Der Pferdemörder – Polizeiruf 110 Episode 179 #Crimetime 855 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #Pferde #Mörder

Crimetime 855 - Titelfoto © MDR

Eine Ära beginnt mit toten Pferden

„Der Pferdemörder“ war im Jahr 1996 der Start zur legendären Zusammenarbeit der beiden Herberte – Schmücke und Winkler. In Halle. In der Krimireihe Polizeiruf 110. Ein unschönes Thema, das besonders Pferdeliebhaber*innen erschüttern wird, denn – mal einen von dieser unguten Spezies Mensch umbringen, naja, kann passieren, es kann sogar gute Gründe dafür geben. Aber Pferde? Wer macht sowas!?, wird im Film gefragt. Es steht in der Handlungsbeschreibung. Man diese aber auch übergehen, dann steht es irgendwo in der -> Rezension.

Handlung

Seit einigen Wochen gibt es immer wieder Anschläge eines Pferdemörders, der zwischen Halle und dem Harz Tiere tötet. Dabei betäubt er die Pferde mit einem Bolzenschussgerät und schneidet ihnen dann mit einem Messer die Halsschlagader durch. Kommissar Herbert Schmücke soll die Ermittlungen aufnehmen und begibt sich in die Harzgemeinde Bingerode, wo die letzten schwerwiegenden Tötungen vorkamen. Er trifft dort auf seinen alten Bekannten von der Polizeischule Aschersleben: Herbert Schneider.

Schon in der nächsten Nacht schlägt der Pferdemörder erneut zu. Diesmal tötet er ein Reitpferd auf der Koppel von Bauer Manfred Löffler. Seine beiden Söhne Jacob und Peter trifft das besonders hart, denn sie planen aus dem väterlichen Bauernhof eine Pferdepension zu machen und das Pferd gehörte Kurt Glaser. Er hatte gerade erst vier Pferde gekauft und sie den Löfflers in Pflege gegeben. Manfred Löffler ist seit dieser Nacht verschwunden. In seinem Motorrad mit Beiwagen findet die Kriminaltechnikerin Blut und ein Bolzenschussgerät. Für Schneider spricht dies alles gegen Löffler. Der stets betrunkene Bauer war als mürrisch und zanksüchtig bekannt. Nicht einmal seine eigene Familie hat er mit seinen Launen verschont. So gefiel es ihm auch nicht, dass Kurt Glaser seine Pferde in seinem Stall einstellte. Für ihn war dieser Mann ein Krake, der seine Fangarme nach allem ausstreckte und auch seinen Hof zu gern aufkaufen würde.

Inzwischen ist kriminaltechnisch nachgewiesen, dass aus dem gefundenen Bolzenschussgerät auf das Pferd geschossen wurde, das Blut jedoch von Löffler selbst stammt. Schmücke vermutet, dass er bei seinem Tun auf der Weide beobachtet und ermordet wurde. Auf der Suche nach dem Täter müssen Schmücke und Schneider das halbe Dorf verdächtigen, denn niemand mochte Löffler leiden. Am Ende konzentrieren sich die Ermittlungen auf Löfflers Familie, aber auch die stellt eigene Nachforschungen an. Als Gisela Löffler befürchten muss, dass ihre Söhne dem Totengräber etwas antun, wendet sie sich an Schmücke und Schneider. Sie gesteht, ihren Mann auf frischer Tat ertappt und ihn vor Wut mit dem eigenen Messer erstochen zu haben. Totengräber Rudi Winter hatte ihr geholfen, die Leiche zu verstecken und sie einfach mit in ein frisches Grab gepackt.

Aufgrund der guten Zusammenarbeit zwischen Schmücke und Schneider sowie einem Personalmangel bei der Hallenser Kriminalpolizei soll Herbert Schneider zukünftig mit in Halle arbeiten.

Rezension

Ein bisschen wird es schon spürbar, das Glück dieser Erde auf dem Rücken der Pferde – wegen der beiden Löffler-Jungs, die man als einzige im Film beim Reiten sieht. Ach nein. Schmücke! Und, nein, es ist nicht das erste Mal, dass er auf einem Pferd sitzt, sein Darsteller Jaecki Schwarz. Glauben wir jedenfalls.

Nachdem wir zuletzt die Schmücke-Schneider-Chronologie des MDR aus den 2000ern verfolgten, hat der Sender jetzt einige Jahre zurückgespult. Der Anlass war ein sehr trauriger. Der Tod von Wolfgang Winkler, dem Darsteller von Herbert Schneider. Dieser brave, treue Polizist, dem man sich als Opfer und als Verdächtige*r gleichermaßen gerne anvertrauen würde, weil man weiß, er führt seinerseits nichts Böses im Schilde – während sein Partner Schmücke nicht nur etwas eitler ist, sondern auch recht verschmitzt dreinblicken kann. Die beiden waren schon ein adäquates, immer einigermaßen harmonisches Duo. Man hat später einen künstliche Konflikt reingebracht, also Schmücke von Edith auf die Straße gesetzt wird und bei Schneider einzieht und überhaupt keine Lust hat, diese WG wieder zu verlassen.

Edith? Wer ist Edith? Nicht nur konstituiert sich in „Der Pferdemörder“ die folgende Zusammenarbeit der Herberte in Halle, sondern Schmücke lernt auch die temperament- und anspruchsvolle Theater-Regisseurin kennen, die seine Lebenspartnerin wird. Das zeichnet sich zum Ende hin schon ein wenig ab, während es anfangs zwischen den beiden nicht gut funktioniert – und wie wir einige Jahre später sehen werden: Der erste Eindruck ist meist der richtige. Eine schöne Zeit kann man bis zur endgültigen Erkenntnis trotzdem miteinander haben.

Der Film selbst ist um einiges besser geraten als einige der doch sehr konventionellen und vor allem einander strukturell und bezüglich der Inszenierung sehr ähnlichen Filme, die Mitte der 2000er entstanden sind und den negativen Sinn des Begriffs „Routine“ ganz gut veranschaulichen. Eine Auffälligkeit von „Der Pferdemörder“ in Relation zu diesen Filmen: Die Szenen sind noch musikalisch passend untermalt. Klaus Doldinger, der Erschaffer der Tatort-Titelmusik und der Scores für viele Tatorte, zeichnete auch für die Untermalung des ersten Schmücke-Schneider-Polizeirufs verantwortlich. Im mittlerweile nicht mehr modernen Stil der 1990er, aber eben der Stimmung und dem Geschehen angepasst und damit die Spannung steigernd.

Der Film ist ein Dorfkrimi, ja, aber dieser Part wird nicht so ausgespielt wie in anderen Werken des Subgenres, die wir gesehen haben. Es gibt schon den Geschäftsmann, der hoch hinaus will, dieses Mal ist er aber nicht der Mörder. Nachdem wir Gerd Preusche als ebensolchen in dem stellenweise eindrucksvollen „Das Glashaus“ gesehen hatten, können wir wahrscheinlich nie wieder einen Krimi mit diesem Schauspieler anschauen, ohne ihn sofort im Verdacht zu haben.

Anders als viele Ehrlicher-Kain-Tatorte aus jenen Jahren ist „Der Pferdemörder“ aber kein antiwestlich-antikapitalistisches Lehrstück, sondern am Ende stellt sich heraus, dass tatsächlich der schräge Löffler, der mit seiner Familie und seinem Trinkverhalten nicht klarkommt, der Mörder ist. Nicht der Totengräber, nicht irgendwer, der mal Metzger gelernt hat. Ja, auch dieses Drehbuch hat seine fragwürdigen Punkte. Vor allem: Dass Löffler in 30 Kilometern Umkreis herumgereist ist, um Pferde erst zu verletzen und dann sogar zu töten, wirkt im wörtlichen Sinn weit hergeholt. Und dass ihn dabei nie jemand beobachtet hat, wie er mit seinem ziemlich exzentrischen Motorrad mit Beiwagen durch die Gegend getuckert ist, Schlangenlinien fahrend. Und dann hat der Konkurrent, der geschäfstfreudige Glaser, tatsächlich auch noch ein ähnliches Teil und – ja, der Reifenwechsel. Aber wir wollen nicht zu viel verraten. Nur das Wichtige.

Was den Film wohl mehr kennzeichnet, als ein perfektes Kriminalstück zu sein, ist die Art der Inszenierung von Charakteren. Der dreifache Grimmepreisträger Matti Geschonnek, Sohn des vielleicht größten DDR-Schauspielstars Erwin Geschonnek, hat als Regisseur die Figuren auf eine sehr interessante Weise behandelt. Wenn man gewisse Plot-Unglaubwürdigkeiten anmerkt, muss man natürlich auch schreiben: Dafür ist ebenfalls das Skript die Grundlage, das bei der Aufstellung der Mitspielenden ein gutes Gespür beweist. Szenen sind manchmal derb, vor allem, wenn Löffler darin zu sehen ist, aber da ist eine seltsame Wärme und Zugewandtheit drin, die z. B. den Filmen von Schmücke und Schneider, die einige Jahre später entstanden sind, weitgehend fehlt.

Die beiden waren natürlich eingespielt, deren Verhältnis funktionierte immer einigermaßen, aber zum Beispiel, dass der kreditgebende Nachbar und Pferdehof-Startupunternehmer nicht nur der Frau Löffler zugetan ist, sondern sie nicht einmal erpressen will und auch kein richtiges Arschloch ist – geradezu eine Sensation, eine Klischeewiderlegung. Der seltsame Totengräber, der immer hinter andere zurücktreten musste, wenn es um Gisela ging und sich mit einer kleinen Erpressung in die Sache reinhängt, von Carl Heinz Choinsky wieder sehr gut gespielt, der schon zu DDR-Zeit Sidekicks aller Art und auch mal einen Mörder spielte. Oder das Verhältnis von Löffler junior und seinem Stiefbruder. Gar nicht konfliktfrei, aber letztlich doch positiv. Und der Pferdemörder? Auch wenn er bezüglich seiner Reisetätigkeit etwas unglaubwürdig wirkt, er ist im Grunde der logische Täter. Und dass seine Frau ihn dann, sie wollte es natürlich nicht, wie fast immer in solchen Fällen, selbst getötet hat, was ist ihr nachzutragen, in dieser Situation, die beinahe eine Notwehrlage darstellt? Für einen Krimi und angesichts des für Pferdenarren und Pferdenärrinnen nicht sehr witzigen Themas trägt der 179. Polizeiruf erstaunlich warme zwischenmenschliche Farben, hat geradezu rührende Momente, ist nie bösartig in seiner Haltung.

Finale

Wenn man also den Start von Schmücke und Schneider betrachtet, erschließt sich sofort, warum die beiden so beliebt wurden. Sie hatten einen glücklichen Einstieg in einem für sie maßgeschneiderten Fall. Der gute Schneider als Noch-Dorfpolizist und Schmücke, der sich auf morastigen Weiden erst einmal etwas klarfinden muss, ohne dass damit zu viel Klamauk getrieben wird, die vielen spannenden persönlichen Verhältnisse, das Land, die Stimmung, das alles wirkt doch sehr rund und sehr kundig gemacht. Wir hatten nie Fragezeichen auf der Stirn, das Handeln der Personen betreffend. Es gibt Wendungen, aber keine Haken. Als Familiendrama, das er wohl mehr alles andere ist, zeigt sich der „Pferdemörder“ trittsicher, spart nicht mit Konflikten, aber verzichtet weitgehend auf Stereotypen. Der Einstand des Halle-Duos ist eine klare Empfehlung.

8/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Matti Geschonneck
Drehbuch Gabriele Gabriel
Joachim Nestler
Produktion Hans-Werner Honert
Musik Klaus Doldinger
Kamera Jürgen Heimlich
Schnitt Margrit Schulz
Hannelore Löhde
Besetzung

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