Walzerbahn – Polizeiruf 110 Episode 57 #Crimetime 853 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Hübner #Ostsee #Strandbad #Walzer #Bahn

Crimetime 853 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD*

Am Ende der Anfang

Faszinierend, wie sie es in der Wikipedia hinbekommen haben, zu diesem Film von nur 57 Minuten Länge eine so umfangreiche Handlungsbeschreibung zu erstellen. Alle wollen Anita, aber nicht so, wie Anita es gerne hätte. Am Ende kriegt keiner der drei Männer sie. Und um welches Verbrechen geht es? Darüber und mehr in der -> Rezension

Handlung (Wikipedia)

Seit dem Winter sorgt auf Rügen ein „Küstenschreck“ genannter Täter für Unruhe. Er beraubt Urlauber, indem er über die Fenster in ihre Zimmer einsteigt und Wertsachen stiehlt. Stets flieht er auf einem Motorrad. Im Winter brach er so in 20 Bungalows ein. Nun, im Sommer, schlägt er wieder zu: Urlauberin Frau Weber sieht während des abendlichen Tanzes kurz nach ihren Kindern und den eigenen Sachen und überrascht dabei den Küstenschreck. Er würgt sie und flieht anschließend. Gestohlen hat er einen Fotoapparat und viel Bargeld. Oberleutnant Richter erhält bei den Ermittlungen Unterstützung aus Berlin: Oberleutnant Jürgen Hübner kommt zusammen mit Kriminalmeister Weschke an die Küste.

Bei der Überprüfung der letzten Anmeldungen auf Rügen stößt Jürgen Hübner auf Herbert Bobach. Der junge Mann ist unter die Schausteller gegangen, Hübner jedoch noch von einer Diebstahlserie im Harz bekannt, für die Herbert 30 Monate ins Gefängnis musste. Herbert hat bei den Schaustellern mit der verheirateten Anita geflirtet, deren Mann die Walzerbahn des Rummels betreibt. Anita jedoch beendet die kaum begonnene Affäre, da sie bereits im Wäschereifahrer Marco Floß einen neuen Liebhaber gefunden hat. Anita will weg vom Rummel, da ihr Traum von einem freien Leben nicht in Erfüllung gegangen ist. Bei ihrem eifersüchtigen Mann Otto fühlt sie sich vielmehr eingesperrt. Als Otto eines Tages eine ihm unbekannte Jacke bei Anita findet, behauptet Anita, Herbert habe sie ihr geschenkt. Herbert bestätigt diese Version, als er Anitas bittenden Blick sieht. Als die Polizei Herbert wenig später befragt, bleibt er bei seiner Jackenversion und muss mit aufs Revier. Anita verbringt unterdessen die halbe Nacht bei Marco. Als sie nachts zum Rummel zurückkehrt, hat Otto ihr bereits die Koffer vor die Tür gestellt. Anita geht zurück zu Marco, der wenig begeistert ist. Er ist der gesuchte Küstenschreck und hortet in seinem Haus die erbeuteten Wertsachen. Anita will ihn dazu bewegen, alles ungeschehen zu machen. Sie will als gelernte Konditorin mit dem gelernten Bäcker Marco sesshaft werden und eine eigene Bäckerei eröffnen, doch weigert sich Marco, arbeiten zu gehen.

Die Ermittler sind Marco unterdessen auf der Spur. Er hat bei einer Flucht eine Frau angefahren, die ein Phantombild von Marco anfertigen lässt. Frau Weber ist zudem Marcos Parfum aufgefallen, das wiederum auch ein Polizist erkennt, der Marco einmal bei einer Verkehrskontrolle angehalten hatte. Nun ist klar, dass der Täter der Fahrer der Wäscherei sein muss. Jürgen Hübner wiederum erkennt, dass Herbert bereits vor ihnen auf den Täter gekommen sein muss und Marco möglicherweise auf eigene Faust stellen will. Eine rasche Fahndung wird eingeleitet.

Herbert ist tatsächlich in Marcos Haus eingebrochen und hat einen Teil des Diebesguts entdeckt. Er stellt Marco, der mit Anita zum Haus kommt, zur Rede und wird von ihm niedergeschlagen. Anita erkennt, dass Herbert eine starke Kopfverletzung hat, die im Krankenhaus behandelt werden muss. Sie drängt Marco, Herbert ins Krankenhaus zu fahren. Die Fahrt endet jedoch zuerst in Marcos Versteck – einem Haus, in dem er die gestohlenen Wertsachen zwischenlagert. Anita befürchtet, dass Herbert eine weitere Autofahrt nicht überleben würde und bittet Marco, im nächsten Krankenhaus Hilfe zu holen. Kurze Zeit nach Marcos Abfahrt taucht ein Überwachungshubschrauber der Polizei auf und Anita gelingt es, auf sich und Herbert aufmerksam zu machen. Die Hubschrauberbesatzung fordert für Herbert einen Krankenwagen an und nimmt die Verfolgung von Marco auf. Dieser kann schließlich auf offener Straße gestellt und festgenommen werden.

Anita trennt sich endgültig von ihrem Mann Otto und reist nach Magdeburg ab. Otto führt weiterhin die Walzerbahn und animiert die Kunden lustlos zum Mitfahren.

Rezension

Wieder einmal waren wir überrascht, wie unterschiedlich die Filme sind, die Hans-Joachim Hildebrandt inszeniert hat, der für „Walzerbahn“ auch das Drehbuch verfasste. Die Spielzeit von 57 Minuten ist ungewöhnlich kurz, zumal sich Ende der 1970er der Polizeiruf von seiner ursprünglich üblichen Länge von ca. 64 Minuten schon über die 70-Minuten-Marke bewegt hatte. Das lässt darauf schließen, dass „Walzerbahn“ nicht gerade das ambitionierteste Werk der Reihe darstellt. So haben wir es auch empfunden. Potenzial ist durchaus da. Das Drama von Anita, die keinen Platz zwischen Männern findet, die alle etwas von ihr, aber keine solide Zukunft mit ihr aufbauen wollen, echte Ziele zu definieren und an die gemeinsame Umsetzung zu gehen, ist kein schlechter Stoff – und die Rummelplatzatmosphäre kann man so schön symoblisch-melancholisch darstellen. Das geschieht auch, vor allem am Ende. Man kann spüren, dass mehr Potenzial in dem Film steckt, als ausgespielt wurde.

Das Verbrechen wird lustlos nebenbei abgehandelt und entspricht einem schon allzu oft gezeigten Schema. Ein „Asozialer“, der sein Geld in dem Fall mit dem Raub bei Feriengästen verdienen möchte, anstatt in der Backstube seine Eltern herrlich duftendes frisches Brot herzustellen, raubt Feriengäste aus. Erstaunlich, was die manchmal für Gegenstände mitführen. Ein braver Schausteller, der sich nicht von seinem Fahrgeschäft trennen und nicht sesshaft werden kann und auch keine Kinder will, ein Angestellter mit dunkler Vergangenheit, der in Verdacht gerät und kein Typ zum Verlieben ist.

Und wie steht es mit der Walzerbahn? Es gibt tatsächlich eine Schaustellerfamilie Hildebrandt, die eine Walzerbahn betreibt, unser erster Impuls war, dass es sich um Verwandte des Regisseurs handeln könnte, aber zumindest gibt es diese direkte Verbindung nicht: Die im Film gezeigte Walzerbahn wurde bereits 1929 in Norwegen erbaut und wird tatsächlich auf der Webseite „Walzerbahn.de“ als auf der Reise angegeben, wird also heute noch eingesetzt und feiert gerade ihr 90jähriges Bestehen. Hergestellt werden Walzerbahnen heute in Deutschland nicht mehr. Im Westen war diese Art von Fahrgeschäft weniger bekannt, da es dort eher die Variante der Berg- und Talbahn mit fest in Fahrtrichtung montierten Gondeln gab und noch gibt.

Dass ein so einfacher Plot auch noch mit Dingen wie Hübners Einsatz an der Ostsee als „Verstärkung“ aufgepolstert werden muss und trotzdem nur für knapp eine Stunde reicht, ist erstaunlich. Wenig später hat Regisseur Hildebrandt den Polizeiruf „Heidemarie Göbel“ gedreht, den wir in den nächsten Tagen aufzeichnen werden und obwohl auch das Drehbuch für diesen Film von ihm stammt, kommt dieser auf 77 Minuten und ist sicher reichhaltiger von der Figurenzeichnung und die Handlungselemente betreffend. Gut möglich, dass er unter Zeitdruck stand, weil er zwei Polizeirufe kurz hintereinander zu inszenieren und zu schreiben hatte und sich  mehr auf den Folgefilm konzentrieren wollte oder musste. Durchaus reizvoll fanden wir die Darstellung von Heidemarie Schneider als junge Frau im Unruhe-Zustand, ansonsten sind die Leistungen okay, aber nicht herausragend. Rüdiger Joswig, der den gutaussehenden Dieb Floß spielt, war in der Realität ab 1982 auch ein Außenseiter, denn er wollte in die BRD übersiedeln – nicht fliehen – und erhielt nach erfolglosen Ausreiseanträgen einige Jahre lang Berufsverbot. Bernd Storch, der den Typ, in den man sich nach Anitas Ansicht nicht verliebe kann, den Angestellten ihres Mannes mit diebischer Vergangenheit spielt, beendete seine Fernsehkarriere bereits 1990, Heidemarie Schneider spielte nach der Wende vor allem in kleineren Fernsehproduktionen und ihre Filmografie endet 2003.

Ein Hauch von Melancholie des Lebens an der Basis kann man, wenn man will, aus einigen Aspekten herauslesen, die nicht zur werkimmanenten Interpretation rechnen und auch nicht zur Stellung des Werks in sein Umfeld. Bezüglich der Ideologie in jenem Umfeld ist der Film nämlich kaum auswertbar, wenn man vom Faulpelz Floß absieht, der ein typischer Gauner der ersten Polizeiruf-Jahre ist, nur  in der Tat mit angenehmerer Optik als der Durchschnitt.

Finale

Weil uns diese Aussage eigentlich zu standardmäßig erscheint, schreiben wir selten, „aus dem Stoff hätte man mehr machen können“, aber hier ist es so: Aus jedem einzelnen Aspekt und jedem Moment hätte man mehr herausholen können. Zu kritisieren ist ebenso der Einstieg mit einem tanzenden Paar im Strandcafé oder in einer Hotel-Tanzhalle, das einen „Extratanz“ bekommt, dann geht die Frau hinauf, schaut nach ihren Kindern – und dann kommt die Figur der Frau nur noch ein einziges Mal vor, nämlich, als sie hilft, ein Phantombild des Täters zu erstellen – auf eine Weise, die gar nicht möglich ist, weil er z. B. die Augen hinter einer großen dunklen Brille verborgen hält, wenn er seine Raubzüge begeht. Nach dem Einbruch, bei dem Floß von jener Frau überrascht wird, wechselt das Bild abrupt zum Strand, die Kamera fährt etwas zurück und man sieht Oberleutnant Hübner mit einem örtlichen Kollegen, mit dem er anscheinend im Winter schon einmal zusammengearbeitet hat. Aber wann? Da sein Darsteller keine eigene Wiki-Seite hat, hätten wir die Besetzungslisten aller bis zu dem Zeitpunkt gedrehten Hübner-Polizeirufe durchgehen müssen, um das ausfindig zu machen. Dafür war uns der Fakt nun doch nicht bedeutend genug.

5,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

*Da wir von dem Film kein Bild ohne Senderlogo gefunden haben und generell kein qualitativ passendes Foto, haben wir das „amorphe“ Polizeiruf-Logo verwendet, das seit 2020 den Vorspann der neuen Polizeirufe ziert und ganz in Rot und Dunkelgrün + Schwarz gehalten ist und das Szenen und Bilder aus früheren Versionen aufgreift und verfremdet wiedergibt.

Regie Hans Joachim Hildebrandt
Drehbuch Hans Joachim Hildebrandt
Produktion Helga Lüdde
Musik Lothar Kehr
Kamera Helmut Borkmann
Schnitt Karola Mittelstädt
Besetzung

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