Lockvögel – Tatort 334 #Crimetime 819 #Tatort #Hamburg #Stoever #Brockmöller #NDR #Lockvogel

Crimetime 819 - Titelfoto © NDR

JUDO an der Waterkant

Kante zeigen, das kann der NDR mit seinen klassischen Krimis besser als manch anderer Sender. Wenn das mit Stoever und Brockmöller gemacht wird, wirkt es auch nicht so prätentiös wie in manch heutigem Tatort, zum Beispiel denen aus Hannover.

Wir lernen anhand der Episode 334, dass das Undercover-Ermitteln in der Hansestadt nicht erst mit Cenk Batu begann, sondern schon mehr als zehn Jahre zuvor eine Form von Verbrechensaufklärung darstellte, die der Stadt ganz gut steht. In „Lockvögel“ ermittelt der junge Polizist Gerd Eifels (Dirk Martens) in der Neonazi-Szene und auch ein wenig bei der PKK. Das hat Hauptkommissar Stoever (Manfred Krug) so beschlossen. Es ist die individuelle und etwas amateurhaftere V-Mann-Version, im Vergleich zum späteren, institutionalisierten Batu, der vom BKA außerhalb der örtlichen Weisungskette angesiedelt war (bzw. ist, eine Folge mit ihm wird noch ausgestrahlt werden). Was es sonst zum 334. Tatort zu sagen gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

In einer dunklen Herbstnacht erschießt der dem rechtsradikalen Milieu zugerechnete Walter Stoers den türkischen Gastwirt Yüksel Agban in dessen Lokal. Eine Falle: Agban war gefesselt und wurde als Lockvogel mißbraucht. Der junge Walter Stoers ist in Wirklichkeit Hauptkommissar Gerd Eifels, der seit einem Jahr undercover mit der Aufklärung eines Brandanschlags auf eine türkische Imbißbude beauftragt war. Hierbei kam damals der Besitzer Cem Agban ums Leben. Eifels weiß jedoch nicht, wer ihn enttarnt haben könnte.

Stoever und Brockmöller stehen unter massivem Druck des Staatsanwaltes, denn Stoever hatte den jungen Kollegen Eifels für die Undercover-Aufgabe empfohlen.

Die Kommissare ermitteln in der Judoschule Kaiser, deren zwielichtiger Leiter zusammen mit Helfershelfer Dehmels im neonazistischen Milieu aktiv ist. Leider reichte die Beweislage nie aus, die beiden dingfest zu machen. Brockmöller gelingt es jetzt jedoch, Spuren der Täter in der Mailbox des neonazistischen „Thule-Netzes“ zu verfolgen. Zum Erstaunen Stoevers entwickelt Brockmöller ungeahnten Ehrgeiz im Umgang mit dem „Datenhighway“, den auch Kollege Eifels intensiv genutzt hatte. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Hinweise darauf, daß kurdische Extremisten für die Tatverantwortlich sind, da der türkische Agban mit der kurdischen Gastwirtsfamilie Haschimi seit Jahren verfeindet war.

Die Ermittlungen stehen unter großem Zeitdruck: Während die Kommissare alles daran setzen, Eifels Unschuld zu beweisen und die Drahtzieher des Hinterhaltes zu überführen, flieht Eifels aus der Sicherheitsverwahrung des Krankenhauses und versucht verzweifelt, selbst die wahren Täter zu stellen. Als ein weiterer Mord geschieht, müssen Stoever und Brockmöller befürchten, daß Eifels einen einsamen Rachefeldzug durchzieht.

Rezension

„Lockvögel“ versucht, mehrere Klappen mit einer einzigen V-Fliege zu schlagen. Die gewalttätige Rechtsextremisten-Szene, die PKK und deren intern-türkische Gegenfraktion. Das ist ein wenig unglaubwürdig, aber man kann sich dem robusten Charme dieses Tatortes nicht entziehen. Das liegt vor allem daran, dass die Handlung sehr straight inszeniert ist und dass Stoever und Brockmöller hier für uns eine ihrer besonders guten Leistungen abliefern. Ja, ein wenig nonchalant sind sie schon, aber auch sehr humorvoll, und die Sorgen dieser Polizistenwelt haben lediglich Ansteckpuppenformat.

Nachdem sich herausgestellt hat, dass eine Nazi-Terrorzelle tatsächlich zehn Morde auf dem Gewissen hat, könnte man das Thema heute so nicht mehr darstellen, dazu ist es zu ernst geworden. Aber 1996 war diese Form der Annäherung wichtig, richtig und auch filmisch gut umgesetzt. Dazu kommt, dass wir die Geburtsstunde des Internets im Bewusstsein der breiten öffentlichkeit miterleben. Das war jene Zeit, als die Modems sich eher wie ausgewachsene Bürofaxmaschinen anhörten, als still ihren Dienst zu tun. Zumindest kommt es  im Tatort so rüber und es macht einen Riesenspaß zu sehen, wie Stoever & Brockmöller sich dem Thema nähern. Stoever möchte sich angesichts solcher Technik am liebsten pensionieren lassen, musste darauf aber noch fünf Jahre warten. Brocki tut sich leichter und ist fasziniert.

Unser persönlicher Bezug: Genau in jenem Jahr 1996 erhielten wir ebenfalls erstmalig einen Internetzugang. Noch über die Unversität, nicht privat – und ganz gewiss nicht zum Edda-Netz, das sich in „Lockvögel“ ausnimmt, als liefe es neben dem „normalen“ Internet her und sei nicht ein Teil davon. Ein Teil wie T-Online, das damals tatsächlich noch namentlich genannt werden durfte.

Spannung, Symbole, Stilelemente

Formal lässt sich der Tatort „Lockvögel“ so zusammenfassen: Die Inszenierung ist bereits modern, die Bebilderung in manchen Sequenzen auch, die Musik von Klaus Doldinger („Das Boot“) meist etwas altbacken instrumentiert, in den dramatischen Szenen aber angemessen.

Spannung gewinnt „Lockvögel“ aus den Figuren, besonders aus der des Polizisten Eifels, der ein paar Momente lang wirkt wie ein intelligenter Neonazi, bis man erfährt, dass er einer von den Guten ist. Da er nicht „institutionalisiert“ ist, sondern nur für diesen Fall erfunden wurde, könnte er auch bei seiner Tätigkeit draufgehen, insbesondere bei seinem Alleintrip, als er zwei echte Skins gefangen nimmt. Das ist der Vorteil, wenn ein Charakter nicht für die nächste Folge erhalten werden muss. Die Art, wie der Polizist hier dargestellt wird und wie er handelt, wirkt zu emotional, sein Handeln zu gefühlsgesteuert – aber es hat natürlich eine hohe Präsenz.

Nett fanden wir die Symbolik des Tatortes. Die Nazis haben ein Treff, das als Judo-Trainingscenter getarnt ist. Man verbindet das Praktische mit dem Konspirativen, denn Kampfsportarten zu beherrschen, ist für jeden Gewaltmenschen eine deutliche Verbesserung der wichtigen Fähigkeiten – womit der asiatische Kampfsport seiner ursprünglich defensiven Haltung enthoben wird und pervertiert, wie eben die Nazis alle Werte und Techniken pervertieren.

Sie bedienen sich des Internets bzw. des Edda-Netzes, das sie eigenständig betreiben und sind damit auf der Höhe der Zeit. Ganz ins Gestern hingegen weist dieses im Grunde witzige Schild über dem Camp. Darüber ein Neonschriftzug mit der Bezeichnung „Judo“, aber der letzte Buchstabe flackert, sodass nur „Jud“ blutrot durch die Nacht leuchtet. Es ist klar, dass damit die neuen Nazis in einen Kontext mit dem Judenmord gestellt werden sollen und dass man das nicht vergessen soll.

Zum Gegensymbol der Sorgenpuppen lassen wir die deutsche Wikipedia sprechen:

„Eine Sorgenpuppe (auch Sorgenpüppchen) ist eine kleine, meist in Guatemala kunsthandwerklich gefertigte Puppe aus Draht und buntem Garn, die beispielsweise in Weltläden oder auf anderen Vertriebswegen des Fairen Handels verkauft wird.

Mehrere oft nur wenige Zentimeter große Püppchen werden zusammen in einem kleinen Stoffbeutel verkauft; nach einer meist als „Anleitung“ mitgelieferten Legende können Kinder den Püppchen abends ihre Sorgen erzählen und diese dann unter ihrem Kopfkissen deponieren – am nächsten Morgen seien die Sorgen dann verschwunden.“

Es sind süße Kinder, von denen Stoever die Sorgenpüppchen kauft, von denen er einige an Brocki und sogar an den nervigen Staatsanwalt weitergibt. Die Schlussszene, in denen diese Puppen dann den Nazis  von den in einer Reihe stehenden Guten am Revers ihrer Jacketts gezeigt werden, lässt sich in ihrer gelungenen Grafik nur schwer schriftlich wiedergeben und ist ein kurioser Gag, wie man ihn 1996 noch liefern konnte. Heute wäre er, wenn noch möglich und nicht in diesem politischen Kontext, etwas für die Münsteraner. Vor mehr als 15 Jahren hatten wohl nur Stoever und Brockmöller das Format für derlei Skurrilitäten.

Mann, Musik, Gesang

Wie zur selben Zeit Markowitz in Berlin, waren auch Brockmöller und Stoever nicht nur Musikfans, sondern Aktive. Die Nachwendezeit hatte wohl etwas Jazziges. In „Lockvögel“ darf man darf Stoever sogar dabei bewundern, wie er versucht, einen Oktave höher zu singen, als er normalerweise spricht.

Mit dieser Stimme, das steht fest, könnte er in der Realität nicht sehr viele Zuschauer hinterm Ofen hervorlocken, wohl aber den einen oder anderen Verbrecher, der sich dort versteckt hat und es wegen der Misstöne nicht mehr aushält. Die beiden swingenden Kommissare (auch Brockmöller ist in derselben Combo aktiv, zum Glück nur instrumental) sind aber in diesem Tatort ein sehr starkes Team und tragen zu seiner Atmosphäre und seinem Gelingen erheblich bei.

Privates, das in anderen Folgen durchschimmert, wird außen vor gelassen, wenn man von dem einen oder anderen politischen Statement absieht, das natürlich sein muss, damit auch jeder versteht, dass diese beiden unterschiedlich gestrickten, aber beide hoch integeren Staatsdiener nichts mit Nazis am  Hut haben, aber viel Verständnis für die unterschiedlichen Standpunkte von Migranten türkischer und türkisch-kurdischer Herkunft. Da war manch didaktischer Moment dabei, wie er für mindestens  zwei Drittel aller Tatort-Städte bzw. Teams längst typisch ist.

Gesetze, Technik und der Feldzug

Deutsche Gesetze, die nicht für Migranten gelten sollen? Brockmöller ist skeptisch. Nazis, die jenseits der Rechtsordnung stehen? Brockmöller und Stoever sind einheitlich ablehnend. Dann gibt es noch den jungen Polizisten, der sich nicht mit Normen und deren Gültigkeit auseinandersetzt, sondern aus einer im Film nicht erklärten Verfassung heraus bereit ist, sich in rechtsextremistische Kreise einschleusen zu lassen – von Stoever wurde dieser Vorgang offenbar initiiert.

Im Zuge der Enttarnung von Eifels durch den führenden und besonders brutalen Neonazi Olaf Dehmels (Robert Victor Minnich) erlaubt sich das Drehbuch einige Schwächen, die darauf hinweisen, dass das Thema Internet damals wirklich noch sehr neu am Tatort war. Brockmöller spekuliert darüber, dass das „U-Boot“ als Mitglied des rechten Netzwerkes technisch enttarnt wurde, wie das geschehen ist, wird aber nicht dargestellt, sondern eher spekulativ abgehandelt.

Dabei hätte uns der Punkt früher Webtechnologie besonders interessiert, denn offenbar hatte Eifels verschiedene Adressen und wohl auch verschiedene IP-Adressen für seine Kontakte mit verschiedenen Gruppen, die als gewaltverdächtig gelten (neben den Nazis auch die PKK). Aber in einer Zeit, in der Kommissare darüber staunten, dass man Reisen über T-Online online buchen kann, wollen wir über die mangelnde Technikdurchdringung hinwegsehen, heutige Tatorte sind in dieser Hinsicht überdies nicht selten genauso vage.

Migranten, Mörder, Mix

Die Handlung von „Lockvögel“ ist sehr interessant. Einiges wirkt nicht sehr wahrscheinlich, aber es ist bemerkenswert, dass hier zwei Morde an türkischen Einwanderern gezeigt werden, die zunächst auf einer internen Fehde zwischen „türkisierten“ und „nicht angepassten“ Kurden zu beruhen scheinen, in Wirklichkeit aber von Neonazis begangen wurden. Erinnert uns dies an etwas? Die Wirklichkeit im Fall der zehn nun aufgeklärten Morde an türkischstämmigen Migranten sieht so aus: Die Polizei und die Staatsschützer dachten lange Zeit vorwiegend an Schutzgeld- oder sonstige milieuintern kriminellen Machenschaften als  Mordgründe, die rechtsextremistische Seite der Medaille wurde in den Ermittlungen so konsequent vernachlässigt, dass man Zweifel an der Intelligenz der central intelligence der Länder haben muss – oder in andere Richtungen spekulieren kann.

Im Tatort wird das Thema Erpressung sehr wohl mit den Morden in  Zusammenhang gebracht, aber mit der höchst originellen und wohl nicht sehr wahrscheinlichen Volte, dass die Nazis hinter beiden Verbrechen stecken. Was die Morde angeht, war das geradezu prophetisch, aber nicht den Zusammenhang betreffend. Wie auch immer, gerade im Moment hat dieser Tatort wieder viel auszusagen.

Was uns ein wenig gewundert hat, war die teilweise auf uns Mitteleuropäer etwas finster wirkende Optik der Migranten, das offene Misstrauen in ihren Mienen gegenüber den Ermittlern Stoever und Brockmöller. Natürlich ist am Ende alles politisch korrekt. Ob da bewusst oder unbewusst Ängste beim damals noch nicht so mit der Integrationsdebatte vertrauten Zuschauer wachgerufen werden sollten, können wir nicht entscheiden, berücksichtigen aber die Tatsache, dass Tatorte Mitte der 90er noch ein Stück urwüchsiger und in Details weniger durchgestylt waren als heute, wo sicher jedes Bild, jede Szene auf ihre manipulative oder suggestive Wirkung abgeklopft und notfalls in die richtige Richtung korrigiert wird, bevor ein Tatort ran an den Zuschauer darf.

Finale

Es war richtig, „Lockvögel“ nicht als lupenreinen Whodunnit, sondern als einen Mix mehrerer Krimispielarten zu drehen, ihn irgendwo zwischen klassischem Schema und Thriller anzusiedeln, denn dass die Nazis die Bösen sind, war von Anfang an klar. Wir waren richtiggehend schockiert, als Eifels anfangs so sympathisch und aufgeweckt rüberkam, aber noch nicht klar war, dass er undercover ermittelnder Kriminaler ist.

Es kann und darf keine differenzierte Darstellung des Neonazi-Milieus geben, weil Hass und Gewaltbereitschaft sich nicht ausdifferenzieren lassen und in jeder Spielart einer Weltordnung entgegen stehen, die noch viel Verständnis füreinander, viel Miteinander und erheblich mehr als bisher ganzheitliches Denken benötigen wird, damit wir unsere eigene Art, mit dem Planeten umzugehen, eine weitere Weile überleben.

Immerhin hat man den ein wenig intellektueller wirkenden Nazichef Kaiser (Rudolf Kowalski) von den Glatzen nicht nur optisch abgesetzt, sondern auch demonstriert, was passiert, wenn man als Zauberlehrling die bösen Geister ruft – man wird von ihnen umgebracht; von Verrätern aus den eigenen Reihen liquidiert (der Mord ist etwas dilettantisch ausgeführt, im Vergleich zum ersten, und der Versuch, die PKK als Täter erscheinen zu lassen, wirkt sehr banal inszeniert).

Doch schöne historische Anspielungen kann man darin sehen und die werden im Film auch genannt, als es zu Beginn um Beispiele von Verrat an den Großen der Weltgeschichte geht, zu  denen aus Nazi-Sicht natürlich und insbesondere Adolf Hitler gehört. Bezüglich dessen, was in den Köpfen Rechtsextremer vorgeht, könnte man den Film weiter analysieren, da ist er nämlich instruktiver, als es zunächst aufgrund der eher eindimensional wirkenden Figuren aus der Szene den Anschein hat.

Wir beschränken uns aber aus inhaltlichen und zeitlichen Gründen und drücken unsere Zustimmung zur Inszenierung von „Lockvögel“ mit einer entsprechenden Wertung aus: 8,0/10.

© 2020, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Stoever – Manfred Krug
Kommissar Brockmöller – Charles Brauer
Gerd Eifels – Dirk Martens
Olaf Dehmels – Robert Victor Minnich
Leon – Florian Haiden
Stefan Struve – Kurt Hart
Staatsanwalt – Rolf Becker
Kaiser – Rudolf Kowalski

Drehbuch – Jörg Grönler
Regie – Jörg Grünler

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