Heißes Eisen (The Big Heat, USA 1953) #Filmfest 250 DGR #Jubilee #Jubiläum

Filmfest 250 A "Die große Rezension" / "Jubiläum: Rezension Nr. 250"

Flüssige Waffe und 1000 Krimis

Für die Jubiläumsrezension Nr. 250, die wir auf dem Filmfest vorstellen, haben wir uns gestern Abend einen Film ausgeliehen, der in zweifacher Hinsicht ein Must-See arstellt.

Zum einen ist er von Fritz Lang und dessen Filme sollte man im Laufe der Zeit tatsächlich gesehen haben, bei mir war das im Fall von „The Big Heat“ bisher nicht der Fall, zum anderen ist er ein Film noir und deshalb finde ich ihn generell interessant. Obenauf gibt es ein bemerkenswertes Sahnehäubchen: Er führt so viel von dem vor, was heute im Cop-Thriller, auch im Fernseh-Tatort und ähnlichen Formaten, zum Standard zählt. Der deutsche Titel „Heißes Eisen“ führt ein wenig in die Irre, „The Big Heat“ drückt es besser aus, denn zwei wichtige Momente in diesem Film befassen sich nicht mit Waffen, die gerade abgefeuert werden und noch „heiß“ sind oder mit der steigenden Hitze in der Stadt, die durch eine Gewaltspirale ausgelöst wird, sondern mit heißem Kaffee – als Waffe. Dass der Originaltitel darauf rekurriert, ist freilich eine Unterstellung. Allerdings handelt es sich auch um den Namen eines Polizeischlags gegen das organisierte Verbrechen.

Heißes Eisen (Originaltitel The Big Heat) ist ein US-amerikanischer Kriminalfilm von Fritz Lang aus dem Jahr 1953. In diesem Film, der auf einer Fortsetzungsgeschichte in der Saturday Evening Post von William P. McGivern basiert, geht der Polizist Dave Bannion gegen den Kriminellen Mike Lagana vor, der die Stadt mit einem Netz der Korruption überzogen hat. Als die Gangster Bannions Frau ermorden, wird aus der polizeilichen Ermittlungsarbeit ein Rachefeldzug. The Big Heat ist im Film noir beheimatet und nimmt viele genretypische Themen und Motive wie urbane Kriminalität, Gewalt, Rache und Fatalismus auf, weist aber in seiner linearen, actionbetonten Erzählweise und seiner schnörkellosen Bildgestaltung auf das kommende Genre des Polizeifilms hin. 2011 erfolgte die Aufnahme in das National Film Registry. (1)

Einleitung

Ich habe im Standardwerk „Film noir“ von Duncan & Müller nachgeschlagen, darin ist „The Big Heat“ als Film noir gelistet, aber zählt nicht zu den besprochenen Filmen. Beim Blättern fiel mir auf, dass in jenen Jahren Gloria Grahame häufig in Films noirs zu sehen war, u. a. mit Humphrey Bogart in „In A Lonely Place“ aus dem Jahr 1949. Sie spielt in „The Big Heat“ den wichtigsten ambivalenten Charakter, ansonsten sind mehrere Polizisten zwielichtiger Natur, weil der (Anti-) Held Bannion (Glenn Ford) nicht sicher ist, ob diese Kollegen von Gangster Lagana gekauft wurden oder nicht. Im Grunde gilt das für alle Polizisten außer Bannion selbst. Was Debby Marsh (Gloria Grahame) angeht, ist ihre Gespaltenheit optisch dokumentiert, nachdem ihr gewalttätiger Freund Vince Stone (Lee Marvin) ihre linke Gesichtshälfte mit Kaffee verbrüht hat. Es hat mich so schockiert wie die Aktion selbst, dass sie dann selbst erwähnt, dass doch jeder eine gute und eine schlechte Seite hat. Die Symbolik war vor diesem überflüssigen Satz schon sehr eindeutig und zieht sich weiter durch den Film. Sie behauptet, auch ihr Freund habe zwei Seiten, konsequenterweise brüht sie zurück – wir als Zuschauer müssen ihr das Gute an dem rohen Typ allerdings glauben, weil wir es nicht zu sehen bekommen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte es in dem Film noch ein paar Morde mehr gegeben. Sein Boss Lagana jedoch bremst irgendwann, weil er in der Stadt nicht so viel Staub aufwirbeln will, er ist ja ehrbar geworden – nach außen hin.

Mehrfach wirkt es in dem Film, als habe er die ganze Stadt in der Hand, in der sich der Film zuträgt. Doch dann ein Blick aus dem Fenster, wir stehen als Zuschauer hinter Bannion, nehmen quasi (wie so oft in „The Big Heat“) dessen subjektive Perspektive ein, und wir sehen, es handelt sich um eine Großstadt mit Wolkenkratzern. Damit ist klar: Lagana steht für ein Prinzip – nämlich wie das Verbrechen die Gesellschaft untergräbt, das natürlich aus mehreren Strukturen wie der Laganas besteht. Natürlich trägt er einen italienischen Namen, weil – die Mafia. Er ist im Grunde ein Pate, auch wenn das Familiäre nicht herausgehoben wird, sondern er sich gekaufter „Mitarbeiter“ bedient. Ein Blick auf das Bild seiner Mutter, das er im Büro aufgehängt hat, sagt alles: Eine hartherzige, unbedingt aufstiegswillige alte Frau, die schwere Zeiten erlebt und mit ihrer Familie einen Weg gewählt hat, den viele diskriminierte Einwanderergruppen eher gehen als Menschen aus der etablierten Mittelschicht. Ganz oben sieht es dann wieder so düster aus, dass man Lagana auch als Sinnbild eines ungezügelten Kapitalismus sehen kann, der im wörtlichen Sinn über Leichen geht: Solange es ungefährlich zu sein scheint, nicht wie sein Adlatus Vince auch aus Mordlust. Da wir bei sprechenden Namen sind: Der Härteste der Verbrecher heißt Stone und Dave Bannion ist jener David, der sich gegen den Goliath des organisierten Verbrechens erhebt. Weiter kämmen wir den Film nach Figuren und Motiven durch und gehen mehr in die Tiefe in der -> Rezension.

Handlung (1)

Der korrupte Polizist Tom Duncan begeht Selbstmord. Seine Frau Bertha Duncan findet die Leiche und ein an den Bezirksstaatsanwalt gerichtetes Dossier, in dem die kriminellen Geschäfte des Mafioso Mike Lagana aufgedeckt werden. Kaltblütig ruft sie Lagana an, informiert diesen über den Tod ihres Mannes und macht ihm klar, was sie gegen ihn in der Hand hält. Lagana rät ihr, die Polizei zu rufen und verständigt im Anschluss seinen Gehilfen Vince Stone über Duncans Tod.

Der Polizist Dave Bannion vom Morddezernat wird mit der Aufklärung von Duncans Tod beauftragt. Er findet keine Hinweise für die Gründe des Selbstmords. Zwar erzählt Bertha Duncan ihm unter gespielten Tränen, ihr Mann sei krank gewesen und habe sich deswegen umgebracht. Doch eine Frau namens Lucy Chapman kontaktiert Bannion und erklärt, dass Duncan sich nicht umgebracht habe. Bannion trifft Lucy in einem Nachtclub namens The Retreat, wo sie sich als die Geliebte Duncans vorstellt und Mrs. Duncans Aussage widerspricht. Bannion glaubt dem Barmädchen jedoch nicht und wirft ihr vor, sie wolle von Duncans Tod profitieren.

Bannion kehrt zu Bertha Duncan zurück und konfrontiert sie mit Lucys Geschichte. Bertha gibt zu, dass ihr Mann eine Geliebte hatte, weist Bannion aber brüsk zurück, als der die Gründe für Tom Duncans Wohlstand erfahren will. Zurück im Büro erfährt Bannion, dass Lucy Chapman in der Zwischenzeit mit brennenden Zigaretten gefoltert und ermordet aufgefunden wurde. Bannions Chef Wilks weist ihn an, Bertha Duncan nicht mit weiteren Fragen zu belästigen und Lucy Chapmans Tod nicht weiter zu verfolgen. Bannion kehrt dennoch ins Retreat zurück und fragt den Barkeeper nach Lucy. Der Polizist beobachtet, wie dieser unmittelbar nach dem Gespräch einen Anruf tätigt. Frustriert kehrt Bannion nach Hause zu seiner Frau Katie und seiner Tochter Joyce zurück und vermutet, der Barkeeper habe mit Mike Lagana gesprochen.

Nach einem anonymen Drohanruf bei den Bannions fährt der Polizist kurzentschlossen zu Laganas Haus, um ihn zur Rede zu stellen. Als Lagana ihm eine Abfuhr erteilt, schlägt Bannion Laganas Leibwächter nieder und droht Lagana, ihm weiterhin auf der Spur zu bleiben. Wilks warnt seinen Untergebenen erneut, die Ermittlungen zu beenden. Bannion fährt heim und findet Trost bei seiner Frau Katie. Als sie jedoch das Haus verlässt, um wegzufahren, wird sie durch die Explosion einer Autobombe getötet. Bannions Hilfe kommt zu spät. Als der verzweifelte Polizist von seinen Vorgesetzten Unterstützung bei der Aufklärung des Mordes an seiner Frau verlangt, wird ihm diese verweigert. Wütend beschuldigt er seine Chefs, Laganas Erfüllungsgehilfen zu sein. Bannion wird daraufhin vom Dienst suspendiert.

Lagana besucht Vince Stone und dessen lebenslustige, aber von Vince missachtete Geliebte Debby Marsh. Der Gangsterboss berichtet von Bertha Duncans Erpressung und tadelt Vince, er habe die beiden Morde an Lucy und Katie nicht professionell genug geplant. Vinces Angebot, auch Bannion zu töten, schlägt Lagana aus. Bannion sucht unterdessen auf eigene Faust nach dem Mörder seiner Frau. Im Nachtclub Retreat wird er Zeuge, wie der sadistische Vince Stone einem Barmädchen mit einer Zigarette die Hand verbrennt. Die anschließende Konfrontation zwischen Bannion und Stone beeindruckt Debby Marsh so sehr, dass sie den Polizisten zu einem Drink einlädt und schließlich mit ihm in sein Hotelzimmer fährt. Bannion schickt sie weg, als sie versucht mit ihm zu flirten. Der eifersüchtige Vince erfährt jedoch später, dass Debby bei Bannion war und schüttet ihr in einem Wutanfall brühend heißen Kaffee ins Gesicht. Debbys Gesicht ist halbseitig entstellt. Sie eilt verzweifelt zu Bannion, bietet ihm ihre Hilfe gegen die Gangster an und verrät, dass ein Krimineller namens Larry Gordon Vinces Erfüllungsgehilfe beim Mord an Katie war. Bannion stellt Larry, schlägt ihn fast zu Tode und droht ihm, er werde das Gerücht verbreiten, Larry habe seine Kumpane verraten. Tatsächlich wird Larry später von Vince Stone getötet, als er die Stadt verlassen will.

Lagana plant, Bannions Tochter Joyce zu entführen, um den Polizisten gefügig zu machen. Bannion sucht erneut Bertha Duncan auf und konfrontiert sie mit ihrer Rolle beim Mord an Lucy Chapman; sie habe Lucy an Lagana verraten. Er bedroht die Frau, muss aber fliehen, als die von Lagana informierte Polizei anrückt. Bannion und Debby treffen sich erneut, und der Polizist erzählt ihr, die Wahrheit könne nur durch Bertha Duncans Tod ans Licht kommen, da nur so das von Bertha zur eigenen Sicherheit hinterlegte Geständnis von Tom Duncan an die Öffentlichkeit kommen könne. Bannion gibt Debby zu ihrem Schutz eine Waffe und eilt zu seiner Tochter, als er erfährt, dass deren Polizeischutz plötzlich beendet wurde. Glücklicherweise findet er Joyce jedoch unter der Aufsicht von alten Freunden, ein Angriff durch Lagana ist dadurch gebannt. Wilks erkennt nun, dass es Unrecht war, Laganas Machenschaften zu decken und erklärt sich mit Bannion solidarisch.

Debby sucht unterdessen Bertha auf und erschießt sie. Sie vollendet durch ihre Tat, was Bannion nicht gelang: Durch Bertha Duncans Tod ist der Weg frei, Lagana auffliegen zu lassen. Anschließend geht sie in Vinces Wohnung und erwartet die Heimkehr ihres ehemaligen Freundes. Als er schließlich eintrifft, verbrüht sie sein Gesicht mit heißem Kaffee in derselben Weise, wie er es bei ihr getan hatte. Kurz bevor auch Bannion dort eintrifft, schießt Vince Debby in den Rücken. Bannion überwältigt Vince Stone und richtet die Waffe auf ihn. Stone schreit „Schieß doch endlich!“, doch Bannion schont sein Leben und hält Stone nur in Schach, bis dieser von den inzwischen eingetroffenen Polizisten verhaftet wird. Er tut das keineswegs aus Mitleid, sondern weil er weiß, dass ein gerichtliches Urteil und das für immer entstellte Gesicht für Vince Stone die härtere und gerechtere Strafe darstellen. Debby gesteht den Mord an Bertha, bevor sie in Bannions Armen stirbt. Laganas Verbrecherring wird in einer konzentrierten Polizeiaktion, dem Big Heat, zerschlagen. Bannion kehrt in den Polizeidienst zurück, um den Kampf gegen das Verbrechen erneut aufzunehmen.

Das Verbrechen und seine wenigen aufrechten Gegner

Die Stadt wirkt in diesem Film beinahe wie in Gangsterfilmen der Warner Brothers aus den 1930ern – rau und von Korruption durchsetzt. Insofern ist Lagana auch ein Nachfolger Al Capones, nicht umsonst wird erwähnt, dass man einen Killer eigens aus Chicago hat anreisen lassen, der für seine besondere Brutalität bekannt ist, um in der Sache Duncan „aktiv“ zu werden. Sein erstes Opfer ist die Frau von Dave Bannion, die anstelle des Polizisten in dessen Wagen stirbt, weil sie ausnahmsweise am Steuer sitzt. Ein Kollateralschaden, aber Lagana ist wegen des error in obiecto eines Mannes, der von Vince gesteuert wurde, sauer und will nicht, dass Dave Bannion nun auch noch umgebracht wird. Das klingt ein wenig konstruiert, denn warum hat er es zunächst tun wollen, obwohl doch in dem Film auch etwas vorkommt, was es in den Vorläufern der 1930er, die eher aus der Sicht der Gangster gefilmt waren, noch selten zu sehen gab: Lagana seinerseits ist erpressbar, weil ein korrupter Polizist ein Geständnis abgelegt hat, bevor er sich selbst erschoss. Dieses Papier aber hat seine Witwe so platziert, dass sie daraus einen persönlichen Vorteil ziehen kann, anstatt es gleich der Polizei zu übergeben. Außerdem ergibt Bannions Ermordung nur einen Sinn, wenn die Gegenseite davon ausgehen kann, dass er auf eigene Faust handelt, sein Wissen nicht an Kollegen weitergibt oder die Kollegen alle gekauft sind und nicht weiter gegen Lagana ermitteln werden. Das läuft im Unterbewusstsein des Zuschauers mit oder wird von ihm später referiert, wie an dieser Stelle, und schafft ein Gefühl von Unsicherheit und permanenter Bedrohung. Der Aufrechte hat faste niemandem, dem er vertrauen kann – bis seine Tochter bei seinem Schwager untergebracht wird und dieser einige wackere Bürger mobilisieren kann, um diese zu schützen, nachdem die Polizei ihre Einheiten auf Befehl von Lagana, kann man sagen, abgezogen hat. Geplant war also, sein Kind zu entführen, um Bannion ruhigzustellen.

Damit kommen wir zu einem typischen Motiv heutiger Krimis. Wie involviert man einen Polizisten so, dass der Zuschauer sich mit ihm weit mehr identifizieren kann, als wenn dieser nur treu seinem vom Staat gestellten Auftrag der Verbrechensbekämpfung nachkommt? Häufig in der Form, dass er sich in eine Tatverdächtige verliebt, aber auch die Familie wird eingebunden. Selten jedoch so konsequent wie hier: Indem die Frau ermordet wird und das Kind bedroht wird. Es ist aber die logischste und stärkste Variante und wir denken dabei, wie mittlerweile bei uns auch Mitglieder der Judikative von Gangstern unter Druck gesetzt werden, damit sie lächerlich milde Urteile fällen, falls überhaupt mal jemand von den Mobstern vor Gericht landet. Nicht anders dürfte es bei der Polizei aussehen. Drehbuchautor Sydney Boehm und Fritz Lang haben also ein Szenario konstruiert, das den Guten aufs Äußerste herausfordert. Bannion bleibt noch gerade auf der guten Seite, auch wenn er, unterstützt durch seine Rachegedanken, immer entschlossener wird. Was hätte er tun können? Warten, bis seine Kollegen den Mord aufklären, wo doch der Polizeichef bei Mord-Auftraggeber Vince privat zugange ist und dort Karten spielt? Das ist ein bisschen verkürzt und kolportagehaft dargestellt, aber niemandem trauen zu können und voller Trauer und Wut über den Verlust einer geliebten Person zu sein, die komplett unschuldig ins Räderwerk des Verbrechens geraten ist, das wird im Film in Person des aufrechten David gut gezeigt, den Glenn Ford glaubhaft alltäglich, als ganz normalen Polizisten spielt, der eigentlich nur seinen Job machen wollte – also etwas, das viele Kollegen nicht mehr so ernst nehmen und sich lieber schmieren lassen, als sich und vielleicht Angehörige dadurch in Gefahr zu bringen, dass sie das Verbrechensübel an der Wurzel packen. Aber so ist das, wenn man dem Verbrechen nicht rechtzeitig Einhalt gebietet, um des eigenen kurzfristigen Vorteils willen.

Dabei kommt durch einige Bemerkungen von Dave auch ein Aspekt in den Film, der ebenfalls auf die Spur von Gangsterfilmen der 1930er führt: Dave sagt, es kommt eine neue Zeit und das Verbrechen wird verlieren. Wurde die einsetzende Eisenhower-Zeit tatsächlich mit der Hoffnung verknüpft, dass mehr Ordnung und Gerechtigkeit herrschen würden? Ganz sicher aber war das 20 Jahre zuvor so, als Franklin D. Roosevelt Präsident der USA wurde. Die Filme der folgenden Jahre waren mehr und mehr durchdrungen von einem sehnsuchtsvollen Optimismus, nämlich, dass die Depression enden und das Gute siegen möge. Die erstgenannte Hoffnung erfüllte sich und die Gewalt in den Städten wurde zumindest nicht mehr so häufig auf offener Straße ausgetragen. Die Sauberkeit und Wohlständigkeit der 1950er spiegelt sich übrigens auch in der Art, wie „The Big Heat“ gefilmt ist. Echte Film-Noir-Schatten gibt es selten; am prägnantesten noch dort, wo die entstellte Debby im von Dave organisierten Hotelzimmer im Dunkeln sitzt und nur durch die Jalousien einige Lichtstrahlen fallen. Das ist ein klassisches optisches Noir-Element. Alles wirkt eng und vergittert, so, wie sie plötzlich in die Enge getrieben ist. Ansonsten fallen die großzügigen, hellen Wohnungen auf, in denen fast ausschließlich gedreht wird. Auch das Verbrechen sitzt hier im Licht, denn es hat sich längst so etabliert, dass es ganz natürlich wirkt, wenn in einer solchen Wohnung auch Staatsbedienstete zugegen sind, um sich zu amüsieren. Diese Helligkeit täuscht natürlich und unterstützt nicht, wie in zuweilen in klassischen Noirs, die inneren Verwerfungen durch entsprechend düstere Dekors. Gerade dadurch aber wirkt der Film auch glatter und kälter, miese Typen in schöner Umgebung verworfener und das Szenario im wörtlichen Sinne erhellender. Man vergleiche zum Beispiel die Dekors mit jenen von „Asphalt Jungle“, dem herausragenden Film noir von John Huston, der drei Jahre zuvor entstand und in dem man mit einigen der Gangster geradezu mitfühlen lernt. Davon ist in „The Big Heat“, der mittlerweile ähnlich hoch eingeschätzt wird, keine Spur. Es gibt nichts, was das Verbrechen verstehbar macht und unerfüllte Sehnsüchte hinter kriminellen Handlungen aufzeigt. Allerdings sind die hier gezeigten Berufkriminellen auch für die Verhältnisse der Zeit sehr brutal, der Film hat auch heute noch eine FSK-16-Freigabe. Man hat aber gegenüber der ursprünglichen deutschen Kinoversion nur eine Szene etwas verlängert bzw. wieder dem Original angeglichen: Als Bannion den Typ würgt, der seine Frau  umgebracht hat. Da wird er zum Berserker, das zeigt sich in der um wenige Sekunden verlängerten Version mehr.

Der Einfluss des Verbrechens auf die Verbrechensbekämpfer bekommt durch das Stylische aber eine sehr realistischen Anstrich: Welcher schlecht bezahlte Polizist wünscht sich nicht, etwas von dem Glamour abzukriegen, den auch die Freundinnen der Gangster, wie eben Debby, ausstrahlen, nach der sich in Bars alle umdrehen, freilich auch deshalb, weil eine Szene vorausging, und die gerne auch mal frei dreht. Es war 1953 aber unmöglich, dass die Verbrecher davonkommen, da war der Hays Code vor, der auch die Gewaltdarstellungen in Grenzen hielt. Fritz Lang äußerste sich aber dahingehend, als habe er bewusst einiges mehr im Kopf des Zuschauers stattfinden lassen wollen. Es war zum Beispiel während der Dauer des Production Code (1934 bis 1967) nicht möglich, zu zeigen, wie jemand erschossen wird. Doch, wirklich. Es musste immer ein Umschnitt erfolgen. Freilich hat das nicht verhindert, dass zum Beispiel in „The Big Heat“ nicht weniger als drei Frauen getötet werden – eine Gute, eine Böse und die Person, die uns nach Bannion am nächsten gebracht wird, die Gangsterbraut Debby, die sich aus dem Milieu lösen will. Durch ihren Tod wird der Film eigentlich erst zum Noir, weil man merkt, dass auch Dave dadurch verliert, dass ein neues Gefühl gleich wieder getötet wird. Auch das ist ein bis heute übliches Motiv: Wenn sich ein Cop verliebt, darf daraus nichts werden. Das steigert die Tragik.

Gleichwohl erholt sich Dave sehr schnell vom Verlust seiner Frau und seines Heims und am Ende nimmt er wieder an seinem Schreibtisch Platz und macht sich Notizen zum nächsten Fall. Es geht immer weiter, dem Verbrechen auf der Spur. „The Big Heat“ ist kein sehr stark psychologisierender Film noir, er ist auch nicht sehr lang. Die 90 Minuten Spielzeit kamen mir eher wie 60 vor, angesichts der Ereignisdichte, der sehr schnörkellosen Dialoge und der wenig zimperlichen Figuren, die, jede auf ihre Weise, mehr durch ihre Mimik als durch Selbsterklärungen charakterlich eingefangen werden – auch durch ihre Taten natürlich. Es heißt, man habe für den Film eher Darsteller aus der zweiten Reihe genommen, weil die Kapazitäten der vergleichsweise kleinen Filmgesellschaft Columbia durch das Projekt „Verdammt in alle Ewigkeit“ ziemlich beansprucht waren, das dann auch ein großer Erfolg wurde. Was wäre passiert, hätte man die wichtigen Rollen mit Burt Lancaster, Deborah Kerr, Donna Reed, Frank Sinatra, Montgomery Clift und natürlich Ernest Borgnine als sardonisch grinsendem Killer besetzen können? Sicher hätte Lancaster den Cop, der zum Rächer wird, glänzend porträtiert, wir haben uns eine solche Wandlung gerade in „Valdez“ angeschaut, der allerdings später entstand, aber der übrige Cast hätte m. E. auch von der Geschichte abgelenkt, und die ist glänzend erzählt. Es ist gut, dass man sie nicht zugunsten von mehr Melodramatik ausgedehnt hat – ein A-Film wäre vermutlich auch länger geworden.

Sicher ist manches an dem Plot ein wenig gebogen worden, damit die Dramaturgie passt, nicht alles wirkt absolut zwingend – es gibt aber auch keine Brüche und Undenkbarkeiten und vor allem bleibt der Film jederzeit auf Kurs. Lang hat betont unkünstlerisch gefilmt, sich allenfalls einige besondere Kameraperspektiven erlaubt, die Räume dramatisieren, viele lange Nahaufnahmen eingesetzt, die in Gesichtern forschen dürfen. Aber Manierismen sind kaum zu erkennen und das ist für den Prototyp des modernen Cop-Thrillers, als der „The Big Heat“ mittlerweile gilt, genau richtig. Alfred Hitchcock hätte einen solchen Film beispielsweise nicht ganz so geradlinig hinbekommen. Es gibt am Ende genug zum Nachdenken: Wird Bannion das, was in so kurzer Zeit geschah, wirklich so locker verkraften, wie es stellenweise wirkt? Werden sich auf der Polizei mehr Solidaritäten zwischen denen, die sich in der Krise bewährt haben, herausbilden? Wird das Verbrechen je Ruhe geben? Natürlich nicht und ich bin mir nicht sicher, ob 1953 jemand ernsthaft denken konnte, konservativer Rollback hin oder her, dass irgendwann das Ende der Geschichte der Kriminalität erreicht werden könnte. Dafür ist sie einfach zu lukrativ. Es wird in „The Big Heat“ übrigens nicht mit einem Wort erwähnt, was denn so lukrativ ist, dass man damit Imperien aufbauen kann, wie das Lagana offensichtlich getan hat. Warum auch, er steht für alles, was es geben kann, Drogenhandel, Mädchenhandel, verbotenes Glücksspiel, das immerhin in Vinces Haus und in einer Barszene kurz angedeutet wird.

Etwas Rede und Gegenrede

Die Wikipedia hat diesen Film so ausgewertet, dass ich mich wieder einmal ermutigt fühle, meinerseits das Gleiche mit der Wikipedia zu tun und möchte einige markante Kritiker- und Interprationsstellen herausgreifen.

Anfang der 1950er-Jahre geriet die US-amerikanische Filmindustrie in eine Absatzkrise, die aus der demografischen Entwicklung in den USA und der aufkommenden Popularität des Fernsehens resultierte. Die Studios suchten nach Stoffen, um sich neue Zuschauerschichten zu erschließen. Ein Augenmerk ging dabei auf Geschichten über die Polizei und die Methoden der Verbrechensbekämpfung, angeregt durch die sehr erfolgreiche Fernsehserie Dragnet.[1] William P. McGiverns Roman The Big Heat über einen seinen Rachegefühlen anheimfallenden Polizisten wurde als siebenteilige Fortsetzungsgeschichte zwischen Dezember 1952 und Februar 1953 in der Saturday Evening Post veröffentlicht. Columbia kaufte die Filmrechte an der Geschichte bereits im Laufe der Veröffentlichung und ließ im Januar 1953 einen ersten Drehbuchentwurf erstellen.[2] Drehbuchautor war der ehemalige Polizeireporter Sydney Boehm, der McGiverns Geschichte im Wesentlichen intakt hielt, aber den moralischen Unterton von McGivern eliminierte. War der Held Bannion bei McGivern eine von christlicher Ethik geprägte, intellektuell reflektierende Figur, so gestaltete ihn Boehm eher als von den Schicksalsmächten getriebenen Durchschnittsbürger.[3]

Der Absatz ist nicht nur grundlegend, sondern zeigt auch die Wege auf: „Dragnet“ war die direkte Vorlage für die deutsche Polizeireihe „Stahlnetz“, sogar die Originalmusik wurde dabei in Lizenz verwendet – und diese wiederum die Vorläuferin der bis heute andauernden Reihe „Tatort“. Auch deshalb findet sich unter den Standardmotiven, die in immer neuen Varianten gezeigt werden, so vieles, was ich in „The Big Heat“ sofort wiederkannt habe. Der Polizeifilm begann zwar nicht mit diesem Werk, wurde aber in der Folge eines der häufigsten Subgenres – und da die Polizei gewinnen muss, verließ der Cop-Thriller in vielen Fällen den Boden des Films noir. Die Hauptfiguren müssen in längerfristig angelegten Formaten sowieso ihre Fälle überleben, und zwar möglichst so, dass sie sich nicht hinterher fragen müssen: War’s das wert? Bei Dave Bannion kann man diese Frage noch stellen, denn seine Unbeugsamkeit lässt er auch schon raushängen und verachtet seine Kollegen, bevor seine Frau ermordet wird. Das alles gibt es in den Filmen, die man zum Kerntatbestand der Schwarzen Serie rechnen kann, nicht so häufig, zumal sie meist aus der Perspektive des sich Verstrickenden gedreht sind.

Bosley Crowther urteilte am 14. Oktober in der New York Times, der Film orientiere sich sehr am Thema Gewalt, alle anderen Themenbereiche blieben aber vage: „Es ist kein schöner Film. Aber denen, die auf Gewalt stehen, macht er Spaß.“[16] Time kritisierte am 2. November 1953, The Big Heat lege anfangs ein hohes Tempo vor, verliere aber im Lauf des Films an Straffheit und Spannung. Die Figuren seien „lediglich Blaupausen aus früheren Räuber-und-Gendarm-Filmen.“[17]

Crowther war ein Kritikergott, aber den durchaus moralischen und gesellschaftskritischen Hintergrund hätte er durchaus sehen dürfen, deshalb auch noch einmal zurück zur vorherigen Zitatstelle: Zwar ist Bannion selbst kein Dogmatiker, aber Fritz Lang als Moralist kommt deutlich zum Vorschein. Ich hatte nach dem gestrigen Anschauen auch klar den Satz im Kopf: „Der Film hat keinerlei Längen“. Er ist nicht wie ein Hitchcock auf Suspense aufgebaut, aber mich hat er von Beginn an gefesselt und zeigt mehr als nur eine überraschende Wendungen – wenn ich etwas zu kritisieren habe, dann eher, dass diese kein Mensch vorhersehen kann, wie etwa den Sprengstoffanschlag auf Bannions, der seine Frau getroffen oder wie Debby plötzlich in die schmale Front der Rächerpersonen eintritt. Nach meiner Beobachtung kommt aber das überwiegende Krimipublikum mit so was klar.

Bannions Status als Held wird jedoch Lang-typisch durch einen fatalistischen und nihilistischen Grundton gebrochen. Wie bereits in Filmen wie M (1931) agieren Polizisten und Verbrecher in einem gemeinsamen urbanen Umfeld, dessen Gegebenheiten und Gesetzmäßigkeiten das Schicksal beider Gruppen nachhaltig beeinflussen.[38] Sie bedingen eine, so Paul Werner, „wechselseitige Abhängigkeit von Cops und Verbrechern“;[39] der Polizist wird gezwungen, ähnliche Mittel wie sein Kontrahent anzuwenden, und die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ werden unklar, die Figuren ambivalent.[40]

Alltagsheld, wohlgemerkt, nicht wider Willen, aber auch von einem Schicksalsschlag angetrieben, der gerade durch die alltägliche Arbeit verursacht wird. Der Bezug auf M ist nicht falsch, das Szenario betreffend, aber Bannion muss auch deshalb so handeln, wie er’s tut, weil er nicht weiß, wem er bei der Polizei trauen kann. Gezwungene Anwendung von Mitteln, aber einwandfreier Einsatz nur dann, wenn es nicht anders geht, situativ bedingt, nicht strategisch. Bannion bringt nicht einen einzigen Menschen um und kann seine Rachegelüste immer gerade so bezähmen, dass er nicht selbst straffällig wird. Auch in dem Zusammenhang wieder ein Motiv, das wir alle kennen: Weil er das hartnäckige Ermitteln nicht sein lassen will, wird er suspendiert – und in den USA geht es offenbar viel schneller als im deutschen Beamtenwesen, dass jemand dann auch gleich seinen Job verliert. Seine Waffe behält er aber, denn sie ist kein Dienstgerät, sondern sein Eigentum. Solche Details kann man nicht hoch genug einschätzen: Hierzulande muss wohl mit Dienstwaffen geschossen werden, die vom Arbeitgeber gestellt werden, das geht nicht anders, und sie verkörpern daher auch das staatliche Gewaltmonopol. In den USA hingegen signalisiert Bannion, dass man ihm zwar den Job, aber nicht die Verteidigungsmöglichkeit und nicht die Möglichkeit, auf eigene Faust weiterzumachen, nehmen kann. Wie tief verwurzelt dieses Denken dort ist, wissen wir, sonst gäbe es nicht solchermaßen harte Auseinandersetzungen um die Gestaltung des Rechts zum privaten Waffengebrauch.

Finale

„The Big Heat“ ist ein sehr spannender, sehr instruktiver und gekonnter Thriller. Ist er auch der beste amerikanische Film von Fritz Lang, wie im Wege der immer weiter andauernden Veränderungen der Rezeption von Kritiker*innen behauptet wird? In der IMDb stehen einige Fritz-Lang-Filme der amerikanischen Zeit dicht hintereinander mit Wertungen von 8 bis 7,5. Am weitesten vorne aber ist in der Tat aktuell „The Big Heat“ vor „Fury„, den ich bereits besprochen habe. Er könnte bei einer leichten weiteren Aufwertung sogar die Liste der IMDb Top 250 erreichen. „Fury“ habe ich mit 87/100 bewertet. Dieses Werk war noch einmal dramatischer und zeigte einen Alptraum von einem entfesselten Mob – womit in dem Fall nicht das gemeint ist, was man üblicherweise auch als Gang bezeichnet, sondern angeblich friedliche Kleinbürger, die ihre Gewaltfantasien ausleben.

84/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

Regie Fritz Lang
Drehbuch Sydney Boehm
Produktion Robert Arthur
Musik Mischa Bakaleinikoff
nicht in den Credits:
Daniele Amfitheatrof
Arthur Morton
Henry Vars
Kamera Charles Lang
Schnitt Charles Nelson
Besetzung

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