und so auch an seiner Tochter – testen? Und welche Rolle spielt dabei die DDR-Regierung, die darin verwickelt zu sein scheint? Weder Marie, die in der westdeutschen Medikamentenstudie eine große Chance für Kati sieht, noch Armins Vorgesetzter Oberst Petershans (Stephan Grossmann) oder dem zuständigen Staatssekretär (Jörg Schüttauf) gelingt es, Armins verbissene, investigative Jagd nach der Wahrheit zu stoppen. Ihm geht es längst nicht mehr um Kati allein, sondern um seine bröckelnde Ideologie und um zwei Staaten, die scheinbar den Handel mit kranken Menschen billigen. Selbst vor einem Verhör des westdeutschen Pharmalieferanten Florian Diller (Johannes Allmayer), der für die Pharmafirma Necker regelmäßig Studien-Medikamente in die DDR bringt, macht Armin nicht Halt. Er deckt die großen Seilschaften und das institutionelle Vorgehen zwischen BRD und DDR auf und schafft es sogar, den Samen eines aufkeimenden Gewissens in Florian Diller zu säen, der vielleicht auch Kati retten könnte – wären da nicht viele weitere Akteure, die eine ganz eigene Agenda verfolgen.

„Kranke Geschäfte“ ist eine Produktion der Rat Pack Filmproduktion in Koproduktion mit An der Gassen FILM. Produzentin ist Franziska An der Gassen, die mit „Kranke Geschäfte“ für den Produzentenpreis auf dem Filmfest Hamburg 2019 nominiert wurde. Verantwortlicher Redakteur beim ZDF ist Günther van Endert, für ARTE Olaf Grunert. Regie führte Urs Egger, das Drehbuch stammt von Johannes Betz. Den Weltvertrieb übernimmt Beta Film, in Österreich und der Schweiz die Constantin Film. Gedreht wurde 2019 in Prag und Umgebung.

*** Ende Pressetext ***

Zum Film werden wir uns nach dem Anschauen äußern, aber von dieser medizinischen Zusammenarbeit zwischen den beiden deutschen Staaten oder Stellen in diesen Staaten wussten wir bisher, ehrlich geschrieben, nichts. Dass die Pharmaindustrie ein Moloch ist und vor allem auf Profit aus und weniger auf maximale Hilfe für Patient*innen, ist im Jahr 2020 hinlänglich bekannt und dass es zwischen West und Ost einige interessante und ideologisch mehr als fragwürdige Formen des Austauschs gab, ist nun auch nicht mehr neu. Wir hoffen auf einen spannenden und vor allem glaubwürdigen Film und werden im Anschluss an die Sichtung eine Rezension für unsere Rubrik „Filmfest“ schreiben.

TH

4 Kommentare

  1. Guten Tag,

    habe mir den Film angesehen und habe dazu auch ein paar Bemerkungen.
    Diese hier nun schon jetzt hineinstellen oder wollen Sie den Film erst mal ohne „Beeinflussung“ selbst ansehen?

    Noch was: allzu viele Kommentare gibt es aber zu Ihren Beiträgen aber nicht?

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    1. Vielen Dank für Ihre Anmerkung. Posten Sie hier gerne schon Ihre Bemerkungen. Die meisten Reaktionen zu den politischen Artikeln erhalte ich auf Twitter – zu den Rezensionen tatsächlich eher wenige, aber das muss kein schlechtes Zeichen sein. Die Art, wie rezipiert wird, hat sich in den letzten Jahren auch verändert, glaube ich.

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  2. Ich kann mich düster daran erinnern, daß es dazu Berichte in den 80er Jahren gab. Ein großer Aufreger war das damals aber nicht.

    Tja, der Film läßt mich irgendwie ratlos zurück, ich weiß nicht so recht was er mir sagen will oder soll??

    dazu folgende Bemerkungen:
    Die Aktivitäten des Stasi Oberleutnants sind komplett unglaubwürdig. Die MfS Leute haben sich doch ständig gegenseitig überwacht, so daß er spätestens nach der ersten Eigenmächtigkeit kaltgestellt worden wäre!
    Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, daß es da vorab keinen Ukas von ganz oben gab, in diesem Krankenhaus jetzt mal nicht allzu intensiv zu forschen.

    Vor allem stört mich, daß der Film sehr manipulierend daherkommt.
    In Min 32 fängt die Szene erst zum Ende des Patienteninformationsgesprächs an. Es ist also nicht klar, ob die Ärztin davor wahrheitsgemäß von einem neuen noch in der Testung befindlichen oder irreführend von einem bekannten Medikament mit eventuellen Nebenwirkungen spricht. Durch das ganze Drumherum der Szene soll der Zuschauer aber das zweite annehmen.
    Ich vermute aber sehr, daß die Mutter in ihrer Verzweiflung und im Angesicht der sich wahrscheinlich verschlechternder Gesundheit ihrer Tochter so oder so zugestimmt hätte.

    Der Rest:
    Ein bißchen Neid mußte wohl auch mit hinein gepackt werden! (Cognac und West Zigaretten)
    Auf eine etwas unpassende merkwürdige Figur konnte man wohl nicht verzichten. Hier der Pharma Vertreter also mehr Lieferfahrer -> bißchen doof aber lieb
    Warum nun da auch noch die Firmenübernahme Geschichte mit eingebaut werden mußte, ja wozu?

    Der Pressetext erzählt mehr und z.T. anderes als der Film hergibt.
    Welche Ungereimtheiten da gemeint sind. (Wahrscheinlich ist das Doppelblind Procedere gemeint), weiß die Mutter über die Neuigkeit des Medikamentös Bescheid usw.

    Zusammengefaßt ein Film von der Sorte, nee, muß nicht sein.

    Grüße

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    1. Vielen Dank für Ihre Anmerkungen. Ich werde ohnehin noch ein paar Tage brauchen, bis ich mir den Film anschauen und etwas über ihn schreiben kann. Ich fühle mich nicht beeinflusst, sondern werde etwas genauer auf die von Ihnen erwähnten Punkte schauen und sie vermutlich auch erwähnen.

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