Isabelle Huppert – Leben für den Film (Isabelle Huppert: Message personnel, FR 2020) #Filmfest 270

Fimfest 270 D

2020-04-18-filmfest-d-documentary-2020Jener Film wurde oft gezeigt

Der erste Film, in dem ich Isabelle Huppert gesehen habe, hieß „Die Spitzenklöpplerin“ und war einer ihrer frühen Erfolge. Die beiden letzten waren „Das Leben ist ein Spiel“ und „Biester“ (die Rezension stelle ich demnächst auf dem Filmfest vor). „Die Spitzenklöpplerin“ war Anfang der 1980er ein Pet, ein Lieblingsfilm der Öffentlichrechtlichen, zu einer Zeit, als es schwieriger wurde, an aktuelle Hollywoodproduktionen heranzukommen. Aber es ist eben sehr lange her – noch in Schwarz-Weiß mit meinem kleinen Kinderzimmerfernseher. In Claude Chabrols „Biester“ ist es schwer, die Figur der Huppert nicht zu hassen, aber die Hinrichtung der Snobs hat mich dann wieder überzeugt: Letztlich geht Klassenkampf nur so. Das sollte ein Witz sein, die Frau ist ja auch psychisch offenbar angeschlagen und findet in einer Analphabetin eine kongeniale Mitstreiterin. Mehr zu Isabelle Huppert in den folgenden Beschreibungen und noch ein paar Gedanken in der -> Rezension.

Beschreibung / Inhalt

Zerbrechlich, willensstark und geheimnisvoll: Isabelle Huppert ist eine Ausnahmeerscheinung des französischen Kinos. Sie kann auf ein Werk mit bisher mehr als 100 Filmen zurückblicken. Dabei ist sie in die schwierigsten und abgründigsten Rollen geschlüpft. Dieses neue Filmporträt lässt Isabelle Huppert selbst erzählen und Ausschnitte aus ihren wichtigsten Filmen kommentieren – von Claude Gorettas „Die Spitzenklöpplerin“ bis hin zu Paul Verhoevens Vergewaltigungsdrama „Elle“. Ihre persönlichen Erinnerungen an Filmrollen, Dreharbeiten und Reflexionen über die Schauspielkunst fügen sich zu einem eindrucksvollen schauspielerischen (Porträt).

Von Isabelle Huppert geht etwas Unnahbares aus. Huppert umgibt eine Aura, die für sie zum Karriere-Sprungbrett wurde. Ihr maskenhaftes Mienenspiel, das gleichzeitig grenzenlose Verzweiflung und Trauer vermittelt, ist zu ihrem Markenzeichen geworden. Sie bringt emotionale Gratwanderungen und größte Intensität mit einem Minimum an Mimik zum Ausdruck.

„Schauspielerin zu werden, ist keine Entscheidung. Man wird es einfach“, erklärt Isabelle Huppert. Und erinnert sich, wie sie bereits als Kind von ihrem Vater mit der Super-8-Kamera gefilmt wurde oder an die Schauspielkurse, zu denen ihre Mutter sie anmeldete. Sie erzählt von der ersten Begegnung mit Yves Montand und Romy Schneider und ihren Anfängen auf der Leinwand wie in Bertrand Bliers Komödie „Die Ausgebufften“. Als 23-Jährige war ihr Erfolg in Claude Gorettas „Die Spitzenklöpplerin“ durchschlagend. In diesem Drama spielte sie ein junges Mädchen, das an einer unglücklichen Liebe zerbricht und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird.

Schließlich lässt Huppert die Zusammenarbeit mit großen Regisseuren Revue passieren: von Claude Chabrol, zu dem sie eine Art Vater-Tochter-Beziehung hatte, über Jean-Luc Godard, Paul Verhoeven, Maurice Pialat, Werner Schroeter und Benoît Jacquot bis Michael Cimino und Michael Haneke.

Isabelle Huppert erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Die Jury des Filmfestivals in Cannes hat sie gleich zweimal als beste Schauspielerin mit der Goldenen Palme bedacht: Im Jahr 1978 für „Violette Nozière“ von Chabrol und 2001 für ihre Rolle in Hanekes „Die Klavierspielerin“. Für Michael Verhoevens Drama „Elle“ wurde sie 2017 für einen Oscar nominiert. Sie spielt darin eine Frau mittleren Alters, die vergewaltigt wird, aber nicht zur Polizei geht. Isabelle Huppert stellt am Ende dieser Rückschau auf ihr Werk fest, dass sie immer Schauspielerin sein wird: „Aufhören? Ich denke oft daran. Aber ich werde es niemals tun.“

Rezension

Wenn es um Männer im französischen Film geht: Jean Gabin! Wer sonst? Und dann all die anderen großen Stars: Alain, Jean-Paul, Michel et les autres. Bei den Frauen, wiewohl es hier ebenfalls herausragende Schauspielerinnen gab und gibt, ist es nicht so einfach. Danielle Darrieux?, die das Kino der 1930er bis in die frühen 1950er prägte? Die Bardot, die Moreau, die Signoret, die Deneuve natürlich oder die Schneider? Nein, nur die Französinnen. Die nächste Generation, zu der auch Isabelle Huppert zählt? Juliette Binoche in den letzten 25 Jahren und heute Oscarpreisträgerin Marion Cotillard (die zweite Französin, die nach Simone Signoret einen Oscar erhielt). Es gibt viele mehr, einige besonders aparte Darstellerinnen aus der 1B-Reihe, aber ich würde mich nicht festlegen wollen, wer die größte französische Schauspielerin in jedem Jahrzehnt war – bis auf die 1940er vielleicht: Danielle Darrieux. Und ab Mitte der 1960er bis etwa 1980: Catherine Deneuve. Wichtig sind sicher die „8 Frauen„, die Francois Ozon im gleichnamigen Film vereint hat, darunter Deneuve, Darrieux, Isabelle Huppert, die meines Wissens nie diesen beinahe adeligen Beinamen „die“ trug, aber trotzdem zu den besten und auf der Leinwand und im Theater zu den exzentrischsten französischen Actricen zählt.

Gerade, weil sie nicht ganz dem Klischee der makellosen Schönheit entspricht, finde ich sie interessant, mit den Sommersprossen, dem spitzen Kinn, dem etwas schmalen, aber breiten Mund und ihrer grazilen Figur. Kein Wunder, dass sie in „8 Frauen“ die Hysterikerin, die Übriggebliebene gab, sie spielt mit am besten auf, in diesem schönen Film. Ihn hatte ich in der obigen Aufzählung vergessen – er war der letzte mit Isabelle Huppert, den ich gesehen habe und viel Spaß dabei. Was beileibe nicht für alle ihre Werke gilt, sie ist die Grenzgängerin unter den französischen Filmstars, demgemäß sind nicht alle ihre Rollen angenehm – wie oben bereits erwähnt.

Auch „Violette Noizière“ oder „Eine Frauensache“ sind nichts für Schauspielerinnen, die innere Vorbehalte haben und wählerisch sind, wie man es Juliette Binoche nachsagt, die wohl eine noch größere Karriere hätte machen können, wenn sie alle Angebote aus Hollywood angenommen hätte. Außerdem ist Isabelle Huppert für mich die Wandelbarste von allen, auch wenn sie in der Dokumentation sagt, sie ist froh, wenn sie bei sich selbst sein kann. Wer ist das nicht? Sie meistert aber auch Parts problemlos, die mit ihrem wahren Ich kaum etwas zu tun haben dürften. Das hat sie übrigens fast allen männlichen Schauspielern in Frankreich voraus, die bei allem, was sie ausstrahlen, meist „getypecasted“ wurden. Mittlerweile gibt es außer dem in die Jahre gekommenen Gérard Dépardieu keinen männnlichen Superstar mehr. Jean Gabin beispielsweise hat zwar eine grundsätzliche Wandlung vollzogen, hin vom fatalistischen jungen Mann in den Films noirs des Poetischen Realismus hin zum Grandseigneur auf allen Seiten des Gestzes und mit allen moralischen Schattierungen, aber er war eben auch ein Typ, während die Huppert nur wegen ihrer optischen Wiedererkennbarkeit nicht geradezu amorph wirkt. In der Dokumentation  hat sie damit kokettiert, dass sie nirgends auffällt – das empfinde ich anders, wobei solche Gesichter wie die der oben erwähnten Kolleginnen natürlich auch sehr einprägsam und individuell waren.

ARTE zeigt nicht nur aktuelle die Dokumentation „Isabelle Huppert – ein Leben für den Film“, die nicht sehr extravagant, aber sehr informativ gemacht ist, sich an einem bestimmten Film ankert, in dem sie immer wieder gezeigt wird, ansonsten aber bis hinein in die 2000er chronologisch vorgeht, wobei Huppert ihr Verhältnis zu verschiedenen Regisseuren und deren Besonderheiten erläutert. Besonders betont sie ihre sieben Filme unter der Regie von Claude Chabrol, darunter der o. g. „Biester“, der zu seinen besten Spätwerken zählt. Ich habe gerade Wim Wenders‘ „Tokyo-Ga“ besprochen (Rezension erscheint in einem Wenders-Special). Darin hat ein Schauspieler erzählt, wie er immer nur für einen Regisseur gearbeitet, ca. 50 Filme mit ihm gemacht hat, ebenso äußerte sich ein Kamermann. Das ist wahre Treue, aber im Westen für eine Topschauspielerin oder einen Star undenkbar, so gesehen sind sieben Filme mit Chabrol, darunter einige prägende durchaus einer besonderen Erwähnung wert – vor allem, wenn man mit so vielen Großen gearbeitet hat.

7,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie

William Karel

Besetzung

Isabelle Huppert Isabelle Huppert Self and narrator (voice)
Rest of cast listed alphabetically:
Stéphane Audran Stéphane Audran Self (archive footage)
Sandrine Bonnaire Sandrine Bonnaire Self (archive footage)
Jean Carmet Jean Carmet Self (archive footage)
Claude Chabrol Claude Chabrol Self (archive footage)
Michael Cimino Michael Cimino Self (archive footage)
Gérard Depardieu Gérard Depardieu Self (archive footage)
Jacques Dutronc Jacques Dutronc Self (archive footage)
Sami Frey Sami Frey Self (archive footage)
Annie Girardot Annie Girardot Self (archive footage)
Jean-Luc Godard Jean-Luc Godard Self (voice) (archive footage)
Michael Haneke Michael Haneke Self (archive footage)
Benoît Jacquot Benoît Jacquot Self (archive footage)
Kris Kristofferson Kris Kristofferson Self (archive footage)
Yves Montand Yves Montand Self (archive footage)
Claude Sautet Claude Sautet Self (archive footage)
Romy Schneider Romy Schneider Self (archive footage)

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