Das zweite Gesicht – Tatort 646 #Crimetime 851 #Tatort #Münster #Thiel #Boerne #WDR #Gesicht #zweites

Crimetime 851 - Titelfoto © WDR, Thomas Kost

Zweites Gesicht oder nicht?

Die Tatort-Episode 646 zerfällt ein wenig in ihre Einzelteile. Da ist zum einen die schöne Atmosphäre, dichter und düsterer als in den meisten Münster-Krimis, ein wenig Baskerville ist schon dabei. Dann das Paranormale. Daran zu glauben oder nicht, wird bestimmten Figuren zugeordnet. Boerne glaubt an das zweite Gesicht, Thiel tut dies nicht. Boerne erleidet hohe Aktienverluste. Nur der Zufall in Form eines Zufallsauftrages, den Thiel mit Boernes Laptop auslöst, rettet den Gerichtsmediziner vor dem Finanzcrash, und das schon zwei Jahre vor der Bankenkrise. Womit auch hintenrum gesagt ist, dass an der Börse zocken keine Wissenschaft ist, sondern dass nur der Zufall  das böse Spiel von Insidern so außer Kraft setzen kann, dass auch so ein Hobbytrader wie Boerne mal einen Stich macht. Das sind ja schöne Ansichten. Ansichten von uns sind in der -> Rezension niedergelegt.

Handlung

Es sollte wie ein Unfall aussehen. Doch Prof. Boernes Obduktionsbefund ist eindeutig: Die bekannte Hellseherin Roswitha Brehm wurde ermordet. Noch wenige Stunden vor der Tat hatte sie verzweifelt versucht, Kontakt mit Kommissar Thiel aufzunehmen.Wollte sie wieder mal per Pendel ein Verbrechen aufklären? Thiel ist skeptisch. Doch nun starb die Hellseherin ausgerechnet in der geheimnisvollen Villa, die in Münster bereits für große Schlagzeilen sorgte.

Vor Jahren wurde hier fast die komplette Familie Steinhagen erschossen. Der Fall blieb ungesühnt, die Leichen unauffindbar. Nur die Adoptivtochter Franziska überlebte das Blutbad. Gibt es eine Verbindung zwischen dem Tod der Hellseherin und dem Mord an den Steinhagens?

Rezension

Dann ist da noch der Fall bzw. die Fälle, es gibt drei Morde in diesem Krimi, die im Wald verbuddelten Toten nicht mitgerechnet. Es wird Zeit, dass wir uns ein Diktiergerät anschaffen, um die unlogischen Stellen sofort zu vermerken, denn schon kurz nach einem Tatort wie „Das zweite Gesicht“ verdichten sich die Seltsamkeiten zu einem Nebel des plotmäßigen Grauens, und am Nebel leidet bekanntlich der Scharfblick oder im Nebel leidet der Durchblick. Aber irgendwie passt der Nebel auch zu diesem esoterisch angehauchten Winterkrimi, da ist es in Münster beinahe so kalt wie fast jedes Jahr im Januar in Berlin. Wenn man in einer Altbauwohnung dortselbst lebt, kann man Thiels Probleme mit der Heizung nachvollziehen, allerdings gibt es immer Heizgeräte im Elektrofachgeschäft, man muss nicht zum Trödler Abraham, um sich aufzutauen.

„Das zweite Gesicht“ wird zwar gemäß Rangliste des „Tatort-Fundus“ zu den überdurchschnittlichen Tatorten gezählt, aber nicht zu den besseren von Thiel & Boerne, liegt im Moment auf Rang 13 von 21 bisher gezeigten Folgen des ungleichen Münster-Gespanns.

Der Plot ist alles andere als überzeugend. Der erste Mord ist in Ausführung und bezüglich seiner Anbindung an den Hauptstrang, das Schicksal der Familie Steinhagen, viel zu konstruiert. Das Ende ist schon beinahe Interpretationssache. Da sitzt Thiel händchenhaltend mit Franziska Steinhagen in der alten Familienvilla, in der sich so eine grausame Tragödie abgespielt hat. Da sagt sie Dinge, die man, wenn man will, so oder so auffassen kann. Ein Tabu ist es aber nicht, das hier gebrochen wird: Dass Thiel sich einer Mörderin (gleich, ob sie als Täterin, Mittäterin oder Teilnehmerin gehandelt hat) aus reiner Gefühlsmenschelei so nah fühlt. Wenn da nicht am Ende die Blaulichter der eintreffenden Polizei wären, man könnte meinen, es wäre der Bruder gewesen, aber dieses blaue Flackern im warmen, roten Licht, die sind das Zeichen für das Ende eines qualvollen Weges von Fehde, von disfunktionalen Familienverhältnissen und Todesfällen, zu denen jahrelang keine Leichen gefunden werden.

Die Motive der jungen Frau und ihres Bruders sind emotional eingängig, aber nicht wirklich nachvollziehbar, ebenso wie die Notwendigkeit der aktuellen Morde (aktuell meint etwa 2006, als der Film entstand). Dass Christoph Steinhagen sich aus der Deckung begibt, dafür spricht eigentlich nichts, niemals wäre sein Identitätstausch aufgefallen, wenn nicht der Obdachlose Metzler ermordet worden wäre. Das führt die Polizei überhaupt erst auf eine Spur zu einer Verbindung.

Schön gespielt ist „Das zweite Gesicht“ aber wieder, das können sie in Münster einfach, weil es einen Jan Josef Liefers als Professor Karl-Friedrich Boerne gibt, weil KHK Frank Thiel (Axel Prahl) im Jahr 2006 noch nicht so prollig mit diesem Boerne umgeht wie in einigen der jüngeren Folgen, weil man in „Das zweite Gesicht“ in einer Hinsicht eine richtige Entscheidung getroffen hat: Nämlich die Mordfälle in den Vordergrund zu stellen, viel auf Stimmung und Atmosphäre zu machen und dafür die Gags nicht ganz so sprudeln zu lassen wie in einigen anderen Folgen. Folgerichtig wird auch Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), Thiels Assistentin, mehr eingebunden, dafür fallen die Frotzeleien zwischen Alberich (Christine Urspruch) und Boerne fast vollständig unter den Tisch, mangels Sprechzeit für die kleinwüchsige Mitarbeiterin des Gerichtsmediziners. Dass hingegen die Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) nur deshalb auftaucht, damit auch Thiels Vaddern (Claus D. Clausnitzer) ins Bild kommt und ein Verhältnis der beiden ans Tageslicht, das ist ziemlich an den Haaren herbeigeschrieben und selbstverständlich wird so eine Affäre in der nächsten Folge wieder verpufft sein.

Zwei Nebenrollen sind hervorzuheben – Lavinia Wilson spielt die Franziska Steinhagen sehr schön reduziert und doch intensiv, von der Vergangenheit traumatisiert (Narbe am Unterarm) und in ihr gefangen, aber in still verzweifelter Wehr gegen diese Übermacht der Altlasten – Alexander Hörbe als spinnerter Wellenreiter Eugen Krawzyk ist schön skurril und passt gut ins Szenario. In den Münster-Tatorten generell, aber auch in einem Krimi, in dem das Unsichtbare anhand verschiedener Formen von Schwingungen so greifbar wird. Dumm nur, dass die Seherin Roswitha Brehm nicht vorausgesehen hat, was ihr widerfahren wird, in der alten Steinhagen-Villa, in der sie die Hintergründe der einstigen Tragödie auf ihre Art aufspüren will – und in einem  Handbuch alles aufzeichnet, was sie dazu hinter dem Horizont sieht. Zum Beispiel, wo die Leichen der Familie vergraben sind und wer demgemäß noch am Leben ist. Wenn wir uns richtig erinnern, erahnt man das aber auch unabhängig davon davon, und zwar anhand des von Boernes bereits anfangs erläuterten Tatablauf-Schemas. Wer diese Szene aufmerksam verfolgt hat, ist nach vielen Wendungen am Ende nicht überrascht.

Man wabert mit den Wendungen und den Nebeln durch diese Tatortfolge, lässt die Atmosphäre wirken, genießt die vergleichsweise dezenten Thiel-Boerne-Kabbeleien, verfolgt das Schicksal der Nebenfiguren und bekommt anfangs gar nicht mit, dass „Das zweite Gesicht“ dramaturgisch genauso flach ist wie das Münsterland (wie auch, die Qualität des Spannungsbogens kann man erst zum Schluss beurteilen). Irgendwann merkt man es aber im Verlauf, dass es eher gemächlich und nicht besonders packend zugeht und hat ein wenig Mühe, am Geschehen dran zu bleiben und die Aufmerksamkeit nicht zu verlieren. Dieses Wabernde anstatt klarer, scharfer Plotkonturen ist auch so ein typischer Münster-Trick, der dafür sorgen soll, dass man die Schwächen der Handlungen nicht so gut erkennt. Es ist auch nicht einfach und wir sind uns nicht sicher, dass wir sie richtig wiedergegeben haben, weil wir nämlich auch mehrfach unterbrochen, wieder zurückgespult, mal zur Auffrischung der Konzentration zwischendurch was anderes gemacht haben. So läuft das Tatort gucken bei uns normalerweise nicht ab.

Finale

„Das zweite Gesicht“ ist ein typischer Münsteraner, will heißen, mit Stärken und Schwächen. In manchen Folgen sind die Stärken stärker und die Schwächen schwächer als im Tatort Nr. 646, es gibt aber auch das Gegenteil.

Man hätte den Stoff in der Form eines Thrillers darbieten können, immerhin gibt es, in Abständen, fünf Morde in diesem Film. Doch auf gewisse Weise sind die Münster-Krimis durch ihr Konzept limitiert. Ein Thriller muss düster und dicht sein und hat meist eine eher einfache Handlung, lebt von seiner Spannung und von der Gefahr, in der sich die Figuren befinden. Sowas geht zwar auch mal für ein paar Minuten in Münster (wie in der kürzlich rezensierten „Höllenfahrt“), aber nicht über einen ganzen Film  hinweg. Die Anlage als Thriller würde es erfordern, dass die vielen Nebengeräusche in Form von Gags und Nebensträngen entfallen und damit den Figuren Thiel und Boerne geradezu ihre raison d’être genommmen würde. Man kann sich insbesondere den geckenhaften Gerichtsmediziner nicht als Figur in einem Film vorstellen, indem echte Todesangst und vielleicht der Zeitfaktor eine wichtige Rolle spielen, indem das Element Tempo mit seinen Variatonen nicht in Slapstick ausartet, sondern als wichtiger Baustein der Dramaturgie verstanden wird.

Mit dem Thema des Hellsehens wird auf die lässige Art umgegangen. Wenn man’s genau nimmt, wird es positiv bewertet, immerhin fußt eine wichtige Erkenntnis auf den Gaben der früh im Film verblichenen Frau Brehm, nämlich die über das Versteck der Steinhagen-Leichen. Wie alte Familienverstrickungen zu immer neuen Schieflagen und letztlich Verbrechen führen, das kommt etwas zu kurz, trotz der gut ausgeformten Rolle von Franzsiska Steinhagen. Man hat in Münster wieder eine etwas verhexte Mixtur gebraut, anstatt reinen Krimiwein auszuschenken oder eine perlende Komödie zu inszenieren.

Da ist dieses Unentschiedene nebst den dadurch verursachten Plot-Unschärfen, auf der anderen Seite auch viel Schönes – was uns dazu veranlasst, „Das zweite Gesicht“ mit leicht überdurchschnittlichen 7,5/10 zu bewerten.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Frank Thiel – Axel Prahl
Professor Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
Silke Haller (alias „Alberich“) – Christine Urspruch
Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Herbert Thiel – Claus D. Clausnitzer
Franziska Steinhagen – Lavinia Wilson
Dr. Hanno Mittenzwey – Hans-Jochen Wagner
Eugen Krawzyk – Alexander Hörbe
Roswitha Brehm – Gudrun Ritter
Manni – Paul Fassnacht
Jansen – Sebastian Kröhnert
Köster – Markus John

Regie – Tim Trageser
Drehbuch – Matthias Seelig / Claudia Falk
Musik – Ulrich Reuter
Kamera – Eckhard Jansen

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